Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Matthäus 21,1-11

Pfarrer Markus Beile (ev.)

30.11.2008

1. Advent

Liebe Gemeinde!

Was ich Ihnen erzählen will, liegt viele Jahre zurück. Ich war damals ein kleines Kind, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Es war am Samstag vor dem ersten Advent. Ich war mit meiner Oma auf einem Ausflug in einer kleinen Stadt.
Ich kann mich noch sehr gut an diesen Abend erinnern. Meine Oma und ich waren aus dem Zug gestiegen und befanden uns auf dem Weg zum Marktplatz. Dort gab es einen Weihnachtsmarkt – damals war das etwas ganz Besonderes. Die Vorfreude auf den Weihnachtsmarkt, die adventliche Straßenbeleuchtung, der Schnee, der in großen Flocken fiel, die klirrende Kälte, all das trug bei zu einer geheimnisvollen Stimmung, in der ich mich befand.
Von weitem hörten wir einzelne Töne einer Drehorgel, die adventliche Musik spielte, der Duft von gebratenen Äpfeln wehte mir in die Nase. Als wir um die Ecke bogen, eröffnete sich mir eine wunderbar-märchenhafte Welt: Aus einzelnen kleinen Häuschen, die sich im Schutz einer hochaufragenden alten Kirche eng aneinander duckten, schimmerte es in allen Farben. Kleine Holzfiguren aus dem Erzgebirge, selbstgezogene Kerzen, Scherenschnitte mit weihnachtlichen Motiven, Engel, Glöckchen - alles wunderbar dekoriert. Von überall her klang leise weihnachtliche Musik. Dazu der Schnee, der in großen Flocken fiel – all das verzauberte mich. Ich weiß nicht, wie lange ich durch die kleinen Gässchen des Marktes gelaufen war, um mich an allem satt sehen zu können.
An einem Stand blieb meine Oma mit mir stehen. Hier wollte sie ein paar Einkäufe erledigen. Ich schaute mich ein wenig um. Neben dem Häuschen erblickte ich zu meinem Erstaunen den Eingang zu der großen, alten Kirche, die ich vorhin kurz wahrgenommen hatte. Seltsam, wir waren vorhin schon hier gewesen, aber da hatte ich den Eingang zur Kirche nicht gesehen. Die großen, schweren Türen, die links und rechts an der Vorderseite in die Kirche führten, standen offen. Von drinnen her leuchtete es schwach. Ich rannte zu meiner Oma, um ihr kurz Bescheid zu geben. Wieder zurück an der Kirche, stieg ich die Stufen hinauf. Leise Musik drang aus dem Inneren der Kirche nach draußen. Ich trat durch die offenen Türen ins Innere. Hier war es deutlich dunkler als draußen auf dem Weihnachtsmarkt. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, ging ich ein paar Schritte auf das schwache Licht zu, das ich vor mir sah. Das Licht kam von mehreren Ker-zen, die den kleinen Vorraum der Kirche in ein schwaches Licht tauchten. Im Schein der Kerzen erblickte ich große Figuren - etwa halb so groß wie ich -, die eine Szene darstellten, durch ein Seil von mir getrennt. Links hinten stand ein freundlicher Ochse, der geruhsam ein Büschel Heu fraß. Neben dem Ochsen stand die Krippe. Ich schaute interessiert in die Krippe, sie war leer. Ich konnte mir nicht erklären, warum. Aber einen Hintersinn musste es haben, denn Maria, die neben der Krippe stand, schaute gar nicht auf die Krippe, sondern nach hinten zum Stalltor, das offen stand und offensichtlich den Blick freigab in das Innere der Kirche. Neben Maria stand Josef, in einen grauen Mantel gehüllt, mit einer Laterne in der Hand. Aber die Laterne leuchtete nicht. Neben Josef knieten die Weisen aus dem Morgenland, ihre Geschenke lagen vor ihnen im Heu. Seltsam, auch sie schauten nicht zur Krippe, sondern ebenfalls zum Stalltor. Über dem Stalltor leuchtete ein befestigter Stern. Er leuchtete nicht nur nach vorne, zu mir hin, sondern erhellte auch, was dahinter lag.
Neugierig schaute ich durch das Stalltor. Und was ich da sah, setzte mich einigermaßen in Erstaunen: Ich sah einen Mann dort, der auf einem Esel ritt, er ritt geradewegs auf das Tor zu. Zuerst dachte ich, es wäre einer der Weisen. Aber das konnte schlecht sein: Sie waren ja schon da. Dann dachte ich, es sei vielleicht einer der Hirten. Aber auch das erschien mir unwahrscheinlich, denn da standen, wie mir erst jetzt auffiel, viele Leute seitlich neben ihm, die schwenkten Palmzweige. Das ist doch der Einzug Jesu in Jerusalem, fuhr es mir durch den Sinn. Ich war einigermaßen verstört und konnte mir den Sinn dessen nicht erklären. Das war doch erst viel später! Da war Jesus doch schon mindestens 30 Jahre alt! Ich konnte mich gut an diese Geschichte vom Einzug in Jerusalem erinnern. An Palmsonntag hatten wir sie im Familiengottesdienst gespielt. Erst haben ihm alle zugejubelt, aber ein paar Tage später haben sie ihn dann gekreuzigt. Das, was auf Jesus zukam, war auch hier in der gestellten Szene schon zu sehen: Unter den jubelnden Leuten mit den Palmzweigen sah ich einige Soldaten, die schon bereit-standen, um ihn gefangen zu nehmen.
Hinter mir hörte ich plötzlich Schritte. Ich fuhr herum: Aber es waren keine römischen Soldaten, sondern nur meine Oma, die leise in die Kirche gekommen war. Sie legte, als ich mich umdrehte, den Finger auf den Mund. Ich verstand: Sie wollte sich die merkwürdige Szene erst einmal selbst in Ruhe anschauen.
Nach einer Weile spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Ich wies mit dem Finger auf den reitenden Jesus. Sie nickte. „Deshalb fehlt auch das Kind in der Krippe!“ raunte sie mir zu. „Und der Esel?“, fragte ich. „Du hast recht“, sagte sie, „das habe ich noch gar nicht gemerkt. Ja, der fehlt auch im Stall! Der hat etwas viel Wichtigeres zu tun.“
„Oma“, sagte ich nach einer Weile, „warum haben die Leute das so dargestellt, mit der Krippe und dem Einzug in Jerusalem?“ „Das kann ich nur vermuten,“ erwiderte sie und wiegte ihren Kopf. Das machte sie immer, wenn sie nachdachte. „Weißt du, die Leute heutzutage freuen sich auf Weihnachten, aber sie wissen gar nicht mehr, worauf sie sich freuen. Wir singen Weihnachtslieder vom Erlöser und vom Heiland, aber eigentlich hat das ja keine Bedeutung mehr für uns. Es geht ja nicht so sehr um das kleine Kind im Stall. Das ist erst der Anfang der Geschichte. Wir vergessen an Weihnachten, dass es danach erst richtig losgeht. Aus dem Kind ist einer geworden, der sein ganzes Leben für die anderen da war. Nicht nur für die Reichen, sondern auch für Leute wie du und ich. Schau mal, wie er nach Jerusalem einzieht. Ohne großen Prunk, ohne Zeichen der Macht, nur auf einem einfachen Esel. Mich hat das immer beeindruckt. Keiner der berühmten Leute in der heutigen Zeit würde ähnliches tun, da bin ich mir sicher.“
„Deswegen schauen die Weisen nicht auf die Krippe, sondern zu Jesus, der auf dem Esel reitet!“, sagte ich.
„Genau“, meinte Oma, „die machen es richtig! Die jubeln dem Erlöser zu und wissen, warum.“
„Oma“, fragte ich, „warum nennt man ihn eigentlich den Erlöser?“
„Das ist eine gute Frage, mein Junge!“ Oma nickte mir anerkennend zu. Dann murmelte sie, mehr zu sich selbst: “Wie war das noch einmal?“ Sie zog die Stirn in Falten und dachte nach. Ich schaute währenddessen wieder auf die Krippe. 
„Schau, Oma!“ rief ich. „Unter den jubelnden Leuten sehe ich auch die Hirten. Der eine hat sogar ein Schaf dabei.“
Oma schaute ebenfalls aufmerksam durch die Stalltüre.
„Du hast recht. Dort sind sie am richtigen Platz.“ – „Seltsam,“ sagte sie nach einer Weile und kniff die Augen zusammen, als ob sie sich noch einmal vergewissern wollte, dass ihre Beobachtung richtig war. Dann glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. „Schau einmal neben das Gesicht von Jesus!“, sagte sie dann zu mir. „Was siehst du da?“
Ich schaute angestrengt in die angegebene Richtung. „Ich sehe nichts“, sagte ich. „Vielleicht ist es nur ein Zufall,“ meinte Oma, „aber, ehrlich gesagt, nach dem, was wir beide hier entdeckt haben, glaube ich es nicht. Schau einmal genau hin. Siehst du nichts leuchten neben dem Gesicht von Jesus?“ Ich reckte den Kopf, um besser sehen zu können. „Sieht fast aus wie ein Heili-genschein,“ ergänzte sie schmunzelnd.
„Ich sehe nur die Kerzen vom Altar hinten in der Kirche und das Kreuz, das über dem Altar hängt!“
„Das ist es,“ meinte Oma aufgeregt. „Das Kreuz. Das ist des Rätsels Lösung.“
Ich blickte verständnislos zu Oma hin. Was meinte sie damit?
„Das Kreuz“, wiederholte Oma. „Das haben sie wirklich sehr gut gemacht. Das Kreuz ist hinter Jesus.“ Ich merkte es, sie sprach mehr zu sich selbst als zu mir. „Vorne Weihnachten, in der Mitte der Einzug in Jerusalem und hinten das Kreuz. Darauf läuft alles zu. Dort finden wir das Geheimnis der Erlösung. Beinahe hätte ich’s vergessen.“
Sie drehte sich zu mir: „Junge,“ sagte sie feierlich zu mir, „das ist heute ein ganz besonderer Tag. Ich bin froh, dass du mich in die Kirche gelockt hast. Ich habe das noch nie so klar vor Augen gehabt, den ganzen Zusammenhang. Da habe ich heute doch tatsächlich wieder einmal eine Menge gelernt!“
Ich war, ehrlich gesagt, ganz schön verdattert. Meine Oma, die doch sonst alles wusste, hat heute eine Menge gelernt! Nicht zu fassen!
Sie nahm meine Hand, miteinander gingen wir nach draußen. Einmal drehten wir uns noch um.
„Schau, Oma“, sagte ich und zeigte mit dem Finger nochmals zurück: „Von hier sieht es so aus, als reite Jesus gerade auf uns zu.“
Oma schaute in die angegebene Richtung: „Du hast recht, Junge,“ sagte sie, „und wie recht du hast. Er kommt, der Erlöser, er kommt zu dir, zu mir, zu uns allen. Heute!“


 


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