Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 2,1–12

Bischof em. Joachim Vobbe (ak)

06.01.2011 in der Kreuzkirche Bonn

Ökumen. Gottesdienst zu Epiphanias, / Heilige drei Könige

Der Mantel der Legende ist golden, aber er wärmt nicht. Bisweilen verstellt legendäres Beiwerk den wahren Sinn einer Geschichte.
Es gibt aber auch Legenden, die den Sinn einer Erzählung vertiefen. So ist es mit der Geschichte von den Magiern, den Weisen aus dem Morgenlande, aus denen im Mittelalter drei Könige wurden, denen sich einer alten russischen Legende zufolge, die der  katholische Schriftsteller Ezard Schaper im vorigen Jahrhundert verschriftlicht hat, noch ein vierter König hinzugesellte. Mit diesen Legenden haben wir einige der schönsten, tiefsinnigsten und wohl auch populärsten Geschichten um die Kindheit Jesu vor uns. Nur der Evangelist Matthäus berichtet uns die Urlegende. Vermutlich hat er, wie zuerst die protestantische Exegese der Neuzeit herausgefunden hat, zumindest was den besonderen Stern angeht, eine Vorlage benutzt, die sich um die Geburt des Kaisers Augustus drehte.

Um in eine erste Schicht der Deutung dieses Evangeliums einzutauchen: Der König Herodes, eine römische Marionette, ist in dieser Geschichte das böse Beispiel. Zunächst erweist er sich als Heuchler. Er heuchelt Interesse für das Kind, aber nicht, weil er es verehren, sondern weil er es töten lassen will.
Und dann wird er zum Mörder. Er geht am Ende über Leichen: er lässt alle neugeborenen Jungen von Bethlehem töten.
Er lässt töten, wohlgemerkt, er tötet nicht selbst. Damit wird das Thema Gier, vor allem anderen Machtgier, berührt.  Wie alle Machthungrigen und Gierigen dieser Erde, die nicht abwarten können, bis sie endlich dran sind, macht er sich selbst die Finger nicht schmutzig. Die Drecksarbeit lässt er von anderen erledigen. Die Botschaft ist gerade in unserer Zeit hoch aktuell.

Eine weitere Schicht:
Von Matthäus wissen wir, dass er sein Evangelium besonders für eine jüdische Hörerschaft bzw. Leserschaft geschrieben hat. Für dieses Publikum ist es natürlich nicht ohne Stachel, wenn erzählt wird, dass der neugeborene König der Juden, wie sich Jesus beim Prozess vor Pilatus selbst bezeichnet, nicht etwa von den Schriftgelehrten des eigenen Volkes, also nicht von Leuten mit dem richtigen Partei- und Gesangbuch entdeckt wird, sondern von Ungläubigen, Astrologen, Wahrsagern, irgendwo aus einem fernen Land im Osten, in dem das berühmt-berüchtigte frivole Babylon, das „Sündenbabel“ lag. Das ist eine weitere Schicht dieses Evangeliums: Leute, glaubt nicht, wenn ihr die richtige Mitgliedskarte, das richtige Gesangbuch habt, oder wenn ihr einer Kirche angehört, die sich für allein seligmachend hält, glaubt nicht, dass ihr dann schon für immer die ewige Seligkeit gepachtet und das Recht auf eurer Seite hättet. Die Weisen kommen aus der Fremde. Wehrt also nicht gleich alles ab, was euch fremd scheint, um euch herum und auch in euch selbst. Tretet mit dem Fremden in Kontakt. Prüft es im Einzelfall, bevor ihr urteilt.

Wer sich für diesen Messias interessiert, der ist nie fertig, der ist, solange sie/er lebt, immer unterwegs. Dies ist die dritte Schicht dieses Evangeliums – das Motiv des Weges.  Immer wieder müssen wir uns auf unserem Lebensweg neu orientieren, den richtigen Leitstern herausfinden unter all den Irrlichtern, die uns auf Holzwege bringen wollen, die uns ablenken wollen von der Tatsache, dass Gott uns am ehesten in der Einfachheit, Armut und Anmut eines Kindes begegnet.
Eine ziemlich dämliche moderne Redensart behauptet, der Weg sei das Ziel. Für Christen wäre dies nur stimmig, wenn Jesus dieser Weg wäre. Christen haben einen Weg mit Ziel. Ihnen allen ist ja vielleicht die schon erwähnte Legende vom 4. König bekannt, der sich verläuft und am Ende vor dem Kreuz Jesu landet. Christen sollten damit rechnen, dass an ihren Wegen Kreuze stehen, aber ebenso gut damit rechnen, dass es nicht bei diesen Kreuzen bleibt.

Die vierte Schicht besteht aus den Geschenken. Nicht erst das Mittelalter hat den Geschenken symbolischen Charakter beigemessen: Das Gold sollte auf die Königswürde hinweisen, der Weihrauch auf Jesu Gottheit und die Myrrhensalbe auf seine Menschheit, seine Leiblichkeit und damit seine Sterblichkeit. Mit Balsam und Myrrhe hat man Leichname gesalbt.
Doch ich möchte mich von dieser frommen und allzu dogmatischen Deutung ein wenig distanzieren und behaupten: Es sind doch eigentlich sehr überflüssige, luxuriöse Geschenke, die dem Kind da gemacht werden. Während sich denken ließ, dass die Hirten mit Brot, Käse und Wolle an die Krippe gekommen sind, kann man Gold, Weihrauch und Myrrhe nicht essen und sich damit nicht kleiden. Natürlich schwingen für die bibelkundigen jüdischen Hörer von damals sicher viel mehr als für uns heute in diesen exotischen Geschenken die Gaben der Königin von Saba mit, die König Salomo reich mit „gewaltigen Mengen Gold, Edelsteinen und wertvollem Balsam“ (1.Kge 10,2) beschenkte und die ebenso reich beschenkt zurückkehrte. Dieser neugeborene König der Juden ist also dem weisen König Salomo ebenbürtig.

Ganz davon abgesehen aber liegt in solchen Geschenken mehr als das bloß Brauchbare. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Zum Menschsein gehört mehr als essen und trinken. Zur  Menschenwürde gehört Wertschätzung, gehört Sich-geliebt-wissen und Sich-schmücken-dürfen.
Vor der Wende haben wir mit unserer Offenbacher Gemeinde, wo ich Pfarrer war, für Polen und Polinnen, die hier in Deutschland während des letzten Krieges Zwangsarbeit leisten mussten, Weihnachtspäckchen gepackt. Beim ersten Mal haben wir uns von der evangelischen Diakonie beraten lassen, und da wurde uns gesagt: Geben Sie bitte nicht nur etwas anzuziehen, legen Sie auch ein paar Süßigkeiten, ein wenig Parfüm oder ein paar Spielsachen für die Enkel dazu. Zum körperlichen Überleben sind diese Dinge überflüssig, aber sie zeigen dem Beschenkten: Ich nehme dich ernst als Mensch, der mehr ist als bloß ein Stück Fleisch, das Hunger und Durst hat. Ich weiß dich als Menschen zu schätzen und zu achten, der spielen, sich freuen, genießen, sich schmücken kann - als Mensch, der Gefühle und Kinder und Kindeskinder hat.

Das ist, wenn man es klischeehaft sehen will, vielleicht eine eher frauliche Art des Schenkens. Aber es ist ja gar nicht überliefert, ob nicht auch Frauen bei den Weisen aus dem Morgenland und ihrem Tross dabei gewesen sein können. Der in der Ursprache des Neuen Testamentes griechische Plural „magoi“ lässt das jedenfalls zu. Ich stolpere schon seit mehr als 20 Jahren über das Wort „brüderlich“ in unserer Nationalhymne; aber das zeigt doch, dass auch bei uns ein geschlechtergerechtes Denken und Sprechen bis heute, durchaus auch in manchen  Kirchen, noch lange nicht üblich ist.  Zumindest die Salben dürften wohl von Frauen angerührt worden sein. Die weisen, oft genug verfemten und verfolgten Frauen aller Kulturen dürfen eigentlich bei den Weisen aus  dem Morgenland nicht fehlen. Vielleicht erfindet mal irgendjemand eine weitere passende Legende hierzu.
Insofern ist es, nebenbei bemerkt,  jedenfalls durchaus sinnvoll, wenn bei den Sternsingern von St. Cyprian und vermutlich auch der Münsterpfarrei ganz selbstverständlich Königinnen mit von der Partie sind.

Die fünfte Schicht:
Die mittelalterliche Legende hat aus den Sterndeutern Könige gemacht. Mit nichts kann man deutlicher ausdrücken, dass die Regierenden dieser Welt ethische Maßstäbe und moralische Verantwortung nötig haben, als im Bild der Könige, die in tiefer Ehrfurcht, wie es viele Gemälde vom Mittelalter an darstellen, ihre Kronen vor dem neugeborenen Leben an der Krippe niederlegen. Hinter diesem mittelalterlichen Bild steckt der Traum, den wir bis heute in uns brennen fühlen, dass doch alle Verantwortlichen in Gesellschaft, Politik und Kirche ihre Knie beugen möchten in Ehrfurcht vor allem kindlichen und damit  verwundbaren, auch allem gequälten und gewaltsam verbogenen Leben. Es würde die Welt verändern, wenn dieser Traum wahr würde, dass die Könige, das meint, die in dieser Welt Mächtigen in Wirtschaft, Medien, Politik und auch in der Kirche sich klein machen könnten wie die Heiligen Drei Könige vor dem Kind.

Die Frage geht auch an uns, die wir zwar keine Kronen mehr auf dem Kopf, aber manchmal stattdessen im Herzen tragen. Gehöre ich vielleicht auch zu den Mächtigen? Bin ich vielleicht mächtig durch meinen beruflichen Status, durch meinen gesellschaftlichen Status oder vielleicht aufgrund meines Monatseinkommens? Muss ich nicht manchmal auch den König in mir bitten, das Krönchen abzunehmen und zu mir sagen: Nimm dich nicht so wichtig?!   Macht an sich ist noch nichts böses, aber je größer sie ist, desto bedarf sie einer Moral.

Die sechste Schicht:
Kaspar, Melchior und Balthasar sollen die Drei Könige geheißen haben. Diese Namen sind – wie die ganze Geschichte von Anfang an - legendär. Aber, wie so oft bei legendären Namen sind sie sprechend. Sie haben alle eine bestimmte Bedeutung.

Kaspar ist persisch und meint: Schatzmeister. Ich wünsche uns, dass wir alle Schatzmeister sein, Meister über unsere Schätze, und dass wir nicht irdische Schätze über uns herrschen lassen. Dass wir Meister und Meisterinnen seien im Schatzfinden, wie bei dem Gleichnis vom Schatz im Acker und der verlorenen Drachme; dass wir im begonnenen Jahr unser Herz da haben, wo auch unser Schatz sein könnte, nämlich bei der Nachfolge Jesu und beim Reich Gottes, das nicht erst im Himmel auf uns wartet. Und dass wir haushalten können mit dem, was uns wirklich wichtig ist.
Melchior bedeutet im Hebräischen: König des Lichts. Ich wünsche uns, dass wir unter den vielen Stars und Sternchen und allem Geleucht und Gelichter, das uns bedrängt und uns vereinnahmen will, den richtigen, wichtigen Stern für uns herausfinden, den Leitstern.
Und Balthasar ist babylonisch und bedeutet: Gott schütze das Leben. Ich wünsche mir selbst und Ihnen allen, dass wir die Kunst des Staunens nicht verlernen vor allem, was was Gott geschaffen hat.
Das sind mehr als  fromme Wünsche.