Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Matthäus 21,14-17

Dr. Dörte Bester (ev)

22.05.2011 in der Albanuskirche Aich

Sonntag Kantate

Liebe Gemeinde,

Was hören Sie wenn Sie Kindern und Säuglingen zuhören? In der Regel wohl nicht gleich als erstes ein „Hosianna“. …

Geschrei und Gebrabbel steht am Anfang, Laute und Töne, mit denen Säuglinge, Babys ihre Stimme entdecken. Nicht „Hosianna“ oder „Gelobt sei Gott“ sind die ersten Worte, sondern „Mama“, „Papa“.

Geschrei und Gebrabbel wird auch damals am Anfang gestanden haben.

Die Kinder im Tempel, sie sind schon größer. Sie rufen „Hosianna“. Hosianna – das heißt: Herr hilf!

Hosianna – das heißt: Der Herr, Gott, hilft.

Die Kinder haben‘s geschrien im Tempel. Hosianna. Das Volk hat‘s gerufen beim Einzug Jesu in Jerusalem, Palmzweige schwenkend. Blinde und Lahme haben‘s erfahren in den Dörfern und Städten im ganzen Land und auch dort im Tempel: Der Herr, Gott, hilft. Dieser Sohn des Zimmermanns aus Davids Stamm – er hilft und heilt mit göttlicher Macht, mit der Macht des lebendigen Gottes selbst.

Hosianna dem Sohn Davids. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten hören das Lob Gottes und entrüsten sich: Entrüsten sich über seine Wunder und die Erwartungen, die er weckt: Wenn Blinde sehen und Lahme gehen, dann…, dann kommt der Messias. Doch hier ist nur des Josephs Sohn aus Nazareth.

Hosianna dem Sohn Davids?

Hosianna dem Sohn Davids! … Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir ein Lob bereitet.

Ob es der Hosianna-Ruf ist, der hier im Tempel laut wird, oder der erste Schrei eines Kindes:

Der Psalm, den Jesus hier zitiert, dieser Vers aus Psalm 8, er umfasst das ganze Lautspektrum, das Kinder von sich geben, vom ersten Schreien, Quäken, Brabbeln an:

Als Gotteslob lässt sich hören, was da aus dem Mund von Kindern kommt an Lauten, Tönen und Worten. Als Lob des einen und lebendigen Gottes, der das Leben schafft und es erhält.

Das Geschrei und Gequäke – Ausdruck von Lebendigkeit und Lebenswillen, Lebenskraft und manchmal kaum zu fassender Willensstärke – Gotteslob.

Leben – das heißt für die Bibel: Gott loben. Vom ersten bis zum letzten Atemzug unseres Lebens – und mit jedem Atemzug unseres Lebens: ein Lob des Schöpfers.

Dieses Gotteslob – es beginnt vor allem Verstehen, Erkennen und Begreifen. Jesus ruft die Kinder zu sich, wir taufen kleine Kinder. Vor allem Verstehen, Erkennen und Begreifen, können wir aus ihrem Mund das Lob Gottes hören, und bringen Kinder das Gotteslob in uns zum Klingen.

Dass das kindliche Lob Gottes dann Worte findet, dass aus dem Brabbeln und Quäken ein Hosianna wird, dass aus Schreien und fröhlichem Quitschen das Bekenntnis wird, in das wir vorhin gemeinsam eingestimmt haben: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden.“ Dass das Lob Gottes in die Gemeinde Jesu Christi führt – dazu braucht es Geschichten und Gebete, Lieder und Rituale, dazu braucht es Menschen, die die Kinder mit hineinnehmen in unseren christlichen Glauben

Doch das Lob des lebendigen Gottes, es ist schon zu hören, und manchmal vielleicht klarer und deutlicher zu hören als aus manchem erwachsenen Mund,  aus dem Mund der Kinder und Säuglinge.

Das Gotteslob, es beginnt vor allem Verstehen, Erkennen und Begreifen – und es reicht weiter als all unsere Vernunft. Und da lenkt dieser Vers aus Psalm 8 heute den Blick vom Anfang des Lebens auch auf das Ende des Lebens.

Wenn Gott sich ein Lob bereitet aus dem Brabbeln und Schreien der Säuglinge – dann wird Gottes Lob auch laut, dort wo Menschen, ihre Worte vergessen, ihre Sprache wieder verlernen, ihr Gedächtnis und ihre Geschichte verlieren und vergessen, wer sie sind.

Wenn Leben heißt: Gott loben – dann gilt das nicht nur vor allem Verstehen, Erkennen und Begreifen – sondern auch darüber hinaus, vom ersten bis zum letzten Atemzug unseres Lebens: Alles, was Odem hat, alles was Atem hat, lobe den Herrn.[1]

Diese Lob Gottes mit jedem Atemzug, dieses Lob Gottes im Schreien und Brabbeln der Kinder, im Stammeln und in den Lauten der an Demenz erkrankten, der Bettlägerigen oder fast Stumm gewordenen – es ist nicht immer ein fröhliches und leichtes Lob.

Da gibt es wütendes Schreien und lautes Klagen, da gibt es stummes Seufzen und schmerzvolles Stöhnen.

Und manche Menschen entrüsten sich:

Das ist doch kein Leben mehr! … von Gotteslob mal ganz zu schweigen. Da ist kein Verstehen, Erkennen, Begreifen mehr … und statt Gotteslob macht sich Angst breit, riesengroße Angst. Und diese Angst, sie führt Menschen dann tatsächlich vom Leben und Atmen zum Verstummen im Tod. Und die Öffentlichkeit nickt zustimmend, denn wo ist da auch ein Grund zum Leben und Loben nach allem Verstehen, Erkennen und Begreifen?

Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.

Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du ein Bollwerk errichtet deiner Widersacher wegen, um ein Ende zu bereiten dem Feind und dem Rachgierigen.[2]

Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schon ist das Lob Gottes ein Bollwerk gegen alles, was dem Leben entgegensteht.

Vor allem Begreifen – und über alles Begreifen und Verstehen hinaus, ist jeder Atemzug ein Lob auf den lebendigen Gott: Gegen alle Mächte des Todes und allen zum Trotz die sagen, „dass ist doch kein Leben mehr“.

Deshalb: Im Schreien und Stöhnen und auch dort, wo nur noch der Heilige Geist uns vertritt mit unaussprechlichem Seufzen: Gotteslob. Nicht nur ein leichtes und fröhliches Lob Gottes, das die Dunkelheiten verschweigen und ausblenden muss. – Nein:

Sondern im Schreien und Stöhnen ein Lob Gottes, das die Macht des einen und lebendigen Gottes preist, der Herr ist über Leben und Tod. Der uns das Leben schenkt und den Tod über uns kommen lässt. Der den Menschen mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hat. Kind und Säugling, Greis und Kranken. Vom ersten bis zum letzten Atemzug.

Leben heißt Loben. Und leben: das heißt lachen und lieben, weinen und klagen, sich freuen und feiern und zweifeln und zagen.

Und loben: das heißt fröhlich Halleluja singen oder Hosianna rufen.

Gott loben, das kann auch heißen, verzweifelt zu bitten: Herr hilf doch!

Den lebendigen Gott loben, das heißt auch klagen und fragen: „Herr, warum hast du mich verlassen und bist fern von meiner Hilfe?“[3]

Und im Angesicht von Leid und Schmerz, im Ringen zwischen Leben und Tod, im Kampf gegen Unrecht und Gewalt, da kann es sein, dass die Klage das größte Lob Gottes wird.

„Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir ein Lob bereitet.“ Leben heißt loben – vom ersten bis zum letzten Atemzug, im Singen und Seufzen, im Jubeln und Klagen: Gelobt sei Gott. Amen.


[1] Psalm 150,6

[2] Psalm 8,3, Zürcher Übersetzung

[3] Psalm 22,2


 


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