Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 21,9

Klaus Becker

16.03.2008

„Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe!“ so schreit die Menge, die ganze Stadt ist erregt und fragt: „Wer ist der?“ – „Jesus der Prophet aus Nazareth in Galiläa.“

Solcher Jubel, liebe Gemeinde, findet in unserem Land nicht statt. Die Attraktion des Mannes aus Nazareth ist abgeflaut.

Auch bietet unser Land kein Jubelbild in diesen Tagen. Die Menschen sind eher bestürzt über die wirtschaftliche Unsicherheit. Unternehmen drohen weiterhin abzuwandern und üben Druck aus auf die Politik. Viele Firmen stützen ihre Bilanzen und Aktienkurse durch die Ankündigung von Entlassungen. Statt zu Jubelaufmärschen kommt es zu Demonstrationen. Viele wollen mehr Geld. Kein Jubel findet statt. Eher Ernüchterung über die Situation.

Angesichts dieser Wirklichkeit wirkt die Geschichte vom Einzug Jesu sehr fremd. Der Esel ist sein Reittier, symbolisch benutzt, die alte Prophetenbotschaft zu erfüllen von dem König, dem Retter, auf den die Menschen hoffen. Ihn, den Eselsreiter empfangen sie mit den abgebrochenen Zweigen und den ausgebreiteten Kleidern. Sie singen und rufen „Hosianna“, um dem König zu huldigen.

Aber, liebe Gemeinde, die Geschichte vom Einzug hat nur äußerlich eine Begeisterungsstruktur. Sie knüpft nur formal an die Einzugsrituale der Großen, der Könige, der Stars. Solche Rituale sind immer zwiespältig einzuschätzen.

Denken wir nur an die Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 oder an den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, der sich am letzten Donnerstag zum 70. Mal jährte. Ohren- und Augenzeugen berichten z.B. von einer irrsinnigen Begeisterung der Menschen beim Einzug Hitlers in Wien. Eine Masse war versammelt, die teilhaben wollte an der Macht, die Hoffnung gewinnen wollte aus der Verheißung vom angeblich notwendigen Raum für das Volk.
 
Karl Zuckmayer hat in seinen Erinnerungen die andere Seite dieser Begeisterung beschrieben. Er berichtet von den anderen, die mit ihren Ängsten in den Häusern saßen, sie wussten, was bald auf sie zukommen würde. Sie hatten Angst, dass sie geholt würden von den neuen Herren; sie wussten, dass sie die Opfer sein könnten. Und Zuckmayer schrieb: „Der Einzug war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“ Zitat Ende. Die Geschichte hat diese Einschätzung bestätigt.

Jubel hat also seine Schattenseiten, oder kann ihn jedenfalls haben. Darum: Achtung, wenn die Be-geisterung mit den Massen durchgeht!

Liebe Gemeinde,

„Gelobt sei, der da kommt“ rufen die Leute und die ganze Stadt fragt, wer er sei. Und die Menge weiß es, glaubt es zu wissen. Es ist der Mann aus Nazareth.
Mit ihrem Jubel tun die Leute in Jerusalem unwissend das Richtige. Sie preisen den Christus Gottes, und dieser nimmt die Huldigung an, obwohl … ja obwohl das Ende folgt.
 
Jesus ist König und Erlöser, anders als die Welt ihn erwartet. Trotz des Jubels jetzt und der schlimm-sten Ablehnung dann, nur wenige Tage später, wenn sie ihm sogar einen bekannten Räuber vorziehen werden. Jesus ist Sieger, auch wenn die Welt ihn zu überwinden scheint. Jesus, ist der Christus, der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Liebe Gemeinde,

wir stehen am Anfang der Karwoche. Wir erleben den Jubel – aber wissen auch um den Umschwung, der bald folgen wird.

Dass wir hier in der Kirche sind, ist ein gutes Zeichen, dass wir nicht zu den abgeklärten, abseits ste-henden Beobachtern gehören, die sich selbst wie die Götter fühlen, gebildet und doch unwissend, unnahbar, unberührt durch die Ereignisse. Wir sollten das Risiko des Jubelns eingehen, auch wenn die Welt um uns herum das „Kreuzige ihn“ schreit.

Glaubwürdige Christus-Zeugen sind gefragt, die offen und freimütig Zeugnis ablegen von ihrem Glauben, deren Zeugnis geprägt ist, vom Bekenntnis zu Christus, der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. Duckmäuse sind nicht gefragt.

Glaubwürdige Zeugen sind gefragt, deren Zeugnis, authentisch und ehrlich ist, ohne dass ein Hahn drei-mal krähen muss.

Unsere Gemeinde braucht solche Zeugen, wo das Bekenntnis und nicht die Sache im Vordergrund steht, Zeugen, die aus der Kraft des Evangeliums und der Feier des Mahles leben, die mit ihrer ganzen Person an der Hoffnung festhalten, dass hier und überall, wenn zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, der Herr wirklich unter uns ist, wie damals als er zum ersten Mal das Brot brach und den Becher mit seinen Jüngern teilte.

Liebe Gemeinde,

der Einzug Jesu in Jerusalem schenkt Hoffnung.

Sein Einzug und die darauf folgenden Ereignisse verdeutlichen die Solidarität Gottes mit den Leidenden und die Hoffnung, die seither mit Jesus – als Leidensgefährten, aber auch als Garant der Auferstehung – verbunden sind. Das gilt für die Leidenden, Ausgeschlossenen, Verlassenen damals und heute. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben. Nicht der Untergang als verurteilter Verbrecher und Gotteslästerer, nicht der Zweifel derer, die fliehen werden, sondern der Sieg des Menschensohnes über alles menschliche Leid, ja selbst über den uns alle erwartenden Tod, dass ist das letzte Wort Gottes.
Von diesem Glauben ge¬tragen lasst uns unseren Weg in Mut und Zuversicht gehen, dem kommenden Christus entgegen, dessen Kommen so sicher ist, „wie das Amen in der Kirche!“
„Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe!“

Amen.