Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,31-44

Pfarrer Wolfram Braselmann

29.04.2002 in der Evangelischen Kirchengemeinde Münchehagen

Liebe Gemeinde!

In den letzten Monaten des Kriegs ist das Gefangenenlager, das es im Westfälischen, in der Gegend von Rosenhagen oder Raderhorst, hinter Wiedensahl gegeben haben soll, aufgelöst worden.
Und es ist damals der Zug von Gefangenen, bewacht von ein paar Männern der Waffen-SS, durch Münchehagen gekommen, vom Schier her die Lange Straße entlang ins Dorf. Der alte Schmied hat als erster den Zug kommen sehen. Er war bei seiner Arbeit, hatte gerade ein Pferd in Beschlag, doch er hat seine Arbeit da unterbrochen.
Und als er den Zug der Gefangenen sah - halb verhungert, zu Tode erschöpft, wie es den Gefangenen damals ging - da hat der alte Schmied geweint.
Und er ist gleich ins Haus gelaufen und hat Brot geholt.
Und als ihm ein Wachtposten mit dem Karabiner kam, da hat er ihm den Schmiedehammer unter die Nase gehalten.
Und er hat den Gefangenen Brot gegeben.

Der alte Schmied ist kein Friedensbewegter gewesen, nicht einmal ein Kriegsgegner. Die Kriegsdienstverweigerer hat er nicht gut leiden können.
Als ich ihn zum ersten Mal traf, hat er mich gleich gefragt, ob ich gedient hätte und wo.
Und er hat erzählt. - Er hat als Dragoner gedient, im Elsaß, noch vor dem ersten Krieg. Die letzten Reiterschlachten zu Anfang des ersten Kriegs hat er noch mitgemacht. Und einmal hat er den Hauptmann gerettet, dem die Franzosen das Pferd totgeschossen hatten: Da hat ihn der Schmied auf seinem Pferd hinter die eigenen Linien zurückgebracht, und der Hauptmann hat danach die ganze Kompanie antreten lassen und hat dem Schmied ein Goldstück geschenkt.

Solche Geschichten erzählte der alte Schmied. Und weil er die erzählte, und weil er keine größere Freude kannte, als wenn er am Sonntagnachmittag auf seinem alten Plattenspieler den Hohenfriedberger Marsch und Preußens Gloria abspielte, sagten einige, er sei ein alter Deutscher, andere aber, er sei ein unverbesserlicher Militarist.

Aber als die Gefangenen durch das Dorf kamen, da hat er geweint. Und er hat dem Wachtposten den Schmiedehammer unter die Nase gehalten. Und er hat den Gefangenen Brot gegeben.

Der Schmied hat noch lange Jahre in seinem Haus neben der Schmiede gelebt und die Pferde beschlagen. Nie mehr hat er sich bei seiner Arbeit unterbrechen lassen.
Wenn er mit dem kleinen Hammer auf den Amboss schlug, dass man es im ganzen Dorf hören konnte, musste seine Frau schnell gelaufen kommen und den Blasebalg bedienen.
Und erst als keine Pferde mehr im Dorf zu beschlagen waren, hat er die Schmiede zugemacht.

Der Schmied ist uralt geworden, die eiserne Hochzeit hat er noch erlebt mit seiner Frau.
Er ist kaum einmal zur Kirche gegangen, und ich glaube nicht, dass er die Geschichte gekannt hat, die Geschichte vom Weltgericht, in der Jesus zu den Gesegneten seines Vaters sagt: Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Aber in unserer Zeit, in der wir mehr und mehr den Eindruck haben, dass keiner seine Arbeit unterbrechen darf, um nach dem andern zu sehen, in der Leistung, Effizienz und Tempo zählt und dass einer schafft, was ihm vorgegeben wird:
Da können wir uns das ein oder andere Mal an den alten Schmied erinnern, der einmal seine Arbeit unterbrach.
Damals, als die Gefangenen durchs Dorf kamen.

Und er hat geweint. Und er hat dem Wachtposten den Schmiedehammer unter die Nase gehalten. Und er hat den Gefangenen Brot gegeben.

Amen