Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,31-46

Vikar Bernd Reichert (ev.)

09.11.2009

20 Jahre Mauerfall

20 Jahre Mauerfall

I          Nichts zählt mehr.

Liebe Gemeinde, jetzt tauchen sie wieder auf: Die Bilder vom 9. November 1989. Sie zeigen Menschen, die singen und tanzen, die auf einer Mauer sitzen und sich in die Arme fallen. Momente der Freude. Seit Wochen sehen wir sie im Fernsehen und auf Titelblättern. Doch zwischendrin gibt es auch die anderen Bilder der Wendezeit: graue Herren in ihren Parteibüros, SED-Politiker im Schein der Neonröhren. Honecker ganz besonders: man denkt, jegliches Leben sei aus ihm gewichen. Fahl ist sein Gesicht, steinfarben sein Anzug. All die Grautöne der DDR scheinen ihn verschlucken zu wollen.

Wen wundert es: Wochen zuvor wurde er vom Politbüro gestürzt. Jetzt ist die Mauer offen. Er ist ein gebrochener Mann. Woran er glaubt, glaubt plötzlich keiner mehr. Der gerade noch mächtigste Mann im Staat merkt: Alles was er in seinem Leben getan hat, zählt nichts mehr.

 

II        Was zählt?

Was zählt? Was zählt im Leben? Was zählt vor Gott? Diese Frage, liebe Gemeinde, stellt auch unser Predigttext. Und er gibt eine Antwort. Jesus erzählt seinen Jüngern vom zukünftigen Gericht. Der endzeitliche Richter ist Jesus selbst. Er kommt begleitet von Engeln. Wie ein König setzt er sich auf den Thron. Alle Völker der Erde müssen sich zu seinen Füßen versammeln. Die Menschen teilt er in zwei Gruppen. Die einen dürfen auf die rechte Seite. Die anderen müssen auf die linke.

Die Gruppe auf der Rechten bezeichnet, der Richter, nun als Gesegnete. Die dürfen das Reich Gottes erben, das schon seit dem Anfang der Welt auf sie wartet.

Die anderen, die Verdammten schickt er weg in das ewige Feuer. Dann erläutert er sein Urteil. Der endzeitliche Richter wendet sich an die Gesegneten, er blickt auf deren Leben und spricht:

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben.

Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben.

Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet.

Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht.

Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Auf die erstaunte Nachfrage, wann das denn alles passiert sei, antwortet er ihnen: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Sie sind ihrem Richter zu Lebzeiten schon begegnet. In der Begegnung mit den Armen, Schwachen und Kranken. Die Menschen, von denen Jesus berichtet, sind erstaunt, sie haben es nicht gewusst. Sie wussten nicht, was am Ende wirklich zählt- es hätte ja auch schief gehen können, wie bei der anderen Gruppe.

Da ist unsere Lage, liebe Gemeinde eindeutig besser: Jesus enthüllt es uns jetzt schon. Das ist die gute Botschaft dieser doch auch furchteinflößenden Gerichtsszene. Wir wissen jetzt schon, was zu tun ist und müssen nicht im Dunkeln tappen. Wir sind nicht der Willkür eines Richter ausgeliefert. Wir bekommen klare Maßstäbe für unser Leben. Sechs Taten der Barmherzigkeit.

Überraschend für uns ist nur Jesu Anspruch: Es geht am Tag des Gerichts um nichts Großes. Einfache Taten an unseren Mitmenschen sind gefragt. Ein warmes Essen, ein Zimmer, ein frisches Hemd, ein Besuch. Das zählt!

 

III       Das zählt!

Die Maßstäbe, die Jesus uns gibt sind verlässlich. Sie zeigen uns, was zählt. Ganz gleich, wie die Umstände gerade sind. Auch wenn die Ereignisse jegliches Vorstellungsvermögen sprengen. Im Januar 1990, in Brandenburg, zeigt jemand, wie es aussieht, wenn man sich von Jesu Geboten verlocken lässt. Wenn man trotz allem unbeirrt bleibt:

Gut zwei Monaten sind nach dem Fall der Mauer vergangen. Pfarrer Uwe Holmer bekommt einen vertraulichen Anruf von der Kirchenbehörde. Er soll eine Person in seiner kleinen Diakoniestation aufnehmen. Ohne zu wissen was ihn erwartet, stimmt er der geheimen Anfrage zu. Die Diakoniestation ist bereits voll. Aber im Dachzimmer seines Pfarrhauses ist noch Platz.

Als der Angekündigte wenig später wirklich vor der Türe steht, traut er seinen Augen nicht: Es ist Erich Honecker. Niemals! denkt er im ersten Moment. Er und seine Familie haben unter dem DDR-Regime gelitten. Seine Kinder wurden benachteiligt weil sie nicht in der FDJ waren. Sie konnten trotz guter Noten keine Oberschule besuchen. Niemals kann er Honecker aufnehmen – auch noch in das eigene Haus.

Was passiert in so einem Moment? Hass kommt hoch, Verachtung dazu, Empörung, Mitleid doch eher nicht. Doch nicht mit einem Menschen, der Zeit seines Lebens gegen die Kirche kämpfte, der leere Ideale hochhielt, und selbst nie Mitleid hatte mit einem Volk hinter Mauern. Aber der einst mächtigste Mann der DDR – er steht nun als Geschlagener vor ihm. Als Geringster von allen. Schwerkrank ist Honecker, er kommt gerade aus dem Gefängnis, nirgends ist er sicher vor dem Zorn des Volkes. Alle Gefühle kommen bei Uwe Holmer durcheinander. Und entschließt sich. Er ringt sich durch und nimmt Honecker bei sich auf. Was für ein Gespür, für das was nötig ist!

Holmer gibt ihm zu essen und Unterkunft: die Wohnung unter dem Dach des Pfarrhauses. Er redet mit Honecker von Mensch zu Mensch.

Bekannte und Freunde sind empört, als sie es erfahren. Auch die Öffentlichkeit: Holmer bekommt 3000 Briefe aus der Bevölkerung, in denen er bedroht und beschimpft wird. Aber der Pfarrer lässt sich nicht beirren vom Hass des Volkes. Er hört weg, weil er auf die Stimme Jesu lauscht. Sie sagt ihm was zählt – und er handelt danach.

 

IV       Was zählt für uns?

Aber wissen wir es auch? Wissen wir was zählt? Oder lassen wir es uns vom Zeitgeist diktieren, von den Anforderungen des Berufs, den Verlockungen der Freizeit? Wissen wir was zählt, und handeln wir danach?

Ist uns bewusst, dass am Ende Jesus als Richter nur ein wenig Barmherzigkeit will? Ein Sich-Kümmern-um-Andere, keine Weltrettungsaktion, aber auch kein Vorbeigehen an Menschen in Not– das zählt, sagt Jesus.

Und wir tun es ja! Wir helfen doch. Na klar. Nicht nur weil wir Christen sind, sondern auch, weil wir soziale und verständige Menschen sind. Nur: wir tun es nebenbei. Dann wenn noch Zeit übrig ist: Wenn wir mal früher von der Arbeit kommen, besuchen wir unsere Tante im Seniorenstift - das letzte Mal im Mai. Wir spenden traditionell zu Weihnachten Geld - aber wegen des neuen Fernsehers diesmal nur die Hälfte. Wir sind Halb-Gute –Menschen! Denn für uns sind erstmal andere Dinge wichtiger in unserm Leben. Wir arbeiten bis spät in die Nacht, verdienen Geld, kümmern uns um die Noten unserer Kinder, wechseln die Winterreifen. Nebenbei denken wir auch ein bisschen an die Armen. Wir tun beides: wir helfen den Obdachlosen, aber hauptsächlich gehen wir an ihnen vorbei. Unsere Prioritäten liegen eben woanders. Und leicht verschieben sie sich noch weiter weg vom Geringsten unter uns.

Die Überraschung ist nur: nach dem Beruf, der Wohnung, dem Abschluss, den Rentenansprüchen werden wir gar nicht gefragt: Später vor dem Richter. Vor Jesus Christus, der unser Leben beurteilt. Das alles zählt gar nicht. Wir haben nämlich richtig gehört. Nur ein paar einfache liebevolle Taten zählen. Das, was wir jetzt so nebenbei tun, hie und da mal ein Besuch bei der Nachbarin oder ein Euro für eine Obdachlosenzeitschrift. All die anderen Sachen, die uns so wichtig vorkommen, gelten nichts. Da heißt es doch lieber zweimal nachdenken, wo wir unsere Kraft einsetzen.

Es gibt auch keinen Grund in Mutter-Theresa-Panik zu verfallen. Wir müssen nicht die ganze Welt retten. Und wann kommen wir schon mal in die Lage, einen wie Honecker bei uns aufzunehmen?

Doch eines können wir tun: unser Leben anpassen an das Geheimnis, das uns Jesus vorab verrät. Er verrät uns in unserem Bibeltext, was für ihn zählt. Vielleicht müssen wir nur Nuancen unseres Lebensstils verändern. Eben einmal mehr abwägen, wenn wir uns überlegen, ob wir losfahren eine Kranken zu besuchen. Oder wenn wir erwägen, ob wir nicht ein paar Stunden Zeit hätten, um mitzuhelfen. Damit arme Kinder im Sozialcafe mittags ein warmes Essen bekommen.

 

V         Gott zählt auf uns - es zahlt sich aus.

Gott rechnet mit uns. Jetzt schon. Nicht erst beim Gericht. Er rechnet mit unserer Menschenliebe und Freundlichkeit. Da muss keiner Angst vor dem ewigen Feuer haben, vor dem Richter Gnadenlos. Er mutet uns nicht zu viel zu. Liebevoll sollen wir sein, und barmherzig. Gott verlockt uns zu einer menschenfreundlichen und gütigen Haltung.

Gott rechnet mit uns und es zahlt sich aus. Denn wenn wir dem Geringsten unter uns helfen, ihn sättigen, aufnehmen und betreuen, dann bekommen wir auf dieser Welt, zu unserer Zeit schon ein wenig von dem Reich Gottes. Wenn wir uns dem Geringsten zuwenden, wird unsere Welt lebenswerter. Jetzt schon. Dann können wir eine kleine vorgezogene Erbschaft machen.

Uwe Holmer hat gezeigt, wie das aussieht: Mitten in den wilden Wogen der Wendezeit wurde die Welt ein wenig angenehmer. Ein alter blasser Mann wurde trotz allem versorgt und beherbergt. Ein Mensch hat mit dem Verworfenen geredet. Trotz allem. Einer ist mit ihm spazieren gegangen und hat ihn beschützt. Trotz allem. Sein graues Gesicht bekam ein wenig Farbe, die Welt wurde ein Stückchen bunter. Das zählt. Trotz allem.

Amen