Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,31-46

Magnus Schleich (ev-ref.)

01.02.2015 in Zuoz (CH)

Gemeindepredigt (Stellvertretung)

Liebe Gemeinde!

Erinnern Sie sich noch an den Satz: „Ich bin ein Berliner“? Es werden am 26. Juni 52 Jah­re, dass der damalige ameri­kanische Präsident John F. Kennedy ihn an­lässlich seines Berlinbesuches vor dem Rathaus Schö­ne­berg einer unüberschaubaren Men­ge zugerufen hat. Kennedy hatte zwei Jah­re zuvor, anfangs 1961, sein Amt über­nom­men, und noch im selben Sommer wur­de die Berliner Mauer gebaut. Nun war er, nach der erfolgreichen Beilegung der Kuba­krise, als erster amerikanischer Präsi­dent, nach Berlin gekommen, wo der Konflikt zwi­schen West und Ost, Kapitalismus und Kom­­munismus, Freiheit und Diktatur wie sonst nir­gend­­wo auf der Welt so deutlich, so schmerzlich, so absurd sichtbar war. Und al­len Befürchtungen der Berliner, der Deu­tschen, des Westens ins­gesamt setzte er dieses umjubelte Bekenntnis entgegen. Der Mauerbau hatte die 15 Jahre zurückliegen­de Blockade der Stadt, die eine Insel mit­ten in der in der sow­jetisch kontrollierten Zone Deutsch­lands war, wieder zur beklem­men­den Gegenwart werden lassen. Damals hat­te die Bevöl­kerung über ein Jahr lang nur über eine Luftbrücke versorgt werden kön­nen. Und so fiel den Menschen mehr als nur ein Stein vom Herzen. Sie verstan­den sehr gut, was ihnen Kennedy versichern wollte: Ihr seid keine Insel! Ihr seid nicht allein! Ihr könnt mit uns rechnen! Euer Schicksal ist uns nicht gleich! Wir treten für eure Freiheit ein! Wir sind mit euch soli­darisch!

Ähnliche Gedanken haben wohl auch die Mil­lionen zum Ausdruck brin­gen wollen, die jetzt unter dem Slogan: Je suis Charlie ge­gen den schrecklichen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo protestiert haben. Zu sehen, wie viele Menschen, ge­eint durch ihre Betroffenheit, sich zusam­men­schliessen, Schulter an Schul­ter, ist be­eindruckend, beeindruckend deshalb, weil man, wenn auch nur durch Bilder vermittelt, spürt, welche Kraft zur Veränderung einer sol­chen Manifestation innewohnt. Und doch lässt ein zweiter Blick auf diese Bilder auch Zweifel aufkommen. Den isra­e­li­schen und den palästinensi­schen Minister­prä­sidenten sieht man, natürlich getrennt, den einen links, den an­deren rechts, ebenfalls einen Vertreter Sau­di-Arabiens, das eben ei­nen Journalisten zu zehn Jahren Haft und zu 20mal 50 Pei­tschen­hie­ben verurteilt hat, zahlreiche europäische Regierungschefs, die sehr wohl wissen, dass im letzten Jahr fast 5000 Bootsflüchtlinge im Mittel­meer er­trunken sind, den Botschafter der USA – wie viele unschuldige Opfer ha­ben die Krie­ge im Irak und in Afghanistan gefordert? Und na­tür­lich zuvorderst in der ersten Reihe Mon­sieur le Presi­dent, dem dieser Auf­tritt wieder ein paar Sympathiepunkte bei der Wähler­schaft ein­ge­bracht hat. Ich frage mich: Wie ernst ist diese Manifestation eigentlich ge­meint, wie tief geht die Betroffenheit, welche Taten, aus­ser der vorläu­figen Verstärkung von Po­lizeipräsenz, werden folgen? In den Ban­lieues von Paris beispielsweise, wo jun­ge Leute, viele von ihnen islamischer Her­­kunft, ohne Per­spektive zusammengedrängt le­ben, oder in den Flüchtlingscamps im Na­hen Osten, oder sonst wo, wo Menschen die Un­gerech­tig­keit dieser Welt am eigenen Leib erfah­ren, dort ist der Nährbo­den für Ra­­dikalismus und Terrorismus. Für diese Menschen, ge­gen Le­bensbedingungen in Armut und Elend, wird nicht demonstriert, werden keine Mahnwachen gehalten, werden kei­ne Kirchen­glo­cken geläutet. Sind wir blind auf einem Au­ge? Oder ist etwa Solidarität teil­bar? Sind es die einen wert und die anderen nicht? 

Ich habe eine Szene aus einem Film über den salvadorianischen, 1980 ermordeten Erzbischof Oscar Romero vor Augen, der sich in seinem vom Bürgerkrieg erschüt­ter­ten Land für mehr soziale Gerechtigkeit en­gagierte. Die Ge­heimpolizei verdächtigte ihn, Kontakte mit terrori­stischen Kreisen zu ha­ben, und ver­haftete ihn. Im Gefängnis wird er Zeuge von Fol­terun­gen. Er kneift die Au­gen zusammen und presst die Hände gegen die Ohren, um die  Schmerzensschreie nicht zu hören, aber er hält es nicht aus. Verzwei­felt schreit auch er, schreit den Folterern zu: „Hört auf, hört endlich auf. Wir sind doch al­le Men­schen!“ Wir sind doch alle Men­schen, der Folterer und der Gefolterte, du und ich und die anderen. Wir empfinden die gleiche Freude und verspüren die gleichen Schmer­zen, und wenn man uns verletzt, fliesst das gleiche Blut. Unser Menschsein ist das, was uns verbindet, über alle Unterschiede hin­weg, das Gemein­same, das eine Band, wenn wir es nur nicht zerreissen! Die Welt, in der wir leben, wird durch kein durch Folter erzwungenes Geständnis, durch keine Bom­be, durch keine Tötung eines Bin Laden si­cherer. Unsere Welt wird nur dadurch si­che­rer, dass wir daran denken, dass wir alle Men­schen sind, und danach handeln und für Recht und Gerechtigkeit ein­stehen. Su­um cuique, jedem das Seine – diese For­derung hat der römi­sche Philosoph Ci­cero dem Imperium Romanum, einem im­peria­listi­schen Skla­venhalterstaat, vorgehalten. Sollte es nicht endlich möglich sein, in der Fülle der Güter, die heute mehr denn je, vorhanden ist, diese For­derung zu erfüllen?

Wir sollten sie erfüllen, solange dazu noch Zeit ist, das schärft uns das Gleichnis vom Weltgericht ein, das schärft uns Jesus selbst ein, von dem seine Jünger sagen, er sei der Christus, der von Gott Gesandte, der Wor­te des Lebens, des wahren, des ewigen Lebens hat. Und diese Wor­te lenken unsere Augen auf unsere Mitmenschen, die das kur­ze Los ge­zo­­gen haben, auf die Hung­ri­gen und Durstigen, auf die Fremden und Bedürftigen, auf die Kranken und Gefange­nen und auf das, was wir für sie tun, denn sie, jeder einzelne von ihnen, trägt das Ant­litz des Gottes­sohns, der zu­gleich der Men­schensohn ist. Ich bin der geringste eurer Brüder, was ihr ihnen ge­tan habt, das habt ihr mir getan, und was ihr ihnen habt fehlen lassen, das habt ihr mir fehlen lassen. Sol­che Soli­da­rität fordert er von uns, anders gibt es keinen Zutritt in das Reich, das er verkün­det.

Heinrich Böll, Literaturnobelpreisträger und unbequemer Christ, hat vor vielen Jahren in einem Aufsatz geschrieben: Ich glaube an Christus, und ich glaube, dass 800 Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern könnten. Inzwischen hat es über zwei Milliarden Chris­ten. Was gäbe das für eine Manifestation für eine gerech­tere Welt ! Und vielleicht würden sich der auch die Muslims anschliessen. Aber das ist nur ein Traum, war auch schon zu Bölls Zeit nur ein Traum. Kein Traum dagegen, son­dern reale Möglichkeit ist, dass wir, liebe Gemeinde, in un­serem privaten Alltag, aber auch als Teil der Gesellschaft im Vertrauen auf Chri­s­tus das Unsere tun, um seinem Gebot der Liebe nachzuleben.

Amen.