Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 26,57-66

Pfarrer Frithjof Rittberger (ev)

19.04.2011 in der Nazariuskirche Stuttgart-Zazenhausen

Passionsandacht

Kreuzwege – Menschen begegnen Jesus:

Kaiphas und sein Eifer

Menschen begegnen Jesus. Es sind viele in der kurzen Zeit seines Auftretens. Manche drängen sich auf, andere werden zu ihm gebracht, und zu manchen geht Jesus selbst. Was dann passiert, ist oft eine Überraschung.  Aber in jedem Fall ist es Jesus, der die Begegnung prägt – und damit die Menschen, die ihm begegnen.

Mit einem Mal aber scheint alles anders zu sein. Jesus ist nicht mehr frei; er wird vorgeführt. Kaiphas, der Hohepriester, ist Herr des Verfahrens. Er hat Übung darin, ergebnisorientiert zu arbeiten, und diese Übung wird er heute brauchen. Es ist schwer, jemanden anzuklagen, dem man nichts Handfestes, Gewalttätiges vorwerfen kann. 

Kaiphas findet einen anderen Weg. Es ist ein Umweg, weil er nicht direkt bei den Römern Eindruck machen wird. Aber es ist der Höhepunkt aller Vorwürfe, der Vorwurf für das schlimmste Verbrechen, der es erlaubt, alle Selbstbeherrschung fahren zu lassen, allem Eifer freien Lauf zu lassen: Gotteslästerung! Kaiphas zerreißt seine Kleider. Jeder, der Verantwortung, der Macht ausübt, muss ab und zu mit der Faust auf den Tisch hauen können. Ein Machtwort sprechen. Das schließt die Reihen. Es schweißt zusammen. Das zerfaserte Verfahren findet einen Abschluss.

Gotteslästerung! Sicher ist auch dieser Vorwurf klar berechnet. Aber er verrät mehr über Kaiphas, als dieser dabei ahnt. Gotteslästerung! Indem Kaiphas Jesus Verrat an Gott vorwirft, verrät er uns viel über seinen eigenen Gott. Es ist ein Gott, der für eine Ordnung steht, die von allen Seiten bedroht ist. Von den einzelnen Menschen, die sich immer mehr Freiheiten herausnehmen und nicht auf die Folgen achten:
Jesus vergibt Sünden. Er entwertet die gemeinsame jährliche Feier mit dem Hohenpriester im Tempel, am Versöhnungstag.
Jesus lässt Mundraub und Heilen am Sabbat zu. Warum nicht gleich auch die Läden öffnen, damit die steuergeplagten Händler etwas mehr Umsatz haben?
Jesus führt sich als Gutmensch auf und verkehrt mit Römern und Zöllnern. Dabei geht aber alle religiöse Abgrenzung  verloren, mit der man den Römern noch etwas Respekt und Zurückhaltung abnötigen kann.

Wenn Sie möchten, können Sie Parallelen für heute suchen. Vielleicht würden wir ja auch Gott als jemanden sehen, der für Werte steht, die uns lieb und teuer sind. Der Eifer des Kaiphas – wir dürfen uns daran schon ein Beispiel nehmen. Auch wenn er ein Machtmensch ist – es ist ihm nicht egal, wie die Verhältnisse sind. Und in seinem dosierten Eifer versucht er vielleicht zum Ziel zu führen, wo der blinde Eifer der Aufständischen oder die Massen auf der Straße nur das Gegenteil bewirken.

Gotteslästerung! Wir sollten über diesen Vorwurf noch etwas nachdenken. Wir glauben an den menschgewordenen Gott, an Jesus Christus. Wir glauben an einen Gott, der als gott-los verurteilt wurde. Der den schwersten Vorwurf nicht widerlegt hat, sondern so hat stehen lassen. Gegen diese Anklage ist man machtlos. Sie ist ein Totschlagargument. Jesus wird so zum Opfer eines Gottesbildes, dem er nicht entspricht. Und das heißt letztlich: Gott geht für unsere Gottesbilder in den Tod. Jeder, der für Gott kämpft, der Gott zu verteidigen sucht, muss von nun an damit rechnen, dass Gott selbst ihm zum Opfer fällt. In Jesus ist Gott nie nur der Gott, den wir begriffen haben, sondern immer noch anders und immer auch ein Gott der anderen. Ein Gott, mit dem man nicht mehr so leicht eine Ordnung rechtfertigen kann, aber ein Gott, der jetzt schon für alle da ist, nicht erst später. Wir können Gott nicht mehr verteidigen, denn er entzieht sich unseren Vorstellungen. Egal, ob wir uns Kaiphas näher fühlen oder den Jüngern Jesu.

Kaiphas, der Herr des Verfahrens, wirft Jesus Verrat an Gott vor. Damit aber verrät er uns sein eigenes Bild, das er sich von Gott gemacht hat. Sein Eifer verrät so etwas ganz anderes: dass er selbst sich der Anklage schuldig gemacht hat, gegen das zweite Gebot verstoßen hat, sich ein Bild von Gott gemacht hat, ja in seinem Eifer sich selbst göttliche Autorität angemaßt hat. So wie später der Christenverfolger Paulus. Der aber, der in diesem Verfahren eigentlich sein heimlicher Richter wäre, geht für ihn in den Tod.

 

Wir können das so im Nahhinein leicht sagen, als Christen. Aber es bleibt dabei: 

Unter dem Kreuz stirbt Gott den Tod für unsere eigenen Gottesbilder. Das kann auch heutzutage sein, wenn wir ehrfürchtig unter dem Kreuz die Hände falten. Ist es wirklich Jesus Christus, den wir dort sehen? Eins dürfen wir dabei nicht vergessen. Gott selbst hat sich in Jesus am Kreuz zur schlimmsten Karikatur gemacht. Am Holz sterben – so eine Aussage im Alten Testament – nur Frevler, Gotteslästerer. Keine Helden oder Widerstandskämpfer. Kein Karikaturist auf der Welt könnte Gott je so abstoßend darstellen, wie es der Anblick Jesu am Kreuz war. In den ersten Jahrhunderten war es für Christen undenkbar, den Gekreuzigten zu malen, zu entsetzlich war diese Vorstellung. Und so gilt auch für den gekreuzigten Gott, dessen Bild uns vertraut geworden ist: Wir können ihn nicht verteidigen. Auch nicht gegen die schlimmste Entehrung und Schmähung. Heutzutage ist es ja so, dass oft Muslime, obwohl sie in unserem Glauben an Jesus zum Teil eine Gotteslästerung sehen, noch den Menschen Jesus gegen seine Entehrung verteidigen, wenn er z.B. als homosexuell oder als Karikatur dargestellt wird. Aber vielleicht ist gerade diese Entehrung näher an der Bedeutung  des Kreuzes dran, als unsere Gewöhnung. „Gotteslästerung!“ Der Schrei des Kaiphas hat eine Wahrheit, hinter die wir nicht zurück dürfen. Der Anblick des geschmähten, gekreuzigten Gottes am Kreuz ist und bleibt etwas Unerträgliches, und das ist gut so. Denn wir sehen darin verdichtet all die Opfer, die wir in Kauf nehmen müssten, wenn unsere Gottesbilder wirklich Gott wären.

Gott sei Dank aber ist Gott lebendig und unterwegs. Er kreuzt unsere Wege und Kreuzwege. Er nimmt unsere Gottesbilder auf sich und erträgt sie. Er befreit uns von ihnen, ohne uns ins Leere laufen zu lassen. Denn Jesus begegnet Menschen. Nehmen wir uns Zeit und denken darüber nach, wo er uns begegnet. Amen.

 

Lied: Das Kreuz ist aufgerichtet (EG 94,1-5 – auf die Melodie von EG 521)