Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Matthäus 27, 31-54

Pfarrer Peter Berner (ev)

18.04.2014 in der Kreuzkirche in Sigmaringen

Karfreitagsgottesdienst

Liebe Gemeinde,

Karfreitag. Jesus stirbt am Kreuz.
Darüber steht groß die Frage: Wo ist Gott?
Denn da schreit Jesus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Er hat ihn verlassen. Wo also ist er, Gott? Wo ist er, als Jesus gekreuzigt wurde?
Wo ist er bei all den vielen furchtbaren Dingen, die überall passieren?
Wo ist Gott?

Karfreitag - Jesus stirbt. Da gibt es aber auch das Gegenteil, nämlich das Bekenntnis:
Gott ist da. Er ist da und mitten drin in allem, was geschieht.
Blicken wir zum Beispiel auf den Hauptmann, der das Kreuz bewacht.
Er sagt: "Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen."

Beides also gibt es unter dem Kreuz: Gottes Abwesenheit und Gottes Anwesenheit.

Wir fragen nach Gott: Wo bist du? Wir zweifeln an ihm. Wir zweifeln bei Jesu furchtbaren Sterben, und wir zweifeln bei so vielen Dingen, die uns erschüttern.
So zweifelt der junge Mann, der sich mit Aids infizierte, lange dahin siechte und dann starb.

Wo ist Gott? Wir stellen fest: Er ist nicht da. Wir sind gottverlassen.

Das merken wir durch die ganze Geschichte von Jesu Kreuzigung hindurch.
Da sind zunächst die äußeren Fakten, nämlich die grausame Hinrichtung, die Qualen des Leidenden, sein innerer Zusammenbruch. Dies alles spricht gegen Gott.
Dann die Spötter. Sie bohren penetrant darauf, dass Gott nicht eingreift.
Und sagen: "Er hat Gott vertraut, der helfe ihm nun vom Kreuz herab, wenn er Gefallen an ihm hat." Aber Gott greift nicht ein, und alles nimmt unerbittlich seinen Lauf.
Dann sogar die Natur, nicht nur die Menschen, ja, die Natur, der ganze Kosmos sprechen gegen Gott. Denn sie breiten eine tiefe Finsternis über das Geschehen aus, sie lassen die Erde erbeben, sie reißen die Gräber auf. Und das sagt alles: Gott ist nicht da.

Alle sagen dasselbe: Gott ist nicht da.

Am erschütterndsten sagt es Jesus selber. Er schreit aus voller Verzweiflung:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Sollte nicht wenigstens Jesus noch an Gott festhalten? Er, der sein ganzes Leben für Gott gelebt hat?

Die Spötter natürlich, Jesu Feinde, die Gottesverächter, sie freuen sich, dass sie feststellen können: Gott ist nicht da. Das können wir verstehen. Aber dass Jesus selber an Gott zweifelt, verstehen wir nicht. Das fasst unser frommes Herz nicht.
Müssen am Ende auch wir an Gott zweifeln?

Das müssten wir. Wir müssten es, wenn es bei derselben Geschichte nicht auch andere Stimmen gäbe, Stimmen, die für Gott sprechen, Stimmen, die sagen: Gott ist da!

Gott ist da! Wer sagt das?

Als erste sagt es die Natur. Ja, die Natur, die von der sechsten bis zur neunten Stunde alles in Finsternis verhüllt. Wie das? Sie spricht doch gegen Gott.
Sie kann auch für Gott sprechen. Paradoxerweise. Sie kann sagen: Aus Finsternis lässt Gott das Licht der Welt hervorleuchten. So, wie er es am Anfang der Welt getan hat.
Sie kann sagen: Aus dem Dunkel des Mutterschoßes kommt neues Leben.
Sie kann sagen: Aus dem Dunkel des Grabes kommt die Auferstehung.
So kann die Finsternis auch sprechen.
Sie spricht einmal gegen Gott, und sie spricht in gleicher Weise für Gott. So sagt sie einmal: Gott ist tot. Und ein andermal: Gott lebt und wirkt gerade aus dem Dunkel heraus. Denn er ist nicht nur der Gott des strahlenden Himmels, sondern auch der Gott der dunklen Tiefen.
So merkwürdig, so doppeldeutig spricht die Natur.

Die zweite Antwort, die für Gott spricht, kommt vom Hauptmann.
Er ist der erste, der sich unter dem Kreuz zu Jesus bekennt. Wer hätte das von ihm gedacht, einem Soldaten! Und dazu ein Heide, einer, der eigentlich gar nicht zu Gott gehört.
Wie merkwürdig! Er steht beim Kreuz und sieht das alles. Ja, was sieht er denn?
Er sieht ja genau dasselbe, was alle anderen auch sehen, die Spötter, die Soldaten, die Mitgekreuzigten. Diese folgern daraus: Gott ist nicht da.
Und der Hauptmann? Er folgert das Gegenteil, nämlich Gottes Gegenwart:
"Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!"

Und die dritte Stimme, die für Gott spricht, das ist Jesus selber.
Jesus, der Gequälte, der Leidende, der Sterbende. Jesus, der an Gott zweifelt und schreit: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Dieser Schrei spricht gegen Gott. Aber noch viel mehr spricht er für Gott. Denn wenn einer so ruft und sagt:
"Mein Gott, mein Gott", dann hält er auch in größter Verzweiflung noch an Gott fest.
Er hält an Gott fest, auch wenn er ihn nicht sieht und nicht spürt. Und doch weiß er:
Gott ist da, auch in der Finsternis, auch im Tod.
So ist Jesu Schrei ein Zeugnis für Gottes verborgene Gegenwart.

Wo ist Gott? Das ist die Hauptfrage über der ganzen Geschichte. Es gibt so viel Schlimmes in der Welt, was gegen Gott spricht und sagt, es gibt ihn nicht. Aber alles dieses kann auch für Gott sprechen.

Ich denke jetzt an den jungen aidskranken Mann, der ohne recht gelebt zu haben, sterben musste. Sein Schicksal spricht gegen Gott. Aber hören Sie, was er selber sagte. Er ließ über seine Todesanzeige in der Zeitung die Worte schreiben: "Eines Tages blickte ich AIDS ins Gesicht. Ich erschrak. Bis ich entdeckte, dass mich Gott anschaut."

Was antworten wir auf die Frage Wo ist Gott? Es wird uns angesichts des vielen Leides
schwer fallen, uns für Gott auszusprechen. Aber scheuen wir uns nicht, wenigstens nach Gott zu fragen. Scheuen wir uns nicht, wenigstens zu zweifeln, wenigstens zu klagen, wenigstens zu schreien: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Es ist gut und richtig, immer wieder zu fragen: Gott, wo bist du?
Solche Fragen sind nicht Zeichen des Unglaubens, sondern des Glaubens. Sogar Jesus hat so geschrien: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Und Gott war bei ihm.

Der Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer sagt: "Keines seiner Worte würde ich glauben, hätte er nicht geschrien: Gott, warum hast du mich verlassen. Denn das ist mein Wort, das Wort des untersten Menschen. Und weil er selber so weit unten war, ein Mensch, der Warum schreit und Verlassen, deshalb kann man auch die anderen Worte, die von weiter oben, vielleicht ihm glauben."

Amen.


 


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