Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 27,22-36 und den Umgang mit Schuld

Pfarrer Thomas C. Müller (ev.)

10.04.2009 ARD-Karfreitagsgottesdienst aus der Ev. Stadtkirche Gronau / Westfalen

Karfreitag

Teil 1

Gnade sei mit euch und Friede von Gott.

Liebe Gemeinde,

Sie sind schuldig geworden:

Pilatus, der aus machtpolitischem Interesse diese Hinrichtung anordnet.
Die Menge, die einen Schuldigen sucht, um sich abzureagieren.
Die Soldaten, die den Spielraum eines Befehls auf grausame Weise nutzen.
Die Jünger, die bei der ersten Belastungsprobe der Mut verlässt.

Aber die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu wurde nicht aufgeschrieben, damit wir mit dem Finger auf andere zeigen und rufen:
„Ihr seid schuld!“
Martin Luther hat das Leiden Jesu einen „ERNSTEN SPIEGEL CHRISTUS“ genannt.
Einen Spiegel, in dem wir uns erkennen können:

Ich erkenne in Pilatus das Kalkül, das für einen wirtschaftlichen oder politischen Vorteil auch über Menschenrechte hinweggeht.
Ich erkenne in der aufgebrachten Menge von Jerusalem unsere von manchen Medien aufgestachelte Öffentlichkeit.
Ich erkenne in den Soldaten, die Neigung, meine Verantwortung wegzuschieben und so dem Unrecht Raum zu geben.
Ich erkenne im Versagen des Petrus, wie zaghaft und mutlos ich für meine Überzeugungen eintrete.

Aber natürlich hält mich vieles davon ab,
in diesen Spiegel wirklich hineinzuschauen.
Sind wir für unser Handeln überhaupt noch verantwortlich?
Sind wir nicht geprägt und beeinflusst von Faktoren, die wir gar nicht selbst bestimmen?
Einige moderne Hirnforscher halten den freien Willen des Menschen für eine Illusion. Und wo kein freier Wille ist, da ist auch keiner verantwortlich, für das, was er tut.

Manche Juristen diskutieren darüber,
ob der Schuldbegriff überhaupt eine Grundlage für ein Rechtssystem sein soll.
Die Welt ist so kompliziert geworden,
dass es in vielen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen kaum möglich ist,
überhaupt einen Schuldigen zu dingfest zu machen.
Oft lautet die Devise daher:
„Leugne, so lange wie möglich.
Nur nichts zugeben, nur nicht die Verantwortung übernehmen.“

Und dennoch: die Frage nach der Verantwortung muss gestellt werden.
Tatsächlich verstummt sie auch nicht:

Es empört viele,
wenn Menschen nicht in der Lage sind, ihre Schuld einzugestehen:

Es macht beklommen, wenn ein Terrorist,
der wegen mehrfachen Mordes verurteilt worden ist,
auch nach Jahrzehnten nicht zu seiner Schuld steht.

Es ist für viele unerträglich,
wenn Menschen, die während der Naziherrschaft Schuld auf sich geladen haben,
ein Leben lang ihr Tun leugnen oder schönreden.
- und auch wenn es nicht mit den zuerst genannten Beispielen vergleichbar ist, weil die Schwere der Schuld eine andere ist:
Es erbost viele,
wenn ein Mann, der Millionen Steuern hinterzogen hat, äußert,
„er habe das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren“,
obwohl das Verfahren glimpflich für ihn ausgegangen ist.

Und manch einen macht es wütend,
wenn Finanzmanager sich an der Finanzkrise völlig unschuldig fühlen und sich ungerührt weiter Millionen-Boni auszahlen lassen.

Aber es ist leicht, die Schuld der anderen zu benennen.

Um ein menschenwürdiges Leben zu gestalten
– politisch oder in unseren privaten Beziehungen –
braucht es die Bereitschaft, unsere Bereitschaft – einen ehrlichen Blick in den Spiegel zu wagen.

Teil 2

Was macht den Blick in den Spiegel für uns so schwer?

Ich glaube, es ist die Angst davor, dass der Spiegel uns nicht das Bild zeigt, das wir gerne von uns sehen würden.

Oscar Wilde schildert das sehr anschaulich in dem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“.
Dorian ist ein bildschöner Jüngling.
Ein Maler fertigt deshalb ein Portrait von ihm an.
Aber Dorian wird im Laufe seines Lebens immer rücksichtsloser,
er benutzt die Menschen und geht über ihr Schicksal hinweg.
Und nun zeigt sich eine magische Eigenschaft seines Portraits:
Dorian bleibt all die Jahre jung und schön, das Portrait aber verändert sich.
Es zeigt immer mehr die Züge der Verschlagenheit.
Es ist ein Spiegel seiner Seele.
Dorian ist entsetzt darüber,
wie sich die Gesichtszüge auf seinem Bild immer mehr verzerren.
Irgendwann versteckt er es in seinem Kinderzimmer,
verbirgt es vor den anderen und sich selbst.

Ich vergleiche das Kreuz Jesu mit diesem Bildnis des Dorian Gray.
Denn auch das Kreuz Jesu macht öffentlich,
was wir nur allzu gerne verdrängen und verstecken.
Wir zeigen lieber ein schönes Bild von uns selbst.
Aber im geschlagenen Gesicht Jesu sehen wir die tödlichen Folgen unserer menschlichen Gleichgültigkeit, Selbstbezogenheit und Machtstrebens.
Das Kreuz macht die zerstörerischen und lieblosen Züge unseres Wesens sichtbar.

Dorian verzweifelt beim Anblick seines magischen Seelenbildes.
Irgendwann hält er es nicht mehr aus.
Er sticht mit einem Messer in das Bild hinein.
Und in einem Augenblick verwandelt sich der immer noch junge und schöne Dorian in einen alten, von seiner Schuld zerfressenen Mann, und stirbt.
Eine tragische Geschichte.
Eine Geschichte, die sich überall finden lässt.

Auch der Karfreitag hätte das Ende einer tragischen Geschichte sein können.
Aber er wurde zu einem Tag des Heils.
Er wurde zum good friday – zum guten Freitag –
wie die angelsächsischen Christinnen und Christen sagen.
Diese Väter und Mütter des Glaubens haben diesen Tag so genannt,
weil sie die gute Erfahrung gemacht haben:
„Gott will uns nicht brechen,
wenn er uns diesen ernsten Spiegel Christus hinhält,
er will uns heilen.“

Vielleicht kennen Sie diese Situation:
Sie schauen in den Spiegel und sehen sich,
mit all dem, was ihnen nicht gefällt.
Und dann tritt jemand hinter sie, legt den Arm um ihre Schulter
und betrachtet ihr Spiegelbild - mit einem liebevollen Blick.
Er sieht dasselbe, was auch sie sehen,
aber er schaut sie mit Zuneigung an.
Dieser Blick, der da auf ihnen ruht, verändert auch ihren eigenen Blick auf sich selbst.

Für mich ist das Kreuz solch ein Spiegel:
Ja, ich erkenne im Kreuz meine dunklen Züge,
aber ich erkenne noch viel mehr:
Jesus erleidet die Konsequenzen menschlicher Schuld.
Er setzt sich dem Hass der Leute aus.
Er wird gedemütigt.
Er wird ans Kreuz geschlagen.
Und dennoch ruft er seinen Mördern und Folterern noch am Kreuz zu:
„Vater vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Aus dem geschlagenen Gesicht Jesu trifft uns ein Blick,
der um uns weiß und vergibt.
Jesus am Kreuz spiegelt die Liebe Gottes zu uns Menschen.

Im Spiegel dieser Liebe kann ich mir ins Gesicht sehen, weil ich weiß:
Gott will mich nicht hinrichten mit seinem Blick, sondern aufrichten.
Ich brauche keine Maske und kein schönes Bild,
um mich dahinter zu verstecken.
Gott sieht den Menschen in seiner Würde und Schönheit,
hinter all den Taten, mit denen er sich selbst entstellt.
So kann ich mich anschauen, wie ich bin
– ohne Illusionen, aber auch ohne Selbsthass.
Ich kann mich mit mir anfreunden und den Mut finden, neu zu beginnen.

Teil 3

Natürlich ist nicht alles leicht und einfach,
wenn ich beim Blick in diesem Spiegel mit Gott und mit mir selbst aussöhnen konnte.
Oft bleiben die bösen Blicke der Mitmenschen.
Auch die, die gelernt haben, ihre Verantwortung zu übernehmen,
werden von ihrer Umgebung oft weiterhin auf ihre Schuld festgelegt.
Manche Ehepartner könnten davon erzählen,
wie sie sich gegenseitig nur noch von ihren zugefügten Verletzungen her ansehen können und ihrem Gegenüber unter ihren bitteren Blicken keine Chance geben.
Ähnliches geschieht in vielen Familien,
zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern,
und auf manchem Arbeitsplatz.

Es kostet viel Kraft,
auf eine Wand der Abwehr zu stoßen,
immer wieder zurückgewiesen zu werden.
Aber gerade dann will ich darauf vertrauen,
dass Gott mich mit einem offenen Blick entgegenkommt.
Ihm gegenüber kann ich den Blick erheben.
Gott öffnet mir einem Raum,
einen Raum in dem ich mich bewegen, mich auch verändern kann.
Wenn ich das einmal erfasst habe,
werde ich meinen Selbstwert erspüren.
Und dann werde ich auch meine Würde entdecken und bewahren.
In diesem Gefühl für meine Würde steckt die Kraft,
auch die feindlichen Blicke der Umgebung standzuhalten und ihnen entgegentreten zu können.

Aber nun gilt auch umgekehrt:
Wer sein eigenes Versagen erkennt und erlebt,
dass Gott ihm dennoch Lebenschancen eröffnet,
der wird sie auch anderen gewähren.
Gott macht uns frei von unserem engen Blick.
Er befreit uns zu einem veränderten Umgang mit der der Schuld der anderen.

Es trifft allerdings nicht immer auf Wohlwollen,
wenn wir für die eintreten, die schuldig geworden sind.
Viele haben es nicht verstanden,
als Pfarrer Holmer 1990 Erich Honecker zu Hause aufnahm –
einen Mann, der an vielen Menschen schuldig geworden ist.

Dabei geht es nicht darum, Schuld zu verharmlosen.
Es bleibt eine Aufgabe auch von Christinnen und Christen,
Schuld aufzudecken und nicht zuzudecken.
Versöhnung ohne Wahrheit gibt es nicht.
Aber es geht darum, Menschen eine Chance zu geben.

Das kann sehr schwer und unbequem sein.
Denn es bedeutet zum Beispiel, der Todesstrafe zu widersprechen,
- auch dann, wenn uns das Leid der Opfer von Verbrechen nahe geht.

Es heißt, einem Terroristen nach verbüßter Haftstrafe,
ein Leben in Freiheit zuzugestehen,
- auch wenn wir noch nach Jahrzehnten um die Toten trauern.

Es heißt, Menschen,
die in Völkermord verstrickt sind und tausende Tote verantworten,
ein Recht zuzubilligen, das sie selbst mit Füßen getreten haben.

Nur so werden wir nicht von Rache und Vergeltung beherrscht,
sondern von der Würde des Menschen bestimmt.

Das heißt bezogen auf unser gesellschaftliches Zusammenleben aber auch:
Ja, wir können zu Recht erwarten,
dass Verantwortungsträger in Politik, in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche ihre Fehler, ihr Versagen und ihre Schuld eingestehen.
Und es ist gut, wenn sie öffentlich benannt wird.
Aber wir sollten einem Umgang und einer Kultur entgegentreten,
in der es nur darum geht,
Menschen, je nach Stimmungslage, je nach Interessenlage,
zu beschädigen.

Ja, Karfreitag ist ein Todestag, der Todestag Jesu.
Ein Tag, an dem deutlich wird:
Menschen richten einander hin, immer wieder.
Ein Tag, an dem wir aber auch erkennen können:
Gott richtet auf.

Amen.