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Predigt über Matthäus 27,33-54

Thomas Jabs (ev.)

06.04.2007 in der Evangelischen Kirchengemeinde Mahlsdorf

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit aGalle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. 35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, bverteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36 Und sie saßen da und bewachten ihn. 37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. 38Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. 39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe 40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! 41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: 42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. 43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. 44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. 45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: hMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. 48Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die andern aber sprachen: Halt, laß sehen, ob Elia komme und ihm helfe! 50Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. 51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf
53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

 

Warum, Liebe Gemeinde!
Warum!
Warum muss ein Kind sterben, ertrinken mit vier Jahren? Warum wird eine Ehefrau von Ärzten gerettet und wenige Jahre später der Man nicht?
Warum?
Auch Jesus schrie sie - diese Frage. Schrie! Warum?
Matthäus wusste von der ewigen Frage. Hat er uns auch eine Antwort aufgeschrieben?
Hören wir genauer hin:

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. 35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36 Und sie saßen da und bewachten ihn. 37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.
38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

Da ist eine Antwort. Die römischen Behörden hatten eine Antwort. Diejenigen, die ihn zum Tode verurteilten, hatten eine Antwort noch bevor die Frage gestellt worden war.
Die Ursache seines Todes: Dies ist Jesus der Juden König.
Das ist sein Verbrechen. Er ist ein Verbrecher so wie die beiden neben ihm. Er verdient den Tod.
Diese Antwort war eine Distanzierung und eine Anschuldigung. Warum:
Er ist doch selber schuld. Eine der menschlichen Reaktionen auf den Tod. Sie ist weit verbreitet.
Warum tun Menschen das? Warum reagieren Menschen so?
Nun dieses Warum kann ich beantworten:
Es ist nicht auszuhalten den Tod mit ansehen zu müssen, ja miterleben zu müssen, beteiligt zu sein. Darum distanzieren sich Menschen davon. Sie schieben den Tod von sich selbst weg. Ein Schuldiger ist gefunden. Abgehakt die bedrängende Frage.
Diejenigen, die diese Schuld an das Kreuz hatten schreiben lassen, blieben in der Stadt. Ihr Leben ging weiter. Sie betraf es nicht mehr, was geschah. Der da starb, war einsam vor der Stadt, weit weg.
Sie hatten sich geirrt. Die Frage nach Jesu Tod hatten sie beantwortet, doch der Frage: „Warum?“ waren sie nicht entkommen. Sie hatten sie nur für's Erste von sich weggeschoben. Irgendwann holte sie die Frage wieder ein. Irgendwann kam der Tod auch zu Ihnen. Und dann half ihnen diese Taktik nicht mehr weiter. Im Gegenteil: Jemandem die Schuld zu geben, gar dem Sterbenden selbst, fällt bitter auf die zurück, die so denken. Ungetröstet werden sie dem eigenen Tod begegnen. Einsam mit dem Gedanken an Schuld sterben sie in dieser ihrer eigenen Sünde.
Jesus ging es wie so vielen Menschen, die an der Schwelle zum Tod standen. Andere geben ihnen selbst die Schuld am Tod.
Warum muss ein Kind sterben, ertrinken mit vier Jahren? Warum wird eine Ehefrau von Ärzten gerettet und wenige Jahre später der Man nicht?
Das Kind hätte nicht ins Wasser dürfen, der Mann wie seine Frau früher regelmäßig zum Arzt gehen müssen. Selbst Schuld?
Jeder bleibt nur bei sich selbst. Das ist ein einsames Sterben - bitter und ohne Trost. Sie hören selbst, dies kann nicht die Antwort sein.
Hören wir also weiter auf Matthäus:
39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe 40und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!
Warum?
Daraus machten diese Vorübergehenden die Frage: Warum stirbst Du? Tu etwas dagegen! Rette Dich!
Matthäus hatte diese Antwort schon verworfen, bevor sie gesagt war:
Die aber vorübergingen.
Diese Menschen übergehen den Tod. Sie gehen am Sterbenden vorüber und an der Tatsache des Sterbens an der Endgültigkeit. Jesus war am Kreuz. Sein Sterben hatte schon begonnen. „Steig herab“ war, wie Matthäus richtig schrieb, nur Hohn. Selbst die Verbrecher, die mit gekreuzigt waren, spotteten. Sie spotteten sich über Angst und Schmerz hinweg - noch. Es ist die Selbsttäuschung der Menschen alles verändern zu können, Macht zu haben über alles. Dieses Denken findet in Sterben und Tod eine unerbittliche Grenze. Solches Denken solcher Hohn ist nur finster.
45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: hMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Warum?
Dieses Warum war ein Schrei - doch kein einsamer Schrei. Dieses Warum steht nicht einsam da. Es ist umgeben von: „Mein Gott, mein Gott“ und von: „Du hast mich verlassen.“
Es ist nicht die einsame Schuld: Ich habe es ja nicht anders verdient. Es ist auch nicht der hilflose Versuch noch etwas zu ändern und ebenso wenig ein Hohn, der sich darüber hinweglachen will. Der Tod ist nicht zum Lachen.
Der Tod schreit nach Trost:
„Mein Gott, Mein Gott.“ Jesus schrie nach Begleitung. Psalmworte waren es aus Psalm 22. Ein Gebet war dieser Schrei: „Mein Gott“.

Und dann beschreibt Matthäus etwas wunderbar Widersprüchliches.
Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit iEssig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.
Präzise beschreibt ein Übersetzer: durch Wasser verdünnter Weinessig, das übliche Erfrischungsgetränk der Feldarbeiter und Soldaten.
Jesus war nicht allein, als er: „mein Gott mein Gott“ schrie, nicht ohne Trost. Da war einer, der ihm zu trinken gab.
Bei Besuchen über eine ganze Woche verteilt, habe ich das selbst gesehen. Ein Mann lag im Sterben. Krebs im Endstadium. Und wann immer ich kam, war seine Frau im Zimmer mit einem Lappen in einer Schüssel, um ihm die Lippen zu feuchten, ihm der nicht mehr selbst trinken konnte.
Sie erleichterte ihm die letzten Tage und Stunden so gut es ging, und ich werde es nie vergessen. Das ist eine echte Antwort auf: „Warum?“
Ich bin bei Dir. Sicher sie sagt nichts über den Grund des Sterbens. Diese Antwort ändert nichts an der Endgültigkeit des Todes. Diese Antwort aber ändert das Sterben selbst. Es ist nicht mehr weit weg sondern ganz nah. Es ist eine fast unmenschlich schwere Antwort dieses: „Ich bleibe bei dir bis zum letzten Atemzug. Ich gebe Dir zu trinken.“ Doch gerade darin ist sie die menschlichste Antwort die ich je erleben durfte.
„Mein Gott, Mein Gott.“ Da ist noch jemand.

Was aber ist dann mit dem: „du hast mich verlassen?“ Wie soll denn das zusammenpassen: „Mein Gott, mein Gott“ und dann Verlassen?
51 Und siehe, der jVorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf 53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

Der Tod passt nicht zusammen mit unserer Welt und unserem Denken. Der Tod bringt Himmel und Erde ins Wanken. Und wer je einen Sterbenden begleitet hat, der weiß davon: Das Leben wankt und alles was wir fühlen, denken und tun können, ist nur noch durcheinander.
Es passt nicht. Nein! Und es ist keine logische, schlüssige Antwort auf das Warum? Es gibt sie nicht.

Es gibt nur: „Mein Gott“, den Psalm 22. Das Gebet.

Warum muss ein Kind sterben, ertrinken mit vier Jahren? Warum wird eine Ehefrau von Ärzten gerettet und wenige Jahre später der Man nicht?
Warum? Ja Warum Gott? Dich fragen wir solange wir leben, solange wir sterben, denn unsere Gedanken können es nicht fassen, was geschah.
Wir können nur Dich suchen und dem Tod nicht aus dem Wege gehen. Dann aber dann aber wirst Du selbst antworten:

Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
Wer wenn nicht Gott hat jenem Hauptmann diesen Satz in den Mund gelegt und ins Herz. „Dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Dieser, der wie ein Mensch geschrien hatte, wie ein Mensch gestorben war, wie ein Mensch ratlos geschrien hatte: „warum?“ Der war Gottes Sohn.

Und das, liebe Gemeinde, hat die Frau bezeugt, die ihren Mann begleitet hatte bis zum letzten Atemzug: „Ich bin näher zu Gott gekommen“, hat sie gesagt. Und: „ Er hat viel gebetet in den letzten Tagen“. Das hatte sie erlebt: Mein Gott. Sie konnte gar nicht anders antworten als: „Ja!“, antworten auf die Frage: Ob denn ihr Mann im Sterben auch noch Gottes Kind gewesen sei. Ja gerade da, gerade da hatte sie es gespürt.
Und die Mutter des ertrunkenen Kindes? Das ist ihr Trost gegen die nie verstummende Frage: „Warum“, den nie verheilenden Schmerz, den Schmerz der mit den Jahren nachlässt und dann plötzlich wieder hochkommt: „Mein Gott.“ Das ist ihr einziger Trost zu wissen: Auch ihr Kind ist Gottes Kind. Dafür ist Jesus gestorben, dass wir Gottes Kinder sind im Leben und im Sterben.
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Amen.