Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 27,33-56

Robin Banerjee

06.04.2007 in der Ev. Kirche Schwanenberg, Erkelenz

Wenn das Leben Risse bekommt

Liebe Gemeinde,

Als sich am Karfreitag die Erde verfinstert,
Jesus schreit und am Kreuz seinen letzten Atemzug tut,
zerreißt nicht nur der Vorhang.
In dieser Stunde zerreißen Hoffnungen.
In dieser Stunde zerreißen Gefühle.
In dieser Stunde zerreißt der Verstand.
Bis zu dieser Stunde war Jesus der, der das Leben lebte, schenkte und verkündigte,
doch nun sein Tod.
Am Kreuz bekommt das Leben selbst einen Riss.

Liebe Gemeinde,
wenn das Leben Risse bekommt, bleibt nichts mehr wie es war.
Das gilt für die Jünger, für die Frauen, für den Hauptmann und für Jesus selbst.
Aber auch für uns.


II

Die Jünger - sie haben ihre Berufe und Familien zurückgelassen. Sie gaben sie auf - nur um Jesus zu folgen. So wichtig war ihnen das, was er zu sagen hatte. Sie teilten mit ihm die Hoffnung auf das Reich Gottes, die Erwartung auf eine neue Welt in Frieden und Gerechtigkeit. Sie erlebten Jesus als den Gerechten schlechthin, als den wahren Repräsentanten dieser neuen Welt - der die Menschen heilte, böse Geister vertrieb und Wunder tat. Dass dieser Mensch, dessen Macht es immer gewesen war, den Lauf der Welt zu unterbrechen, nun selbst Opfer dieser Welt sein sollte, zerreißt sie innerlich. Der Tod ihres Herrn am Kreuz bedeutet einen Riss in ihrem Leben, in ihrer eigenen Biographie. Hatten sie dem falschen Mann vertraut? Weil ihr eigener Lebenslauf auf dem Spiel steht, stellt sich die spottende Anfrage der Hohepriester für sie ganz existentiell:
Wenn du Gottes Sohn bist, steig herab vom Kreuz!
Dann wollen wir an dich glauben...
Jesu Tod ist die Infragestellung all dessen, was die Jünger vorher erlebt hatten. Damit können sie nicht fertig werden; und erst recht nicht damit, dass zwei von ihnen, Judas und Petrus, sich selbst schuldig an seinem Tod gemacht haben.
Dass so ein Verlauf, biographische Brüche aber auch verletzliche Risse zurücklässt, ist nachzuvollziehen und auch die Reaktion der Jünger:
Sie fliehen, laufen weg. Sie können nicht länger an der Seite dessen bleiben, der ihnen ihre Lebensperspektive nimmt. Die Enttäuschung darüber zerreißt ihnen das Herz.

Die Gefühle der Frauen sind ähnlich. Auch sie hatten ihr Leben an Jesu Seite verbracht, ihre Hoffnungen und Erwartungen auf ihn gesetzt. Als Jesus tot am Kreuz hängt, geht auch ein Riss durch ihr Leben. War jetzt alles zu Ende? Sollte so gewalttätig, blutig und ungerecht alles enden, woran sie geglaubt hatten? Aufgewühlt stellen sie sicher die gleichen Fragen wie die Jünger, verhalten sich aber anders - nicht besser oder schlechter - einfach anders:
Sie bleiben. Angesichts des Sterbens und des Todes halten sie aus. Sie wissen nicht was sein wird, was die Zukunft bringen soll. Sie bringen einfach die Kraft auf, zu bleiben - ohne große Worte. Sie lassen sich führen von der Trauer und dem Leid, das dort am Kreuz und in ihren Herzen geschieht.

Noch andere stehen am Kreuz: Der Hauptmann und seine Leute. Sie haben nicht diese lange Geschichte mit Jesus. In dieser Hinsicht sind sie unvorbelastet, doch auch sie wissen um die Risse, die das Leben bekommt. Sie haben schon viele sterben sehen - einige vielleicht sogar durch ihre eigenen Schwerter. Was der Tod im Leben der Überlebenden anrichtet, ist ihnen bekannt. Sie kennen das Leid auf den Schlachtfeldern und in den Augen der Frauen und Kinder.
Sie wissen aber um den Fortgang des Lebens, das sich auch nach Tod und Leid wieder einstellen kann. Oft haben sie erlebt, wie das Leben - von Rissen verletzt und gekennzeichnet - dennoch weiter ging. Der Hauptmann ist derjenige, der auch angesichts des Kreuzes noch Perspektiven entdecken und in die Zukunft blicken kann. Denn als die Naturgesetze außer Kraft treten, die Erde finster wird und bebt, der Vorhang reißt und Felsen brechen, spürt er die heilige Kraft, die Nähe und Gegenwart Gottes. Und er erahnt, wer hier stirbt:
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! Sagt er und hat mit dieser Erkenntnis Neues für sich und sein Leben gefunden...

Und Jesus. Er hat die Beziehung zu seinem Vater wirklich ernst genommen, hatte all die Worte und Taten im Namen seines Vaters gesprochen und getan. Das Reich Gottes sollte anbrechen. Seine Person war die Garantie dafür. An seiner Person hängen die Hoffnungen der Menschen, die ihm gefolgt sind. Nein, er durfte nicht sterben und er wollte nicht sterben. Im Garten Gethsemane hat er seinen Vater noch darum gebeten, dass dieser schwere Kelch an ihm vorübergehen solle. Doch das ist nicht erlaubt. Er muss sterben, weil der Vater es so will.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ein Schrei und eine Frage, die das Verhältnis zwischen Vater und Sohn belastet. Mit dieser Frage kündigt Jesus zwar nicht die Beziehung mit seinem Vater auf, doch diese Beziehung erleidet einen Riss, einen Riss des Unverständnisses.
Einsam, mit einer unbeantworteten Frage auf der Seele und mit einem klagenden Schrei verschied er. Da ist Jesus ganz Mensch - er stirbt nicht unversehrt, sondern mit Rissen an Leib und Seele.


III

Wenn das Leben Risse bekommt, bleibt nichts mehr wie es war.
Wir wissen das von uns selbst, weil wir es selbst erfahren. Unser Leben ist bis zum heutigen Tag nicht ohne Risse oder kleinere Brüche verlaufen. Unsere Herzen erleiden Stiche und Verletzungen. Es gibt Situationen in ihrem und meinem Leben - danach kann nichts mehr bleiben wie es war.
Ich meine das im Kleinen wie im großen.
Wunden, zugefügt durch verletzende Worte eines Freundes.
Verletzungen der Seele - zugefügt durch Aufkündigung des Arbeitsvertrages, missbrauchtes Vertrauen, fehlende Anerkennung, unterdrückte oder nicht vorhandene Liebe.
Gebrochene Beziehungen zwischen Paaren, weil es wirklich nicht mehr anders geht. Risse, unter denen meist dritte - oftmals die Kinder - leiden.
Schicksalsschläge, die den Körper treffen, wenn man erkrankt.
Und vor allem die Trennungen, die kein Mensch verhindern kann; Risse in unserer Biographie, die durch den Tod eines geliebten Menschen entstehen. Wenn der Ehepartner, Mutter oder Vater, Oma oder Opa oder gar die eigenen Kinder sterben.
Da zerreißen Hoffnungen und Erwartungen auf gemeinsame Jahre.
Da brechen Teile des eigenen Ichs.
Und die Warum - Frage, sie bleibt offen.


IV

Liebe Gemeinde,
am Karfreitag auf der Suche nach Antworten und Hoffnung, auf der Suche nach der guten Nachricht, nach dem Evangelium, führt mich der Weg schnell hin zu Ostern, zur Auferstehung...doch das ist mir heute zu übereilt.
Ich möchte bei den Rissen bleiben.
Ich möchte bei den Jüngern und den Frauen und bei dem Hauptmann bleiben.
Ihr Verhalten und ihre Reaktionen können nämlich - wie ich finde - eine Hilfe sein.

Wenn das Leben Risse bekommt,
dann dürfen - wie bei den Jüngern - Hoffnungen zerbrechen. Enttäuscht und wütend kann man sich abwenden und weglaufen. Angst und Zittern bleiben. Abgeschottet möchte ich den Glauben und die Liebe nicht an mich heranlassen. Ich darf zweifeln und alles in Frage stellen. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diesen Verzweiflungsschrei darf jeder von uns loslassen. Wer meint, es müsse immer alles gut sein - der irrt.

Wenn das Leben Risse bekommt,
dann darf ich - wie die Frauen - ganz bei meinen Verletzungen bleiben. Ich kann mich führen lassen von der Trauer. Ich darf weinen. Tränen brauche ich nicht zu unterdrücken. All das, was meinen Leib und meine Seele beschwert, darf sich äußern. Die Trauer über den Tod eines lieben Menschen kann Jahre dauern oder nie enden. Es gibt Risse, die niemals heilen.

Wenn das Leben Risse bekommt,
dann ist es - wie bei dem Hauptmann - möglich, dass das Leben diese Risse aushält und zu neuen Perspektiven findet, so dass neue Kräfte freiwerden und neues Leben beginnen kann. Dann wird es auch mal gut sein, eine Trennung zu vollziehen, damit jeder einen neuen Weg einschlagen kann. Und sehr oft wird der Tod eines geliebten Menschen zwar als Riss erlebt, aber auch als Erlösung oder Befreiung gesehen, so dass Neuanfänge der Angehörigen möglich werden.

Das ist die eine gute Nachricht:
Wenn das Leben Risse bekommt,
dann dürfen diese Risse einen zerreißen,
oder einem neues Leben aufreißen.
Wenn der Vorhang reißt,
bleibt es eben offen, wie dieser Riss erlebt wird,
als zerreißen, als Akt der Zerstörung,
oder als aufreißen, als Akt der Befreiung.


V

Die andere gute Nachricht ist das Bekenntnis des Hauptmanns - das zu diesem Zeitpunkt nur er sprechen kann:
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
Wenn sich das als Wahrheit herausstellt und dieser zu unrecht Leidende wieder ins Recht gesetzt wird, dann ist zwar noch nichts über unsere Risse und Verletzungen gesagt, wohl aber über Gott selbst.
Denn dann hängt Gott selbst am Kreuz.
Dann hat Gott selbst den Tod auf sich genommen.
Dann ist Gott dort, wo geschrieen wird.
Dann ist Gott dort, wo es finster wird und die Erde bebt.
Dann ist Gott dort, wo der Vorhang reißt.
Dann ist Gott dort, wo das Leben Risse bekommt, nicht ferne.

Amen.