Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,1-10

Dr. Carl Caspar Jürgens (ev.-luth.)

12.04.2009 auf dem Zentralfriedhof in Bonn - Bad Godesberg

Ostersonntag 2009

Ostersonntag 2009

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet Euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe er wird vor euch hingehen nach Galiläa dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

8 Und sie gingen eilends hin weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es den Jüngern zu verkündigen. 9 Und siehe da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt!

Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen:

Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen.

 

Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat

- der Tag des Herrn, nicht nur auf Zeit, sondern für die Ewigkeit, also des Herrn über unsere Vergangenheit, unser heute und unser morgen,

- der Tag des Herrschaftswechsels, nicht nur im Übergang von einer auf die andere Macht, sondern der Tag des Triumphs von Gottes Macht über alle anderen Mächte dieser Welt.

In der Abfolge der letzten beiden Wochen ist das selten sinnfällig und von den politischen Choreographen so sicherlich unbeabsichtigt deutlich geworden:

Auf die Drei-Gipfel-Woche (G 20; NATO; EU - NATO) folgt die Karwoche und heute feiern wir den ersten Tag dieser neuen Woche mit dem uns durch Jesus Christus geschenkten, ganz anderen Vorzeichen für ein ganz anderes, neues Leben, wie ER es uns zugedacht hat.

Dort die Kameras, die den sorgfältig inszenierten und abgeschirmten Glamour politischer Konferenzen und Staatsbanketten einfangen, vervielfachen und verstärken (Prominenz wird angestrahlt, Autorität strahlt aus) – wo doch unverkennbar das bald verzweifelnde Ringen mit den Folgen der von Menschen verursachten Nöte zu besichtigen ist;

hier die dunkelste Todesnacht, allertiefste Einsamkeit, ein qualvoller Todeskampf, gefolgt von Grabesstille an einem vollkommen unspektakulären, dunklen Morgen – in diesem Fall ein Ereignis von wirklich weltgeschichtlicher Bedeutung, nach dem nichts so geblieben ist wie es war.

Schein-heilig fromme, gerissene Diplomatie und eine macht-politisch an Abschreckung interessierte Besatzungsmacht hatten gerade eine taktische Meisterleistung vollbracht.

Sie hatten die Todesstrafe an Jesus vollzogen, der zwar kein gewalttätiger Terrorist gewesen war, aber sie als Persönlichkeit und durch sein Wesen zutiefst irritiert hatte – die heimische fromme Elite noch mehr als die fremde militär-politische.

Was Jesus geredet und getan hatte, galt den etablierten Frommen als Agitation, subversive Volksverführung und Irreführung zugleich.

Sein schlimmstes Vergehen war, dass er Hoffnung verkörpert und geweckt hatte – Hoffnung auf Veränderung, auf Neues, auf Frieden, auf Freiheit und auf Heilung!

Mit der Kreuzigung und der Bewachung seines Grabes – offensichtlich misstraute man dem Erfolg der eigenen Maßnahme (Mt. 27, 62-66) – denken Richter und Henker alles im Griff und unter Kontrolle zu haben. Es hätte nun so weitergehen sollen wie früher.

Sie glaubten, die neue Bewegung mit der Kreuzigung gebrochen und den Hoffnungsträger begraben zu haben.

 

Da machen sich, sobald es erlaubt ist, diese zwei Frauen im Morgengrauen zum Grab auf, Maria von Magdala und die andere Maria (V 1).

In ihren Herzen hat etwas überlebt; sie haben Jesus erlebt. Die Saat seiner Liebe ist in ihnen aufgewachsen. Sie ist größer als Trauer, Verzweifelung und vielleicht sogar doch auch Hoffnungslosigkeit, zumindest aber tiefste Ratlosigkeit zusammen. Das war, da bin ich sicher, die Quelle ihres Muts zu der Begegnung mit den Wachposten am Grab.

Diese Liebe muss es auch gewesen sein, die sie zu seinem Grab hingezogen, ja vielleicht sogar dorthin getrieben hat, wie sonst sollte der Engel wissen, dass sie den gekreuzigten Jesus suchten (V 5) – im Unterschied übrigens zu den Jüngern, die sich zu der Zeit noch ängstlich versteckt hielten.

Diese Liebe der Frauen zu Jesus muss es auch gewesen sein, dass sie stehen geblieben sind als die Erde bebte und die gleißende Erscheinung des Engels zum Grab kam, um es zu öffnen (V 2) – während die an das Grab abkommandierten, bewaffneten Sicherheitskräfte „ ... wurden, als wären sie tot.“ (V 3), m.a.W. umfielen.

Ganz offensichtlich machte hier nicht die körperliche Stärke den Unterschied, sondern die Stärke der Beziehung zum Herrn. Darum durften sie die ersten Zeuginnen dieser weltgeschichtlich bedeutsamen Wachablösung werden.

Sie konnten aber nicht nur bestehen in der Gegenwart Gottes in Gestalt des Engels, sondern Wort Gottes auch verstehen.

Die Versiegelung des Grabs durch die weltliche Macht hatte nicht gehalten, sie war zerrissen.

Aber die Liebe Gottes, die sich in der gemeinsamen Zeit mit Jesus wie ein Siegel auf das Herz der beiden Frauen gelegt hatte (Hohel. 8, 6), war stark wie der Tod und ihre Leidenschaft zu ihrem Herrn unwiderstehlich wie das Todesreich (ebd.) und hatte deshalb Bestand.

Ob die beiden sich dessen bewusst waren oder nicht, sie trugen die Liebe Gottes in sich wie eine feurige Glut und waren jede wie eine Flamme des Herrn (vgl. ebd.) – sonst hätten sie weder die Begegnung mit dem Engel des Herrn überlebt, noch seine Worte erlebt und verstanden. Jesus war in ihnen!

Und ich meine es ist noch etwas anderes, das die beiden Frauen zu den ersten Hörern und Überbringern der Osterbotschaft gemacht hat:

Sie glauben nicht nur, sondern sie verhalten sich auch treu gegenüber den Tatsachen, dass der gekreuzigte Jesus der auferstandene Christus ist. Sie sind also treu gegenüber Jesu Leben, Tod und Auferstehung!

Diese ihre Treue muss größer als jeder Zweifel in ihnen gewesen sein, sonst hätten sie sich nicht auf den Weg gemacht – so wie HANNA in ihrer Unfruchtbarkeit treu in ihrer Liebe zu Gott geblieben war, immer wieder auf Gott zuging, in sein Haus, den Tempel, kam und ihren LOBGESANG angestimmt hat (1. Sam. 2, insbes. 1-2 + 6-8).

Ich war kürzlich ganz überrascht bei der Entdeckung, dass die Spannbreite der Bedeutung des entsprechenden griechischen Verbs (pistis) – von glauben bis treu sein – abgebildet wird in dem für unser tägliches Miteinander geltenden Rechtsgrundsatz von Treu und Glauben (§ 242 BGB).

Die beiden Frauen brauchen den Beweis deshalb wahrscheinlich gar nicht selbst, den der Engel ihnen anbietet. Sie sollen den Blick in das leere Grab werfen (V 6), hauptsächlich um den verängstigten Zweiflern in Jerusalem als Augenzeuginnen authentisch davon zu berichten (V 7) – wohlgemerkt, das Grab war verschlossen und versiegelt und der Auferstandene nicht mehr darin!

Jesus belohnt und befestigt ihre Treue, indem er ihnen begegnet (V 9). Und der Engel hat es ihnen anzusagen – bestimmt um ihnen den ersten Schritt zu erleichtern vom Gehörten zur gehorsamen Befolgung und Umsetzung, denn der ist immer der schwerste (V 7).

Und da erst fallen sie nieder, nicht wie die Wachposten am Grab, nein, ganz anders: Sie waren ja mit Furcht und großer Freude umgekehrt und losgelaufen (V 8).

Ihre Freude war, dass sie beide ihren Grund wieder bekommen hatten, den lebendigen Gott und das von ihm gegebene Leben zu fürchten.

Ihre Furcht kennt – anders als die richtungslose, schlotternde Angst – und weiß um ihren Gegenstand. Ihre Furcht ist Ehrfurcht vor der Tatsache, dass Gott den Tod niedergerungen und dessen Regisseure ausgeschaltet und überwunden hatte durch das Opfer seines eingeborenen Sohnes. Es ist also Ehrfurcht vor der Überlegenheit Gottes, oder wie Martin Buber es ausgedrückt hat ein „... erschauernd(es) seiner Unbegreiflichkeit inne werden.“ (in: Der Jude und sein Judentum, Köln 1963, 204).

Unsere Osterfreude und diese Ehrfurcht gehören untrennbar zusammen. Das ist der tiefe Sinn von „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (Ps 111, 10; Spr. 9, 10)

Kein besinnungsloser, gefühlsduseliger Festtaumel, sondern die Freude gibt der Furcht ihre Bestimmtheit und die Furcht der Freude ihre Besinnung oder auch Nüchternheit, wie Luther Paulus übersetzt hat in seinen Briefen an die Gemeinde in Korinth und Thessaloniki (1. Kor. 15,34 + 1. Thess. 5,8).

Darum und dazu wiederholt Jesus (V 10) den Sendungsauftrag und verleiht den beiden Frauen un-überbietbare Autorität.

Hier ist der Ursprung alles Evangelischen, in dem Moment nimmt es seinen Lauf. Wir sind daran an- und darin eingeschlossen – mit der gleichen Autorität sind wir als Gläubige eben immer auch Evangelisten, Botschafter, Überlieferer, unabhängig davon, ob wir weltliche Macht haben, die Realität zu beeinflussen oder zu verändern. Da ist kein Unterschied!

Seien wir also mutig wie diese beide Frauen, stehen wir in unserem Leben überall da, wo keine Überlieferung mehr ist, und lass uns dort vor allem Da-Sein mit einer lebendigen, erfrischend frohen und zugleich existenziell-wesentlichen Botschaft.

Näher am Leben (anderer) sind wir zwar immer auch näher am Tod, aber mit dem Wissen um den Einfluss und die Allmacht Gottes mitten im Getümmel unseres Lebens in dieser Welt haben wir dann eben keine Angst. Wir brauchen sie nicht nur nicht mehr, sondern unsere Ehrfurcht vor den von Gott geschaffenen Tatsachen ist einfach größer.

Mag unser Gesetzgeber die Woche am Montag beginnen lassen (– auch so ein typischer kleiner Gottesmord). Wir haben im Grunde gar keine andere Wahl als unseren Alltag von diesem Oster-Sonntag, dem Tag unseres Herrn Jesus Christus durchdringen zu lassen, wenn wir nicht irre werden wollen in unserem Glauben – denn auf den hat es der Widersacher abgesehen – und nicht nur deshalb, sondern die Welt lebt davon, dass wir täglich neu das Leben buchstabieren im Alphabet der Liebe Gottes und in seiner Wahrheit.

Nicht auszudenken, was alles passiert, wenn uns das gelingt in unseren Beziehungen, Familien, im Beruf und zum Beispiel in unserem Wirtschaften, weg von Bulle und Bär hin zu Löwe und Lamm ... Eine Utopie?

Lasst uns in Freude und in Furcht festhalten am Glauben und treu bleiben gegenüber den von Gott geschaffenen Tatsachen, gerade im Weitersagen.

Denn auch wenn wir – wie alle anderen – nicht wissen, was kommt, so wissen wir doch – anders als alle anderen – wer gekommen ist und wieder kommt.

Davon haben wir nicht nur Grund zu reden, immer und überall, darüber dürfen wir einfach nicht schweigen. Es ist bzw. wird immer wichtiger und dringender, dass wir – wie Petrus und Paulus vor dem Hohen Rat (Apg. 4, 20) auch in der Öffentlichkeit sagen:

„Wir können es nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“

Die Frage klingt vielleicht verwegen, aber wer von uns weiß, wie lange das noch gehen wird?

Denn der Angriff auf die Tatsache, dass Jesus Gottes Sohn ist, und darauf, dass unser Gott ein dreieiniger Gott ist, läuft bereits auf vollen Touren – lassen wir uns nicht täuschen von irgendeinem Wortgeklingel in der Art eines Orwell’schen „Neusprech“!.

Eine un-heilige Allianz unterschiedlichster Organisationen und Institutionen, häufig mit der Vorsilbe „Inter- …“, schickt sich auf allen Ebenen – angefangen in Kommunen mit einer Migrationsproblematik bis hinauf in die supranationale Ebenen z.B. von EU und NATO – an, das intern teilweise als Ärgernis und Hindernis auf dem Weg zur Verwirklichung irdischer Ziele empfundene Oster – Geschehen zu relativieren. Das führte im Erfolgsfall nicht nur zu einem Erkenntnisverlust, sondern bedeutete gleichzeitig einen Gottesverlust.

Worin soll dann noch unsere Hoffnung gründen, dass wir sagen können „Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen.“(Jes. 26, 19), denn das ist, was Jesus als Sohn Gottes für uns am Kreuz fest gemacht hat – für die Ewigkeit!