Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,16–20

Dr. Martin Borowsky

18.07.2004 in der Kaufmannskirche zu Erfurt, im Zyklus „Landnahme-Gottesdienst“

„Machet zu Jüngern alle Völker“

Liebe Gemeinde,

ist Mission Gewalt? Oder wie soll man sich das vorstellen: „Machet zu Jüngern alle Völker?“ Wie ging Bonifatius bei der Missionierung Thüringens und Hessens vor, Bonifatius, dessen Todestag vor 1250 Jahren wir am 5. Juni begangen haben? Schreckte er vor Gewalt nicht zurück, missionierte er mit Feuer und Schwert, wie bisweilen zu lesen war? Und ich meine, in einer Publikation gar auf den Begriff „Massenmord“ gestoßen zu sein.

Bei alledem handelt es sich um eine Mär, um eine „unfromme Legende“. Hier werden nämlich Berichte über das in der Tat gewaltsame Vorgehen Karls des Großen gegen die Sachsen schlicht in die ältere Zeit übertragen. Die Untaten werden Bonifatius fälschlicherweise zur Last gelegt.

Bleibt die Donar-Eiche in Geismar, also im hessischen Kernland, die Bonifatius durchaus öffentlichkeitswirksam fällte. Ein Affront, gewiss. Das Fällen der Eiche aber als Gewaltmission zu bezeichnen, ist meines Erachtens fragwürdig und hergeholt. Denn anders konnte man ein derartiges Heiligtum nicht beseitigen. Römische Tempel wurden durch Entfernen der heidnischen Bilder, durch das Aufstellen eines christlichen Altars umfunktioniert – bei einem Baum in der Natur geht das nicht. Es musste schließlich verhindert werden, dass die Menschen die alten Götter heimlich weiter verehren – ein legitimes Anliegen. Und aus dem Holz der Donar-Eiche erbaute Bonifatius eine Kirche ...

Vielleicht zeigt sich in den geschilderten Behauptungen, in der Infragestellung der Missionstätigkeit des Bonifatius ein Hang zur vorauseilenden political correctness, verbunden mit dem Gestus der Sel

bstanklage – uns Protestanten nicht fremd. Und es ist ja richtig: Es gibt etliche dunkle Flecken der Kirchengeschichte, und gerade der Missionsgeschichte. Die Kirchen haben in der Tat schwere Schuld auf sich geladen. Denken wir nur an die Conquista, an die blutige Missionierung Südamerikas, an den Kolonialismus mit seinem Überlegenheitsanspruch, den Triumphalismus mancher europäischer Missionare. Denken wir an die schlimmen Zwangstaufen, an die Zwangsassimilierung der Juden.

Missionare sah man noch vor nicht allzu langer Zeit als Streiter Christi, mit dem Marschbefehl im Tornister, einen heiligen Krieg gegen die Ungläubigen und die geistig-geistliche Finsternis zu führen. Wie bei einem Feldzug sprach man von Truppen und Versorgung.

Dazu hat sicherlich auch unser Bibeltext verführt – eigentlich ein wunderbarer Text, der den Schlussstein des Matthäus-Evangeliums bildet. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“, spricht Jesus in der Kraft seiner Auferstehung.

„Alle Gewalt“, so hat Martin Luther übersetzt. „Gewalt“ ist ein problematischer Begriff, er hat einen negativen Klang und kann zu Missverständnissen verleiten – und er hat, zusammen mit dem „Taufbefehl“, zu Missbrauch geführt. Unsere Bibelstelle verkam - auch aufgrund ihrer isolierten Betrachtung - zur Ideologie.

Gemeint ist bei Matthäus aber gerade nicht brachiale Gewalt – sie würde auch Jesu Lehre fundamental widersprechen. Blicken wir auf den Zusammenhang: Nur wenige Kapitel vorher beschreibt das Matthäus-Evangelium Jesus - in der Leidensgeschichte - als einen gewaltlosen Erlöser. Jeglicher Gewalt zwischen Menschen erteilt Jesus eine Absage, und er lebt es vor – die Sanftmütigen, die Barmherzigen, die, die ihre Feinde lieben ...

Das griechische Wort exousia, das Luther mit Gewalt übersetzt, bedeutet „Vollmacht“, eine Vollmacht, die jemand übertragen bekommt, sogar im rechtlichen Sinne. Gott ist es, der Jesus diese Vollmacht gegeben hat. Der Missionsbefehl, wie seine Worte „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“ bezeichnet werden, ist nichts anderes als der Aufruf: Lebt meine Lehre – und lehrt sie! Das Miteinander der Menschen wird sich so zum Guten verändern.

Es heißt nicht: Vereinnahmt die anderen. Zwingt ihnen euren Glauben auf, als ob nur ihr die „alleinseligmachende“ Wahrheit hättet und die von Gott Auserwählten wäret.

Liebe Gemeinde, es spricht viel dafür, dass Gott mehrere Heilsprojekte hat. Es spricht viel dafür, dass der christliche Glaube als Weg zum Heil hinreichend, aber nicht notwendig ist. Dies erscheint mir insbesondere mit Blick auf die Juden und auf Israel evident.

Ich halte fest: Wir sollten die Kirchengeschichte, die Geschichte der Mission nicht nur als Kriminalgeschichte lesen. Wir sollten unsere Geschichte nicht leichtfertig kriminalisieren.

Ich halte weiter fest: Bonifatius wirkte als Missionar, Reformer und Organisator. Bei uns in Thüringen bleibt sein Name mit der endgültigen Durchsetzung des Christentums verbunden. Bonifatius – „Apostel der Deutschen“ und Europäer par excellence. Er hat die Freiheit in Europa mitbegründet. Mit der Überwindung der vielen im Frankenreich verehrten Götter und Geister hat er einen Raum der Freiheit geschaffen, auch wenn sein intoleranter Umgang mit anderen Religionen uns heute fremd erscheint.

Missionare wie Bonifatius haben an der christlichen Grundlegung Europas mitgewirkt, sie haben zur religiösen Grundierung der Kulturen im „Überlappungsraum“ Europa maßgeblich beigetragen. Europa wurde so überzogen von Marksteinen christlicher Präsenz – Kirchen und Klöster, Schulen und Hospitäler, Wegkreuze und Klöster. Pilgerwege durchzogen den europäischen Raum, etwa der nach Santiago – von Galizien bis Galicia.

Und wo stehen wir heute? Aus der Luft betrachtet, aus der Vogelperspektive, besser, aus der globalen Raumfahrtperspektive, dann scheint dieser Teil der Welt der einzig wirkliche säkulare Kontinent der Erde geworden zu sein. Von einem „christlichen Europa“ kann jedenfalls nicht mehr die Rede sein. Dies ist uns hier in Ostdeutschland schmerzlich bewusst, der mit Tschechien weltweit am stärksten säkularisierten Region. Ostdeutsche und Tschechen weisen die geringste Religions- und Kirchenzugehörigkeit auf. Die massive Tendenz der „Entkirchlichung“ führt dazu, dass in Gesamtdeutschland noch etwa zwei Drittel der Bevölkerung Christen sind – quasi paritätisch aufgeteilt mit einem inzwischen leichten katholischen Übergewicht. In Ostdeutschland bekennt sich mittlerweile weniger als ein Drittel zum Christentum.

Was tun? Es geht nicht um eine rückwärtsgewandte Utopie, wie sie Novalis in dem berühmten Fragment „Die Christenheit oder Europa“ 1799 in Jena zu Papier gebracht hat. Ich zitiere seine berühmte Vision:
„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.“

Es geht nicht um die Wiedergewinnung eines „christlichen Abendlandes“, es geht schon gar nicht um eine „Reconquista“ Europas. Denn dies bedeutete die Ausgrenzung des Islam, dies bedeutete die Ausgrenzung der Orthodoxie. Nebenbei bemerkt, haben wir noch kaum in den Blick genommen, dass die Osterweiterung der EU auch insoweit eine völlig neue Situation mit sich bringt.

Es geht vielmehr darum, dem christlichen Glauben und den Kirchen in einem pluralistischen Europa verstärkt Gehör zu verschaffen, es geht um eine Reevangelisierung Europas in diesem Sinne. So hat Bischof Huber bei der Eröffnung der Bonifatius-Route in Mainz jüngst Bonifatius als Vorbild benannt, einen neuen missionarischen Aufbruch in den Kirchen zu starten. Dieser Aspekt darf auch bei der Föderation der in Thüringen wirkenden Kirchen nicht zu kurz kommen. Den Missionsauftrag ernst nehmen ...

Ich möchte hier aus der Charta Oecumenica von 2001 zitieren, dem ökumenischen Leitdokument der europäischen Kirchen:
„Die wichtigste Aufgabe der Kirchen in Europa ist es, gemeinsam das Evangelium durch Wort und Tat für das Heil aller Menschen zu verkündigen. Angesichts vielfältiger Orientierungslosigkeit, der Entfremdung von christlichen Werten, aber auch mannigfacher Suche nach Sinn sind die Christinnen und Christen besonders herausgefordert, ihren Glauben zu bezeugen.“

Das Dokument fährt aber fort und entfaltet einen zweiten Aspekt:

„Ebenso wichtig ist es, dass das ganze Volk Gottes gemeinsam das Evangelium in die gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein vermittelt wie auch durch sozialen Einsatz und die Wahrnehmung von politischer Verantwortung zur Geltung bringt.“

Mit anderen Worten: Die Sendung in die Welt - die missio dei - ist keineswegs auf Evangelisation im engeren Sinne beschränkt. Denn ein weiterer wesentlicher Aspekt tritt hinzu: Es geht um die Wiedergewinnung, den Rückgewinn des öffentlichen Raums im pluralistischen, postsäkularen Europa – mithin eine Landnahme eigener Art, eine virtuelle Landnahme.
Ich sehe die Aufgabe der Kirchen, der Christen darin, in den öffentlichen Diskurs, in den kulturellen, geistigen, politischen Raum auszugreifen – europaweit.

Allzu lange, allzu leicht ließen wir uns in den Privatbereich verbannen, pflegten wir unseren Glauben im Verborgenen, huldigten wir einem Quietismus Von Augustinus stammt ein schönes Bild: Der Mensch sei „incurvatus in se ipse“, in sich selbst hineinverkrümmt.

Dieses Bild möchte ich auf die Kirche übertragen. Wir brauchen keine in sich selbst hineinverkrümmte Kirche, die nur Nabelschau betreibt. Wir sollten dem teils auferlegten, teils selbstgewählten Zug zur religiösen Individualisierung entgegentreten, wir sollten der gegenwärtigen Tendenz zur Selbstsäkularisierung und „Selbstlaizisierung“ wehren.

Es geht mithin um eine Umorientierung: Weg von der Privatisierung des Religiösen hin zur Teilnahme am öffentlichen ethischen und politischen Diskurs.

Lassen wir uns dabei nicht einschüchtern. Wie die französischen Bischöfe - allem Laizismus zum Trotz - die Atomversuche auf dem Mururoa-Atoll kritisierten, wollte sie ein General mit den Worten in die Schranke weisen „Messieurs, kümmern sie sich um das Seelenheil ihrer Gläubigen“.

In Thüringen habe ich Beispiele der von uns geforderten Landnahme vor Augen: Die Segnung eines Feuerwehrhauses bei dessen Einweihung. Oder die Öffnung der kirchlichen Räume hin zur Gesellschaft anlässlich des Gutenbergdramas.

Blicken wir wieder nach Europa. Die neue Europäische Verfassung ermöglicht den Kirchen die Teilnahme am europaweiten Diskurs – ein außerordentlicher Erfolg. Sicher, es gibt keine Anrufung Gottes in der Präambel, bedauerlicherweise. Aber darin wie Kardinal Ratzinger einen Selbsthass des Abendlandes zu sehen, ginge zu weit. Hat Europa nun die Nabelschnur zur Religion endgültig zertrennt? Europa ohne Gott? Nein.

Denn zum einen formuliert die Präambel der Europäischen Verfassung:

„Schöpfend aus den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas, deren Werte in seinem Erbe weiter lebendig sind und die die zentrale Stellung des Menschen und die Unverletzlichkeit und Unveräußerlichkeit seiner Rechte sowie den Vorrang des Rechts in der Gesellschaft verankert haben“ – ein Bekenntnis zu den fortwirkenden, lebendigen religiösen Wurzeln Europas

Zum anderen lautet Art. 51 - in dem Kapitel „Das demokratische Leben der Union“ - wie folgt:

„Die Union pflegt in Anerkennung der Identität und des besonderen Beitrags der Kirchen und religiösen wie weltanschaulichen Gemeinschaften einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit ihnen.“

Damit können die Kirchen und wir Christen mitreden, mitbestimmen auf den ethischen Konfliktfeldern der Zukunft. Anhand der Debatten im Grundrechtekonvent - der europäischen Wertegemeinschaft im Labor - vermag man diese Konfliktfelder zu umreißen:

Erstens stehen Ausmaß und Rang der Solidarität in Frage. Dabei geht es vor allem darum, das europäische Sozialmodell zu sichern. Weiter stellt sich angesichts zunehmender Rechtszersplitterung die Aufgabe, ein europaweit gültiges Leitbild von Ehe und Familie zu finden. Was ist etwa mit der Homosexuellenehe, können Homosexuelle auch Kinder adoptieren? Schließlich und vor allem stehen die drängenden Probleme der Biopolitik zur Klärung an. Ich erinnere hier nur an den Konflikt um die EU-Förderung der Embryonenforschung und an die Euthanasiedebatte, hervorgerufen durch den schlimmen Missbrauch der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden und in Belgien.

Der durch die Verfassung institutionalisierte Dialog mit den Kirchen vermag so als ethisches Frühwarnsystem zu dienen. Die Kirchen - wir Christen - können als Salz Europas und als Garanten der Menschenwürde wirken. Ich zitiere noch einmal aus der Charta Oecumenica:

„Auf unserem europäischen Kontinent zwischen Atlantik und Ural, zwischen Nordkap und Mittelmeer, der heute mehr denn je durch eine plurale Kultur geprägt wird, wollen wir mit dem Evangelium für die Würde der menschlichen Person als Gottes Ebenbild eintreten und als Kirchen gemeinsam dazu beitragen, Völker und Kulturen zu versöhnen.“

Ich sehe hier auch eine wesentliche Rolle des deutschen Protestantismus – der sich ohnehin im Aufbruch befindet. Nach dem Gewohnheits- und Schicklichkeitsprotestantismus der Nachkriegszeit, nach dem Kirchentagschristentum scheint eine dritte Phase des deutschen Protestantismus anzubrechen. Eine Phase, bei der die Rückbesinnung, die Konzentration auf das geistliche Kerngeschäft mit einem selbstbewußten Auftreten in der Öffentlichkeit einher geht.

Und das selbstbewußte Auftreten tut not! Denn nur so kann die Kirche als Stimme der Schwachen, der Ohnmächtigen zu Gehör kommen. Schließlich sind auch die Adressaten des Evangeliums nach Matthäus gerade die “geringsten Schwestern und Brüder”. Ihre Integration, ihre Würde - um heutige Begrifflichkeiten zu gebrauchen - stehen im Vordergrund. Ihrer Ohnmacht sollten wir eine Sprache geben.

Und damit kommen wir zu einem letzten Gesichtspunkt: Die Macht der Ohnmacht. Wir kennen sie alle, die Filmaufnahmen, die die Nazis von einigen Schauprozessen erstellen ließen. Wir haben Bilder vor Augen: Die Angeklagten, die in tiefster Ohnmacht vor Freisler standen. Generäle, die Offiziere des 20. Juli, die ihre schlotternden Hosen mit beiden Händen festhalten müssen, weil man ihnen die Gürtel weggenommen hat. Die mutigen Schulfreunde von der Klosterschule Roßleben, und die Geschwister Scholl, junge Studenten in Todesangst.

Und doch! Ein Freisler konnte es nicht verhindern, dass die Ohnmacht der Angeklagten so zu Wort kam, dass sie die entwürdigende Aufführung überdauerte und zu eigener Größe heranwuchs. Heute sehen wir die Schauprozesse als eindrucksvolle Zeugnisse für das Unrecht, das “Richter” im Namen des Volkes gesprochen haben. Die damalige Machtinszenierung richtet heute die, die sie aufführen ließen. Das ist die Macht der Ohnmacht.

Die Macht der Ohnmacht eines Paul Schneider, des Predigers von Buchenwald. Am 18. Juli 1939, heute vor 65 Jahren, durch eine Überdosis Strophantin zum Schweigen gebracht, ein Mann, der das NS-Unrechtsregime aus tiefer religiöser Überzeugung heraus strikt ablehnte. Weder der Arrest im sogenannten Bunker von Buchenwald noch Folter konnten ihn davon abhalten, das Wort Gottes zu verkündigen.

Gott will in dieser Schöpfung und für die ganze Menschheit das Heil wirken. Christen stehen mithin auf der Seite der Menschen, die um die Anerkennung ihrer Würde ringen. Wir können uns dabei davon stärken und anspornen lassen, was uns Jesus Christus verspricht: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende”. Im Vertrauen auf diese Zusage können wir es wagen, der Ohnmacht eine Sprache zu geben. Die Kirche als Ort, an dem die Ohnmacht eine Sprache findet.

Amen.