Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,8

Pfarrerin Heike Bausch (ev)

24.04.2011 in der evangelischen Versöhnungskirche zu Salmünster-Bad Soden

Ostersonntag 2011

Die Auferstehung beginnt mit dem Aufatmen

Und sie gingen eilends weg vom Grab

mit Furcht und großer Freude!“

 

„Glauben Sie, dass Jesus auferstanden ist? Glauben Sie das wirklich?“ Hinter der Frage meiner Schülerinnen und Schüler steckt die Unsicherheit, ob sie der Botschaft von der Auferstehung trauen sollen oder nicht. Ob sie einer Kirche trauen sollen, die diese Botschaft verkündigt – zu Ostern und immer dann, wenn ein Mensch gestorben ist und wir hoffen, dass das Leben auch da noch eine Zukunft hat.

 

Die Schülerinnen und Schüler wollen genau wissen, wie ich mir die Auferstehung vorstelle. Danach werden sie entscheiden, ob sie diese Botschaft lockt und ob sie vorsichtig-zögernd versuchen möchten, sich in ihrem Leben mit Hilfe der Osterbotschaft besser zurechtzufinden. Klar zu kommen mit dem Tod des Großvaters, der einem von ihnen so viel bedeutete. Mit dem Tod der Mutter und dem täglichen Schmerz, dass sie nicht mehr da ist. Mit dem Wissen um die Mutter, die woanders lebt und ihr erwachsen werdendes Kind nicht begleiten möchte.

 

„Wie ist das mit der Auferstehung? Glauben Sie das wirklich? Was können Sie mir dazu sagen – mir, die ich das nicht glauben kann, weil das Leben mir etwas Anderes erzählt?“ In der Klasse herrscht gespannte Erwartung. Wird sie uns auch vertrösten auf eine weit entfernte Ewigkeit, von der man hofft, dass sich die Toten dort einst wieder begegnen werden? Wird sie drum herum reden und behaupten, dass man das nur glauben müsse, was da in der Bibel steht, dann wird’s schon werden?

 

Insgeheim rechnen die jungen Leute damit, das zu hören, was sie schon so oft gehört haben: Dass das Leben weitergeht nach dem Tod! Dass Jesus auferstanden ist und deswegen die Toten genauso auferstehen werden. Die Schülerinnen und Schüler möchten das schon gerne glauben! Doch diese Gedanken sind für sie nicht nachvollziehbar. Tot ist tot – das haben sie erlebt! Die Aussicht auf eine Auferstehung irgendwann auf wunderbare Weise am Ende der Zeit – die hilft ihnen jetzt nicht weiter.

 

Jesus lebt – aber wie und wo? Die Toten sind nicht im Grab – aber wie und wo sind sie dann? Das Leben ist bunt und weit und schön – aber meine Verlassenheit fühlt sich an wie ein dunkles, schwarzes Loch.

 

„Gibt es eine Auferstehung? Und wenn ja – wie stellen Sie sich das vor?“ Es ist still in der Klasse, als ich zunächst einmal sage, was auch ich nicht glaube.

 

Ich glaube nicht, dass Jesus nach seinem Tod in sein altes Leben zurückkehrte. Ich glaube nicht, dass der auferstandene Christus durch eine verschlossene Tür ins Wohnzimmer kam und plötzlich als eine weiß gekleidete Lichtfigur vor den erstaunten Jüngerinnen und Jüngern auf und ab gegangen ist. Ich glaube nicht, dass Gott dem irdischen Leben Jesu eine weitere, kleine Lebenszeit von 40 Tagen hinzufügte, so dass er das Sterben und den Tod noch einmal vor sich hätte, so wie wir das Sterben und den Tod vor uns haben. Nein, an die Wiederbelebung eines Toten glaube ich zu Ostern nicht!

 

Ich spürte, mit dieser Antwort hatten die Jugendlichen nicht gerechnet. Das machte sie aufmerksam. So nahm ich sie mit auf einen Weg. Den mitzugehen, lade ich Sie heute am Ostermorgen ein. Der Weg beginnt mit der durch die unerwartete Antwort entstandenen, gespannten Stille. Gibt es eine Auferstehung?

 

Das fragten sich auch die beiden Frauen in der Stille des Ostermorgens auf dem Weg zum Friedhof in Jerusalem. Das hatten sie ebenfalls gehört, dass Jesus auferstehen werde. Jesus hatte selbst davon gesprochen. Sogar von einem Wiedersehen hatte er geredet. Sie würden das schon gerne glauben. Aber vorstellen konnten sie sich das nicht. Zu stark waren die Bilder des Todes, die sich drei Tage zuvor in ihre Seele eingegraben hatten.

 

Und nun war Jesus im Grab, mit Erde bedeckt – in diesem Fall mit einem Felsbrocken davor. Totensicher sozusagen, denn da kommt keiner raus! Weil das Grab aber ein Ort der Nähe zu dem Toten ist, gingen die Frau hin.

 

Es gibt Menschen, die reden dort mit dem, um den sie trauern. Andere gehen enttäuscht wieder weg von einem Grab, weil sie da nichts finden von dem, dem sie nahe sein wollen. Genau das ist die Erfahrung der beiden Frauen am Ostermorgen in Jerusalem. Der, dem sie nahe sein möchten, der ist nicht da in dem Grab – so sehr sie auch suchen in ihrem Kopf und in ihrem Herzen. Da ist nichts. Da stellt sich auch nichts ein – solange sie auch stehen vor dem Grab, den Stein betrachten und die Blumen und den Namen und das Datum. Ihn hier zu suchen, ist vergebene Liebesmüh. Erschrocken merken sie: „Das Grab schickt uns weg!“

 

Was sich in den Geschichten vom Ostermorgen in Jerusalem so anhört, als wenn alles in Minutenschnelle klar gewesen wäre, hat in Wahrheit seine Zeit gebraucht. Die Ostergeschichten sind Erfahrungsgeschichten, die in einer Zeitraffer erzählen, was geschehen ist.

 

Ich stelle mir vor, dass das Erschrecken die Frauen in Bewegung brachte. Es gibt Menschen, die sind starr vor Schreck, wenn etwas passiert ist, – im ersten Moment. Aber dann löst sich der Schrecken, dann muss sich der Schrecken lösen, damit eine Zukunft entsteht. So denke ich mir die Befindlichkeit der Frauen des Ostermorgens auf dem Weg weg vom Grab, in dem sie ihn nicht gefunden hatten.

 

Wo er war? Diese Frage stellte sich den Frauen nicht. Es wird nirgendwo berichtet, dass Jesus einem Gespenst gleich auf dem Friedhof hin und her gelaufen sei. Und dennoch haben die Frauen später erzählt, sie hätten den Herrn gesehen. Vorher hätte ein Engel ihnen gesagt, dass er auferstanden sei.

 

Was haben sie gesehen? Und was ist das mit dem Engel? „Ich glaube“, sagt ein junges Mädchen in der 10. Klasse, „dass auch in mir ein Engel steckt! Nun muss ich schauen, wie ich für einen anderen Menschen zum Engel werden kann!“

 

Ich stelle mir vor, dass es ein Mensch war am Grab, der den Frauen diese Erfahrung voraus hatte, dass man einen gestorbenen Menschen nicht auf dem Friedhof finden kann. Sondern dass man losgehen muss, um seine Spuren dort zu finden, wo er gelebt hat. Die Worte, die er sagte; die Zeichen der Liebe, die er gab. Sie leben weiter- mit dieser Aussicht schickt der Bote Gottes die Frauen zurück ins Leben!

 

Und weil sie das nicht erwartet hatten, fürchteten sie sich so wie alle Menschen sich fürchten vor der veränderten Zukunft, wenn ein Mensch gestorben ist. Zugleich atmeten die Frauen auf, weil sie spürten, dass das Leben weiter reicht als die Bilder des Todes, die noch in ihrer Seele brannten.

 

Ich glaube, der erste Schritt auf dem Weg von der Osterbotschaft hin zum Osterglauben ist das Aufatmen. Weil der Tod des Opas auch eine Erlösung war. Weil die Spuren der Mutter unvergänglich sind. Weil das schwarze Loch des Verlassenseins nur ein Teil des ganzen Lebens ist.

 

Genau in dem Augenblick, in dem sich die Hoffnung zerschlägt, den gestorbenen Menschen auf dem Friedhof zu finden, leuchtet ein Satz in den Gedanken der Frauen auf: „Fürchtet euch nicht!“ Wie oft hatten sie diese Worte von ihm gehört! Mit ihnen klingen auf einmal alle Worte des Lebens mit, alle Worte des Trostes und der Zuversicht, die Worte der Liebe, die für sie zum tragenden Grund ihres Lebens geworden waren. „Fürchtet euch nicht!“

 

Jesus hat seine Worte oft mit Bildern aus seiner Welt verbunden – mit dem Wasser des Sees, mit den Blumen auf dem Feld und mit den Vögeln unter dem Himmel oder mit den Weizenkörnern in der Erde des Ackers. Deswegen eilten die Frauen schließlich zu diesen Orten zurück. Auch dort werden sie ihn nicht finden. Was sie aber in Galiläa finden werden, ist die Fülle der Lebensmöglichkeiten, auf die Jesus sie immer wieder aufmerksam gemacht hatte. Was sie in Galiläa finden werden, ist die Weite des Lebens – trotz der großen Trauer, die sie erfüllt. Weil sie das suchen und ahnen, rennen sie los.

 

Als Sinnbild für die Auferstehung hat Jesus das Bild von den Weizenkörnern besonders gerne gemocht. „Mit der Auferstehung“, sagte er, „ist es wie mit einem Weizenkorn! Mit mir wird es sein wie mit einem Weizenkorn! „In eurem Leben ist es immer wieder so wie mit einem Weizenkorn! Es sieht klein und trocken aus, es ist wie tot – niemand kann glauben, dass daraus noch etwas wird! Selbst wenn Ihr es in die Erde legt – erst einmal wird nichts passieren! Das ist wie im Leben! Alles, was aussieht und sich anfühlt wie tot, lässt keinen Menschen glauben, dass da noch etwas werden kann. Jeder Abschied, jedes schwarze Loch erzählt davon.

 

Doch dann ist es wie mit dem Weizenkorn. Nach Tagen des Wartens geht die Saat auf. Gleichsam über Nacht wächst der Weizen. Frisch und hell leuchtet der grüne Halm.[1] „Mit der Auferstehung“, sagt Jesus, „ist es wie mit einem Weizenkorn!“ Mit jeder Auferstehung, die mit einem Aufatmen beginnt. Das haben die Frauen am Ostermorgen gesehen. Nein, nicht einen wiederbelebten Toten haben sie gesehen. Sie haben mit dem inneren Auge ihrer Seele gesehen, dass es ein neues Leben nach der Todeserfahrung gibt.

 

Jesus lebt, weil seine Zeichen und seine Worte unvergesslich und ewig sind. Das Leben der Frauen wird künftig von seinen Worten und von seinen Zeichen erzählen. Da geschieht eine doppelte Auferstehung. Die Trauernden stehen auf zum Leben und der, der gegangen ist, lebt weiter durch sie. Und bei Gott, das glaube ich auch, da sind die Toten geborgen. Wie? Das überlasse ich gerne Gott.

 

„Wie ist das mit der Auferstehung? Glauben Sie das wirklich? Wir sind miteinander einen Weg gegangen von der Osterbotschaft hin zum Osterglauben. Der beginnt mit einem Aufatmen. Ich glaube, dass Jesus Christus auferstanden ist. Ich glaube, dass er weiterlebt in den Herzen derer, denen seine Worte und seine Zeichen Lebenshilfen sind. Das eine Wort zum Beispiel: „Fürchtet euch nicht!“

 

Ich glaube an die Auferstehung mitten im Leben! Ich glaube, dass Gott die für jeden und für jede bereit hält. Auch nach dem Tod des Opas, der ihm so viel bedeutete. Nach dem Tod der Mutter, deren Spuren ewig sind. Nach dem dunklen Loch des Verlassenseins, aus dem die Seele aufersteht. Es ist wie mit dem Weizenkorn!

 

Amen.[2]

 


[1] An dieser Stelle habe ich einen kleinen Blumentopf gezeigt, in dem die frischen, grünen Halme des Weizens leuchteten, die ich einige Tage zuvor ausgesät hatte.

[2] Während des folgenden Predigtliedes haben meine Konfirmandinnen und Konfirmanden kleine Tütchen mit ein paar Weizenkörnern an die Gottesdienstbesucherinnen und –besucher verteilt.