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Predigt über Matthäus 4,1-11

Pfarrer Dr. Reinhard Junghans

09.03.2003 in Leipzig

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

(Röm 1, 7)

Stilles Gebet

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht."
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): "Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt."
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen."
Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen."
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
Der Herr segne an uns dies Wort!

Liebe Gemeinde!

Wie würden Sie auf die Fragen des Teufels antworten? Natürlich würden Sie und ich der Versuchung widerstehen, da wir die Geschichte kennen. Aber vergessen wir doch einfach einmal, dass es der Teufel ist, der die Fragen stellt.

Wir kennen die Hungersnöte dieser Welt. Wie kennen auch die Nöte der Menschen hier in unserem Land. Wie oft haben wir schon gebetet, dass alle Menschen satt werden sollen. Wie oft haben wir Gott schon das Leid der Menschen geklagt. Nun bietet sich die einmalige Gelegenheit an, diese Probleme zu lösen. Harte Steine gibt es in dieser Welt genug und harte Herzen ebenso. Da kommt nun jemand und kann uns glaubhaft machen, er kann Abhilfe schaffen. Die harten Steine werden zu Brot. Die gelinderte Not schafft in den Menschen weiche Herzen. Es bleibt einem schwer vorstellbar, wie dies alles geschehen soll. Aber ist es dennoch nicht ein Versuch wert? So eine Gelegenheit auszulassen, dass kann man doch nicht machen. Wenn es schief geht, bleibt die Welt so, wie sie ist. Also kann man bei so einem Experiment nichts verlieren. Oder doch?

Zu warten, bis sich das Gute durchsetzt und bis alle Gebete erhört sind, erfordert viel Ausdauer. Deshalb ist die Versuchung groß, dem Guten ein wenig mit Gewalt nachzuhelfen. Nur dieses eine Mal soll ein gewaltsames Wunder dem Guten auf die Sprünge helfen und dann wird alles gut. Dann braucht das Gute die Gewalt nicht mehr.

Ich weiß nicht, wer Ihnen so einfällt, wer solche Gedanken vertreten hat oder vertritt. Mir fällt es schwer Namen zu nennen, nicht, weil ich keine wüsste, sondern weil ich ehrbare Persönlichkeiten neben Diktatoren stellen müsste. Das Gewaltrecht des Guten hat schon immer Fromme und Unfromme, Linke und Rechte begeistert. Schließlich ist die Sehnsucht, dass der Mensch gut werde, dass die Verhältnisse gut werden, in denen Menschen leben, sehr tief in uns Menschen verankert. Da entfaltet sich schnell eine kleine Logik, um sein Gewissen wegen der Gewalt zu beruhigen. Nur eine kleine Zwischenetappe des Kampfes wird es geben, aber dann kommt das lang ersehnte Paradies für alle. Dann gibt es Brot für alle, dann gibt es für alle alle lebensnotwendigen Dinge, dann gibt es das Gute für alle.

Das Paradies kam bis jetzt noch nicht trotz vielversprechender prophetischer Worte und verheißungsvoller politischer Reden. Für die Menschen war es am besten, wenn man Gott am Ende das Gewaltrecht für das Gute beließ. Dann versuchten Menschen Wege der Barmherzigkeit und des Friedens zu gehen. Wenn sich Menschen dieses Gewaltrecht des Guten anmaßten, endete es für viele Unschuldige in einer Katastrophe. Schließlich gingen die Anschauungen dann doch sehr weit auseinander, worin eigentlich das Gute besteht.

Die Geschichte von der Versuchung Jesu ist eine Geschichte von der Allmacht Gottes. Es ist eine Geschichte, die im ersten Moment für uns sehr enttäuschend ist. Gott bzw. Jesus Christus setzt seine Allmacht nicht ein, um all unsere äußeren und inneren Sorgen zu lösen. Wir stellen immer noch verzweifelt die Fragen: Warum müssen in dieser Welt so viele Menschen verhungern, wenn es doch einen guten Gott gibt? Warum gibt es immer noch Kriege, wenn es doch einen barmherzigen Gott gibt? Warum muss ich jung an einer schweren Krankheit sterben, wenn mir doch der Segen Gottes verheißen ist? Warum? Warum? Warum? Was würden wir nicht alles dafür hergeben, um diese Fragen nicht stellen zu müssen.

Jesus antwortet auf das Angebot, aus Steinen Brot zu machen, mit einem Bibelwort aus dem Alten Testament: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht." Im ersten Moment ist darauf schnell gekontert, wie ein Hungriger vom Wort Gottes satt werden soll. Aber diese Bibelzitat greift ein Mann auf, der sich vom Wort Gottes leiten ließ, der seinen Leidensweg angenommen hat.

Jesus hat die konkreten Nöten seiner Mitmenschen nie mit frommen Worten heruntergespielt, sondern ihre Ängste und Sorgen ernst genommen. So verlangt die Warum-Frage nicht in erster Linie eine vernünftige und rationale Antwort, sondern das Ernstnehmen der konkreten Leidenssituation. Aber Jesus ist nicht dabei stehen geblieben, sondern hat mit dem helfenden Wort Gottes Menschen einen neuen Weg eröffnet, ganz konkret durch die Heilung ihrer Gebrechen, aber eigentlich vielmehr im Glauben. Das Wort Gottes ließ Menschen neue Schwergewichte in ihrem Leben setzen, sodass sie etwas von der Barmherzigkeit und dem Frieden Gottes für ihr ganz persönliches Leben aufgriffen. Das Leid war dann zwar immer noch da, aber durch das Wort Gottes gab es eine starke Hoffnung, die das Leben lebenswerter macht.

Die Versuchungsgeschichte Jesu berichtet Matthäus gleich nach der Taufe Jesu. Jesus verzichtet auf die Allmacht Gottes und sein Leidensweg endet am Kreuz in der Ohnmacht des allmächtigen Gottes. An der Spannung zwischen der Allmacht und der Ohnmacht Gottes sind schon die Jünger verzweifelt. Petrus versucht seinen Meister mit dem Schwert zu befreien. Es war falsch, er wird von Jesus persönlich vermahnt. Verzweifelt ziehen sich die Jünger am Ende zurück. Erst mühevoll begreifen sie, dass diese Ohnmacht, keine Ohnmacht der Schwäche ist, sondern eine selbst gewählte Ohnmacht, damit den Menschen ihre Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und Böse erhalten bleibt. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass ein Mensch der sich freiwillig für das Gute entscheidet, dieses ganz anders verteidigen wird, als ein Mensch, der dazu aus welchen Gründen auch immer gezwungen wurde.

Wenn Jesus seine Macht genutzt hätte, um aus seinem Leidensweg auszusteigen oder wenn seine Jünger ihn befreit hätten und er irgendwann einmal gestorben wäre, wäre er für uns heute bestenfalls ein interessanter jüdischer Lehrer. In der Ohnmacht am Kreuz eine Stärke Gottes zu entdecken, die stärker ist als der Tod, ließ die Glaubenden darauf vertrauen, dass Gott mit ihnen einen guten Weg vor hat. Dieser Gott schwebt nicht irgendwo im Himmel, sondern nimmt das Leiden hier auf Erden ernst. Er wird die Menschen nicht mit seiner Allmacht erdrücken, sondern mit seiner Liebe zu einem neuen Leben befreien. Diese Glaubenshoffnung hat damals wie heute Christen stark gemacht, gegen weltliche Allmachtsansprüche aufzutreten.

Dass Jesus in der Versuchungsgeschichte auf die Wundermacht Gottes verzichtet, bedeutet nicht, dass er sich alles gefallen lässt oder die Dinge des Lebens ebenso laufen lässt, wie sie geradeso laufen. Schließlich schickt er am Ende der Geschichte den Teufel mit deutlichen Worten fort. Jesus schmeißt an anderer Stelle die Geldwechsler aus dem Tempel. Aber von diesem Machteinsatz erwartet Jesus nicht, dass der Teufel auf einmal fromm wird oder die Geldwechsler zu Kirchgängern werden. Aber diese Macht scheint nötig, damit der Glaube nicht verfremdet wird und äußere Freiräume hat, sich in guter Weise zu entwickeln.

Wenn es jedoch um die innere Entwicklung des Glaubens geht, bietet Jesus nur das vergebende und barmherzige Wort Gottes an. Wer dieses Wort annimmt, wird der Versuchung nicht erliegen, mit Gewalt Gottes Reich auf Erden zu erzwingen, sondern er wird mit friedlichen, aber auch deutlichen Mitteln zwischen Menschen und Völkern Frieden stiften. Das Gute wird nur von Dauer sein, wenn es auch mit guten Mitteln durchgesetzt wird. Ohne ein freiwilliges inneres Bekenntnis wird es am Ende keinen festen Glauben geben, der bereit ist, sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in dieser Welt und bei seinen Mitmenschen einzusetzen.

Auch wenn die Versuchungsgeschichte Jesu unbefriedigend ist, weil sie nicht die schnelle Antwort auf die Probleme dieser Welt bietet, so eröffnet sie dennoch einen Weg. Es ist ein langer Weg mit viel Entbehrung, mit Rückschlägen und Niederlagen. Aber es ist der einzige Weg, der zu einem wahrhaftigen Frieden führt. Jesus Christus ist dieses Weg vorausgegangen und hat uns versprochen, uns auf diesem Weg mit seinem Segen zu begleiten.

Die Ohnmacht Gottes bedeutet nicht in erster Linie, sich alles gefallen zu lassen und die anderen gewähren zu lassen. Die Ohnmacht Gottes ist vielmehr eine Einladung, auf Macht zu verzichten. Für die betroffenen Menschen ist es ziemlich gleich, ob jemand seine Macht missbraucht, weil er vorgibt, für das Gute zu sein, oder weil er seinen eigenen Vorteil sucht. Machtmissbrauch geschieht in der großen Politik, aber genauso in Beruf und Familie. Dort, wo Machtmissbrauch zurückgedrängt wird, dort kann sich auch die freie Entwicklung des Menschen entfalten. Dort fällt es leichter, Gutes zu tun und segensreich für die Mitmenschen zu wirken.

Wir kennen die Geschichte der Versuchung Jesu und meinen zu wissen, wie wir uns verhalten würden. Aber bei den Versuchungen unseres Lebens steht nicht von vornherein ein großes Schild aufgestellt, dass uns auf eine Versuchung hinweist. Versuchungen beginnen mit augenscheinlich guten Argumenten, die man problemlos teilt. Es gehört ein gutes Stück Glaubens- und Lebenserfahrung dazu, in den Versuchungen des Lebens einen klaren Blick auf Jesus Christus zu behalten. Nicht umsonst heißt es im Vater unser "versuche uns nicht in Versuchung". Wobei diese Bitte noch einen neuen Gedanken aufwirft, dass auch Gott selbst uns versucht. Darauf gehe ich ein anderes Mal ein.

Vielmehr will ich noch zum Schluss darauf verweisen, dass Matthäus nicht zufällig die Versuchungsgeschichte nach der Taufe Jesu erzählt. Damit unterstreicht er eine Wirkung der Taufe. In der Taufe schenkt uns Gott seinen Segen, der uns zu einem Kind Gottes macht. Gott begleitet uns mit diesem Segen auch in den Versuchungen unseres Lebens. Selbst wenn wir diesen Versuchungen erliegen, so können wir uns immer wieder an unseren Vater im Himmel wenden. Sein Segen wird stärker sein als die Mächte dieser Welt und uns durchs Leben führen und selbst einmal durch den Tod hindurch zu seiner Herrlichkeit. Darauf dürfen wir als Getaufte vertrauen und darauf unser Leben wagen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus!
(Phil 4, 7)

Amen