Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 4,1-11

Dr. Klaus Michael Führer

in St. Annen/ Annaberg - Sonntag „Invokavit“ 2009

Anmerkung: Mit diesem Gottesdienst wurde die 16. Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ auf sächsischem Terrain eröffnet. Im Gottesdienst (mit russischen Elementen) wurde vor der Predigt von Projekten dieser Aktion erzählt. Da die Vorstellung eines Projektes – durch eine Frau aus der Ukraine – sehr eindrücklich war, wurde in der Predigt darauf verzichtet, weitere konkrete Beispiele für Gewissensentscheidungen zu nennen. Um ohne viele Erklärungen zu verdeutlichen, dass auch die Unterstützung (oder Nichtunterstützung) der vorgestellten Projekte wirklich eine freie Entscheidung ist, wurde die Kollekte dieses Sonntags nicht auch gleich für Osteuropa gesammelt.

Jesu Versuchung
1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

„Führe uns nicht in Versuchung.“ So lautet eine der Vaterunser-Bitten. Und weil in diesem wichtigsten Gebet der Kirche selbstverständlich Gott als Vater angesprochen wird, liegt auf der Hand: Es kann durchaus der Geist Gottes sein, der Menschen in Versuchung bringt.

„Sage mir, in welchen Versuchungen du gesiegt hast, und ich werde dir sagen, was an dir ist.“  Dieser flotte Spruch macht deutlich: Die konkrete Kenntnis der Versuchungen dient der Menschenkenntnis. Ich behaupte sogar: Nur wer weiß, wo ein bestimmter anderer Mensch seine Versuchungen zu bestehen und seine Kämpfe durchzustehen hat, kennt ihn wirklich.

Nicht selten werden Versuchungen in Wüstenzeiten erlebt. Wüsten wirken - oberflächlich betrachtet – oft einsam und leer. Doch wer Wüsten selbst erlebt hat, kann hinterher aus Erfahrung bezeugen, dass Wüsten jedenfalls keine leeren Räume sind. Oft bieten Wüsten geradezu unheimlich viele Begegnungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt die mit sich selbst.

Wer wir selbst sind und was wir wirklich zum Leben brauchen, erfahren wir nur, wenn wir zumindest von Zeit zu Zeit auf Ablenkungen und Überflüssiges verzichten. D. h.: Wüsten- und Fastenzeiten können uns helfen, wesentlich zu werden.

Die Frage, was wir wirklich zum Leben brauchen, dürfen wir nicht dauerhaft verdrängen. Aber ehrlich beantworten können wir sie nur, wenn wir zeitweise auf vermeintlich Wichtiges und offensichtlich Nebensächliches verzichten.

Es liegt eine große Weisheit in der Entscheidung, dem Rhythmus des Kirchenjahres zu folgen und z. B. die vorösterliche Fastenzeit zu nutzen, um auszuprobieren, was der Erfüllung unseres Lebens möglicherweise im Wege steht bzw. was dem wahrhaft reichen Leben tatsächlich dient.

Wir feiern heute den ersten Sonntag in dieser Fastenzeit. - Empfängst Du ein dementsprechendes Signal? Oder ist Deine Lebenszeit schon längst egalisiert durch ganzjährigen Pfefferkuchen- und  Ostereiergenuss?

Auch wenn wir uns Versuchungen nicht wünschen, werden sie uns nicht erspart bleiben. Allerdings sind die Versuchungen genau so unterschiedlich wie wir Menschen.

Insofern gibt es keine eindeutigen Kriterien: „Das ist eine Versuchung. Und das ist eine gute Chance.“ Was für den einen Menschen eine Versuchung darstellt, muss es für den anderen Menschen nicht sein.

Echte Versuchungen lassen sich dennoch erkennen, nämlich daran, dass sie mich zu Handlungen verführen wollen, von denen ich jetzt schon ahne, dass sie sich als ungut herausstellen werden.

Das „Organ“, mit dessen Hilfe Versuchungen als solche entlarvt werden können, ist das Gewissen. Und ein wesentlicher Sinn regelmäßiger Bibellektüre ist z. B. der, dass dieses Bibellesen das Gewissen sensibilisiert oder schärft. Regelmäßiges Beten tut das auch.

„Gewissensfragen“ verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit, auch wenn sie bei unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich aussehen können. – Der eine Mensch verweigert aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe. Der andere geht aus Gewissensgründen als Soldat in ein Krisengebiet.

Eine beliebte Angriffsfläche des Teufels bei Christenmenschen ist das Gewissen. Aus seiner Perspektive ist es am besten, man hat keins. Und wenn man schon ein Gewissen hat, dann sollte es eben zum Schweigen gebracht werden.

In unserer Gesellschaft werden nicht selten mehrheitsfähige Meinungen dargestellt als etwas, was allein dadurch schon richtig sein muss. Da heißt es dann: „Das machen doch alle so! Mach’ Dir da keine Platte! [sprich: kein „schlechtes Gewissen“]“

Reiner Kunze, ein großartiger, inzwischen 76 Jahre alter Dichter unserer Tage, erzählte bei seinem Besuch in Annaberg vor wenigen Tagen von einem Ei, dass er als Kind auf einem fremden Bauernhof gefunden hatte. Dieses Ei brachte er froh über seinen Fund zu seinem Großvater, der mit seinem Enkelkind unterwegs war. Der Großvater nahm das Ei dem kleinen Reiner ab, brachte es in die Küche des Bauern und sagte seinem Enkel nur: „Mir sei ehrliche Leit.“

Was alle tun, ist noch lange nicht richtig. Die Einladung, mit dem Strom zu schwimmen, kann eine Versuchung sein.

Nun ist es wenig sinnvoll, beschreiben zu wollen, was für einzelne Menschen alles zur Versuchung werden kann: Sattheit, Reichtum, Umdeutungen von Geschichte, das Einrichten in Lebenslügen…

Unsere Versuchungen sind weithin abhängig von unseren Lebensumständen: Ein gewissenhaftes Leben in Weißrussland [1] wird vermutlich in anderen Bahnen verlaufen als ein gewissenhaftes Leben mitten in Deutschland.

Am ehesten legt sich nahe, die Versuchungen Jesu, von denen Matthäus schreibt, zu vergleichen mit den Versuchungen, denen die  Kirche als „Leib Christi“ ausgesetzt ist:

Dort, wo sich die Kirche um ihrer wirtschaftlichen Existenz willen dem Staat anbiedert, erliegt sie der ersten Versuchung. – Höchste Priorität muss auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der kirchliche Auftrag haben, die oft unbequemen Botschaften Gottes zum Ausdruck zu bringen.

Das gilt hinsichtlich des Volkes. Und das gilt auch im Blick auf die politischen Machthaber. Denn: Die Kirche lebt nicht von ihren Einnahmen, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.

Zweitens: Die Versuchung, etwas zu tun, was den Massen imponiert, begleitet fast unvermeidlich den so genannten Öffentlichkeitswillen der Kirche. Und es ist nicht immer die Zinne des Tempels, sondern manchmal nur eine Tribüne oder ein Rednerpult, wo uns der Teufel demagogische Mittel empfiehlt.

Die Kirche hat aber ein für allemal nicht durch die Triumphpforten der Massenversammlung, sondern durch die enge Pforte der Bekehrung ihren Weg zu suchen. Und nur auf diesem Weg begleiten und beschützen uns die Engel Gottes.

Drittens: Jeder Wille zur Macht birgt in sich die Gefahr, den „Teufel der Taktik“ anzubeten. Das in unserem Zusammenhang zu findende griechische Wort für „anbeten“ könnte auch übersetzt werden mit „anhündeln“.

Dieses Wort gibt es eigentlich nicht. Und doch verstehen wir es auf Anhieb: Wir sollen uns nicht wie ein Hündchen von Machtgelüsten an die Leine legen lassen.

Wenn wir als einzelne Menschen z. B. in Wüsten- und Fastenzeiten uns von Gott das Gewissen immer wieder schärfen lassen, dann haben wir seine Engel zur Seite.

Wenn wir als Kirche unser Vertrauen auf Gott setzen, sein Wort verkündigen und seinen Willen tun, dann haben wir Zukunft.

 

[1] In diesem Gottesdienst waren Freundinnen und Freunde aus Osteuropa zu Gast.