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Predigt über Matthäus 4,1-11

Dr. Pfarrerin Gisela Natt (ev)

17.02.2013 in Bad Emstal-Sand

Predigttext: Mt 4,1-11

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde!

Heute ist der erste Sonntag in der Passionszeit. Und Gott sei Dank wird diese Zeit auch heute noch ein bisschen so begangen wie sie gemeint ist: als eine Zeit, in der wir etwas zurück fahren; nachdenklicher werden; Besinnung halten auf das, was Jesus für uns getan hat.

Dabei begehen wir diese Passionszeit in evangelischer Weise als eine Zeit des Verzichts. „7 Wochen ohne“ heißt es für viele. Sie üben sich im Verzicht auf lästige Angewohnheiten. Die einen verzichten darauf, Schokolade oder Chips zu essen; die anderen verzichten auf Fernsehen oder auf Computerspiele. Oder auf Zigaretten und Wein. Wieder andere wollen die Zeit sehr viel bewusster begehen.

Abstand finden zu dem Gewohnheitstrott; Abstand finden zu dem, was scheinbar soo notwendig ist. Weil es scheinbar überhaupt nicht mehr ohne geht. Und doch die eine Stimme deutlich in ihnen sagt: es soll nicht länger so sein.

7-Wochen-ohne, 7 Wochen bewusster Verzicht heißt aber auch sich selbst einmal austesten, sich selbst begegnen und schauen, ob wir das überhaupt schaffen und durchhalten, was wir uns so vornehmen. Diese Fastenzeit ist eine Übung, und oft ein kleines Abenteuer mit sich selbst.

Und wie sieht dieses Abenteuer aus? Da ist zunächst ein Wille, ein Ich, das sagt: Ich lasse mich nicht mehr verführen – vom abendlichen Fernsehprogramm; von den Computerspielen, die mir so viel Freizeit rauben.

Ich will stark sein, Ich will durchhalten, ich will nicht immer wieder schwach werden, wenn ich Schokolade liegen sehe. Oder wenn andere Wein trinken, dann will ich „Nein“ sagen. Ich bleibe stark. Ich lasse mich doch nicht von Essen und Trinken verführen, ich bleib tapfer.

So das Vorhaben – und dann das Experiment. Der Abend vor dem Fernseher. Der Gedanke an die Tüte Chips. Dabei dem Gedanken läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen. Naja, und schon ertappen wir uns dabei wie wir mit uns reden. „Ach, diese eine Mal. Heute vielleicht noch mal, nur ein bisschen naschen.“ Und ehe wir uns versehen werden wir schwach. Und schwupps ist die halbe Tüte Chips leer.

Eigentlich nicht so schlimm – oder vielleicht doch? Was das Essen oder das Trinken betrifft, ist es wirklich meist nicht schlimm. Trotzdem trifft uns so eine kleine Versuchung. Sie nagt nämlich an unserem Ich. Wir haben uns mal wieder versuchen und verführen lassen. Mist, und eigentlich wollten wir doch Stand halten.

Aber wir merken auch, worauf Versuchungen wirklich abzielen. Auf unser Ich. Sie wollen uns überrumpeln. Sie wollen uns irgendwie klein machen: den Geist, dieses, was in uns sagt „das nehme ich mir vor, das will ich wirklich.“

Je dringlicher und ernsthafter der Wunsch eines Verzichtes ist, umso gravierender erleben wir es, wenn wir wieder gepackt wurden. Bei unserer Verführbarkeit. Irgendwas über uns herrscht, was wir bei Verstand nicht wollen.

Ja, da kann man sogar traurig werden über sich selbst. Denn es hat was mit der eigenen Selbstachtung zu tun. Weil wir wieder nicht widerstehen konnten, selbst wenn es um recht belangloses Dinge geht.

Und wenn es um Gewichtiges geht, dann kann das schon richtig an einem nagen, diese Erfahrung: ich habe mich nicht im Griff.

Darum geht es bei den Versuchungen nicht so sehr um das Leibliche. Vielmehr treffen sie den Geist, das, was wir selbst so in uns sind.

II

Nun hören wir zu Beginn der Passionszeit von der Versuchung Jesu. Nein, nicht 7-Wochen-ohne, so ein kleiner, selbstgewählter Verzicht. Sondern Jesus trifft auf Versuchungen, die seine Gotteskindschaft angreifen will.

Jesus wird vom Geist in die Wüste geführt. Vierzig Tage und vierzig Nächte – eine ganze Passionszeit lang – ist er dort, und es hungert ihn.

Das ist die erste Versuchung. Der Körper meldet sich mit einer ganz eigenen Kraft. Hunger, der an den Lebensnerv geht, Hunger, der Menschen verändern kann, dass sie wie von Sinnen sind. Das hat nichts mehr mit kleinen Versuchungen zu tun, sondern mit einer allergrößten. Weshalb auch Brecht einmal sagte: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Gegen den Hunger, der ihn quält, soll er doch einfach das tun, was er als der liebe Sohn Gottes kann – nämlich Steine in Brot verwandeln. Und die Versuchung spricht so vom Brot, dass der Geschmack direkt zu spüren ist. Ach, ist doch nur ein kleiner Schritt. Sieht doch keiner, wenn er schnell diesen einen Stein in Brot verwandelt und isst.

Doch damit nicht genug. Gleich darauf die nächste Verführung. Jesus wird auf die Zinnen des Tempels der Stadt Jerusalem geführt. Wieder diese Verlockung. Als Gottes Sohn ist ihm doch alles möglich. Dem geliebten Sohn wird Gott doch beistehen. Wenn er sich in die Tiefen stürzt, dann werden doch die Engel kommen und ihn auffangen.

Nicht, weil Jesus vielleicht Lust an Sprüngen in die Tiefe hätte, ist diese Aufforderung eine Verlockung. Sondern weil hier Jesu selbst erproben könnte, ob Gott tatsächlich hält, was er dem lieben Sohn versprochen hat, nämlich immer und stets mit ihm zu sein.

Jesus wird versucht, Gott zu erproben; Gott austesten, ob er es tatsächlich so meint, wie er es sagte. Diese Frage zielt auf Verunsicherung. Sie nährt den Zweifel. Vielleicht braucht er dieses Experiment, sich von den Zinnen zu stürzen um zu sehen, dass Gott seine Engel schickt und ihn auffängt.

Oder wie wir das bei Kindern kennen, wenn sie mit dem Fuß aufstampfen: ‚Jetzt musst du aber halten, was du mir versprochen hast! Sonst hast du mich nicht lieb.‘

Schließlich die dritte Versuchung. Alle Reichtümer der Welt könnten ihm gehören, was für eine Aussicht. Ansehen, Macht, Geld, was immer man sich wünschen mag – für eine kleine Geste, den Teufel anzubeten. Was kann man eigentlich mehr wollen, alleiniger unangefochtener Herrscher der Welt zu sein!

III

Versuchungen locken, zielen auf unsere innere Stabilität und wollen uns zum umfallen bringen. So soll auch Jesus auf die Probe gestellt werden, ob er nicht schwach wird angesichts so viel verlockender Angebote: Macht zu haben und Ansehen in größtmöglicher Form. Die Menschen werden ihm zu Füßen liegen,

Er wird der alleinige Herrscher auf Erden sein können und braucht dann den lieben Gott nicht mehr. Er kann sich selbst an Stelle Gottes setzen!

Und das vor dem Hintergrund, dass er doch Gottes lieber Sohn ist, sodass ihm Gott alles verzeihen wird.

Vielleicht können wir etwas erahnen, was hier für Jesus auf dem Spiel steht. Als Gottes Sohn, ausgestattet also mit der Macht Gottes, soll er diese für sich nutzen. Er soll doch sowie an Gottes Stelle handeln, warum also nicht gleich Gott selbst werden. Warum warten, bis Gott ihm den Willen kund tun? Lieber gleicht in die Tat umsetzen, was Jesu Wille ist.

Was für eine große Versuchung! Eine Versuchung, die sagt, es macht doch keinen Unterschied ob du nun Gottes Sohn bist oder selbst der Gott auf Erden – jedenfalls sieht den keiner.

IV

Warum geht Jesus darauf nicht ein? Warum entgegnet er den Versuchungen – hier Teufel genannt – mit diesen Antworten: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern vom Wort Gottes! Und: Du sollst Gott, deinen Herrn nicht herausfordern oder auf die Probe stellen. Und dann zum Schluss: Scher dich weg du Satan!

Warum tut er das? Er tut es für uns. Denn er weiß, Gott hat ihn auf die Erde geschickt, damit wir in ihm einen Staken an unserer Seite haben. Jesus bleibt darum stark im Geist und in der Kraft. Er lässt nichts zwischen sich und Gott kommen, sodass er uns in allen Situationen die große Hilfe ist.

Er hält diesen Verlockungen Stand, damit nichts zwischen ihn und den Vater kommt. Er setzt sich den Verlockungen zur Wehr, ist stark im Geist, und kann nun da für uns stark sein, wo wir einknicken.

V

Fastenzeit, 7-Wochen-ohne: Ich danke, wir brauchen diese kleine Übung des Verzichtens, um überhaupt zu erahnen, was wirkliches Inneres durchhalten bedeutet. Wenn wir immer nur tun, was uns in den Sinn kommt, wenn wir also nie die eigenen Widerstandskräfte erproben, dann ermessen wir die Tiefe dieser Probe Jesu nicht.

Darum will die Passionszeit uns einüben, auch wenn 7-Wochen-ohne eine kleine Spielwiese ist: wie weit und wie lange kann ich mich an meine eigenen Grundsätze halten.

Wir können dabei erfahren, wie gut es tut, wenn man es schafft. Ich kann das. Das macht glücklich, das macht stolz und das macht frei.

Wir dürfen aber auch entdecken, das da ist einer, der die wirkliche Stärke des Geistes hat. Jesus Christus. Gottes Sohn.

Denn die großen, die wirklichen Anfechtungen gibt es auch. Krankheit, Leiden, seelische Not. Oder Neid und Missgunst, Hadern und alles, was menschliche Beziehungen zutiefst zerstört. Oder wenn ich an die Christen in Afrika denke, die ihren Glauben nicht leben dürfen. All das führt uns permanent an unsere Grenzen, will uns klein machen, auch im Geist, dass wir uns und Gott aufgeben.

Aber wir wissen, auf Christus können wir uns verlassen. Er wird uns von seiner Kraft geben, er wird mit seiner Kraft zu uns kommen. Er ist ein starker Fels, an dem wir uns aufrichten. Seine Stärke hat er dem Teufel gegenüber bewiesen. Christus, der fällt nicht um.

Und wenn es doch über uns kommt, dann lasst uns seinen Rat befolgen, wie er es im Garten Gethsemane seinen Jüngern sagte: „Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt.“

Das Gebet ist unsere Hilfe, das innige Gebet. „Vater unser im Himmel, helfe, und bewahre uns.“ Und der, der das Böse mit Kraft vertrieben hat, der wird uns helfen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen…