Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 4,17

Markus Beile (ev.)

17.01.2009 in Allensbach

Barack Obama

Der Countdown läuft. Seit Tagen beherrscht das Thema die Medien. Auch im Südkurier, unserer regionalen Tageszeitung, wird täglich davon berichtet und eine große Erwartungshaltung aufgebaut: Barack Obama wird neuer Präsident der Vereinigten Staaten. Am Dienstag wird er offiziell vereidigt. Die Vorbereitungen laufen schon seit Wochen. Am Ablauf ist lange gefeilt worden. Viele Ehrengäste werden sich einfinden, ein buntes Begleitprogramm soll für Stimmung sorgen. Die Vereidigung, das ist ein Medienspektakel, das uns alle in den Bann zieht. Mit großer Spannung erwartet nicht nur die Bevölkerung der USA, sondern die ganze Welt auf die ersten Worte, die Barack Obama als gewählter Präsident an die Bevölkerung richten wird.

Im Mittelpunkt unserer Gottesdienstes steht der erste öffentliche Auftritt Jesu. Seine ersten Worte, die er an das Volk Israel richtet. Zu diesem Zeitpunkt dürfte er wohl zwischen dreißig und vierzig Jahre alt sein, genau wissen wir es nicht.

Sein erster öffentliche Auftritt, verglichen mit dem ersten öffentlichen Auftritt Barack Obamas: Da fallen erst einmal die großen Unterschiede ins Auge: Barack Obama ist kein unbeschriebenes Blatt: Um Präsident zu sein, muss man sich im Wahlkampf entsprechend positionieren, und das hat Obama ja durchaus eindrucksvoll gemacht. Wir kennen ihn also schon ein wenig, seine Ansichten, seine Vorhaben. So ein Wahlkampf kostet eine ganze Menge, viele Millionen Dollar muss ein Präsidentschaftskandidat mobil machen, sonst hat er keine Chancen, gewählt zu werden. Viele Berater umgeben ihn, sagen ihm, was er sagen soll, was bessser nicht, und vor allem, wie er es sagen soll. Man will ja keine Wählerschichten verprellen. Ein zukünftiger Präsident darf sich im Wahlkampf keine Blöße geben, sonst hat er von Vorneherein verspielt.

Jesu erster öffentlicher Auftritt hingegen vollzieht sich eher im Verborgenen. Noch ist Jesus unbekannt. Die Geschehnisse um seine Geburt, die Weihnachtsgeschichten, sind erst im Nachhinein erzählt worden. Doch selbst bei den Evangelisten, die von ihnen erzählen, fällt danach gleich wieder der Vorhang. Über die nächsten 30 Jahre erfahren wir so gut wie nichts. Erst kurz vor seinem ersten öffentlichen Auftritt hören wir, dass Jesus sich von Johannes dem Täufer taufen lässt. Die allermeisten haben das nicht mitbekommen. Und so ist Jesus, als er ins Rampenlicht der Öffentlichkeit tritt, ein Unbekannter. Wer er ist, worum es ihm geht, was seine Botschaft ist: Das alles weiß eigentlich niemand.

Bei Barack Obama warten viele Millionen, welche Worte er als Präsident der Vereinigten Staaten sagen wird, bei Jesus stehen sie nicht Schlange.
Auf der anderen Seite: Heute, 2000 Jahre später, nennen sich fast 2 Milliarden Menschen nach ihm Christen. Selbst wenn Barack Obama den hohen Erwartungen gerecht werden kann, ob in 2000 Jahren seinen Namen noch jemand kennt außer ein paar Geschichtsprofessoren?

Die ersten Worte Obamas als Präsident: Wir sind gespannt auf sie. Unter welches Motto wird er seine Präsidentschaft stellen? Welche Ideen, welche Pläne wird er ansprechen? Noch kennen wir die Worte nicht, die er wählen wird. Die ersten Worte Jesu, die er in der Öffentlichkeit sagt, sind uns hingegen überliefert. Eigentlich ist es nur ein einziger Satz. Aber dieser steht gleichsam als Überschrift für alles das, was er noch sagen und tun wird. Wie werden diese Worte wohl lauten?

  (Zwischenmusik)



Nun habe ich Sie hoffentlich neugierig gemacht, welche erste Worte Jesus wählt, als er in die Öffentlichkeit tritt. Nach dem Matthäusevangelium lauten sie so: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“

Mit diesen Worten beginnt Jesus seine öffentliche Wirksamkeit. Sie sind wie ein Motto, Überschrift und Zusammenfassung zugleich von dem, was er danach sagen und tun wird. „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“

Vielleicht sind Sie jetzt ein bisschen enttäuscht, haben sich etwas Großartigeres und Beeindruckenderes vorgestellt. Wenn es Ihnen so geht, dann liegt das, so behaupte ich, daran, dass wir nicht mehr unmittelbar verstehen, was mit diesen Worten gemeint ist. Für den Evangelisten Matthäus waren diese Worte sicherlich das Großartigste und Berichtenswerteste, was er uns von Jesus mitteilen kann. In diesen Worten war für ihn alles Wesentliche eingeschlossen.

Vielleicht gelingt es mir heute, Ihnen den Sinn dieser Worte so aufzuschließen, dass Ihre Augen zu leuchten beginnen und Sie ein bisschen erahnen, was die Menschen damals an Jesus fasziniert hat und heute immer noch fasziniert.

„Das Himmelreich“ – diese Worte steht im Zentrum der ersten Worte Jesu. Und dieses Wort steht auch überhaupt im Zentrum der Verkündigung Jesu.

Was der Evangelist Matthäus „Himmelreich“ nennt, bezeichnen die anderen Evangelien als „Reich Gottes“. Was ist das, das Himmelreich oder das Reich Gottes?
Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Jesus hat nie genau definiert, was das Reich Gottes ist. Er hat dazu Geschichten erzählt, Worte geformt, Gleichnisse gebildet und entsprechend gehandelt. Alle diese Worte und Taten Jesu sind wie Mosaiksteinchen, die zusammengesetzt ein Bild erahnen lassen von dem, was mit dem „Reich Gottes“ gemeint ist.
Ich gebe ein paar Beispiele: Wo Hungernde gesättigt werden, Durstigen zu trinken gegeben, Kranke versorgt, Fremde ins Haus aufgenommen und Leute im Gefängnis besucht werden, dort ist das Reich Gottes, sagt Jesus. Wo ein reicher Zöllner ausgeschlossen wird aus der Gemeinschaft, da geht Jesus zu ihm hin und lässt sich von ihm einladen. Zu den Blinden, Lahmen, Aussätzigen ist er hingegangen, zu denen, bei denen alle anderen einen großen Bogen machten. „Selig“, sagte Jesus einmal, „selig sind die geistlich Armen - gemeint sind die demütigen, mutlosen und verzweifelten Menschen -, denn ihnen gehört das Himmelreich“.  
Reich Gottes, Himmelreich, das ist dort, wo Gott seine Herrschaft aufrichtet, wo Gottes Traum einer anderen Welt, einer versöhnten, erlösten Welt für alle Wirklichkeit wird. Das war Jesu zentrale Botschaft. Die Menschen haben später von Jesus gesagt: In ihm ist Gott selbst erschienen, damit dieser Traum nicht verloren geht.  

Gottes Traum einer versöhnten, erlösten Welt - das ist etwas ganz anderes als die Werte, die uns heutzutage immer mehr bestimmen: Wir teilen den Wert der Menschen danach ein, wie gut sie aussehen, was sie verdienen, was sie leisten, wie viel sie besitzen. Da gibt es bei uns die, die im Rampenlicht stehen, und die anderen, für die sich keiner interessiert. Die, denen die Paparazzi nachstellen, um möglichst ein interessantes Foto von ihnen zu schießen, und die, von denen niemand umsonst ein Foto machen würde. Die Gewinner und Verlierer. So ist es heute, und so war es damals auch.

So gesehen war Jesu Ankündigung des Reiches Gottes damals eine Provokation, genauso wie für uns heute. Kein Wunder, dass man ihn zur Strecke brachte. Der Traum Gottes einer anderen, einer versöhnten, erlösten Welt durchkreuzte damals die eingeschliffenen Sichtweisen und Einteilungen genauso wie er es heute tut. Und auf der anderen Seite: Ist diese Welt nicht zugleich die Welt, von der wir insgeheim alle träumen? Wo es keinen Streit mehr gibt? Keinen Hass? Keine Schuldgefühle, die uns plagen? Ist diese Welt es nicht wert, dass wir uns für sie einsetzen, mit allem, was wir haben?

Das Reich Gottes oder das Himmelreich: Ich kenne keine großartigere, bemerkenswertere, schönere Vision, für die es sich zu leben lohnt. Was sind dagegen schon Geld, Ansehen, Schönheit, Macht? Mit solchen Ne¬bensächlichkeiten hat Jesus sich nie beschäftigt.

Dieses Himmelreich oder Reich Gottes, dieser Traum einer erlösten, versöhnten Welt, sagt Jesus, „ist nahe“. Das ist also nichts, was erst im Jenseits beginnt, nichts, das irgendwann erst in weiter Zukunft Realität wird. Es ist nahe. Beginnt jetzt schon, wenngleich seine völlige Durchsetzung noch aussteht.
Im Kleinen, sagt Jesus, fängt es an und vergleicht das Reich Gottes mit dem Senfkorn, dem kleinsten unter den Samenkörnern. Von dort aus wächst es unaufhörlich weiter, wie ein Virus, der alle ansteckt, bis dieser große Traum einmal überall Wirklichkeit geworden ist. Dabei sind viele Hindernisse zu überwinden. Das größte Hindernis dabei sind – wir selbst. Unser Egoismus, unser Gewinnstreben, unsere Geltungssucht, unser In-Uns-Verkrümmt sein, wie Luther es nennt.

Deswegen sagt Jesus bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nicht allein: „Das Himmelreich ist nahe“, sondern: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ Das größte Hindernis sind wir Menschen selbst. Wo wir Menschen uns verändern, umkehren von unseren Irrwegen, da kann Großes geschehen.

„Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ Das sind die ersten Worte Jesu in der Öffentlichkeit. In diesem Worten ist alles beschlossen, wofür er gelebt hat und gestorben ist. Doch dieser Traum einer veränderten Welt hat sich nicht kreuzigen lassen, ganz im Gegenteil, er hält immer mehr Menschen in Atem. Jeder von uns ist aufgerufen, an dieser großen Vision einer veränderten Welt mitzuwirken - nicht zuletzt auch Barack Obama, der nächste US-Präsident.