Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,23-24

Merle Fromberg-Beeck

27.01.2002 im Meldorfer Dom

Viele Gedanken und Situationen zum Thema Streit sind uns in diesem Gottesdienst begegnet. Jeder von uns könnte aus eigener Erfahrung noch etliche Beispiele hinzufügen. Konflikte umgeben uns, nehmen Raum in unserem Leben ein, manchmal mit, manchmal ohne unser Dazutun.

Und wie es bereits anklang, ist streiten nicht unbedingt falsch. Auseinandersetzungen können durchaus natürlich und nützlich sein. Gott hat uns als Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Überzeugungen, Wünschen und Ansichten geschaffen. Die von Gott gegebene Vielfalt ist gut. Jeder wird von Gott geliebt.
Streit entsteht da, wo Unterschiedlichkeit offenbar wird.
Streiten bedeutet aber nicht zwangsläufig, einen schwachen Glauben zu haben oder ein schlechter Christ zu sein. Wir befinden uns als Streiter sogar in guter Tradition. Denn: war nicht Jesus selbst ein gewaltiger Streiter? Ihn brachte sein energisches und kompromißloses Eintreten für die Wahrheit ans Kreuz.
Und wie war es mit unserem Kirchenbegründer Martin Luther? Statt als normaler, angepaßter Augustinermönch und Theologieprofessor zu leben, wich auch er einem streitbaren Leben nicht aus. Der Streit, den er auslöste, führte damals zur Kirchenspaltung. Heute zu einem vertieften Verständnis des Evangeliums über die Konfessionsgrenzen hinaus.
Und wie steht es mit Dietrich Bonhoeffer und mit Cato Bontjes van Beek, nach denen dankenswerterweise kürzlich zwei Straßen in Meldorf benannt wurden? Beide waren in ihrer Zeit unbequeme Streiter, die sich kompromißlos gegen die Denkmuster des dritten Reiches aussprachen und selbst unter größter Lebensgefahr nicht von ihrem Streiten für die Wahrheit und Menschlichkeit ließen. Für beide Christen endete dieses Streiten schließlich mit dem Tod durch die Nationalsozialisten.
Zugegeben. Die Streitformen, denen wir im Alltag begegnen, sind eher anderer Art:
Zum einen erleben wir den konstruktiven Streit. Er bringt Bewegung und neue Einsichten, ermöglicht Impulse, fördert Kreativität und kann Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einander näher bringen.
Und zum anderen kennen wir die schlechtere Variante, den destruktiven Streit. Er zerstört die Gemeinschaft durch menschliche Schwächen wie Neid, Selbsterhöhung, Selbstgefälligkeit und Engstirnigkeit.
Die Konflikte in unserem Alltag entstehen häufig durch diese menschlichen Schwächen, aber auch aus Mißverständnissen und fehlender Kommunikation.

Wie gehen wir nun mit Streitigkeiten um?
Grundsätzlich haben wir drei verschiedene Möglichkeiten, auf einen Streit zu reagieren:
Entweder wir antworten mit Verdrängung. Unangenehmes wird nicht ausgesprochen.
Oder mit Aggression. Ungehemmt drücken wir unsere Wut aus.
oder aber mit Versöhnung. Wir nehmen den Anderen an.
Verdrängung verfälscht den Frieden.
Aggression bricht den Frieden.
Aber Versöhnung schafft Frieden.
Versöhnung und Frieden, das ist es, was Gott von uns will und das ist es, was Jesus in der Bergpredigt seinen Jüngern und uns heute mit auf den Weg gibt, wenn er sagt:
Wenn du nun deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dort in den Sinn kommt, dass dein Bruder etwas wider dich hat, so laß deine Gabe dort und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar.

Wir finden diese Worte Jesu in den Versen 23 und 24 im 5. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Mein 6-jähriger Sohn legte neulich diese Bibelstelle auf seine Weise aus, ohne sie zu kennen. Wir sahen in den Nachrichten den militärischen Schlag eines Landes auf Gebiete eines anderen. Darauf sagte er: "Warum streiten die denn und machen Krieg? Die müssen sich doch nur einigen, sonst gehören die nicht zu Gott."
Sich einigen, sonst gehört man nicht zu Gott. Das Kind hat, so scheint es scheint mir, den Sinn unseres Predigttextes getroffen.
"Versöhne dich zuerst mit deinem Bruder und dann komm und bring deine Gabe dar." Was Jesus hier sagt, ist in der Tat äußerst radikal.
Er warnt uns vor einer falschen Frömmigkeit. Wir sollen aufpassen, dass unsere Bekenntnisse keine Lippenbekenntnisse werden. In die Kirche gehen, mit frommen Liedern, Gebeten und Kollektengaben Gott gefallen wollen, aber im Herzen Groll tragen. Wir sollen uns nicht aufgrund unserer Worte und Gaben für fromm halten. Wir sollen nicht - wie es von dem Pharisäer im Gleichnis gesagt wird - , vor den Altar treten und sagen: "Herr, ich bin froh, dass ich nicht so bin wie dieser Sünder", aber in Wirklichkeit tragen wir die Sünde, den Unfrieden direkt in unserem Herzen. Gott verlangt mehr von uns als äußerliche Gaben und Zeichen. Er verlangt innere Umkehr, denn nur wer reinen Herzens ist, darf nach Psalm 24 auf des Herrn Berg geh`n.
Und gerade hier, bei der Vergebung - muß ich gestehen - fühle ich mich ertappt. Zuweilen beschleicht mich Unbehagen, wenn ich beim "Vater unser" sage: "und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Denn: wenn Gott mir so vergäbe, wie ich meinen Schuldigern vergebe, dann hätte Gott wahrscheinlich schon ein paarmal sagen müssen: "Nun gut, Merle. Ich verzeihe dir, aber laß uns ein bißchen auf Abstand gehen."
Wenn sich Gott mir gegenüber so verhalten würde, wäre ich schockiert und verzweifelt. Aber Gott reagiert nicht so. Statt dessen schenkt er mir durch Jesus Christus völlige Vergebung. Bin ich meinem Nächsten dann nicht auch mehr schuldig als halbherzige Vergebung?
Unsere Beziehung zu Gott kann nur gut sein, wenn auch unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen in Ordnung ist. Bleiben wir unseren Mitmenschen etwas schuldig, so bleiben wir Gott etwas schuldig. Und mehr noch : auch uns selbst bleiben wir etwas schuldig. Denn Bitterkeit, Ärger und Verletzung fressen sich wie ein Krebs in unsere Seele. Unversöhntheit, auch wenn sie noch so gut verdrängt wird, lastet schwer auf unserer Seele, macht unglücklich und krank. Ich denke, jeder von uns trägt in irgendeiner Weise solche Last der Unversöhntheit mit sich herum.
Gott aber liebt jeden einzelnen von uns Menschen. Er möchte nicht, dass wir uns gegenseitig und uns selber solche Last, solche Mühsal aufladen. Jesus ruft uns zum Versöhnen auf. Indem wir vergeben, befreien wir unseren Nächsten "wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben". Und wir befreien auch uns selbst. Unsere Seele wird frei von Bitterkeit und Groll. Wir erlangen eine große innere Freiheit, einen inneren Frieden.

So konnte Dietrich Bonhoeffer, nach seinem stillen Gebet, ruhig die Stufen zum Galgen betreten. Und die 22-jährige Cato konnte, unmittelbar nach dem Todesurteil, ihrer Mutter schreiben: "Ich habe keinen Groll, sondern liebe die Menschen bis zuletzt, alle, alle."

Unsere Entlastung und unser Seelenfrieden sind Gott so wichtig, dass dabei die Schuldfrage in den Hintergrund tritt. In dem Jesuswort bleibt die Frage nach dem Schuldigen bewußt offen. Egal, ob wir schuldig geworden sind oder ob uns jemand Schuld zugefügt hat: wir sollen den ersten Schritt tun und Versöhnung suchen. "geh hin und versöhne dich mit deinem Bruder", sagt der Text. Konflikte müssen ausgesprochen, gesühnt und aus der Welt geschaffen werden.

Gott hat uns seinen Sohn nicht gesandt, weil unter uns Menschen alles so friedlich zugeht. Er kam, weil wir es bitter nötig haben. Unsere Sünde schreit zum Himmel. Wir bleiben den Menschen neben uns Tag für Tag Liebe und Vergebung schuldig. In dem Maße, wie sich ein Graben zwischen uns Menschen auftut, schaffen wir auch einen Graben zwischen Gott und uns. Mit Gedanken, Worten und Taten sind wir täglich dabei, diesen Graben zu vertiefen.
Verdrängung verfälscht den Frieden und macht uns krank.
Aggression bricht den Frieden und macht uns krank.
Allein Versöhnung schafft Frieden, befreit uns, aber fällt uns maßlos schwer.
Wir sollten uns sagen: Was ist das, was wir unserem Nächsten vergeben, gegen das, was Jesus uns durch seinen Kreuzestod vergeben hat? Er macht uns vor, wie man vergibt. Er, der sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, wird für unsere Sünden ans Kreuz geschlagen und sagt im Angesicht des Todes: "Vater vergib ihnen".
Diesen Jesus sollten wir in unser Leben nehmen. Ihm nacheifern. Er hat uns mit Gott versöhnt, versöhnen wir uns miteinander.

Gönnen wir uns ein Ohr, offen auch für andere Meinungen. Ein aufmerksames Auge, dass im Nächsten einen von Gott geliebten Menschen sieht. Eine bedachte Zunge, die sich vor vorschnellem Urteil hütet und ein Herz, das durch alle Streitsituationen hindurch Respekt und Achtung dem Gegenüber entgegenbringt und Versöhnung sucht. Laßt uns dies tun. Für Gott, für unseren Nächsten und für uns selbst. Nicht nur heute, sondern ein Leben lang.
Wir können dann auf eine Verheißung hoffen, die Jesus am Anfang der Bergpredigt ausspricht. Modern übersetzt lautet sie:
Gott liebt die Menschen, die Frieden stiften. Gerade sie wird er seine Kinder nennen.

Amen.