Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,3-10

Siegmar Beer

13.11.2009 in der katholischen Kirche „Zu den Hl. Schutzengeln“ in Eichenau

Eichenauer/Allinger ökumenisches Friedensgebet in der ökumenischen Friedensdekade

Eichenauer/Allinger ökumenisches Friedensgebet in der ökumenischen Friedensdekade

Motto: „Mauern überwinden“

 

  Schriftlesung (Mt 5,310)

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

 

  Kurze Stille

 

  Instrumentalmusik (kurz, meditativ)

 

●  Predigt zu den Seligpreisungen – mit Bildmeditation

 

Liebe Schwestern und Brüder,

in der Schriftlesung haben wir soeben gehört, dass Jesus uns Menschen unter acht Aspekten die Seligkeit verheißt. So sind selig

1.      die vor Gott geistig-geistlich Armen,

2.      die Leidtragenden, Trauernden,

3.      die Sanften, die keine Gewalt anwenden,

4.      die nach Gerechtigkeit Strebenden,

5.      die Barmherzigen,

6.      die reinen Herzens sind,

7.      die Friedensstifter und

8.      die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten.

 

Nun brauchen wir Menschen immer wieder Bilder und Symbole. Und so hat sich das Christentum schon vor langer Zeit auch für die acht Seligkeiten ein Symbol gewählt – das achtspitzige Johanniter- und Malteserkreuz. Bei diesem Kreuz haben die Balken an ihren vier Enden Einkerbungen, so ergeben sich acht Spitzen.

 

Das achtspitzige Kreuz wird auch heute noch von den Johannitern und Maltesern als Ordenskreuz verwendet. Natürlich liegt darin eine Aussage.

 

Die acht Seligkeiten stehen am Anfang der Bergpredigt Jesu, wie sie in den Kapiteln 5 bis 7 des Evangeliums nach Matthäus aufgezeichnet ist. Die Bergpredigt insgesamt enthält den Kern der Verkündigung Jesu. Man bezeichnet sie auch als das Grundgesetz des Reiches Gottes. Vom Reich Gottes war heute Abend schon die Rede, nämlich dass es gilt, einengende Mauern zu überwinden, um so Gottes Reich und dessen Frieden in unserer Welt und Zeit mehr Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Was hat es nun mit dem Reich Gottes auf sich – wann und wo wird es verwirklicht? Die Theologen sprechen hier vom „Schon-und-noch-nicht“. Das will heißen: Mit Jesus und seinem Wirken ist das Reich Gottes schon angebrochen und gegenwärtig, jedoch noch unvollendet. Die Vollendung des Gottesreiches wird erst durch einen neuen Schöpfungsakt Gottes geschehen. Deshalb beten wir im Vaterunser „Dein Reich komme“. – Im Neuen Testament wird das Reich Gottes auch als das neue, das himmlische Jerusalem bezeichnet.

 

Unser Auftrag ist es nun, im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten im „Schon“ des Gottesreiches aktiv für eine menschliche Gesellschaft einzutreten. Dabei müssen wir uns leiten lassen von der Nächsten- und Feindesliebe, die Jesus uns so nachdrücklich ans Herz gelegt hat; und wir müssen uns um die Grundhaltungen der Seligkeiten bemühen. Mit reinem Herzen und nach Gerechtigkeit strebend sollen wir Brücken zu unseren Nächsten bauen – gewaltfrei, barmherzig, friedenstiftend.

 

Was also kann der einzelne tun, um den von Gott ausgehenden Frieden in der Welt zu för­dern? Natürlich können und müssen wir für den Frieden beten, so wie wir es heute Abend wieder gemeinsam tun. Nun hat man einmal gesagt, wir müssten beten, als wenn alles Engagement nichts nützte, und wir müssten uns engagieren, als wenn alles Gebet nichts nützte. Also: Beten und Tun sind angesagt.

 

Und was ist zu tun? Eine gute Möglichkeit unter vielen ist es, eine oder mehrere der zahlreichen kirchlichen und humanitären Organisationen durch Spenden oder Mitgliedschaft zu unterstützen oder auch dort aktiv mitzuwirken. Wie arm wäre doch unsere soziale und religiöse Welt ohne das ehrenamtliche Engagement so zahlloser Mitmenschen! Doch all das muss in diesem Kreis wohl kaum besonders betont werden.

 

Betrachten wir nun das Bild auf der ersten Seite unseres Liedblattes.

 

Was stellt es symbolisch dar? Zwei Menschen haben es hier miteinander zu tun, einer blau symbolisiert, der andere gelb. Die Farben als solche sagen noch nichts aus; aber dass es unterschiedliche Farben sind, deutet an: Hier handelt es sich um zwei Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, mit unterschiedlichen Befindlichkeiten und Motivationen. Auch besteht zwischen den beiden ein gefühlter oder tatsächlicher Rangunterschied. Sie befinden sich nämlich nicht auf gleicher Augenhöhe, der linke Mensch hat eine etwas erhöhte Position.

 

Welche Personen und Situationen symbolisiert nun unser Bild beispielhaft? Geht es um das Miteinander von zwei Ehe- oder Lebenspartnern? Oder um ein Kritikgespräch zwischen Vater oder Mutter und Kind? Um das Gegenüber von Lehrer und Schüler? Um den Dialog zwischen Schalterbeamten und Antragsteller? Um die Kommunikation zwischen Inländer und Ausländer, zwischen Arm und Reich? Genug der Beispiele – alle möglichen zwischenmenschlichen Situationen kommen hier in Betracht – Situationen, in denen der Austausch, das menschliche Miteinander durch Mauern in den Köpfen und zwischen den Köpfen gehemmt oder gar unterbunden wird. Unser Bild symbolisiert diese Mauern durch ein Gewirr von unterschiedlichen Rechtecken.

 

Ist es nicht so, dass alle sichtbaren und unsichtbaren abgrenzenden und ausgrenzenden Mauern in unserer Welt ihren Ursprung in den Köpfen einzelner oder mehrerer Menschen haben? Was sind das für Mauern? In der großen Mehrzahl der Fälle handelt es sich um Vorurteile – genauer: um negative Vorurteile. Denn es gibt auch positive Vorurteile; diese helfen uns, das Leben zu erleichtern, weil wir ohne sie vor lauter Nachdenken und Prüfen nicht zum Handeln kämen. Auf unserm Bild geht es nun um negative Vorurteile – und wie wir sehen: um einen ganzen Wust von solchen Vorurteilen.

 

Was ist ein Vorurteil und wie entsteht es? Ein Vorurteil ist eine ohne ausreichende Prüfung der Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene Meinung. Vorurteile richten sich namentlich gegen einzelne Personen oder gegen Personengruppen, etwa wegen derer ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, wegen ihrer Hautfarbe, Weltanschauung oder Religion. Vorurteile sind emotional gefärbt und stark verallgemeinernd. Wir haben sie zumeist im Lernprozess unserer jungen Jahre von Personen mit Vorbildfunktion übernommen – etwa von Eltern, Erziehern, Lehrern.

 

Vorurteile sind nur schwer veränderbar. Da schreibt eine junge Frau im Brief an ihre Mutter:

 

»Menschen wie Du wollen ihre geliebten Vorurteile und Ängste nicht aufgeben. Als ich Dir meinen ausländischen Freund vorstellen wollte, hast Du Dich mit einer Deutlichkeit geweigert, die ich kaum begreifen konnte. Die Möglichkeit, etwas kennen zu lernen, was Du als fremd und bedrohlich in deiner Vorstellungswelt eingeordnet hast, wolltest Du nicht wahrnehmen. Fixiert auf Dein Weltbild ahntest Du vielleicht, dass es ins Wanken geraten könnte. Lieber nahmst Du in Kauf, Deine Tochter zu verstoßen und zu verlieren, als von Deinen Normen und Vorstellungen abzugehen. Auch die ausländischen Arbeiter und ihre Familien bleiben auf diese Weise die unbekannten, bedrohlichen, alles überflutenden Wesen.«

 

Soweit der Brief der jungen Frau. In der Tat: Vorurteile lassen sich nur schwer abbauen. Doch das müssen wir schaffen, wenn wir Mauern zwischen uns und unseren Mitmenschen überwinden und Brücken bauen wollen; wenn wir mit unseren Mitmenschen auf gleicher Augenhöhe umgehen wollen; wenn wir die Goldene Regel der Bergpredigt beherzigen wollen, die da lautet: »Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!«[1] Und ein Weiteres ist wichtig: Wir dürfen unsere negativen Vorurteile nicht an die nächste Generation weitergeben. All das kann uns nur mit Gottes Hilfe gelingen. »Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus.«[2] Das schreibt Paulus an die Philipper.

 

»Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, gib mir Mut zum ersten Schritt. Lass mich auf deine Brücken trauen, und wenn ich gehe, geh du mit.«[3]

 

Amen.

 

 

●  Kurze Stille

 

●  Lied: Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen … (EG Nr. 646, Str. 1–4)

 


[1]    Mt 7,12.

 

[2]    Phil 2,13.

 

[3]    Evangelisches Gesangbuch: Lied Nr. 646.