Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,43-48

David C. Bienert (ev.)

18.11.2009 in der Ev. Universitätskirche Münster

Buß- und Bettag

„Liebet eure Feinde!“

 

Liebe Bußtags-Gemeinde,

 

es ist nun zwanzig Jahre her, dass die Mauer in Berlin ihre trennende Funktion verlor und die verordnete Feindschaft zweier deutscher Staaten mitten in Europa ihr Ende fand. Ich war damals dreizehn Jahre alt – und anders als viele Prominente kann ich mich rückblickend nicht erinnern, wie ich jenen Tag persönlich erlebt habe. Ich weiß nur noch eines: Es war ein großes Medienereignis, dem sich niemand entziehen konnte – und die vielen echten Tränen, die vor den Kameras vergossen wurden, vermittelten mir einen Eindruck von der überwältigenden Kraft dieser Ereignisse. Das Wort von der „friedlichen Revolution“ in der DDR machte schnell die Runde und es hat sich in das Gedächtnis der Gegenwart eingegraben.

 

In den Jubiläumsfeiern und den zahlreichen Rückblicken dieser Tage wurde wiederholt auf die bedeutende Rolle der Kirchen hingewiesen. Die Montagsdemonstrationen und Mahnwachen in der Leipziger Nikolaikirche waren wichtige erste Schritte einer gewaltlosen Widerstandsbewegung, die sich auf weitere Städte ausbreitete und innerhalb von zwei Monaten die Maueröffnung in Berlin errang. Egal, ob hier Kerzen und Gebete gewirkt haben oder die Chöre auf der Straße mit den Schlachtrufen „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“ – für viele Christen in der DDR wie auch in der Bundesrepublik ist in dieser Wende eine Kraft ansichtig, die aus christlicher Hoffnung und Überzeugung erwuchs.

 

Wer Massen mobilisieren will, liebe Gemeinde, der braucht starke Worte und Visionen. Friedensaktivisten aller Zeiten haben daher eine Vorliebe für bildreiche Zitate entwickelt, mit denen sie Menschen ausgerüstet haben. Dies gilt auch für ein geflügeltes Wort der Friedensbewegung, das mir als prägnante Beschreibung eines Ethos der Gewaltlosigkeit bisher sympathisch erschien – der Satz: „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin.“ Der Satz ist prägnant und bedarf keiner Erläuterung, er spricht für sich selbst. Oder?

 

Von wem stammt eigentlich dieser Satz? Woraufhin ist er gemünzt? Bei der Suche nach seinem Ursprung stieß ich auf eine erstaunliche Geschichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Denn diese Geschichte führt uns mitten hinein in das Thema des heutigen Bußtages.

 

Dieses Zitat besitzt seinen literarischen Ursprung in einem 300 Seiten langen Gedicht des amerikanischen Dichters und Politikers Carl Sandburg aus dem Jahre 1936. Es trägt den Titel: „The People, Yes“ – „Das Volk, jawohl“. Und dieses Gedicht ist beileibe keine Friedenslyrik. Es ist vielmehr Literatur gewordene Kritik eines Mannes an der US-amerikanischen Gesellschaft zur Zeit der „großen Depression“, der Wirtschaftskrise. Überschrieben ist es als „eine Sammlung von Geschichten und Sprüchen, über die es nichts zu lachen gibt, vermischt mit Erinnerungsparaphrasen, der näheren Betrachtung wert, zusammen mit Redensarten und einem Garn aus Sorgen und Lachen gesponnen.“ Und wie der Titel des Gedichtes andeutet, hat der Autor eine Vision, es geht ihm um das Volk, als dessen Sprachrohr er sich versteht. Das hier durchschimmernde Pathos einer sozialistischen Utopie ist unverkennbar.

 

In diesem Gedicht lässt der Autor ein kleines Mädchen zu Wort kommen, das eine Militärparade betrachtet und sich erkundigt, was es damit auf sich habe. Sie erfährt: „Das sind Soldaten. Die sind für den Krieg. Sie kämpfen, und jeder versucht, so viele von der anderen Seite umzubringen, wie er kann.“ Da antwortet sie: „Ich weiß etwas: Sometime they'll give a war and nobody will come“, wörtlich übersetzt: „Eines Tages werden sie einen Krieg machen und niemand wird kommen.“ Es ist also die Utopie eines kleinen Mädchens, einer Stimme des Volkes. Dieser Satz geht allerdings unter in der seitenlangen, von einem düsteren, kulturpessimistischen Geist durchtränkten Gesellschaftskritik. So erfuhr er auch zunächst keine besondere Aufmerksamkeit.

 

25 Jahre später, im Jahre 1961 zitiert jemand in einem Brief an die Washington Post diesen Satz aus dem Gedächtnis, mit den Worten: „Suppose they gave a war and nobody came?“ („Stell dir vor, sie machten einen Krieg und niemand käme?“) und exakt diesen Wortlaut übernimmt fünf Jahre später eine amerikanische Journalistin: als Überschrift über einen Artikel, in welchem sie auf das Schicksal US-amerikanischer Kriegsdienstverweigerer aufmerksam machte, die wegen ihrer Überzeugung zahlreiche Unannehmlichkeiten, zum Teil jahrelange Gefängnisaufenthalte erleiden mussten. Ein Jahr zuvor waren die ersten amerikanischen Kampfeinheiten nach Vietnam geschickt worden, und es folgte eine Zeit, in der über Rechtmäßigkeit und Unrechtmäßigkeit der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik heftig gestritten wurde. Bald darauf avancierte dieser Spruch zum geflügelten Wort, das auch im deutschen Sprachraum Einzug hielt. Das Zitat aus einem sozialistischen Manifest wurde zum Schlagwort der Pazifisten. In vielerlei Hinsicht also eine Ironie der Geschichte, mag nun mancher denken.

 

Doch damit ist diese Geschichte noch nicht zu Ende. Kritiker fügten dem Satz eine kleine Ergänzung zu: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu dir.“ Und wenig später wurde dem so abgewandelten Satz ein Zitat von Bertolt Brecht an die Seite gestellt, das lautete: „Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

 

Ich halte fest: Ein kleiner Satz – eine erstaunliche Wendung: Durch leicht veränderte Wiedergabe zum Schlagwort erkoren, wird er zur Illustration eines gesellschaftlichen Konflikts eingesetzt, mutiert zum Kampfbegriff einer ganzen Bewegung und erscheint am Ende variiert, problematisiert und parodiert. Seine Geschichte entpuppt sich als ein Dialog über die Frage, ob Gewaltlosigkeit als politisches Prinzip taugt. Gegen die radikalen Pazifisten wird eingewandt: Wer Gewaltverzicht propagiert, der verhilft doch nur dem Stärkeren dazu, seine Macht auszubreiten. Wer Gewaltverzicht propagiert, verhöhnt die Opfer von Gewalt und lässt die im Stich, die er schützen muss. Wer Gewaltverzicht propagiert, gefährdet schließlich die eigene Sicherheit und das eigene Leben. Mit anderen Worten: Radikaler Gewaltverzicht ist verantwortungslos.

 

Nicht erst seit von „kriegsähnlichen Zuständen“ in Afghanistan gesprochen wird, betrifft uns diese Frage hautnah. Dürfen, ja müssen nicht sogar deutsche Soldaten am Hindukusch militärische Gewalt anwenden? Man muss Stärke demonstrieren, heißt es, dem Feind widerstehen, sonst ist die Mission gescheitert, sonst ist alles verloren. Der Wiederaufbau des Landes darf nicht scheitern, die Menschen dort bauen auf unsere Hilfe. Und zuletzt: Unterstützen wir diesen Einsatz nicht, dann gefährden wir unsere eigene Sicherheit in Europa. Denn wir haben es mit einem Feind zu tun, der uns unsichtbar umgibt, der jederzeit zuschlagen kann, der keine Gnade kennt und unberechenbar ist.

 

„Ja, stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Angesichts unserer Gegenwart verblasst der Satz nun wieder zur weltfremden Utopie. Schön wäre es ja, aber so ist es nicht. Es gibt leider noch zu viele Menschen, die hingehen, die Kriege anzetteln und provozieren. Und durch die Hintertür schleicht sich eine alte Weisheit ein: „Si vis pacem, para bellum – wenn Du Frieden willst, dann rüste zum Krieg“. Alles andere ist eben – utopisch.

 

Utopisch klingt auch, was wir aus dem Munde Jesu gehört haben:

 

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und du sollst deinen Feind hassen. Ich sage euch nun: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich die liebt, die euch lieben – welchen Lohn wollt ihr erhalten? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr allein eure Geschwister willkommen heißt – was tut ihr damit über das Übliche hinaus? Tun nicht auch die Heiden dasselbe? Ihr sollt also vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

 

[Pause]

 

Liebe Gemeinde: Das ist also die Perspektive Jesu: „Ihr sollt vollkommen sein“, sagt er zu seinen Anhängern, „ihr sollt perfekt sein“, damit ihr Kinder eures himmlischen Vaters werdet. Hier geht es also nicht darum, mit gewaltlosem Widerstand Kriege zu verhindern oder Mauern zwischen Menschen einzureißen. Der hier verheißene Lohn ist meine Vollkommenheit. Kein Friede auf Erden mit friedlich grasenden Lämmern und Wölfen – wie bei Jesaja. Kein großes Fest der Völker auf dem Zion – wie es Sacharja verheißt. Also doch nur reine Weltflucht, Vertröstung auf ein wie immer geartetes Jenseits oder einen inneren spirituellen Frieden?

 

„Ihr sollt vollkommen sein – wie Gott“, sagt dieser Jesus. Aber so etwas predigen doch nur Enthusiasten und Radikale, Menschen, die uns aus gutem Grund suspekt erscheinen. Und was ist das überhaupt für eine Argumentation, die hier begegnet: Weil Gott sich nicht einmischt, weil Gott allen dieselbe Fürsorge entgegen bringt, deshalb soll ich es ihm gleichtun und meine Feinde lieben? Sollte ich nicht lieber fragen, was aus dem gerechten Gott geworden ist, dem offensichtlich völlig egal ist, was auf der Erde passiert? Der Tau und Regen spendet, sich aber um die Armen und Bedrängten nicht kümmert, sie stattdessen noch auffordert, ihre Feinde zu lieben? Will dieser Gott denn, dass alles so bleibt, wie es ist? – So oder so ähnlich mag auch der Prophet Jona gedacht haben, als er sehen musste, wie Gott seine gerechte Strafe im letzten Moment zurückzog. Aber wenigstens zeigten die Niniviten Reue, sie sahen ein, dass ihr Verhalten hätte bestraft werden müssen. Angesichts der drohenden Vernichtung erweisen sie sich als reumütig und gottesfürchtig und blieben verschont.

 

Einen Feind aber zu lieben, ihm auch nur das geringste Wohlwollen entgegen zu bringen, der nicht einmal Reue zeigt, und für denjenigen zu bitten, der mir selber an den Kragen will, das übersteigt jedes menschliche Maß. Und vergessen wir nicht: der Mann, der diese Sätze spricht, hatte konkrete Feinde, die ihn schließlich ans Kreuz gebracht haben, und seine Jünger mussten reale Verfolgungen erleiden. Diese Erfahrung musste sie doch lehren, dass man die Welt durch ein solches Verhalten nicht verändert, im Gegenteil – alles bleibt wie es ist, die Sonne geht auf und unter, und der Regen fällt auf Freund und Feind. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne – alles ist eitel und ein Haschen nach Wind“, möchte ich unwillkürlich hinzufügen.

 

Vielleicht will uns der Redner ja nur vertrösten – immerhin gibt es ja noch ein Gericht, auf das wir warten und hoffen können, und auf diesen Lohn scheint er ja auch zu spekulieren, deshalb will er ja, dass wir „besser“ sind als alle anderen Menschen. Dass aber die Forderung seine Feinde zu lieben eine Überforderung ist, liebe Gemeinde, das will und kann ich nicht leugnen.

 

Es geht doch auch anders, weniger radikal, schon in der Spruchweisheit des Alten Orients: „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken. Denn so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt, und der Herr wird es dir vergelten.“ (Spr 25,31) Durch meine Fürsorge kann ich den Feind beschämen, stehe selbst am Ende noch im rechten Licht dar und kann mir der Zuwendung Gottes doch sicher sein. Ja, so macht das wieder Sinn, wenn man das Ganze in den Blick nimmt, wenn man den „Mehrwert“ betrachtet und mit klugem Kalkül darauf setzt, dass der Feind sich beschämen lassen könnte. Vielleicht kann man damit sogar noch mehr erreichen? Klug, wenn man so denkt. Nachhaltig. Ja, so kann man mit dem Text wenigstens noch etwas anfangen.

 

Und nicht wenige meinen, man könne eine Haltung, die den Feind durch Fürsorge zur Vernunft bringen will, „Liebe“ nennen. Aber ist das dieselbe Liebe, von der es nicht nur heißt, sie sei „geduldig, freundlich, lasse sich nicht eifern, sie suche nicht das Ihre“, sondern auch, sie habe „keine Freude an der Ungerechtigkeit, sondern an der Wahrheit“? Wenn Paulus von der Liebe spricht, ist auch er radikal, alles erscheint ihm nutzlos, selbst die scheinbar selbstlosesten und fruchtbarsten Taten haben für ihn keinen Wert, solange sie nicht aus Liebe geschehen. Ein Utopist? Ein Idealist? Oder gar: ein Romantiker? Nun, ich will behaupten, dass nur in einem solchen radikalen Verständnis die Liebe als Feindesliebe wirklich Sinn macht, und nicht umsonst wird im Predigttext die Feindesliebe als Steigerungsform der Nächstenliebe aufgefasst.

 

Natürlich kann mir niemand befehlen, einen Menschen zu lieben – weder damals noch heute –, und eine fürsorgende Liebe in diesem Sinne setzt auch für antike Menschen zumindest ein Wohlwollen voraus, das ich dem anderen entgegen bringe. Genauso wenig kann man befehlen, sich keine Sorgen zu machen, wie es ein Kapitel später ertönt. Wer so etwas fordert, fordert Unmenschliches und Übermenschliches. Und ich bin sicher, keiner wusste das so gut wie der Verfasser des Matthäusevangeliums.

 

Mit ihrer Überforderung reizen diese Aussagen zum Widerspruch, zum Nachdenken und zum Umdenken. In dieser radikalen und kompromisslosen Forderung nach Vollkommenheit begegnet mir eine kraftvolle, eine selbstbewusste, eine souveräne und aktive Haltung, die beeindruckt. Und diese Souveränität gründet nun paradoxerweise darin, dass ich liebe, dass ich mich aller Sicherung, aller Sorge um Leib und Leben entledige – und mich stattdessen ganz meinem Feind widme.

 

In dieser Entsicherung nämlich, diesem Verzicht auf alle irdischen Ansprüche, auf jeden innerweltlichen Lohn, liegt das Geheimnis der Liebe. Ich vergesse dabei nicht, dass es mein Feind ist, dem ich mich gänzlich ausliefere. Aber es bleibt dabei: Ich liefere mich aus.

 

Ihre ganze Kraft gewinnt die Feindesliebe daraus, dass aus „Opfern“ im positiven Sinne Täter werden. Als Liebender und als jemand, der Fürbitte leistet, bin ich plötzlich nicht mehr passiv, gehöre ich nicht mehr zu den Bedrängten und Verfolgten, sondern stehe aktiv auf der Seite der Liebenden und Betenden – ohne dass ich meinen Platz tauschen muss, allein indem ich umdenke.

 

Als Forderung formuliert, ist das eine Zumutung, für Matthäus aber ist sie notwendig auf dem Weg zur göttlichen Vollkommenheit, zur „Gotteskindschaft“ des Menschen. Dieser Gott, dessen Kind ich bin, ist ja nicht nur vollkommen, weil er uns alle in der Hand hat, sondern auch, weil er ganz anders handeln kann, als ich es erwarte oder wünsche, weil er mich überraschen kann, und mich dabei trotzdem niemals allein lässt. Diese Erfahrung macht auch Jona in seiner Geschichte. Dieser Gott ist so stark, dass er nicht einmal fürchtet, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, als schwach und inkonsequent zu erscheinen. Er verzichtet auf seine „Allmacht“ und läuft Gefahr, sich dem Gespött der Menschen auszuliefern. Wer so von Gott redet, der braucht keine „notwendige“ Distanz zu ihm, der hat keine Angst vor einem anthropomorphen, einem allzu menschlichen Reden von Gott. Und so verstanden kann diese Überforderung tatsächlich befreiend wirken, denn sie ermöglicht dem Opfer aus seiner Opferrolle zu fliehen, sich für die Gestaltung seines Lebens, für den Weg der Liebe zu entscheiden, Gott nachzueifern.

 

Wie ich das konkret in meinen Alltag umsetze, liegt bei mir selbst. Ich muss selbst aktiv werden, mir meine eigenen Gedanken machen, die Bergpredigt hilft hier nicht weiter. Gott schreibt keine „To-Do-Listen“.

 

Diese Liebe, zu der wir ermuntert werden, setzt nur eines voraus: dass ich von mir selbst absehe, mich selbst und meine Position nicht so wichtig nehme, unabhängig davon, wie mir der Feind begegnet. Denn diese Liebe ist kein Mittel, um Siege davonzutragen: die Feindesliebe beendet nicht automatisch die Feindschaft. Diese Liebe dient aber auch nicht der Beruhigung meines Gewissens, nach dem Motto: ich stehe wenigstens auf der richtigen Seite, auf der Seite der „Guten“. Das wäre keine Liebe, das wäre vielmehr arrogant.

 

Die Liebe als eine aktive Haltung, in der ich mich ganz dem anderen widme, um mich gleichzeitig von mir selbst zu distanzieren, ist die stärkste Kraft, die einem Menschen eignet. Und sie zeigt sich gerade dort am stärksten, wo ich scheitere, denn im Scheitern um der Sache willen, bin ich ganz bei der Sache. Diese Erfahrung haben viele Friedensaktivisten des 20. Jahrhunderts gemacht – und manche haben mit ihrem Leben dafür bezahlt, ich erinnere nur an Martin Luther King, der vor mehr als 40 Jahren erschossen wurde. Immer geht es zuerst um die Sache – nicht um den Erfolg.

 

Aber ich kann auch spüren, wie ich als Liebender mir selbst plötzlich furchtbar nahe komme, mich ganz neu erlebe. In der Begegnung mit einem geliebten Menschen erlebe ich das besonders stark. Ich werde plötzlich verunsichert, weil ich mich selbst als unzulänglich wahrnehme. Ich stelle mich vielleicht selbst in Frage, weil ich als Liebender natürlich auch geliebt werden möchte. Ich zweifle, ob ich gut genug bin, ob ich stark genug für diese Liebe bin. Liebe in diesem Sinne ereignet sich nur in der Begegnung mit einem anderen, mit dem geliebten Menschen, denn sie ist kein Besitz, und ich verfüge über sie nur als Liebender. Sie kann mich verunsichern und irritieren, aber zugleich kann sie mich beflügeln und mir Kraft und Mut geben, die Welt, den anderen und mich selbst mit neuen Augen zu sehen.

 

Dass ich allein durch das Lieben selbst schon etwas positiv verändere, dass ich als Liebender gar Feindschaften überwinden kann, ist damit noch nicht gesagt. Und doch wäre es unsinnig, diese Möglichkeit auszuschließen. Hierfür brauche ich die Hoffnung, und sei sie eine Utopie, denn ohne Utopien kann kein Friedensaktivist etwas bewirken. Ohne die Utopie der Freiheit hätten vielleicht auch die Menschen in der DDR niemals gewagt, dafür auf die Straße zu gehen und gewaltlos ihre Rechte einzufordern. Die „friedliche Revolution“ in der DDR ist kein Produkt der Feindesliebe und an ihr kann ich keinen Erfolg einer christlichen Gesinnung ablesen. Die vielen Menschen jedoch, die daran beteiligt waren, hatten den Mut umzudenken, sie hatten den Mut, sich nicht mit den Verhältnissen abzufinden, sie hatten den Mut, Utopien zu wagen.

 

Die Bergpredigt Jesu verheißt keinen Wandel der Verhältnisse, sondern sie predigt einen Wandel in den Menschen: Sie sollen mit göttlicher Souveränität ausgestattet ihr Leben meistern. Diese Souveränität Gottes wünsche ich uns. Eine Souveränität, die den Feind, wer auch immer er sei, in den Blick nimmt, ihn als Feind nicht verharmlost, aber ihm etwas Positives entgegenstellt. Eine Souveränität, mit der ich mich meinen Feinden ausliefern und auf meine Ansprüche verzichten kann. Das rechtfertigt und verharmlost nicht feindseliges Handeln. Das entbindet auch nicht von der Verantwortung, für Leib und Leben, für Freiheit und Bürgerrechte anderer Menschen einzustehen. Das Evangelium nötigt vielmehr zu einem Umdenken, indem es zur Liebe ermutigt, zur echten Fürsorge für alle Menschen, ob Freund oder Feind.

 

„Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Das ist schön gesagt. Im Sinne des Predigttextes aber reicht mir das nicht. Ich will einen besseren, einen radikaleren, einen „neuen Weg“ zeigen, den Weg der Liebe. Und in diesem, wohlgemerkt: in diesem Sinne möchte ich sagen: „Make Love – not War“.

 

Und der Friede Gottes, der uns geschenkt ist, der begeistere uns zu einer Liebe, die stärker ist als der Tod und die am Ende bleibt. Amen.