Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 5,46-48 + Lukas 12,15-21

Pastor Arnd Lempelius (ev.-luth.)

04.10.2015

Erntedank-Predigt

Es ist genug für alle da / Teilen macht reich

 

Neulich auf einem 80. Geburtstag.

Der Bürgermeister und ich zu Besuch,

ein paar Nachbarn noch.

 

Erst mal dreht sich das Gespräch um Leute und Nachbarn im Dorf.

Der Bürgermeister kann gut mitreden, ich nicht.

Kenne kaum jemanden, von denen da geredet wird.

Höre mehr oder doch eher weniger interessiert zu.

Bin dann froh, wenn endlich ein Thema gefunden wird, wo ich mitreden kann.

 

„Wir können doch nicht alle aufnehmen“, heißt es dann plötzlich.

Es geht um die Flüchtlinge.

Ich sage: „Nach dem Krieg hat man es doch auch geschafft. Da war Dithmarschen voller Flüchtlinge. Man lebte miteinander auf engstem Raum. Es ging.“

„Ja, das waren doch aber alles Deutsche“, heißt es dann.

Ich: „Sind die Flüchtlinge nicht auch Kinder Gottes?“

Und weiter: „Was denken Sie unterscheidet uns eigentlich als Christen vom Rest der Bevölkerung, den Heiden?“

Keine Antwort …

 

„Ja, frage ich Euch alle: Was macht uns als Christen aus, was unterscheidet uns von den anderen?“

 

Bergpredigt, Matthäus 5:

„Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe die Zöllner?

Und wenn ihr zu euren Brüdern und Schwestern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?

Tun nicht dasselbe auch die Heiden?“

 

Ich will nicht in Abrede stellen, dass manchmal es schon schwer ist all die Brüder und Schwestern in der Familie oder in der Kirchengemeinde zu lieben, aber Gott will noch mehr:

„darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

 

Wow, ich soll vollkommen sein und ihr auch! Sein wie Gott?

Sind wir nicht deshalb aus dem Paradies geflogen, weil wir sein wollten wie Gott, es aber nicht sein sollten?

 

Gehört zum Christsein nicht die Demut, nicht die Anerkenntnis von Gottes Größe und Überlegenheit?

Wenn jemand vollkommen ist, dann Gott, aber doch nicht wir.

Das ist doch ein elementarer christlicher Grundsatz.

Wir, die wir unvollkommen sind, bedürfen doch der Erlösung!

Das ist doch der Kern und Angelpunkt unseres christlichen Glaubens.

 

Aber es steht nun einmal hier an zentraler Stelle, da komm ich als euer Prediger nicht drum rum, das läßt sich nicht weg exegesieren:

„darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

 

Kann es sein, dass Jesus Christus mehr in uns sieht, als wir wagen von uns zu glauben?

Dass er größer von uns denkt als unser Kleinmut es zulässt?

Dass er in uns tatsächlich sein Ebenbild sieht?

Und uns darum Großes zutraut?

 

Wir leben in einer Gesellschaft, die immer stärker das Individuum betont, in der wir uns immer weiter abschotten von den anderen.

Wir sitzen abends vor unseren Riesen-Flatbild-Screens und kriegen unsere Hintern nicht mehr hoch.

Früher, so erzählen mir die Alten, da hat man sich abends über den Gartenzaun unterhalten, da waren die Lokale voll, man ging unter die Leute, ins Kino, trieb zusammen Sport, alt und jung feierten die Feste gemeinsam, ja es gab Eltern, die sich engagierten, z.B. beim Vogelschießen für die Kinder mit großen Umzügen.

 

 

Wir trauen einander heute immer weniger zu,

fordern immer weniger ein.

Und sichern uns ab, sparen was das Zeug hält.

Das Geldvermögen der sogenannten Erbengeneration ist immens.

Gut, längst nicht allen geht es wirtschaftlich/finanziell gut, aber den allermeisten.

Und die wenig haben träumen doch zumindest davon, viel zu haben, ersehen sich einen Lottogewinn.

 

Erst wenn ein hohes Maß an materieller Sicherheit erlangt ist, sagen wir zu unserer Seele:

„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre, habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut!

Aber Gott spricht: Ihr Narren! Diese Nacht wird man eure Seelen von euch fordern; und wem wird dann gehören, was ihr angehäuft habt? Und Jesus schließt seine Rede mit:

„So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“

 

Reich sein bei Gott.

Was ist das?

 

Heute an Erntedank heißt Reichsein: reich im Danken.

Ich weiß, wem ich es zu verdanken habe, was ich habe.

„Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

Zu wissen, Gott ist es, der mich in die Lage versetzt, meine Existenz zu sichern, der mir die Fähigkeiten gegeben hat und die Kraft, meine Arbeit zu tun, ob auf dem Feld, im Job, im Haushalt oder sonstwo.

Gott ist es, der mein Leben trägt und ermöglicht.

 

Dass wir hier im reichen Deutschland leben, das haben nicht wir selbst gemacht.

Wir sind zufällig hier geboren, hätten auch in  Syrien oder im Irak das Licht der Welt erblicken können.

 

Dann wärst Du jetzt auf der Flucht, hättest vielleicht deine Frau oder deinen Mann verloren, und das Kind, das von der Bombe zerfetzt wurde.

Du konntest dich retten nach Jordanien oder in den Libanon in eines der riesigen Flüchtlingslager.

Dort lebst du seit Monaten oder vielleicht schon Jahren, ohne irgendeine Perspektive.

Bislang hattest du dort zu essen, aber seit Wochen bekommen die Flüchtlingshilfeeinrichtungen nicht ausreichend Geld um die Menschen in den Lagern mit Essen zu versorgen.

Die Weltgemeinschaft versagt jämmerlich, dass es eine Schande ist!

Wenigstens deine Kinder sollen satt werden.

Und so hungerst du, damit sie nicht verhungern.

 

Dieser Zustand ist Dir unerträglich geworden.

Du kannst und willst hier im Lager nicht länger bleiben.

Hast davon gehört, dass viele sich nach Europa aufgemacht haben.

Dein Cousin hat es ganz nach Deutschland geschafft.

Die Ungläubigen, wie Dein Geistlicher sie nennt, haben schon tausende aufgenommen.

Dort willst du auch hin, ins gelobte Land.

 

Dein letztes Geld kratzt du zusammen und machst dich auf.

Wenn du geahnt hättest, was dich unterwegs alles erwartet, wärst du vielleicht gar nicht losgegangen.

Auf dem Mittelmeer kentert das Boot neben dir.

Die Menschen im Wasser rufen um Hilfe.

Aber dein Boot fährt vorbei und läßt die Menschen ertrinken.

Du schaffst es nach Italien und dann weiter nach Deutschland.

 

Ich wechsle hier mal die Perspektive.

Denn jetzt geht´s um uns.

Der anfängliche Begrüßungsjubel ist vielerorts schon verklungen.

Die Skepsis macht sich breit, ob das alles noch zu stemmen ist.

 

Die Frage ist doch aber, was wir wollen, wozu wir bereit sind.

Ob wir bereit sind Opfer zu bringen, einfach weil die Menschen sonst verrecken würden.

Als Christen sind wir in besonderer Weise gefordert.

Für uns sind alle Menschen Gottes Kinder.

Christsein fängt da an,

wo ich nicht nur an mich und meine Lieben denke,

wo ich im Fremden Gottes Angesicht sehe,

wo ich im Anderen eine Bereicherung für meinen Glauben sehe,

wo ich die Flüchtlingswelle als Chance sehe, Gottes Auftrag an mich zu leben und darin Erfüllung erfahre.

 

In der Erklärung der leitenden Bischöfe der Evangelischen Kirche Deutschlands zur aktuellen Situation Flüchtlingssituation heißt es unter anderem:

 

„Uns in Deutschland ist aufgrund unserer Geschichte in besonderer Weise bewusst, welches Geschenk es ist, Hilfe in der Not und offene Türen zu finden.

Ohne die Hilfe, die uns selber zu Teil geworden ist, wären wir heute nicht in der Lage, mit unseren Kräften anderen zu helfen.

Wir als Leitende Geistliche wollen uns dafür einsetzen, dass Europa jetzt gemeinsam handelt und seinen humanitären Verpflichtungen gemeinschaftlich nachkommt.

In der Gewissheit, dass Menschen unter Gottes Flügeln Zuflucht haben, bringen wir die Not aller Menschen in unseren Gebeten vor Gott und bitten ihn um Kraft für die vor uns liegenden Aufgaben.“

 

Die ganze Erklärung habe ich auf den Stehtischen ausgelegt.

Sie können sie dort nachher ganz nachlesen.

 

Ich habe einen Traum.

Die Menschen, die hier ankommen werden von uns begleitet.

Jede Familie, jeder Flüchtling, bekommt einen Paten zugewiesen, der sich ihrer annimmt, der mithilft ihnen die deutsche Sprache bei zu bringen und sie mit unserer Kultur vertraut macht.

Auf dem Tisch, wo man beieinander sitzt, wird gerade das Essen gereicht.

Heute gibt’s syrisches Essen, gefüllte Weinblätter und Linsensuppe.

Die einen trinken Tee, die anderen gönnen sich ein Glas Wein.

Die Stimmung ist entspannt.

Plötzlich entfährt es einem am Tisch:

„Gott sei es gedankt!“, man weiß gar nicht, ob´s ein Muslim oder Christ aussprach, egal, denn jeder denkt an seinen Gott und läßt dem anderen seinen.

 

Wir haben als Christen, als Deutsche, die einmalige Chance, den Schatten unserer Nazivergangenheit abzuschütteln, ohne jemals diese Gräuel vergessen zu können.

Doch eines Tages wird man Deutschland vielleicht das Land der Barmherzigkeit nennen.

 

Gebe Gott zu unserem guten Wollen sein Vollbringen, Amen!