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Predigt über Matthäus 5,7

Pfarrer Michael Greßler

16.10.2014 in der Kirche Prießnitz/Sachsen-Anhalt

zum 209. »Brandfest« – Gedenken an Kriegsschrecken und Rettung des Dorfes während der Schlacht von Jena und Auerstädt 1806

Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
                    
Jesus Christus spricht:
Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
.
 
I.
Er hat es getan.
Er hat den Befehl ausgeführt.
Er hat schießen lassen.
 
Aber er hat niemanden getötet.
Nicht an diesem Tag.
An anderen Tagen sicherlich.
Es war Krieg.
Er war Soldat. Offizier. Hauptmann.
 
George Antoine Augustin Govèan.
 
Er hat es getan.
Er hat schießen lassen.
Krieg in Europa. Krieg in Prießnitz.
Er hätte töten sollen.
Und er hätte sagen können:
Ich habe doch nur Befehle ausgeführt.
Viele haben das schon gesagt.
                                                              
Aber er hat es nicht getan.
Nicht getötet.
Nicht am 16. Oktober 1806 in Prießnitz.
Auf dem Angstplatz.
Auf dem Platz, der so heißt bis auf den heutigen Tag.
Noch heute, nach zweihundertacht Jahren:
Angstplatz.
                                                              
Denn sie hatten Angst dort.
Die Prießnitzer alle.
Hunderte hatte man zusammengetrieben,
morgens um sechs Uhr.
Man hatte sie aus den Betten gezerrt
Man hatte sie aus den Häusern getrieben.
Nun standen sie da, im Nachthemd, barfuß,
auf dem Platz, vor dem Dorf.
Sie standen im Gras,
und das Gras war weiß. Weiß von Reif.
In der Nacht hatte es gefroren.
 
Das Dorf brannte längst.
Frauen brachen zusammen und weinten.
Männer beteten das Vaterunser.
Greise rauften sich die Haare.
Familien umarmten einander.
Zum letzten Mal. Dachten sie.
 
Nach Stunden ließ man die meisten laufen.
Nur die Sieben nicht.
Die sieben jungen Männer:
Baum, Schmidt, Böttger, Otto,
Köttritzsch, Seidel, Dorn.
Große Jungens. Kaum zwanzig.
Sie mußten niederknien.
                                                              
II.
Sie mußten niederknien,
wie die Reporter in Syrien,
die sie entführt hatten.
James Fowley. Steven Sotloff.
Die mußten auch niederknien.
Und dann zeigten die Henker vom »Islamischen Staat«
ihre ganze, kranke Macht.
Und haben ihnen die Köpfe abgeschnitten.
Ohne Erbarmen. Einfach so.
                                                              
Krieg ist Krieg.
Und im Krieg passiert immer dasselbe.
Sie drehen durch im Krieg.
Blutrausch. Mordlust. Exekution. Terror.
Da hat sich nichts geändert.
Nichts in zweihundertundacht Jahren.
                                                              
III.
So mußten sie niederknien.
Am 16. Oktober 1806.
Die Sieben.
Baum, Schmidt, Böttger, Otto,
Köttritzsch, Seidel, Dorn.
Dann luden die Franzosen die Gewehre
und legten an.
 
Und dann – –
 
So stehts geschrieben
im »Brandbüchlein der Gemeinde Prießnitz«:
 
»Die Jünglinge, in heißer Todesangst,
fallen zur Erde nieder
und einer von ihnen umfaßt mit flehender Gebärde
die Knie des Kapitäns,
der ihnen indessen links zur Seite getreten.
Dieser darauf, mit nassen Augen,
kniet in der Reihe selbst mit nieder,
winkt mit der Rechten den Jünglingen sich zu neigen,
mit der Linken den Soldaten hoch zu halten,
und das tödliche Geschoß
fährt über ihren Häuptern hin in die Luft.« – –
 
Jesus Christus spricht:
»Selig sind die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
«.
 
Es war Krieg.
Er hat schießen lassen.
Man hatte es ihm befohlen.
Er hat es getan.
Aber er hat keinen getötet.
Nicht an diesem Tag.
 
 
Denn er hatte Tränen in den Augen.
Und er war barm-herz-ig.
Wo er hätte töten sollen,
hat er sich neben sie gekniet.
Neben die großen Jungens in ihrer Todesangst.
Er hat sich mit gekniet auf den gefrorenen Boden.
Mitten ins Gras, das ganz weiß war von Reif.
Mitten in die Angst.
 
Liebe vor Pflicht.
Herz vor Härte.
Barmherzigkeit vor Befehl.
 
»Selig sind die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen«
.
 
IV.
Darum denken wir noch heute an ihn.
George Antoine Augustin Govèan.
Ein Barmherziger mitten im Krieg.
 
Darum feiern wir diesen Tag.
Wir feiern.
Denn an diesem einen Tag,
wurde nicht getötet.
Wo doch Krieg war.
 
Darum feiern wir Brandfest.
Der Brand verschwelte.
Sie bauten die Häuser neu.
Die stehen noch heute. Fast alle.
Kinder kamen auf die Welt.
Und heute ist Prießnitz ein fröhliches Dorf.
Fröhlicher vielleicht noch als die anderen.
 
Ich glaube, ihr Prießnitzer habt das nie vergessen.
Bis auf den heutigen Tag.
Ihr habt die große Not nicht vergessen.
Und ihr habt auch nicht vergessen,
daß einer barmherzig war. Damals.
Darum seid ihr so, wie ihr seid.
Ein fröhliches Dorf.
 
Ein Dorf, das immer noch steht. Heute.
Wo doch in den zweihundertacht Jahren
noch mancher Krieg über uns gegangen ist.
Immernoch lebt ihr hier.
Und Familien umarmen einander.
Kinder gehen in den Kindergarten
und singen bei den alten Leuten zum Geburtstag.
An einer Gartenmauer stehen ein paar alte Stühle,
bunt angemalt, und mit hübschen Dingen darauf,
und sagen: Schaut, so schön ist es bei uns!
Da steht die Linde, wo man Lindenfest feiert.
Da ist der Brunnen. Und dazu gibt’s – natürlich –
das Brunndenfest,
Ein schönes, fröhliches Dorf.
So fröhlich,
daß ihr sogar schon den Dorfwettbewerb gewonnen habt.
Und den nächsten gewinnen wir bestimmt auch.
 
 
Und das alles hat mit damals zu tun.
Mit der Stunde auf dem Angstplatz.
Vielleicht habt ihr damals für alle Zeit gelernt,
was für ein Wunder das Leben ist.
 
Damals, am 16. Oktober 1806.
Wo einer nicht getötet hat.
Wo einer mit geweint hat .
Wo einer mit im kalten Gras gekniet hat
und in der Angst.
Wo einer barmherzig war.
 
»Selig sind die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
«.
 
V.
Wäre es doch überall so schön, wie bei uns.
Heute.
Woanders feiern sie kein Brandfest.
Woanders brennt es. Woanders ist Krieg.
Und im Krieg passiert immer dasselbe.
Sie drehen durch im Krieg.
Blutrausch. Mordlust. Exekution. Terror.
Da hat sich nichts geändert.
Nichts in zweihundertundacht Jahren.
 
Angstplätze gibt es viele.
Viel zu viele in unsrer Welt.
Heute.
 
VI.
Was soll ich da noch tun?
Eines. Ich bete:
Jesus, komm.
Jesus, komm und sag Deine Worte jetzt.
Sag sie jetzt wieder.
Sag sie auf den Angstplätzen dieser Welt.
 
»Selig sind die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
«.
 
Tröste, die da knien.
Und laß ihnen Barmherzigkeit widerfahren.
 
Und die anderen:
Mach sie doch nur barmherzig.
Daß sie es nicht tun.
Nicht töten.
Warum auch immer sie es tun:
Aus Haß, aus Überzeugung,
aus Angst oder auf Befehl:
Laß sie aufhören.
 
Und wenn Du es schaffst, Jesus:
Dann zeig ihnen die Angst der anderen.
Vielleicht werden es nicht viele sein.
Aber vielleicht steigen doch manchen
die Tränen in die Augen.
Und vielleicht schießen dann doch manche
über die Köpfe hinweg.
Und vielleicht stecken manche ihre Messer wieder ein.
 
Liebe vor Pflicht.
Herz vor Härte.
Barmherzigkeit vor Befehl
.
 
Barmherzige Herzen.
Auch für uns.
 
Komm heute.
Jesus.
Komm jetzt.
Bleibe bei uns.
Und sag allen – allen:
 
»Selig sind die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
«.
 
Amen.
Der Friede Gottes,
welcher höher ist, als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus
.
 
                                     
Predigtlied:     419,1-5; (Hilf, Herr meines Lebens …)
 
1. Hilf, Herr meines Lebens, / daß ich nicht vergebens, /
daß ich nicht vergebens / hier auf Erden bin.
2. Hilf, Herr meiner Tage, / daß ich nicht zur Plage, /
daß ich nicht zur Plage / einem Nächsten bin.
3. Hilf, Herr meiner Stunden, / daß ich nicht gebunden, /
daß ich nicht gebunden / an mich selber bin.
4. Hilf, Herr meiner Seele, / daß ich dort nicht fehle, /
daß ich dort nicht fehle, / wo ich nötig bin.
5. Hilf, Herr meines Lebens, / daß ich nicht vergebens, /
daß ich nicht vergebens / hier auf Erden bin.