Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,1-4

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

02.09.2007 in der Stadtkirche Kaiserswerth

Stellen Sie sich vor, liebe Gemeinde, der barmherzige Samariter, von
dem wir eben in der Schriftlesung gehört haben, wäre von einer Schar
Reporter belagert worden, die von seinem Einsatz für das Überfall-
Opfer Wind bekommen hatten. Stelle Sie sich vor, wie die Reporter
ihn mit Fragen bedrängen:
“Was haben Sie gedacht, als Sie dem Überfallenen so furchtlos
halfen? – Dachten Sie: Man muss die nationalen Vorurteile
überwinden?”
“Oder dachten Sie: man muss etwas Liebe hereinbringen in diese
Lieblose Welt?”
“Oder dachten Sie man muss ein Zeichen aufrichten, ein Beispiel
geben, dass der Mensch ohne Ansehen der Person endlich Bruder
werde?”
Stellen Sie sich die Gesichter der Reporter vor, liebe Gemeinde, wenn
der barmherzige Samariter dann geantwortet hätte: “Ich weiß nicht,
ich habe eigentlich nur gedacht: Hoffentlich rutscht er mir nicht vom
Esel runter!”
Ich stelle mir vor, dass die Reporter lachend und kopfschüttelnd
abziehen. Da ist keine Schlagzeile zu holen. Dumm eigentlich von
dem barmherzigen Samariter. Aus seiner Geschichte hätte sich doch
problemlos etwas machen lassen. Hätte er sich nur ein bisschen besser
in Szene gesetzt, dann hätte am nächsten Tag jeder sein Gesicht
gekannt. Man hätte ihm gratuliert, ihm auf die Schulter geklopft, ihn
vielleicht sogar zu Vorträgen und Talkrunden eingeladen. Es wäre so
leicht gewesen, seine wirklich beispiellose Tat gewinnbringend der
Öffentlichkeit zu präsentieren. Ganz nach dem Motto: »Tu Gutes und
rede darüber!«
Doch unser barmherziger Samariter hatte offenbar eine andere
Maxime. Vielleicht, liebe Gemeinde, war er ja unter der Volksmenge,
die sich am Fuße des Berges versammelt hatte, um Jesus von Nazareth
zu hören. Vielleicht waren ihm die Worte der Bergpredigt im
Gedächtnis und im Herzen geblieben, die uns heute als Predigttext
aufgegeben sind.
Ich lese aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 6, die Verse 1 bis 4:


1 Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den
Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn
bei eurem Vater im Himmel. 2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du
es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den
Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen
werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen,
was die rechte tut, 4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein
Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.


Das ist ein bekannter Text. Einzelne Sätze daraus sind bei uns zu
geflügelten Worten geworden: »Lass deine linke nicht wissen, was
deine rechte tut« oder »etwas ausposaunen«. Und – jedenfalls geht es
mir so – beim Hören dieser Worte drängt sich mir eine Szene auf, die
Jesus an anderer Stelle entwirft: Das Gleichnis vom Pharisäer und
Zöllner. Im Kindergottesdienst wurde sie drastisch ausgemalt: Der
Pharisäer, der da seine Frömmigkeit vor allen Leuten zur Schau stellt,
war scheinbar der »Inbegriff des Juden«: scheinheilig und alles andere
als gottesfürchtig, der sich beim Beten vor allen Leuten zeigen
muss…
Bekannte Texte bergen eine große Gefahr. Sie bergen die Gefahr, dass
wir mehr in sie hineinlesen als aus ihnen heraus. Dass unsere
Vorerfahrungen mit den Texten uns den Blick versperren für neue
Einsichten und andere Impulse, die von den bekannten Worten
ausgehen können. Schauen wir uns den bekannten Text daher noch
einmal genauer an!
Habt acht auf eure Frömmigkeit! Diese Mahnung steht wie eine
Überschrift über dem Text. »Frömmigkeit«, das klingt nach einem
Habitus und seinen sichtbaren Zeichen: Nach Taten und Werken, die
über unsere Gesinnung Aufschluss geben. Doch das Wort, dass Martin
Luther mit »Frömmigkeit« übersetzt hat, lautet [dikaiosüna] und ist das
griechische Wort für »Gerechtigkeit«. Habt acht auf eure
Gerechtigkeit! So bekommt die Überschrift schon einen etwas anderen
Klang.
»Gerechtigkeit« – in der Bibel ist es das Kennzeichen unserer
Beziehung zu Gott. Gerecht zu sein und gerecht zu handeln bedeutet
vor allem unserer Gemeinschaft mit Gott gerecht zu werden.
Der Gemeinschaft, die wir uns nicht verdienen und nicht erarbeiten
können. Die Gemeinschaft, die Gott gestiftet hat ohne unser Zutun,
die er uns anbietet als Geschenk.
Die Gemeinschaft, die Gott schützt durch sein Gebot, das einen Zaun
bildet um unser Herz, damit wir diese Gemeinschaft nicht von uns aus
zerstören. Denn die Gemeinschaft mit Gott können wir zwar nicht
selber schaffen, uns erarbeiten oder verdienen, aber wir können sie
zerstören! Indem wir Gottes Geboten nicht treu bleiben und seinem
Geschenk an uns nicht gerecht werden.
Habt acht auf eure Gerechtigkeit! – Das heißt im Christentum
genauso wie im Judentum: Achtet auf eure Treue zu Gott und auf eure
Treue zu der Gemeinschaft, die Gott euch mit ihm geschenkt hat.
Achtet darauf, dass ihr dem gerecht werdet und bleibt!
Der Weg dazu – so habe wir es in der Schriftlesung gehört – führt
über den Umgang mit euren Nächsten, die eurer Hilfe bedürfen. Der
franz. Bischof Jacques Gaillot hat es so ausgedrückt: “Wer in Gott
eintaucht, der taucht neben den Armen auf.” Ich denke, umgekehrt gilt
der Satz ebenso: Wer neben den Armen auftaucht, der taucht damit in
Gott ein. Oder mit den Worten des Wochenspruchs für diese Woche:
Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das
habt ihr mir getan (Mt 25,40). Darum geht es bei der »Gerechtigkeit«!
Doch was meint Jesu Warnung: Habt acht, dass ihr eure
Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu
werden! Und wie verhält es sich mit dem Beispiel der Almosen?
Auch hier lohnt es sich genauer hinzusehen! Da ist zunächst wieder
ein Wort, dass bei uns heute eine bestimmte Bedeutung hat und noch
dazu für jeden einzelnen aufgeladen ist mit eigenen Erlebnissen und
Erfahrungen: »Almosen« Das Wort steht laut Duden für ein „geringes,
dürftiges Entgelt“, mit dem jemand abgespeist wird. In dem, was da
im griechischen Text steht, schwingt hingegen Erbarmen und
Barmherzigkeit mit. Im Predigttext ist es ein ganz und gar positiver
Begriff.
Es ist Ausdruck der Gerechtigkeit und der Treue zur Gemeinschaft mit
Gott, dass wir uns nach Kräften bemühen, dass alle Menschen das
Lebensnotwendige erhalten. Dass alle sie ein Leben in der Würde
führen können, die jedem Menschen als Geschöpf Gottes unverlierbar
zukommt. Dazu sind Almosen, dazu sind Erbarmen und
Barmherzigkeit im wahrsten Sinne des Wortes Not-wendig.
Aber mehr noch: Nach jüdisch-christlicher Auffassung bedeutet
»Almosen geben« nicht, dass wir von dem abgeben, was uns gehört,
sondern von dem, was Gottes ist. Weil doch unser Leben, unsere
Arbeit, unser Geld und unser Besitz letzten Endes nicht allein unser
eigenes Verdienst sind, sondern Gaben und Geschenke, die Gott den
Geschöpfen in seiner Schöpfung macht. Und von dem geben wir
Almosen und sorgen so dafür, dass Gottes gute Gaben gerecht verteilt
werden.
Doch das »Almosen geben« kann missbraucht und von seinem wahren
Sinn und Zweck entfremdet werden: Wenn du nun Almosen gibst, sagt
Jesus, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die
Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den
Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren
Lohn schon gehabt.
Das bei uns fast sprichwörtliche »Tu gutes und sprich darüber« wird
von Jesus hier scharf attackiert. Weil dadurch die Gefahr besteht, dass
das »Almosen geben« aus dem Kontext der Gerechtigkeit als Treue
zur Gemeinschaft mit Gott heraus fällt. Als negatives Beispiel wählt
Jesus nach der Übersetzung Luthers einen »Heuchler«. Auch hier
lohnt sich genaueres Hinsehen: Das griechische Wort muss eigentlich
mit »Schauspieler« übersetzt werden.
Ein Schauspieler hat bei seinen Bemühungen in erster Linie das
Publikum im Auge. Sein Lohn ist dessen Anerkennung und der Beifall
nach der Vorstellung. Er braucht den Beifall und sucht ihn an jedem
Abend und in jeder Vorstellung immer wieder neu. Sein Lohn ist
flüchtig und hält nicht lange vor.
So kann es auch jemandem gehen, der Almosen gibt, damit andere es
sehen. Der Almosen gibt, damit er dadurch Anerkennung findet bei
den Menschen um ihn herum. Wie ein Schauspieler richtet sich seine
Aufmerksamkeit dann auf das Publikum. Sein Handeln und seine
Gaben orientieren sich nicht mehr an der Not der Bedürftigen, sondern
am Effekt, den sie auf die Zuschauer haben. Beifall und Anerkennung
werden zum Grund und zur Triebfeder der Barmherzigkeit. Und weil
der Beifall nicht lange vorhält, wächst Hunger nach Anerkennung
schneller als er befriedigt werden kann. Wahrlich, ich sage euch,
spricht Jesus, Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Und haben doch
nichts davon.
Hier liegt die Gefährdung der Barmherzigkeit, auf die Jesus
unmissverständlich hinweist: Wenn uns die Sucht nach Anerkennung
treibt, dann wird die eigentlich gute Sache uns gleich dreifach
entfremden: (1.) von uns selbst, weil wir nur noch Rollen spielen, um
zu gefallen; (2.) von unseren notleidenden Nächsten, weil sie nur
Statisten sind, in unserer Aufführung; und (3.) von der Gemeinschaft
mit Gott, die Grund und Ziel wahrer Barmherzigkeit ist.
Wenn die Sucht nach Anerkennung treibt, dann sind unsere Almosen
letztlich nur wie Waren in einem Tauschhandel. Wir geben sie, um
etwas dafür zu bekommen. Die Grundstruktur des Problems von
Armut und Reichtum wird davon nicht berührt, geschweige denn
kreativ überwunden.
Dazu bedarf es einer „Ökonomie der Generosität“ [1], wie es Peter
Sloterdijk genannt hat. Diese Ökonomie der Generosität wird getragen
von den „Reichen der zweiten Art“ [2]. Menschen, die sich und ihre
Mittel generös verausgaben, Menschen, die den Kreislauf des Ab- und
Heimzahlens kreativ durchbrechen und ihr Tun nicht ausschließlich
unter dem Aspekt des Tauschwertes sehen.
Beispiele gibt es dafür viele: Das stille Engagement in Stiftungen, die
spontane Spendenbereitschaft in Solidarität mit den Notleidenden von
Krieg und Katastrophen, Zivilcourage und – nicht zu vergessen – die
unzähligen Stunden ehrenamtlichen Dienstes von Menschen aller
Altersgruppen. – All das geschieht ohne großes Publikum und ohne
Berechnung des zu erwartenden Gegenwertes.
Das ist es, das Almosen, die Barmherzigkeit, die Jesus uns empfiehlt,
weil sie der Gerechtigkeit dient, die in der Treue zur Gemeinschaft mit
Gott besteht:
Gib von dem Deinigen, was der andere gerade braucht! Gib von
deinem Geld, deiner Kraft oder deiner Zeit! Wie auch immer – gib
generös, und sei dabei ganz bei dem anderen und damit ganz bei Gott.
So wie der barmherzige Samariter, der von Herzen hilft und gibt, und
dabei einfach nur im Blick hat, dass der Verwundete ihm nicht vom
Esel rutscht.
Amen.


[1] P. Sloterdijk: Zorn und Zeit, Suhrkamp 2006, 50.
[2] A.a.O., 51.