Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,19-23

Pfarrer Stefan Burkhard (rf)

14.02.2010 In der Kirche in Wettingen (Schweiz) und in Neuenhof


Von der Schönheit


Liebe Mitchristen,
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?“,
das ist die Frage,
welche die Königinmutter im Märchen „Schneewittchen“ immerwährend umtreibt
und anstachelt
und letztendlich ins Verderben führt,
weil sie sich zum Rachefeldzug gegen ihre Stieftochter verleiten lässt,
da ihr der Spiegel offenbart:
„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“
---
Nun – ,
ich werde heute von der Schönheit reden;
davon, wie allgegenwärtig und überall greifbar diese Frage der Königin ist,
und auch davon, wie schnell die Schönheit vergeht,
– und darum will ich zum Schluss hin auch fragen,
ob es nicht eine Schönheit gibt,
die dem Zahn der Zeit besser widerstehen
und in gewisser Hinsicht sogar trotzen kann.


Die Frage der Königin, wer da die Schönste sei im ganzen Land,
ist nämlich bis heute eine überaus weit verbreitete Frage:

Kaum eine Illustrierte kreist nicht um das Thema der Schönen und Schönsten und Beautys, und so viele Sendungen machen ihre Einschaltquoten mit dem Geschäft der Schönheit.


Heidi Klum zelebriert als „Hohe Priesterin der Schönheit“
in endlos langen
– um nicht zu sagen: langweiligen –
Sendungen „Germany’s next Topmodel“
– und zwar wie ein heilbringendes Ritual für die gesamte
deutschsprachige Menschheit!


Und alljährlich flimmert auch bei uns in der Schweiz
die Wahl zur „Miss und zum Mister Schweiz“
mit einem Samstagabend-füllenden Programm über den Bildschirm.


Daneben gibt es ganze Industriebereiche,
die sich der Schönheit als solcher annehmen,
und so entstehen zum Beispiel Modelinien, die die Handschrift eines Designers tragen,
aber auch teurer Schmuck, gut duftende Parfüms und ganz viele Anti-Aging-Produkte,
denn man weiss es ja
– und psychologische Studien belegen es immer wieder:


Wer schöner aussieht, geht erfolgreicher durchs Leben!

So ist also die Schönheit an sich
zunächst einmal ein Wettbewerbsvorteil im Kampf aller gegen alle.
Die äussere Erscheinung spielt nämlich ganz gewiss bei der Partnerwahl eine Rolle, möchte man doch seinen Nachkommen nach Möglichkeit die besten Gene mit auf den Weg geben,
aber auch bei der Stellensuche legt man im Normalfall Wert auf sein Äusseres.

Alle Kulturen sind sich darin einig,
dass die Schönheit den damit Gesegneten begünstigt,
uneinig sind sich die Kulturen einzig darin,
was denn am besten die Schönheit zur Geltung bringt.

Früher galten bei uns zum Beispiel Frauen als schön,
die eher etwas pummelig und bleich waren,
heute jedoch sollte man möglichst schlank und gebräunt aussehen,
– doch womöglich hat sich dieser Trend und das damit verbundene Schönheitsideal schon wieder geändert,
– und so möchte manch einer nun keine magersüchtigen Models mehr sehen.
Indes - ;


es wäre sicherlich ganz falsch verstanden,
würde man das Streben nach Schönheit allein bei den Frauen vermuten.


Auch wir Männer wollen schön sein,
bloss zeigt sich unser Streben in der Regel anders:

Wenn ich zum Beispiel ein schönes Auto sehe,
dann streichle ich mit meinen Augen über das Blech,
denn dieses technische Wundergerät weckt in mir eine nicht zu leugnende Begehrlichkeit, indem das Auto mehr oder weniger laut und deutlich zu mir sagt:

„Auf! Kauf mich!
Ich will dein neues Auto sein!
In mir siehst sogar du auch einmal richtig schön und erfolgreich aus!
In mir findest du nämlich genau das Kleid vor, das dich erst richtig gut und schön zur Geltung bringt.“


Kurz: Was für viele Frauen die Schuhe oder die Kleider sind, das sind für Männer meist nur andere Gegenstände, die ihre Attraktivität
– an Stelle der oft nicht – oder nicht mehr – vorhandenen körperlichen Schönheit – unterstreichen sollen.


Denn wir begehren immer das Schöne!
Wir verstehen zwar nicht immer dasselbe unter diesem Begriff
– liegt doch die Schönheit auch im Auge des Betrachters – ;
aber die Schönheit an sich
ist und bleibt für uns alle ein ganz grosses Thema
– selbst in jenen Bereichen, wo wir es zunächst nicht vermuten!


Zum Beispiel in der geistigen Welt:

Der antike Philosoph Platon redet von einer Welt der Ideen, die jenseits der alltäglichen Dinge liegt, und in dieser Welt der Ideen begegnet uns nach Platons Auffassung eben erst das Ur-Schöne und das Ur-Gute; und darum soll der Philosoph nach Platons Meinung immerwährend nach diesem Ur-Guten und Ur-Schönen streben, das sich dem Philosophen im Denken in seiner Reinheit und Klarheit und Schönheit erschliesst.


Nun - ;
an dieser Stelle will ich Ihnen nicht Platons Ideenlehre erläutern;
ich will Ihnen bloss bewusst machen,
dass auch in der geistigen Welt das Streben nach Schönheit vorhanden
und bisweilen prägend ist,
– und genau das ist ja dann letztlich auch der Grund,
warum es so etwas gibt wie Kunst und Literatur – ;

und vielleicht haben Sie es darum für sich selber auch schon spüren und
wahrnehmen können,
dass ein Satz oder ein Gedanke von wahrhaftiger Schönheit sein kann,
oder dass die Mathematik eigentlich nichts anderes ist
als die reine Ästhetik der Logik.


Folglich geht uns die Schönheit immer an!
Keiner – auch nicht der Weiseste – kann sich ihrem Bann entziehen
– und muss es auch nicht!

Doch zurück zur Königinmutter, die in den Spiegel blickt.


Was sie erlebt, ist ja im Grunde genommen das,
was ein jeder und eine jede von uns früher oder später erlebt – oder erleben wird.


Die Königin erfährt nämlich,
dass eine Andere, eine Jüngere, eine Schönere ihren bisherigen Platz einnimmt,
denn der Spiegel sagt ihr in unzweideutiger Ehrlichkeit und Offenheit:
„Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr!“


Das tut weh!
Denn die Königin wird damit von ihrem bisherigen Schönheits-Thron heruntergestossen,
erlebt sie doch, wie sie älter wird,
und sie muss es mit ansehen, wie ihr Gesicht Falten bekommt,
– und kann nichts dagegen tun –
während Schneewittchen nun immer schöner – ja tausendmal schöner – wird als sie.


Die Geschichte der Königin ist an diesem Punkt unser aller Geschichte!

Mit zunehmendem Alter laufen auch uns die jüngeren, schöneren, schnelleren und kräftigeren Menschen den Rang ab,
und so gehören auch wir mehr und mehr zum alten Eisen.


Und wir werden uns bewusst,
wie schnell doch die Jugend und die Schönheit verwelken
– ja, eigentlich bereits dahingewelkt sind.

---
Bis jetzt habe ich das bisher Gesagte noch in keinen Bezug zu einem Bibeltext gestellt, und so möchte ich das nun nachholen, indem ich Ihnen aus dem Matthäusevangelium aus dem 6. Kapitel die Verse 19 bis 23 vorlese:

''Sammelt euch nicht Schätze auf Erden,
wo Motte und Rost sie zerfressen,
wo Diebe einbrechen und stehlen.
Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel,
wo weder Motte noch Rost sie zerfressen,
wo keine Diebe einbrechen und stehlen.
Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Das Licht des Leibes ist das Auge.
Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib von Licht erfüllt sein.
Wenn dein Auge (jedoch) böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein.
Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie gross ist dann die Finsternis!''
In diesem Bibeltext geht es nun nicht direkt um Schönheit,
gleichwohl kann man diesen Bibeltext auch hinsichtlich der Schönheit auslegen,
die aufblüht und dann wieder verwelkt.


Denn auch die Schönheit ist ein Schatz,
den die Motten und der Rost
– so die starken Bildworte des Matthäusevangeliums –
im Laufe der Zeit wegfressen und auffressen.


Und wenn nun das Matthäusevangelium sagt,
dass man sich eben Schätze im Himmel sammeln und zulegen soll,
die weder von Motten noch von Rost zerfressen werden,
dann stellt sich für mich natürlich die Frage,
welche Schätze das wohl sein mögen,
und von welcher Art, von welcher Qualität,
diese Schätze beschaffen sind.


Gibt es das überhaupt:
Schätze, die dem Zahn der Zeit vollends und ganz und gar widerstehen
und die für alle Ewigkeit gegen die Motten und gegen den Rost gewappnet sind?


Ich zumindest bin der Überzeugung,
dass ich Ihnen auch nicht wirklich sagen kann, welche Schätze das tatsächlich sind,
denn alles, was ich kenne,
geschieht ja in der Dimension von Raum und Zeit
– und was darum wirkliche Ewigkeit ist,
das übersteigt alles,
worüber ich je etwas sagen und aussagen kann.

Darum versuche ich im Folgenden einzig
– und das ist ja im Grunde genommen schon mehr als genug –
nach einem Schatz zu fragen, der solange wir leben seinen Wert behält und nicht verliert.


Hinsichtlich unserer Lebenszeit und Lebensspanne wird mir schon klar:

Die klassische und äusserliche Schönheit eines Menschen
entspricht mit Sicherheit nicht dem gesuchten Schatz des heutigen Bibeltextes.
Gerade sie ist ja vergänglich!

Klar ist mir auch, dass dieser Schatz kein materielles Ding
– keine Rolex-Uhr, kein Diamantschmuck und kein noch so teures Auto,
keine Luxus-Villa, keine Wertanlage und auch kein Edelmetall –
sein kann. Denn auch all dies kann seinen Wert mit einem Schlag
– etwa durch eine Naturkatastrophe oder wenn man krank wird –
verlieren.


Auch die Gesundheit ist es somit nicht! Sie ist ebenfalls vergänglich.


Und es sind darum auch nicht die geistigen Fähigkeiten oder Werte,
die wir uns im Laufe unseres Lebens antrainieren und aneignen,
denn auch sie können uns genommen werden;
– zum Beispiel durch einen Hirnschlag,
der uns plötzlich unserer Worte und unserer Sprache beraubt.


Mit anderen Worten:
Alles, was wir haben und besitzen
und auch alles, was wir sind – oder besser: was wir zu sein meinen – ,
kann uns von einem Tag auf den anderen genommen werden.


Es sind folglich auch nicht unsere lieben und guten Mitmenschen,
die für uns ein unzerstörbarer Schatz sind.
Denn Menschen können uns zwar unendlich viel bedeuten
– aber sie sind nicht unzerstörbar!
Auch sie können uns – wir erfahren es ja immer wieder schmerzlich – genommen werden.


Und es sind darum auch nicht unsere guten Taten,
die wir vor 20 Jahren oder mehr getan haben.
Denn niemand – aber auch nicht einer – kann sich auf seinen Lorbeeren ausruhen!
Und so verlieren auch die guten Taten, die schon lange zurückliegen,
mit der Zeit an Bedeutung,
– wiewohl sie sicher nicht wertlos oder vergebens waren!


So frage ich:
Ist es etwa der Glaube, den die Motten und der Rost nicht zerfressen können?

Aber auch da wird mir bewusst:
Auch der Glaube oder die Hoffnung,
die Zuversicht oder die Freude sind kein unzerstörbarer Besitz.
Auch all dies kann einem je nach Situation und Schicksalsschlag genommen und entrissen werden.

Was also könnte es sein, das einem trotz Alter und schwindender Schönheit,
trotz körperlicher Gebrechlichkeit und zunehmendem Verlust an Lebenskraft
möglichst lange erhalten bleiben kann?


Ich glaube:
Es ist die Liebenswürdigkeit!
Sie allein kann einem bis zum letzten Atemzug erhalten bleiben.


Denn die Liebenswürdigkeit ist unsere allerletzte Würde,
die uns im guten Fall noch bleibt,


und sie ist auch unsere allererste Würde,
die wir schon jetzt
– und das geschieht eben im anderen und im schlechten Falle –
im Hier und Heute verlieren.


Die Liebenswürdigkeit ist also ebenfalls nicht unzerstörbar
– o nein, das ist sie mit Sicherheit nicht –
aber sie kann
– die Betonung liegt auf dem „kann“ –
einem selbst dann noch erhalten bleiben,
wenn wir bettlägerig sind
und durch und durch auf die Hilfe und Unterstützung von anderen angewiesen.

Selbst dann können wir unseren Mitmenschen
für die vielen Hilfeleistungen und Handreichungen
immer noch eine Dankbarkeit und eine Liebenswürdigkeit entgegen bringen,
– zumindest solange wir noch einigermassen uns selber und bei klarem Verstand sind.

So stellt also die Liebenswürdigkeit so etwas dar,
wie ein Schatz, den die Motten und der Rost nicht gar so leicht uns nehmen können.


Denn die Liebenswürdigkeit ist eine Würde und eine Schönheit,
die uns auch im Alter nicht zwangsläufig abhanden kommt.


Sie ist darum so etwas, wie das Licht des Leibes,
von dem das Matthäusevangelium spricht:

Das Licht des Leibes ist das Auge.
Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib von Licht erfüllt sein.
Wenn dein Auge (jedoch) böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein.
Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie gross ist dann die Finsternis!
Mit anderen Worten:
Es gibt offensichtlich Menschen,
die im Laufe ihres Lebens vor allem finster und böse werden wie die Königinmutter,
die ihrer Stieftochter nach dem Leben trachtet;
es gibt aber auch Menschen,
die eine Schönheit und Liebenswürdigkeit entfalten,
die weit jenseits der jugendlichen Schönheit liegt.


Und:
Es liegt eben an uns, zu entscheiden,
wie wir durchs Leben gehen möchten und alt werden wollen,
und welchen Schätzen
und welcher Schönheit wir hinterher zu jagen gedenken.

„Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“
(=Mt 6, 21, zitiert nach der alten Übersetzung der Zürcherbibel)

Amen.

Ich bitte Sie, sich zum Gebet zu erheben:
Unser Gott,
wir alle sehnen uns nach Schönheit,
denn im tiefsten Sein und Grunde sehnen wir uns nach einer Schönheit in dir.
Nach einer wahrhaftigen Schönheit, die uns von aussen zukommt,
und die uns von dir angerechnet wird
und uns über alles Hässliche hinweg erhalten bleibt.


Unser Gott,
mach du uns schön!
Denn nicht der Regen macht schön,
und wirkliche Schönheit kommt auch nicht von innen;
– sie kommt von dir.


Deine Schönheit macht uns fähig,
das Unschöne im Leben versöhnlich zu nehmen
und damit ins Gute und Schöne zu verwandeln.


Das gute Vorbild deines Sohnes zeigt uns,
was auch wir für gute und schöne Abbilder von dir werden können.


Deine Liebe ist das Kleid, das uns schön macht.


So lass uns dieses Kleid anlegen,
auf dass wir nicht frieren und nicht nackt und nicht bloss durchs Leben gehen.


Mach du uns schön!


Und alles, was uns sonst noch bewegt, das fassen wir zusammen,
wenn wir gemeinsam das Unser Vater beten:


Unser Vater im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


Sie können sich wieder setzen,
und ich bitte Sie als Fortsetzung des Gebets dreimal nacheinander das Lied 650 zu singen.


Lied: NRG 650 (dreimal) (Mein Herr und mein Gott)