Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,19-23

Pfarrer Andreas Brummer

30.09.2001 in der Ev.-luth. Nikodemus-Kirchengemeinde, Hannover-Heideviertel am Erntedankfest

Predigttext:
Speichert euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Fraß sie zerstören und wo Diebe (die Mauern) durchbrechen und sie stehlen. Speichert euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Fraß sie zerstören und wo Diebe nicht (die Mauer) durchbrechen und sie nicht stehlen. Wo nämlich dein Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein.
Die Leuchte des Leibes ist das Auge. Wenn nun dein Auge rein ist, wird dein ganzer Leib leuchtend sein. Wenn aber dein Auge verschlagen ist, wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun aber das Licht in dir finster ist, um wie groß wird dann die Finsternis in dir sein..

Matthäus 6, 19-23

Liebe Gemeinde!

Das ist natürlich heute ein harter Predigttext für den Erntedanktag. Und das nach jener Evangelienlesung mit der Geschichte vom reichen Kornbauer und dem düsteren: "Heute Nacht wird man deine Seele von dir fordern". Unser Predigttext scheint daran anknüpfen zu wollen. Erinnern Sie sich nur an den letzten Satz, sozusagen die Moral der Geschicht vom reichen Kornbauer, wo es da heißt "So geht es jedem der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott".

Wie auch immer. Die beiden Texte geben dem Erntedank heute einen düsteren Ton. Und sie zeigen damit auch an, wie sehr der Protestantismus eben seine Schwierigkeiten hat mit den Naturfesten im Jahreslauf, mit den sogenannten Schöpfungsfesten. Jedenfalls ist da weder im Evangelium noch im Predigttext etwas zu spüren von der Unbeschwertheit und Leichtigkeit und Überschwenglichkeit eines Erntefestes, bei dem der Dank an Gott und die Lust am Leben zusammenfließen. Vielmehr klingt da eher ein Warnung durch und eine stille Drohung, die jede Ausgelassenheit dämpft. Ein wenig nach dem Motto von Wilhelm Busch: "Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe".

Nun ist unsere Situation in diesem Jahr aber die, daß es diese Unbeschwertheit gar nicht gibt. Dazu brauchen wir den reichen Kornbauer gar nicht. Die weltpolitische Lage dämpft uns und beunruhigt uns. Das Danken fällt schwer in diesem blutigen September. Von einer "Bluternte" wurde ja im Zusammenhang der Terroranschläge in den USA gesprochen. Bei allem, was da an guter Ernte in diesem Jahr gewesen sein mag, individuell oder kollektiv - wir leben in diesem Monat auf der Waagschale des Lebens mit einem gewaltigen Gewicht auf der düsteren Seite.

Was wir brauchen, ist, denke ich, ein Gegengewicht. Und so will ich einen dritten biblischen Text mit ins Spiel bringen. Übrigens auch einen Erntedanktext, nämlich die alttestamentliche Lesung für diesen Tag. Sie beschreibt zugleich so etwas wie den Verstehenshorizont für das, was da in Evangelium und Predigttext so düster anklingt.

So steht geschrieben im Buch des Propheten Jesaja im 58. Kapitel:
"Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich doch nicht denen, die zu dir gehören! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: "Siehe, hier bin ich." Wenn du in deiner Mitte niemanden unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Dunkel sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen ist, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward, und man soll dich nennen: "Den, der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne".

Liebe Gemeinde,
das sind Lichtworte zum Erntdedankfest. Da wird zwar keine heile Welt beschrieben - Hunger, Elend, Krankheit, das alles wird nicht geleugnet-, aber da wird eben doch zum Leben ermuntert. Das sind Worte des Aufbaus. Eine Vision erwachenden Lebens, aufstrahlenden Lebens. Da wird sozusagen Gottes Plan mit seiner Welt ausgerollt, sein Heilsplan, sein Plan einer Gesundung. Und vor allem - und darauf kommt es auch an: Wir Menschen werden eingebunden. Heilsam eingebunden in diesen Aufbauplan des Lebens. So soll man dich nennen: "Den, der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man da wohnen könne". Das ist menschliche Bestimmung: Mit dem eigenen Leben, mit den eigenen Händen, diese Welt erstrahlen zu lassen. Und darauf liegt ein Versprechen Gottes. Dann wird dein Licht sein wie die Morgenröte und dein Dunkel wie der Mittag.

Das, liebe Gemeinde, denke ich, ist auch der Verstehenshorizont für all die anderen Texte, die wir heute auch gehört haben. Für die düstere Geschichte vom reichen Kornbauer, dessen Seele eingefordert wird. Und für die beklemmenden Mahnworte über Diebe, die in die Schatzkammern unseres Lebens einbrechen und über die Finsternis in uns. Es geht eben auch bei all diesen Worten letztlich um unsere Bestimmung. Nicht das ist das Ziel, einem Menschen seinen Reichtum an Güter sozusagen (und im wahrsten Sinne des Wortes) "madig" zu machen und die Sorgen einzupflanzen - nach dem Motto: "Die Motten werden dir's schon wegfressen" und "Die Diebe werden's dir schon abnehmen" - nein: es geht um eine klare Anfrage: Weißt du eigentlich, was deine Aufgabe hier ist auf dieser Erde? Bist du dir darüber im Klaren, wo du hingehörst? Weißt du, daß du Teil von Gottes Heilsplan bist?

Da geht es um eine Erinnerung an unseren Ort in der Welt und daran, daß all das, was uns auf den Tisch unseres Lebens fällt an Fähigkeiten, aber eben auch an materiellen Gütern, uns mit dem Sichtvermerk gegeben wird: zum Einsatz, zur heilsamen Verwendung, zur Weitergabe, zum Leben. Das sind die Stempelaufdrucke Gottes. Es heißt eben gerade nicht: Zur gnädigen Aufbewahrung in Speichern und Schatzkammern und Aktiendepots. Gottes Güter wollen nicht in den Sackgassen der eigenen Taschen enden, sondern die Welt verändern. Wie heißt es doch in unserem Erntedanklied, das wir vorhin gesungen haben. "Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott". Dann soll es aber auch durch unsere Hände gehen und nicht in ihnen bleiben.

Auf diesem Hintergrund verstehe ich die Drohung an den Kornbauern und die Warnungen bei Matthäus. Sammelt nicht Schätze auf der Erde, sondern im Himmel. Das heißt dann: Erinnert euch, wohin ihr gehört. Erinnert euch daran, daß ihr in Gottes Heilsplan eine entscheidende Rolle spielt. Erinnert euch daran, daß euch eine Richtung für eure Handeln gegeben ist. Und zwar nicht die Richtung auf euch selbst, sondern die Richtung von euch weg auf eure Welt. Nicht so soll man dich nennen: "Den, der sich seine Dividenden sichert und Bankkonten für seine Gewinne einrichtet", sondern das soll dein Name sein: "der, der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daß man wieder da wohnen kann". Das ist deine Aufgabe, Kornbauer, und auch deine Bestimmung, Schätzesammler: .

Und das ist dann, denke ich, auch durchaus eine Anfrage an uns heute. Erntedank heißt, den eigenen Standort zu bestimmen. Wo stehen wir? Was hat es mit unserer Strahlkraft auf sich? Wo wirkt sie hinein in unsere Umgebung und umgekehrt: Wo behalten wir sie für uns, verschließen sie sozusagen vor den Leuten, und wo meinen wir unser Licht aufspeichern zu müssen für eigene dunkle Tage?
Das ist ja ein sehr menschliches Unterfangen, dieses Aufsparen.

Wer weiß denn, was für Tage kommen werden?
Nur: Wenn ich meine Lichtkraft - und dabei geht es ja um einen Anteil an Gottes uranfänglicher Schöpfermacht, nämlich um die Kraft das Dunkel unserer Welt zu durchbrechen - wenn ich diese Lichtkraft oder diese Lichtfunken aufspare, da bleiben sie ungenützt, da können sie nichts verändern, da mögen sie sogar schließlich verpuffen.

"Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich doch nicht denen, die zu dir gehören! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte."
So steht's im Buch des Propheten Jesaja.

Jetzt mag einer fragen: "Was bringt mir das alles? Was bringt es mir für andere da zu sein? Was habe ich denn davon?" Das ist ja eine ziemlich moderne Frage, aber leider ist es auch eine ziemlich dumme Frage. Denn es gibt natürlich etwas zu gewinnen. Es gibt die Teilhabe an einer Welt zu gewinnen, in der Solidarität und Unterstützung kein Fremdwörter sind. Das mag für Menschen, deren Ziel es ist, mit allem allein zu recht zu kommen, nicht so wichtig erscheinen. Aber die, die das Leben mit den geöffneten Händen und Herzen praktizieren, wissen, wie ansteckend das ist. Und wie man da plötzlich anderen begegnet, die das auch so tun: Die das, was ihnen von Gott her zukommt durch ihre Hände gehen lassen und es nicht krampfhaft festhalten. Und die wissen, wie da gerade das, was ich weggebe und loslasse, mir in anderer Weise wieder zufließt. Denn das ist ja vielleicht der größte Irrtum von uns Kornbauern, daß wir oft meinen: Nur das, was wir in unseren Vorratshallen aufbewahren, sichert unsere Zukunft. Es gibt - und ich denke, viele unter uns, werden das auch kennen - es gibt doch auch das andere: Daß das, was ich loslasse mir die Zukunft sichert, weil es eben nicht leer zurückkommt. Daß eben Solidarität keine Einbahnstraße ist und schon gar keine Sackgasse. In diesem Leben nicht und im kommenden Leben schon gar nicht.

So schließe ab mit einer kleinen Geschichte. Auch wenn sie im Himmel spielt und dabei etwas von Wilhelm Busch's "Wehe, wehe" durchschimmert - sie verweist uns im Grunde doch nur zurück, an den Ort, an dem wir jetzt sind - nämlich mitten auf der Erde, von Gott begabt und begütert und eben beauftragt:

Da ist ein reicher Mann. In seinem Testament verfügt er, daß ihm im Falle seines Todes ein Sack mit 1000 Goldstücken mit ins Grab gelegt werden solle. Eine Vorsorge für künftige Welten sozusagen. So geschieht es dann auch. Im Himmel angekommen findet er den Sack mit den Goldstücken neben sich und ist erleichtert. Als er sich dann in seiner neuen Umgebung umsieht, kommt er in eine Art Kaufhaus. Dort steht ein langer Tisch voller erlesener Speisen und Getränke. Hier läßt sich's ja gut sein, denkt er und fragt: "Sagt an, was kostet das Lachsbrot". "Ein Groschen," ist die Antwort des Verkäufers. "Und die Pastete?". "Gleichviel". "Und der Wein?" - "Alles ein Groschen". Billig, denkt der Mann, herrlich billig. Himmlisch billig. Und er wählt sich eine ganze Platte aus.

Aber als er mit einem seiner Goldstücke bezahlen will, da nimmt der Verkäufer die Münze nicht an. "Alter," sagt er und schüttelt den Kopf, "was hast du nur im Leben gelernt?". "Was soll das," murrt der reiche Mann, "ist dir mein Geld nicht gut genug?". Und der Verkäufer antwortet: "Ja, schon, aber wir nehmen hier nur das Geld, das einer verschenkt hat".

Speichert euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Fraß sie zerstören und wo Diebe (die Mauern) durchbrechen und sie stehlen. Speichert euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Fraß sie zerstören und wo Diebe nicht (die Mauer) durchbrechen und sie nicht stehlen. Wo nämlich dein Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein.

Amen