Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,19-34 mit einem Gedicht als Prolog

Mathias Jeschke

19.09.2008 vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Deutschen Bibelgesellschaft im Bibelhaus in Stuttgart

Himmlische Schätze

Predigt über den Mohn

Einer ging durchs Feld, die Ähren raufend.
Wie Kinder lehrte er die Freunde tauchen
auf den Grund der Welt.

Die Blinden machten große Augen,
sahen: Vogelflug, ein Feld, und wußten:
Heute ist genug.

Er bückte sich, streckte die Hand,
so hob er eine Blüte auf ins Licht: Seht dieses Rot.
Wie Blut, rief’s gleich.

Er sprach: Er, der dem Schnee das Weiß,
dem Gras das Grün verliehen, schuf ein Leichtes,
das sich selbst verschenkt.

Jetzt geht ihr durch ein Ährenfeld,
von Blüten nur gesprenkelt, durchwandert bald ein Meer,
das nichts als Mohn ist.

Nachts am Feuer, einer der Freunde,
er formte die Lippen zum Kuß und sprach
das Glutwort: Mohn.

Kein Mund und keine Hand drang
in die Stille, die dann folgte. Alle Augen gingen
leer zu ihm.
 

Himmlische Schätze (Matthäus 6,19-34)

Im September lohnt es sich, den Blick zu heben. Wenn der Nebel sich gelichtet hat, steht uns die ganze kürbisfarbene Welt in ihrer spätsommerlichen Pracht vor Augen. So sieht es aus da draußen: Eine Schöpfung, die uns für sich einnehmen will. Ein Schöpfer, der uns für seine Schöpfung gewinnen will. Der uns umschmeichelt mit gelbgrünen Apfeldüften und ockerbraunen Waldbodenparfüms, der uns umgarnt mit altweibersommerlichen, tauperlenbesetzten Spinnwebcolliers, mit Hagebuttendiademen. Und über den Wiesen die flaggenden, wimpelnden Zeichen der Gefiederten.
Und wir, und unser Leben, wie sieht es da aus? Terminkalender, Schreibtisch, Steuererklärung, Autoreparatur, Kehrwoche, Hausaufgaben mit den Kindern, Arzttermin, Geburtstagspost, Spülmaschine, Einkaufen. Und was gewinnen wir? – Wir verlieren uns.
Jesus, der uns für seinen Vater gewinnen will, knüpft in seinen Bergteppich – diese Predigt darüber, wie man in dieser Welt leben kann – das Lehrgedicht vom Schätzesammeln und Sorgen ein. Dadurch wird die Bergpredigt einen schöpferischen Moment lang zu einer anschaulichen Feld-, Wald und Wiesenrede:

19  Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden,
 wo sie die Motten und der Rost fressen
 und wo die Diebe einbrechen und stehlen.
20  Sammelt euch aber Schätze im Himmel,
 wo sie weder Motten noch Rost fressen
 und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.
21  Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

„Na, was ich eben so unter Leben verstehe... Gehalt, Versicherungen, Altersvorsorge, ein paar Aktien, das empfiehlt sich, schöne Wohnung, am besten Eigentum, Urlaub selbstverständlich, was Ordentliches anzuziehen ist ja klar, das Auto, muss ja, dann aber auch was Sportliches, wir gehen gern essen und sammeln Kunst, ein bisschen, die vielen Bücher sind teuer, das schon... Na, was ich eben so unter Leben verstehe!“

22  Das Auge ist das Licht des Leibes.
 Wenn dein Auge lauter ist,
 so wird dein ganzer Leib licht sein.
23  Wenn aber dein Auge böse ist,
 so wird dein ganzer Leib finster sein.
 Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist,
 wie groß wird dann die Finsternis sein!

„Nee, ich weiß schon, nee, nee, das guck ich mir gar nicht mehr an! Also, unser Nachbar hat ja jetzt ein Straße weiter dieses Haus da gekauft, dabei hatte er sich grade eben erst den Porsche Cayenne vor die Tür gestellt, na ja, mir hätte das ja auch gefallen, aber das ist ja bei dem auch nur so’n Känguru-Projekt: Nichts im Beutel, aber große Sprünge machen! Aber, ach was, ich bin ja zufrieden, soll er doch machen. Ach, nee, doch, ich bin eigentlich zufrieden mit meinem Leben.“

24  Niemand kann zwei Herren dienen:
 Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben,
 oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten.
 Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

„Geld regiert die Welt, das ist doch wohl klar, oder?! Also, ich meine, was ist denn sonst der Motor? Die Wirtschaft und so, das muss doch alles laufen, das ist doch logisch. Also, ohne das, da könnten wir uns doch vergessen. Wir würden ja nicht mehr mithalten können im internationalen Vergleich, wenn wir nicht ständig auf Zack und auf dem Kiwief wären. Das glaubt ja wohl keiner, dass wir ohne Geld und ohne ein gut funktionierendes Wirtschaftsystem überhaupt einen Stich machen könnten, oder?!“

 
25  Darum sage ich euch:
 Sorgt nicht um euer Leben,
 was ihr essen und trinken werdet;
 auch nicht um euren Leib,
 was ihr anziehen werdet.
 Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung
 und der Leib mehr als die Kleidung?

„Ja, meine Tochter, die will natürlich nicht irgendwas anziehen, Sie kennen das ja auch! Der Gürtel von Dolce & Gabana, die Sonnenbrille von Gucci, da fängt’s ja schon an. Und ich will gar nicht dran denken, wo es wieder aufhört... Natürlich kann man das nicht alles durchgehen lassen, das ist ja teuer, da muss ne alte Frau lange für stricken! Klar, so ein paar Sachen sind schon drin, aber... Also, ich mag ja das Kulinarische lieber als so extravagante Kleidung. Nächste Woche z.B. gehe ich zu Vincent Klink auf die Wielandshöhe, der fehlt mir noch in meiner Sammlung. Nee, so Starköche, das ist schon was Besonderes! Müssen Sie auch mal hingehen!“

Und so könnten wir unseren Zeitgenossen nun immer weiter seine Vorstellung von der menschlichen Existenz abspulen lassen und fänden uns doch auch selbst immer wieder, in irgendeinem Zweig seines Lebensbaumes sitzend und das Lied vom Leben zwitschernd.
Jesus, unser Gewährsmann in Sachen Leben, hält sich da an ganz andere, wenn es um die Frage nach den Bedingungen menschlicher Existenz geht:

26  Seht die Vögel unter dem Himmel an:
 sie säen nicht, sie ernten nicht,
 sie sammeln nicht in die Scheunen;
 und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
 Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
 
27  Wer ist unter euch,
 der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte,
 wie sehr er sich auch darum sorgt?

28  Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung?
 Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen:
 sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29  Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit
 nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

30  Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet,
 das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird:
 sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31  Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
 Was werden wir essen?
 Was werden wir trinken?
 Womit werden wir uns kleiden?
32  Nach dem allen trachten die Heiden.
 Denn euer himmlischer Vater weiß,
 dass ihr all dessen bedürft.
33  Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes
 und nach seiner Gerechtigkeit,
 so wird euch das alles zufallen.

34  Darum sorgt nicht für morgen,
 denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.
 Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Das ist ein Glauben gegen allen Kleinglauben. Denn unser Alltag ist durchsetzt von Befürchtungen. Was alles schief gehen kann und was sich uns alles in den Weg stellt und sonst noch hundert widrige Umstände! Die Frage ist, ob wir den Befürchtungen den Vortritt lassen oder dem Vertrauen? Wer das Leben als Geschenk begreift, wird dankbar. Und der Dankbare weiß zumindest, dass er vertrauen darf, auch wenn es ihm vielleicht nicht immer gelingt.
Die Vögel und die Lilien sind die von Gott bestellten und eingesetzten Lehrer, die uns aus unseren erstarrten Glaubenssätzen zum Thema Leben heraustirilieren und herausblühen sollen. Sie singen das Lied vom „Heute“ des Vaterunsers – „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ – das ein Lied des Vertrauens ist. Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut, das weiß der Vogel, weiß die Blume.
Und wir? Ja, sollen wir dann die Hände in den Schoß werfen? Natürlich nicht! Immerhin gibt es ja noch den anderen, den manchmal ungeliebten Satz – „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ – Aber uns allen täte es gut, wenn wir im Rhythmus des Lebens immer mal wieder ablassen würden von unserer Betriebsamkeit, um uns zu besinnen. Auf was? Darauf, dass ein Mensch sich ebenso wenig selbst erhalten kann, wie er sich selbst erschaffen konnte. Der Dankbare erkennt: Es ergeht ihm wie der Blume und dem Vogel, er kann sein Leben gar nicht selbst erhalten. Und: Ein Mensch bekommt allerhand Sorgen, wenn er anfängt Gott, den Geber seiner Gaben, zu vergessen und sich selbst zu ernähren. Nicht zuletzt bekommt er Nahrungssorgen.
Abhängig zu sein von seinen Schätzen und Sorgen, das ist schwere Abhängigkeit, abhängig zu sein von Gott, das ist wahre Unabhängigkeit, so sagt es der Gewährsmann dieser Entfaltung, Sören Kierkegaard. Wer abhängig ist von Gott, der ist leicht, denn Gott hat keine Schwere, wie Schätze und Sorgen sie haben. Wer abhängig ist von Gott, der ist unabhängig und leicht wie ein Vogel.
Der Dankbare blickt über die Wiesen, er blickt auf zum Himmel. An dem erkennt er erneut die Vögel, die ihm flatternd und zwitschernd predigen, was es bedeutet, sich damit zu begnügen, Geschöpf des Schöpfers: Mensch zu sein.
Was für ein Gott, unser Gott! – Was für ein Wort aus seinem Mund!

Amen.