Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,24

Pfarrer Frank Briesemeister

28.04.2002 in der Stephanusgemeinde, Bensheim

Konfirmationsansprache

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Jedes Jahr kommt der Schornsteinfeger zu uns nach Hause, um entweder den Heizkessel oder den Schornstein zu kontrollieren.
Seit ein paar Jahren kommt zu uns immer der gleiche junge Mann. Bei unseren Gesprächen hat er wiederholt seine Meinung kund getan: "Pfarrer müsste man sein, dann braucht man nur am Sonntag zu arbeiten."

Vor 2 Monaten, im Februar - wir kamen gerade von unserer Konfirmandenfahrt aus Gernsheim zurück, da wiederholte er seine Anschauung, dass man als Pfarrer nur einen Tag in der Woche arbeiten müsse.
Als ich ihm erzählte, dass wir gerade 4 Tage mit Euch Konfirmanden unterwegs gewesen sind und ich noch ein wenig Schlafdefizit hätte, vertrat er die Ansicht, dass dies ein schönes Vergnügen sei, ein bisschen Freizeit mit Jugendlichen zu teilen.

Ich erzähle Euch von diesem jungen Mann, weil ich glaube, dass seine persönliche Ansicht kein Einzelfall, sondern ihr immer wieder zu begegnen ist.
Deshalb möchte ich die Frage beantworten, was wohl hinter solcher Aussage für ein Weltbild, und zwar für ein religiöses Weltbild steckt.

"Der Pfarrer arbeitet nur sonntags", damit meint er den Gottesdienst am Morgen.

  • Religion, Glauben finden demnach nur in einer Nische statt, womöglich in einer wenig bedeutsamen Veranstaltung für ein paar alte Leute, während der ‚normale Mensch' um diese Zeit mit anderen Dingen beschäftigt ist.
  • Religion, Glauben haben dieser Ansicht nach eigentlich gar keinen Ort im Alltagsleben. Selbst wenn man mit Konfirmanden wegfährt, geht man nach Ansicht des Schornsteinfegers eher einem Freizeitvergnügen nach.
  • Religion und Glauben fristen also nicht bloß ein Randdasein, sondern werden zugleich ohne Relevanz, ohne Bedeutung für das Leben und den Alltag angesehen.

Heute nun sind wir in großer Zahl versammelt und konfirmieren Euch Jugendliche:
Dich Christina und Nadine, Dich Mareike und Marina,
Dich Johanna, Lilia, und Alena;
Dich Dominic und Tobias, Dich Jens und Martin,
Dich Marcel und Oliver, Dich Mattias und Sascha.

Würde der Schornsteinfeger, wenn er denn hier wäre, auch jetzt seine Ansicht aufrecht erhalten, Religion und Glauben haben keinen herausgehobenen Stellenwert, trotz dieses besonderen Gottesdienstes?
Ist Konfirmation auch nur eine zeitlich begrenzte Nische, ein Jahr Konfi-Arbeit durchhalten und dann nix wie weg, vergessen und vorbei?
Etwa in der Weise, wie es folgendes Gespräch dreier Pfarrer zum Ausdruck bringt.

Drei Pfarrer tauschen sich darüber aus, was sie je unternehmen, um die lästigen Fledermäuse aus ihren Kirchen zu vertreiben.
Der erste erzählt, dass er es mit einer Pfeil und Bogen probiert habe, da er aber ein miserabler Schützte sei, habe das noch keinen Erfolg gebracht.

Der zweite Pfarrer berichtet davon, wie er alle Tiere eigenhändig eingefangen und sie dann am Stadtrand ausgesetzt habe.
Allerdings, als er zu seiner Kirche zurückkam, waren alle Fledermäuse schon längst wieder da.

Da erzählt der dritte Pfarrer stolz, dass er seine Fledermäuse für immer losgeworden sei. Die anderen beiden bestürmen ihn sogleich mit der Frage, wie er das denn bloß geschafft habe?!
Na, ganz einfach, ich habe sie konfirmiert.

  • Ist Glauben nur ein persönlich Ding, dass jeder allein mit sich abmacht, ohne große Auswirkung auf das Leben?
  • Und Kirche und Gemeinde, brauche ich das überhaupt?

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr dahin ausgeprägt, dass sie sich verweltlicht hat. Das meint, dass eben Kirche und Glauben im öffentlichen Bewusstsein eine immer geringere Rolle spielen. Diesen Vorgang bezeichnet man allgemein als Säkularisierungsprozess.
Eine Folge davon ist ein ausgeprägter Individualismus , bei dem jeder sich vor allem mit sich selbst beschäftigt.
Dabei ist im Grunde jedem fast alles möglich, schließlich muss ich ja für mich selbst wissen und entscheiden, was mir gut tut.
In der Konsequenz hat das zu einem Gutteil dazu geführt hat, dass Werte und Normen, sowie akzeptable Verhaltensmaßstäbe, an die sich weitgehend alle halten, in unserer Gesellschaft am Schwinden sind.

Die zweite Auswirkung der Säkularisierung ist der Materialismus.
Hier geht es darum, möglichst viel von der großen Torte abzubekommen und für sich zu konsumieren.
‚Jeder ist sich schließlich selbst der Nächste'.
Gelebt wird nach dem Motto: ‚Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir vielleicht schon tot.'
Und noch krasser hat das Bertold Brecht zum Ausdruck gebracht: ‚Erst kommt das Fressen und dann die Moral.'

Und weil das in der großen Gesellschaft vorgelebt wird, denkt sich ‚der kleine Mann/ die kleine Frau', das kann ich auch.
Da bekommen schließlich Spitzenmanager zig Millionen nachgeschmissen, damit sie ihrer Firma den Rücken zukehren.
Da kassieren Sportler wie Musiker horrende Gehälter und Gagen und fahren Firmenchefs enorme Gewinne ein. Erst am vergangenen Mittwoch war in der Zeitung zu lesen, dass die Bezüge des achtköpfigen Vorstandes der Deutschen Telekom im vergangenen Jahr um 90 % von 9 Millionen auf 17 Millionen Euro erhöht wurden, während der Konzern selbst Verluste verbucht und derzeit mit der Gewerkschaft Verhandlungen über 6,5 % Lohnerhöhungen anstehen.
Und mit wenig Vorbildfunktion geht es in der ‚Kaste' der Politiker zu. Da werden illegale Spenden beiseite geräumt, Privilegien ausgenutzt, und alles für den Machterhalt getan.

In solch einer Gesellschaft, liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde, haben Glauben, Kirche und Gott eigentlich keinen Platz. Man ist ja nicht unbedingt dagegen, aber auch nicht dafür.
Wichtig ist, was ganz konkret herumkommt: die schöne Wohnung, die neue DVD-Anlage, ein guter Job, Geld, der neue Pentium, Freizeit, die Familie.

Und tauchen in unserer Gesellschaft Sinnfragen tatsächlich einmal auf, greift man gerne zu aufregenden Sportarten, zu exotischen Hobbies, oder taucht in die Medienwelt ab.
Doch eines glaube ich ganz sicher!
Wir können der Sinnfrage nicht entfliehen, wollen wir nicht bloß an der Oberfläche bleiben und oberflächlich leben.

  • Warum lebe ich eigentlich?
  • Was soll mein Leben überhaupt?
  • Wo soll es in meinem Leben lang gehen?

- sind Fragen, die jeden `mal mehr, `mal weniger umtreiben.

Jesus sagt:
Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Wenn ich mich nicht bloß im Leben, weil es so bequem und angenehm ist, treiben und vor allem nicht von dem allein bestimmen lassen möchte, was gerade en vogue, und dem, was gesellschaftsfähig ist, dann bin ich herausgefordert mir Gedanken über mich und mein Leben zu machen.

Eine Hilfe, ein Mosaiksteinchen hierzu, sollte die Konfirmandenzeit sein.
Miteinander danach suchen und fragen, was sinnerfülltes Leben ausmacht, was Bestand hat und zufrieden, ja glücklich macht.
Dreh- und Angelpunkt im christlichen Glauben ist sicher Jesus und das Vorbild, das er gegeben hat mit seinem Leben.

Sich mit ihm zu beschäftigen, sich von ihm her befragen zu lassen, das tut uns, so glaube ich, immer wieder gut.
Und wenn man dann zu solchen Erkenntnissen und Aussagen kommt wie jener ehemalige Konfirmand, der ganz eigene Worte gefunden hat, was ihm der Glaube bedeutet, dann ist das enorm und für ihn selbst bereichernd, wenn er sagt:

"Ich glaube,
dass Gott die größte Macht hat
und dass ich mich auf ihn verlassen kann.

Jesus hat mir gesagt, was Leben ist:
Andern helfen und gegen Ungerechtigkeit und Lüge kämpfen.
Er ist dafür ermordet worden.
Ich möchte von ihm lernen, so mutig zu sein.

Aber dazu brauche ich seinen Geist;
Deshalb bitte ich ihn oft darum.
Er hilft mir, wenn ich alles falsch gemacht habe,
dass ich den Mut finde, von vorne anzufangen.
Er ist auch zwischen mir und meinen Freunden,
wenn wir vom Glauben reden oder von anderen Dingen.
Und dann glaube ich, dass Jesus nicht tot ist,
sondern lebendig bei uns."

Das davon, was hier gesagt wird, ein Stück weit bei Euch Konfirmanden hängen bleibt und in Euch weiterwirkt, das wünsche ich mir sehr.
Gewiss kommt jetzt, nach der Konfirmation, für die meisten eine Zeit, in der Ihr wieder ein Stück in Abstand zu Kirche und Gemeinde geht.
Aber hoffentlich ist es kein hinauskonfirmieren, wie es so erfolgreich bei den Fledermäusen geklappt hat.

Statt dessen, lasst Sinn- und Glaubensfragen in euch zu, sobald sie auftauchen.
Sucht das Gespräch mit anderen, tauscht Euch aus, erneuert den Kontakt zu Kirche und Gemeinde und verliert vor allem das Vorbild Jesu nie aus den Augen.
Einige von Euch haben sich ja sogar bereit erklärt, im Dunstkreis der Stephanusgemeinde fortan mitzuarbeiten, sei es im Kindergottesdienst oder im Zusammenhang mit den neuen Konfirmanden.
Wenn das wirklich klappt, freuen wir uns riesig !!!

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,
vorhin habe ich ein Stück weit ein düsteres Gesellschaftsbild im Blick auf Glauben und Religion gemalt.
Das nicht alles nur so ist, soll zum Schluss noch erwähnt sein.
Ich erinnere noch einmal an unsere Fahrt im Februar nach Gernsheim ‚Maria Einsiedel'.
Wie wir da miteinander singen und Gottesdienst feiern konnten und wie Ihr Euch einen wirklich gelungenen Vorstellungsgottesdienst erarbeitet habt, das war schon klasse.

Und ich richte weiter den Blick in die Welt der Erwachsenen. Obwohl scheinbar Glauben, Kirche und Gott nicht besonders hoch im Trend sind, halten sich nach wie vor eine ganze Reihe von Menschen zur Kirche und sind bereit, ihren Anteil auch materiell beizusteuern, in dem sie Kirchensteuern zahlen.
An dieser Stelle, einen ganz herzlichen Dank an all die unter Ihnen, die dazu gehören..
Und ich verspreche ihnen, das Geld ist gut angelegt.
Denn es ermöglicht die Existenz von Kirchgemeinden, kirchlichen Kindergärten, Diakonischen Werken und anderen Einrichtungen und damit die Arbeit von Menschen, die sich für den Einzelnen wie für die Gesellschaft engagieren.
Menschen, die für bestimmte Werte stehen und die wichtige Sinnfrage immer wieder ins Spiel und zu Gehör bringen.
Schließlich:
Niemand kann zwei Herren dienen.
Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Amen