Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,25-34

Dr. Daniela Opel (ev.)

16.09.2009 in der Vikariatsgemeinde Königstein

Predigt im Rahmen des 2. Theologischen Examens der EKHN

Predigt im Rahmen des 2. Theologischen Examens der EKHN

Einstieg mit dem Gefühl „Sorge“ (Motivation)

Ein Mensch sitzt zusammengekauert auf dem Fußboden, die Beine dicht an den Körper gezogen und mit den Armen eng umschlungen, das Kinn auf den Knien, der Blick geht ins Leere. Gedanken kommen und gehen: Sie schmerzen, sie lassen das Herz schneller schlagen, sie machen traurig und ratlos, sie lösen Zweifel aus. Ein heilloses Durcheinander an Befürchtungen und Fragen entsteht im Kopf, gegen das weder mit vernünftigen Argumenten noch mit Trost oder guten Ratschlägen anzukommen ist: Wie soll ich das nur schaffen? Was soll ich bloß tun? Warum ist das geschehen?

Identifikation (Problem)

Liebe Gemeinde!

Bestimmt kennen die meisten hier das eben beschriebene Gefühl, wenn sich unsere ganze Aufmerksamkeit auf eine beklemmende Lage oder eine schlimme Befürchtung richtet. Dieses Gefühl lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Ich mache mir Sorgen.“ Jeder Mensch macht sich Sorgen, immer mal wieder, in manchen Lebensabschnitten auch sehr intensiv – das ist abhängig von der Situation, den eigenen Empfindungen, Gedanken und Erwartungen. Es gibt kleine und große Sorgen, jene, die das Hier und Jetzt betreffen, aber auch solche, die die Zukunft anbelangen: Da sind die Kinder, die sich Sorgen darum machen, ob sie ins nächste Schuljahr versetzt werden oder was aus ihrer Familie wird, wenn die Eltern sich scheiden lassen. Viele Jugendliche sind besorgt, weil sie nicht wissen, welchen Beruf sie ergreifen sollen oder ob sie einen Ausbildungsplatz bekommen werden. Wir Erwachsene machen uns Gedanken, ob wir wohl für alle Fälle ausreichend vorgesorgt haben, bei Unfall, Berufsunfähigkeit oder Rechtsstreitigkeiten, aber auch für das Alter; wir sorgen uns um unsere Familien, darum, was aus unseren Kindern wird, möglicherweise um die älter werdenden Eltern oder um unsere eigene Gesundheit. Vielleicht haben wir auch Angst, den Arbeitsplatz, unseren Status und unser Vermögen zu verlieren. Und gelegentlich beschleicht uns auch beim Zeitunglesen oder Nachrichtenschauen die Sorge, wie es mit unserer Welt in ökologischer und ökonomischer Hinsicht weitergehen soll. So legt sich ein unsichtbarer Schatten über unser Leben, der es eintrübt und begrenzt durch schlaflose Nächte, kummervolle Gedanken und beunruhigende Gefühle. Die Sorge hat unser Leben im Griff.

„Lebensratgeber Bibel“ - Überleitung

Bei all den Sorgen und ihrer Last ist es kein Wunder, dass Lebensratgeber den Büchermarkt überschwemmen und auch reichlich konsumiert werden. Wer möchte schon ständig in der Abwärtsspirale schlechter Gedanken und Gefühle feststecken?! Prominentestes Beispiel ist sicher das Buch von Dale Carnegie: „Sorge dich nicht, lebe! Die Kunst zu einem von Ängsten und Aufregungen befreiten Leben zu finden.“ Es wurde allein in Deutschland 2,8 Millionen Mal verkauft. Es zeigt die Sehnsucht der Menschen, ihre bedrückende Besorgnis loswerden zu wollen.

Allerdings hat bereits 2000 Jahre vor Dale Carnegie der Evangelist Matthäus für seine Gemeinde aufgeschrieben, welchen Umgang mit den Sorgen Jesus empfiehlt. Seine Ratschläge wollen wir miteinander bedenken. Wir haben den Text vorhin in der 2. Lesung gehört. Jesus sagt: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“ Dann führt er verschiedene Begründungen für diese Haltung an, um uns zu zeigen, welchen Platz die Sorgen in unserem Leben beanspruchen dürfen. Es geht ihm nicht so sehr um Überwindungsstrategien als viel mehr um die Relativierung der Sorgen, damit sie nicht zur Angst werden und unser Leben bestimmen. 

Der Text und seine Lösungsangebote

Vögel und Lilien

Zuerst lenkt Jesus unsere Blicke auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes, also auf die Schöpfung. Die Ordnung der Schöpfung zeigt sich darin, dass Gott die Vögel ernährt und die Blumen bekleidet. Tiere und Pflanzen kennen laut unserem Predigttext keine Sorgen. Deswegen dürfen wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen. Sorglosigkeit bedeutet nun allerdings nicht, sich bequem zurückzulehnen, keinen Finger mehr zu rühren und darauf zu warten, dass Gott uns versorgt: Die Vögel müssen ihr Futter, das Gott ihnen gleichsam gratis gibt, schon auch selbst mit dem Schnabel aufpicken. Es wird vielmehr betont, dass Gott für seine Geschöpfe bereitstellt, was sie brauchen, dass er ihre Anstrengungen um ihre Grundversorgung zum Erfolg führt. Und deswegen können wir Gottes Fürsorge für uns Menschen umso mehr erwarten.

Zugegeben setzt dieses Argument voraus, dass wir Menschen in der Rangordnung über Tieren und Pflanzen stehen – ein Sachverhalt, der angesichts der vernichtenden Eingriffe menschlicherseits in die Schöpfung doch fraglich erscheint. Aber gerade weil uns Gott nicht unserer Verantwortung enthebt, uns um die lebensnotwendigen Dinge zu kümmern, liegt darin auch die Aufforderung, die Ordnung der Schöpfung neu zu respektieren, wie es uns nach der Schöpfungsgeschichte, die wir vorhin hörten, zugedacht ist. Dann können wir an ihr die Freiheit vom Sorgen vielleicht wieder lernen.   

Tod

Des Weiteren führt Jesus ein Argument an, das uns im ersten Augenblick vielleicht Unbehagen bereitet: „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ Jesus benennt hier jene Urangst, über die kein Mensch gerne nachdenkt oder gar spricht: Er konfrontiert uns mit der Tatsache, dass niemand durch sein Sorgen seinem Leben auch nur eine Sekunde hinzufügen kann. Das bedeutet, dass wir uns mit unserer Sterblichkeit zwar auseinandersetzen müssen. Es ist aber kein verordnetes Schicksal, dass der Gedanke an den Tod unser Leben beschwert. Eher können bei der Vorstellung des unumgänglichen Todes, der uns selbst und jene, die wir lieben ereilen wird, viele Alltagssorgen relativ werden. Vielleicht erinnern wir uns an die Kostbarkeit jeder Minute unseres Lebens, wenn sie sich einmal mehr unter dem Eindruck unserer Sorgen verdunkeln.

Jeder Tag hat seine eigene Sorge

Am Ende nennt Jesus die gut nachvollziehbare Ermutigung, sich nicht um die Zukunft, um den morgigen Tag, Sorgen zu machen. Jeder Tag hat schließlich seine eigene Plage. Die Auseinandersetzung mit den Problemen des Hier und Jetzt lastet uns völlig aus. Es genügt, wenn uns die gegenwärtigen Sorgen beschäftigen. Natürlich können wir uns den Sorgen, die unsere Zukunft betreffen, nicht vollständig verwehren. Doch wenn wir uns wieder einmal beim Grübeln darüber ertappen, was morgen oder übermorgen oder in ein paar Jahren auf uns zukommen könnte, dürfen wir uns sagen: „Heute ist heute. Ich kümmere mich um das, was gerade ansteht. Gott ist für mich da. In jedem Fall.“

Zwischenfazit und Widerspruch

Liebe Gemeinde: Drei gute Ratschläge, unseren Sorgen nicht so viel Raum in unserem Leben zu geben: 1. Sorge dich nicht, denn Gott weiß, was du brauchst! 2. Sorge dich nicht angesichts des Todes, an dem du ohnehin nichts ändern kannst! 3. Sorge dich nicht um morgen, weil jeder Tag seine eigene Sorge hat!

„Schön und gut“, werden manche nun bei sich denken, „mit dem Verstand sind diese Argumente alle wunderbar nachzuvollziehen, aber gefühlsmäßig?“ Ärgern Sie sich nicht auch manchmal, wenn Sie ganz zerknirscht und schwach sind, wie anfangs beschrieben und wenn dann jemand wohlwollend zu Ihnen sagt: „Nun komm, mach dir mal keine Sorgen, das wird schon!“ oder vielleicht ein kluges Sprichwort anbringt: „Unnütze Sorge macht früh alt.“ So könnte man auch Jesu Worte als Vertröstung verstehen, sich und seine Sorgen nicht so wichtig zu nehmen.

Reich Gottes gegen unsere Sorgen (Lösungsangebot)

Das wichtigste Argument Jesu gegen das übermäßige Sorgen verdient darum besondere Aufmerksamkeit: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“

Damit sagt Jesus uns: „Ihr seid zu etwas viel Größerem fähig, als euch nur um Konsum und Kommerz Sorgen zu machen, um privates Glück und die Unversehrtheit des Eigenen.“

Jesus wollte nicht, dass wir uns im Alltäglichen verlieren und verschließen. So übermächtig das immer wieder werden kann, ihm ging es darum, dass wir das Große, den Rahmen unseres Lebens, die Weite der Schöpfung in unser Gefühl und Bewusstsein einbeziehen. Welche Rolle dürfen wir da einnehmen? Mitarbeiter an Gottes Reich zu sein. Das lässt etwas ahnen vom freien ungebundenen Vogelflug unter dem offenen Himmel, von der unnachahmlichen Schönheit der Lilien auf dem Feld. Das alles legt Gott ins uns. Und dann wird es uns wichtig, dass wir Hunger und Durst nicht nach einer noch opulenteren Speisekarte, sondern nach der Gerechtigkeit bekommen.

Unser Streben nach, ja unser Sorge-tragen-für das Gottesreich ist nichts Abstraktes oder Jenseitiges, sondern es ist unsere erste Aufgabe, es als Wirklichkeit schon jetzt erfahrbar zu machen. Es bricht dort in unser Leben hinein, wo wir Gottes Gerechtigkeit Realität werden lassen in der Überführung der Sorge in Fürsorge.

Konkretionen (Lösungsverstärkung)

Wie das aussehen kann?

Viele von uns beschäftigt die Sorge, ob wir den Erwartungen und Pflichten, die an uns gestellt werden, gewachsen sind. Übermotiviert gehen wir zu unseren Arbeitsplätzen, geben dort auf Biegen und Brechen alles, bringen uns mit unseren Ideen, unserer ganzen Kraft, unserer Persönlichkeit ein, gehen nach Hause, bilden uns am Abend noch fort, erledigen Liegengebliebenes oder quälen uns außerdem ins Fitnessstudio.

Oder wir sorgen uns als Vater oder Mutter um die Familie bis das eigene Leben hinter allen anderen Anliegen zurücktritt. Man beschäftigt sich nur noch damit, den Kühlschrank aufzufüllen, die Berge von Bügelwäsche abzuarbeiten, die Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen und das Haus mit Garten in Schuss zu halten.

Das Reich Gottes bricht dann an, wenn wir einen Moment lang innehalten. Wenn wir vielleicht aus dem Fenster schauen und die Leichtigkeit der Vögel beobachten. Oder uns auf dem Heimweg eine Blume auffällt, die wir betrachten und daran denken, dass Gott für uns sorgt und wir uns selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen dürfen, indem wir uns die Sorgen in kleine Portionen aufteilen, die wir gut bewältigen können.    

Viele hier sind besorgt um Familienangehörige, die alt geworden sind und der Pflege bedürfen oder um Menschen, die schwer erkrankt sind und unter körperlichen und seelischen Schmerzen leiden. Wir selbst fühlen uns dann manchmal hilflos oder überfordert, reagieren mit Aggressionen oder Rückzug. Aber vielleicht hilft uns Gottes Zusage, dass er weiß, was wir brauchen oder sogar der Gedanke an unser eigenes Ende, uns aufzuraffen und ein beschädigtes, eingeschränktes und belastetes Leben freundlich zu begleiten. Wer so glaubt und handelt, erfüllt das Gesetz Christi und wirkt mit am Reich Gottes, weil er die Last des anderen tragen hilft (Gal 6,2) und eigene Sorge in Fürsorge für andere transformiert.

Die meisten von uns haben genug zu essen und zu trinken und mehr Kleidung als wir brauchen, aber trotzdem belasten wir uns mit Gedanken an die richtige Geldanlage, die beste Lebensversicherung oder die Patientenverfügung. Das dürfen wir auch, aber nicht so, dass es unser Leben ganz in seinen Bann zieht, denn es reicht, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Hier hilft vielleicht ab und zu der Blick hinaus in unser Land und in unsere Welt, wo Menschen tatsächlich besorgt sind, weil sie nicht wissen, was sie essen sollen. 

Fazit

Gott hat in uns die Fähigkeit angelegt, uns für sein Reich und seine Gerechtigkeit zu interessieren und einzusetzen. Er traut es uns zu, aus der Spirale des ewigen Sich-Sorgens auszubrechen und diese Energie, die wir sonst in schlechte Gedanken, in Herzklopfen und Aufregung, in Tränen und Stirnrunzeln legen, umzusetzen in Liebe, Zuwendung und Fürsorge. Wir müssen uns also nicht mühevoll durch einen Anti-Sorgen-Ratgeber von 414 Seiten quälen.  Vielleicht werden Sie das nächste Mal, wenn sie den Flug eines Vogels im Wind verfolgen oder eine herrliche Blume betrachten von dieser Ahnung der Unbekümmertheit ergriffen, die Sie von Herzen sagen lässt: „Sorge dich nicht, vertraue auf deinen Schöpfer, glaub und lebe!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.