Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,25-34

Barbara Dorothea Joos (ev.)

20.09.2009

Glaube verleiht Flügel

Glaube verleiht Flügel

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Kennen Sie Frau Meier, die Amsel? Falls nicht, fragen Sie doch mal Ihre Kinder oder Enkel nach ihr. Die Geschichte von Frau Meier, die Amsel findet sich nämlich in einem ganz schön schlauen Kinderbuch festgehalten. Frau Meier ist eine, die unheimlich viele Sorgen hat. Sitzt der Knopf an der Jacke ihres Mantels richtig? Sind genug Rosinen im Kuchen? Fällt das Flugzeug gleich vom Himmel? Und als sie einmal in ihrem Garten ist, sorgt sie sich darum, dass die Sonne sich verfinstern könnte – und was dann mit ihren Pflanzen geschehen würde.
In diesem Augenblick, als alles beginnt ganz finster um sie herum zu werden – in diesem Augenblick findet sie ein ganz kleines Vögelchen, noch ganz ohne Federn und vollkommen hilflos. Sofort lässt sie alles andere stehen und liegen und hebt das kleine Wesen vorsichtig auf und nimmt es mit nach Hause. Sie füttert und um-sorgt es und während sich das Vögelchen zu einer ausgewachsenen Amsel mausert, verfliegen all ihre Sorgen.
Ich persönlich denke ja, dass sich der Buchautor diese Geschichte von Jesus abgeschaut hat – weil Jesus genau das allen Sorgenbeladenen rät.
Hört, die Worte unseres HERRN Jesus Christus aus der Bergpredigt, wie er uns einlädt, auf die Vögel zu sehen, um von ihnen sorglose Leichtigkeit zu lernen.
Als Jesus die Menschen sah, ging er auf einen Berg und setzte sich und lehrte sie und sprach: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen verlangen Menschen, die Gott nicht kennen. Euer himmlischer Vater weiß doch, dass ihr all dessen bedürft. Verlangt zuerst nach dem Reich Gottes und lebt nach Gottes Willen, so werdet ihr mit allem versorgt. Darum sorgt euch nicht ums Morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Die Sorgen von heute sind für heute genug. (Mt 6,25-34)
Glaube verleiht Flügel.
Ja, eine richtiggehende kleine Flugschule macht Jesus da mit uns.
Er startet mit einer Einladung. Der Einladung zu sorglosem Leben.
Nun weiß Jesus natürlich, dass die zutiefst menschlich sind – die Sorgen.
Meine Miezekatzen, die sorgen sich nicht wenn ich meine Koffer packe und nach Zell zum Gottesdienst fahre. Sie starren mich zwar vorwurfsvoll an und wenn ich heute Abend nach Hause komme, werde ich mit schimpfenden Miaus begrüßt werden und muss sofort ein Leckerli bieten, damit sie nicht zu beleidigt sind – aber sorgen, sorgen tun sie sich nicht.
Einem Menschen geht es anders. Schon ganz kleine Kinder tun ihre Sorgen lauthals kund, wenn die Mama aus der Tür geht, weil sie sich Sorgen darum machen, ob die Mama wiederkommt. Unsere Fähigkeit, uns Sorgen zu machen, hat zwei Gründe: Wir Menschen können in die Zukunft denken, vorausdenken. Und wir Menschen wissen um das Ende. Wir wissen, dass vor dem nächsten Atemzug alles vorbei sein könnte. Und darum versuchen wir alles, um das Leben zu versichern – tun wir alles Mögliche und Unmögliche, um das Ende hinauszuschieben - um am Leben zu bleiben. Und darum dreht sich in unserem Kopf von Geburt an dieses Sorgen-Karussell: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
Jesus startet mit einer Einladung. Und damit wir sie auch annehmen, stellt er uns jede Menge Fragen, deren Antwort wir eigentlich kennen – weil wir Gott kennen.
Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Oder anders gefragt: Es geht doch mehr als ums bloße Überleben, nicht wahr? Ja, HERR; es geht bei all den Sorgen um ein Leben in Fülle.
Und Jesus fragt: Nach Leben in Fülle sehnst du dich also? Dann sieh auf die Vögel unterm Himmel, sieh auf die Lilien im Felde. Woher kommt ihnen Nahrung und Schönheit – woher kommt ihnen Leben? Ja, wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Woher kommt euch Leben die Fülle – wisst ihr es?
Und er wartete die Antwort nicht ab, sondern entlarvt unsere Sorgenmacherei als Klein-Glauben.
Denn wir alle kennen ja die Antwort: von Gott, allein von und durch und in Gott ist Leben die Fülle. Es geht uns wie dem Petrus: wir wissen, dass wir auf Jesu Wort hin gefahrlos übers Wasser gehen könnten – aber ist unser Glaube auch groß genug dafür? Versinken wir in Sorgen oder vertrauen wir im Angesicht des Sturms auf Gott. Im Angesicht von Sturm und genauso auch im anderen Extrem im Angesicht eines herrlichen Wunders – wenn das Schlimme oder das Gute mächtig in unser Leben hereinbricht, da werden all unsere Sorgen nichtig und lächerlich. Und da, in diesem Augenblick, zu Tode betrübt oder himmelhoch jauchzend sehen wir der Wahrheit ins Auge: Leben in Fülle ist ein Geschenk von Gott.
In diesem Augenblick begegnen wir dem kleinen, hungrigen Vogel Glauben, unserem Glauben, der uns anschaut, fragend: Was wirst du jetzt tun, im Angesicht der Nichtigkeit all deiner Sorgen? Wie geht es weiter, jetzt, da der HERR dich gerufen hat, zu ihm zu kommen - zu ihm zu kommen übers Wasser mitten durch den Sturm – oder zu ihm zu kommen in sonnigen Höhen über den Wolken schwebend?
Du kannst den kleinen Vogel Glauben dort sitzen lassen und weiter sorgenbeladen deinen Weg gehen. Oder du lässt alle Sorgenlast stehen und liegen und fängst an mit all deiner Sehnsucht nach Leben den Glauben zu füttern.
Sie müssen selbst ausprobieren, was ihr Vögelchen Glaube für Futter mag oder anders gesagt, was Ihren Glauben groß macht. Mein Vögelchen Glaube mag es, wenn ich ihm meine Sorgen verfüttere.
Ich verwende dazu Listen oder Steine. Wenn sich mein Sorgenkarussell im Kopf zu drehen beginnt, mache ich mir eine To-Do-Liste. Statt mir diffuse Sorgen-Gedanken zu machen, steige ich also in die Planung ein.
Weil Jesus ja nicht will, dass wir hilf- und tatenlos dasitzen wie das Vögelchen vor der Schlange. Er lädt nicht zu einem untätigem, gleichgültigen Leben ein, sondern zu sorglosem, befreitem Leben. Jesus lädt ein zu Leben in Fülle.
Und um dahin zu kommen, hilft mir meine Tätigkeits-Checkliste. Auf eine Zukunftscheckliste, kann ich nämlich nur das setzen, was ich auch wirklich in der Hand habe. Am Besten funktioniert es, wenn ich noch ein Datum daneben setze. Ich tue dann heute, was getan werden muss und alles andere wird zur Sorge des kommenden Tages. Was planbar war und machbar ist, ist getan und ich lege die Liste mit einem befreiten Aufatmen auf die Seite. Ich lege meine Sorgen beiseite in Gottes Hand. Das ist richtig fettes Glaubens-Vogelfutter.
Aber dann gibt es noch die Sorgen, die Zukunftsgedanken und, ja, auch meine Zukunftsängste – oder auch solche Gedanken, die ich mir um liebe Menschen mache. Sorgen bei denen ich gar nichts tun kann. Da hilft dann auch keine Liste. Dann nehme ich einen Stein - nehme ihn fest in die Hand - denke alle Sorgen hinein und lege den Stein dann Gott unters Kreuz. Lege all meine Sorgen bei Gott ab. Wichtig ist dann, sie genau dort zu lassen, die Sorgenlast loszulassen. Wenn das Karussell wieder losgeht, geh ich zu dem Stein und sage zu mir selbst: Sieh nur, deine Sorgenlast liegt jetzt bei Gott. Und dann fragt mich Gott: Amen, so ist es! Vertraust du es mir auch wirklich an? Lässt du den Sorgenstein los? Und ich antworte: Ja, ich lasse los.
Und ich weiß: Jetzt ist für alles gesorgt. Und da fällt alle Sorgenlast von dem heutigen Tag ab und ich bekomme Luft und Freiheit, um den Tag heute zu leben.
Neben diesen sehr persönlichen Futtermöglichkeiten gibt es natürlich noch das bewährte Standartfutter für jeden Glaubensvogel, auch den Eurigen:
Bibellesen, beten und singen liebt er – Nächstenliebe macht ihn dick und rund – und Gottesdienste, glaubt mir, Gottesdienste lassen ihm Flügel wachsen.
Auf welche Art und Weise auch immer ihr eure Sorgen Gott in die Hand gebt: es wird alltägliche Arbeit werden. Einmal im Jahr nur – nein, da verhungert der Glaube. Den Vogel Glauben muss man Tag für Tag füttern, und oh ja manche dunkle Nacht hindurch - und am Morgen ist er dann schon wieder hungrig. Es gibt keinen schnellen, bequemen Weg, um den Klein-Glauben groß zu ziehen.
Aber eines kann ich Euch versprechen: das Sorgenkarussell im Kopf, das bringt die Glaubens-Für-Sorge zum Halten. Denn du siehst weg von deinen Sorgen, weg von dir, siehst auf die Vögel und du siehst wie Gottes Reich wächst und gedeiht um dich her und, ja, in dir – es wächst auf, ganz von allein – oder besser gesagt, ganz von Gott. Und das Karussell steht still und alles wird ganz friedlich und das Land deiner Zukunft wird hell und weit.
Und damit hat Jesus uns alles gelehrt, was es braucht, um die Leichtigkeit der Vögel zu begreifen. Ja, Glaube verleiht Flügel. Weil er die Sorgenlast abstreift und das Vertrauen in Gott groß macht. Weil immer wieder gefütterter, gestärkter Glaube dich in den Luftstrom von Wind Heiliger Geist stellt. Und dann bleibt nur noch eines zu tun.
Erinnern Sie sich noch an Frau Meier? Ihr Vögelchen ist dank ihrer guten Pflege groß und stark geworden. Piepchen hat sie die Amsel genannt. Fröhlich ist die bei ihr herumgehüpft. Und da hat Frau Meier sich gesorgt – denn: ein Vogel muss doch fliegen. Aber diesmal hat sie die Sorge losgelassen und ist phantasievoll in Bewegung gekommen. Frau Meier hat ihre Arme ausgebreitet und sie wie Flügeln bewegt. Aber Piepchen hat sie nur mit großen Augen angeschaut. „So geht es nicht. Damit mein Vogel fliegt muss ich etwas wagen.“, hat sich Frau Meier gedacht. Und sie hat Piepchen genommen und ist mit ihr auf einen Baum geklettert. Früher hätte sie sich gesorgt, dass sie herunterfällt oder der Ast, auf den sie sich setzte, bricht. Jetzt ist allein ihr Vögelchen wichtig - die muss das Fliegen lernen, denn dafür sind ihr ja die Flügel gewachsen. Und Frau Meier schlägt mit den Armen und Piepchen sitzt staunend neben ihr auf dem Ast und bewegt keinen Flügel.
Da begreift Frau Meier, dass jetzt nichts mehr zu sorgen und nichts mehr zu tun ist.
Es ist für alles gesorgt.
Und sie wird ganz ruhig, genießt ihr Sein in luftiger Höhe und beginnt zu sehen.
Sie sieht das Land, weit.
Sie sieht den Horizont, hell.
Und sie spürt den Luftstrom des Windes. Und sie hört wie der flüstert: sorge nicht, vertrau auf Gott. Und sie breitet die Arme aus und da wird aus Frau Meier die Amsel und seht nur, sie fliegt.
Amen