Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,9-13

Superintendent Sebastian Neuß (ev)

09.11.2014 in der Stadtkirche Bückeburg

Gottesdienst zum Tag des Gedenkens 25 Jahre Mauerfall am 9. November 2014

Liebe Gemeinde am Gedenksonntag 25 Jahre nach der Öffnung der Mauer,

ich freue mich, heute bei Ihnen zu sein - ein Prediger aus dem thüringischen Jena zusammen mit einer Festgemeinde in Bückeburg / Schaumburg-Lippe.

Vielleicht hätte ich damals in der DDR irgendwann in den Westen reisen dürfen. Aber ohne meine Frau. Die hätte zu Hause bleiben müssen, damit ich zuverlässig zurückkomme. Ich darf heute mit meiner Frau hier sein, frei, ohne eine Erlaubnis zu brauchen. Bis zu jenem 9. November 1989 hatte ich nicht geglaubt, das vor meinem Rentenalter erleben zu dürfen. Vor 25 Jahren hat begonnen, was uns heute selbstverständlich ist. Mir ist es wichtig, inne zu halten und diesen Moment festzuhalten.

Wichtig finde ich es auch, dass wir diesen Tag mit einem Gottesdienst, mit Beten, Danken und Loben begehen. Gebete waren vor 25 Jahren Begleiter der Friedlichen Revolution: Gebete in Gottesdiensten und Synoden, in Ökumenischen Versammlungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, in Friedenswerkstätten und Friedensgebeten.

Sie schenken Worte in einer Gesellschaft ohne freie Rede, sie lösen die gelähmte Zunge, sie bewahren davor, in der Angst zu versinken. Gebete sind subversiv, sie können die Wahrheit sagen, ohne zu verletzen, sie machen Hoffnungen plastisch, sie halten die Möglichkeit offen, das die sichtbare Welt nicht alles ist.

Nach meiner Erinnerung gehörte nicht nur zu den gottesdienstlichen, sondern auch zu den öffentlichen Gebeten, in den Friedensgebeten, ob in der Leipziger Nicolaikirche, der Berliner Gethsemanekirche, in der Jenaer Stadtkirche St. Michael, und zuletzt, im Oktober und November 1989, in unzähligen Orten der DDR als Abschluss das Vaterunser-Gebet.

Es beschloss regelmäßig, tausendfach das Beten um Wahrheit, um Klarheit, um Recht, für gesellschaftliche Erneuerung, Gewaltlosigkeit, die Fürbitte für Inhaftierte, für Ausreisewillige, für die staatlichen Organe.

Jesus hat gesagt, dass dieses Gebet das Wichtigste, das Zentrale, was wir erbitten sollen, enthält. Er legt uns immer wieder dieses eine Gebet ans Herz: „So sollt ihr beten“ - es wird über die Zeiten hinweg immer wieder in einem neuen Licht erscheinen.

Wenn das Vaterunser überall dabei war und dort je seine Wirkung entfaltet hat, vielleicht vergleichbar dem Sauerteig, der zuletzt den ganzen Teig durchsäuert, dann lohnt es sich, einmal seinen Worten nachzuspüren 25 Jahre nach den Gebeten von damals.

Das Vaterunser beginnt mit dem Wort Vater.

Ich denke daran, wie die Auseinandersetzung mit den Vater-Bildern des 20. Jahrhunderts in West und Ost unser Leben mitgeprägt hat: Die autoritäre Erziehung, die Dominanz der Väter in den Familien. Ich denke an die politischen Vater- und Führerpersönlichkeiten von Bismarck bis Hindenburg, von Stalin bis Hitler, von Walter Ulbricht bis Erich Honecker.

Sie haben das vorherrschende Vater-Bild widergespiegelt, sie haben es mitgeprägt: Die Gewalt in der Erziehung, die Gewalt in der Politik, das Gehorsam als Ideal.

Von der Staatssicherheit ist bekannt, dass sie sich an ihre potentiellen Quellen heranarbeitete, in dem sie akribisch deren Vaterbeziehungen analysierte. Wenn dort eine Mangelerfahrung entdeckt wurde, hakte man zielgenau ein. Inoffizielle Mitarbeiter waren mit ihren Führungsoffizieren so tief verbunden, dass sie heute manchmal noch auf deren Begräbnissen erscheinen.

Vater unser im Himmel – wer so betet, hat eine Option darauf, sich der Hand eines übermächtigen Vaters Staat zu entziehen. Wer diesen Vater im Himmel als Gegenüber hat, sieht auf ein anderes Herkommen und ein anderes Vaterhaus. Er ist ein Teil seines Volkes, seiner Nationalität, dieses missbrauchten Gebildes, aber er gehört ihm nicht. Er gehört überhaupt keinem irdischen Vaterersatz, keiner Partei, keiner Ideologie, keinem politischen System, keiner weltlichen Gewalt. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ (Luther) Ja, manchmal gelingt das, dass wir als Gottes Kinder dies mitten in der Not ganz erwachsen und ohne Furcht vor der Welt bezeugen können. Erst waren es wenige, am 9. Oktober 1989 in Leipzig, in Jena oder Magdeburg bekundeten Zehntausende: Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern und wie Kinder behandeln. Wir sind mündig, wir können die Angst überwinden.

Geheiligt werde dein Name.

Was ist alles heilig gesprochen worden im vergangenen 20. Jahrhundert: Der Tod fürs Vaterland, das Gedenken an die gefallenen Helden, die Volksgemeinschaft, die deutsche Sendung, die historische Mission. Treuebekenntnisse, Fackelzüge, Jugendweihen – die Diktaturen haben die Seelen ihrer Zöglinge für sich beansprucht.

Menschen sehnen sich nach spirituellen Momenten, nach großen Gefühlen, nach machtvollen Gemeinschaftserlebnissen. Das haben Propaganda und Massenorganisationen ausgenutzt.

Die Beterin des Vaterunsers legt das, wovon sie ergriffen ist: den Dank für das Schöne, das Erhabene, das Wunderbare, ihre Zweifel und ihr Verzagen auch, in ihr Gebet. Sie erkennt im Guten und im Bösen Gottes Begleitung. Er heiligt mit seiner Gegenwart meinen Alltag, in meine graue Normalität fällt sein Licht, sein Glanz. Die Beterin preist allein Gottes Namen heilig. Dass macht sie skeptisch gegenüber allem, was sich die Aura höchster Verehrungswürdigkeit, absoluter Beständigkeit und letzter Gewissheit gibt.

Dein Reich komme.

Das ist ein zentraler Satz. Meine persönliche Betonung lag damals in der DDR bis heute immer auf dem Dein. Dein Reich komme. Ich habe mir gewünscht, dass sich dieses Land DDR verändert. Ich gehörte zu den Kleingläubigen, die nicht mehr an Veränderungen zu Lebzeiten glaubten. Aber an diese kleine Bitte mit dem großen Atem habe ich mich geklammert. „Wenn der Stacheldraht rote Rosen trägt, dann ziehen wir frei heim aus dem Land der Sklaverei“, sangen wir im Jugendkreis der Kirchengemeinde gegen unsere Ermüdung und Anpassung.

Die Verheißung von Gottes Reich wird im Vaterunser noch ein zweites Mal aufgenommen. Da heißt es „Denn dein ist das Reich.“ Das ist doch schon entschieden. Wir bitten im Vaterunser darum, dass sein Reich täglich wirklich und wirksam wird. Weil es da ist und wirkt, kann ich darauf vertrauen, dass kein Reich dieser Welt - mag es sich tausendjährig nennen oder, wie Honecker sagte, mit der Mauer noch hundert Jahre leben wolle –, dass kein Reich dieser Welt bleiben wird. Die Reiche dieser Welt vergehen, ihre Mauern fallen. Sein Reich kommt.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Das war schwierig. War das Gottes Wille mit diesem Land, mit dieser Kirche, einer Kirche, der die Menschen in Scharen den Rücken kehrten? Da starb eine Kirche in ihrer alten Größe und Bedeutung, mit ihren Privilegien und Wissensbeständen, ihren Traditionen und Selbstverständlichkeiten. Gottes Wille? Was wollte er seiner Kirche damit sagen? Vielleicht dies: Ich bin bei euch alle Tage, ja, aber nicht mehr in eurem gewohnten Kirchenwesen. Ihr habt keine Bestandsgarantie mit euren Kirchentümern, eurem flächendeckenden Service, euren verbrieften Rechtsansprüchen. Gott schien seiner Kirche ganz neue Aufgaben vorlegen zu wollen, die ihr ein gründliches Überdenken ihres Auftrages nahelegte.

Sein Wille schien es indes nicht zu sein, sich darum diesem Land, ihren Menschen, der Gesellschaft zu entziehen.

Dieser Dienst, so hat sich seine Kirche an den Willen ihres Herrn herangetastet, musste die kritische Solidarität derer sein, die das Evangelium zu verkündigen hatten allem Volk, diesem Volk, dass von der Partei und ihrer Ideologie beansprucht wurde, diesem Volk, in dem Christen keinen sicheren Stand mehr hatten.

„Dein Wille geschehe.“ Ich weiß, dass wir als seine Kirche da oft nicht mitkamen. Wir hatten oft mehr Angst vor der Macht als Vertrauen zu Gott. Leider haben wir in den 25 Jahren seither nicht vermocht, das einmal wirklich zu bekennen. Wir könnten dann glaubwürdiger zu Opfern und Tätern, von Versöhnung in der Gesellschaft reden.

Ich denke daran, wie oft habe ich mich selbst in den Willen anderer gefügt, aus Angst, aus Berechnung, frustriert, resigniert. Wie wenig bin ich dem gefolgt, was ich wirklich wollte. Millionen andere taten das ja auch und viel ungenierter. Einen eigenen Willen, einen eigenen Standpunkt haben, Zivilcourage zeigen. Das kann wachsen, wo Menschen bitten, nicht mein schwacher, irrender, verführbarer, ängstlicher Wille leite mich, sondern: Dein Wille geschehe!

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Martin Luther hat im Kleinen Katechismus in seiner Aufzählung, was unter dem täglichen Brot zu verstehen sei, neben dem „was not tut für Leib und Leben wie Essen und Trinken, Kleider, Schuhe, … Geld und Gut, … fromme Eheleute und fromme Kinder“ auch „fromme und treue Oberherrn und gute Herrschaft“ aufgezählt.

Wie alle Bitten um tägliches Brot knüpft auch die Bitte um „treue Oberherrn und gute Herrschaft“ bei dem Vaterunser-Verfasser aus Nazareth an, der gesagt hat „Niemand lebt allein vom Brot.“ Das war in der DDR so billig, dass es an die Schweine verfüttert wurde. Aber die Freiheit der Rede und des Rechtes, der Bewegung und des Gewissens, an diesen Brotgaben des Lebens fehlte es. Wer tiefer sah und inständiger betete, konnte genau das mit dem täglichen Brot miterbeten. Schwang nicht hier das Subversive des Vaterunsers immer mit?

Das Uns in der Brotbitte – Gib uns unser täglich Brot! – bezieht alle ein. Es öffnet den Blick in die nach diesem Brot hungernde Welt und spricht uns selbst in die Verantwortung dafür mit hinein:

Ich kann nicht um Brot bitten, um „Kleider und Schuhe, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen“, um mit Luther zu reden, saubere Umwelt, Frieden und Gerechtigkeit –, ich kann nicht guten Gewissens um das tägliche Brot bitten, wenn ich zugleich Lebensmittel besinnungslos wegschmeiße, mich kritiklos einem Unrechtsstaat unterwerfe, und tatenlos zusehe, wie Menschen verbogen und zerbrochen werden.

Es passt heute in diesen Zusammenhang, dass die nächste Bitte des Vaterunsers so lautet.

Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Selten ist in der Geschichte die Frage nach der Schuld und nach den Schuldigen so vehement aufgebrochen wie nach den Tagen von 1989 und 1990.

Die Beschreibung der Taten und die Suche nach den Tätern, die Aufarbeitung der Beschädigungen und die Aufmerksamkeit für die Opfer haben Menschen und Medien intensiv beschäftigt. Im Gegensatz zur Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die unfähig war, die Schmerzen und die Schuld, die anderen zugefügt wurden noch die eigenen seelischen Beschädigungen zu betrauern, haben wir seit 25 Jahren viel mehr zur Aufarbeitung unserer Schuldgeschichte tun können. Das ist ein großes Geschenk!

Wir haben viel über die Täter und etwas weniger auch über die Opfer gesprochen. Und wir alle werden trotzdem nicht frei sein, wenn wir nicht, jeder und jede für sich, auch über die eigenen Schuldanteile nachgedacht haben: Wo habe ich die Hoffnung aufgegeben, die Wirklichkeit gut gesprochen, die Verhältnisse entschuldigt. Auch ich war ein Rädchen im System, und viele Rädchen halten das System am Laufen.

Christen sind für diese Brüche besonders sensibel. Sie können sich zu ihrer eigenen Geschichte stellen, weil Christus neben ihnen steht.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Das Böse, das mag damals am 9. Oktober in der Leipziger Nicolaikirche für die Betenden der Aufmarsch der Bereitschaftspolizei und der Kampfgruppen gewesen sein. Das gab es die Grenzer, die Vertreter der Bösen, die den drängenden Massen am Grenzübergang Bornholmer Straße gegenüberstanden.

Die Gebetsworte klangen in den Menschen nach, die nach den Montagsgebeten nach draußen strömten, um für gesellschaftliche Veränderungen zu demonstrieren. Die befürchtete und bereits geplante chinesische Lösung in Leipzig trat nicht ein. Die Staatsmacht war auf alles gefasst, nur nicht auf Kerzen und Gebete. An der Bornholmer Straße gab es keine wüsten Beschimpfungen, flogen keine Steine.

Die Kraft, die Liebe, die Besonnenheit der Gebete haben diese Revolution bestimmt. Alle haben der Versuchung zur Gewalt widerstanden. Das war das Wunder. Wir können es nicht genug preisen. Es ist ein unvergesslicher Teil der deutschen Geschichte.

Führe nicht in Versuchung, erlöse uns von dem Bösen. Die Tiefe dieser Bitte greift weiter. Das Böse hat die Angst als Zuarbeiterin, die Gier, die seelischen Wunden, die nicht vernarben. Wie durch ein Wunder sind wir vor 25 Jahren viel Böses und Bedrückendes los geworden. Aber es wird nicht weniger:

Das Böse in seiner öffentlichen Erscheinung beschäftigt uns weiter. Heute steht uns nicht die politische Grenze vor Augen. Uns bedrängen die Fragen nach den Grenzen des Wachstums. Die Erinnerung an den Kampf der Systeme und Blöcke liegt weit zurück. Aber Kriege und Vertreibungen, die sich aus Fundamentalismus, Fanatismus, Landvernichtung, Ressourcenverknappung und Hunger entwickeln, halten viele Weltregionen in Angst und Schrecken.

Dieser Schluss hält mich, er hält uns:

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Die Mächtigen und ihre Reiche gehen, sein Reich kommt, die Gewalten erweisen sich als Menschenwerk, seine Kraft bleibt und wird die Welt überwinden. Die Herrlichkeit der Welt ist äußerlich, seine Herrlichkeit ist eine den Augen verborgene Herrlichkeit: Im Vaterunser richten wir unsere Bitten an den Vater des Gekreuzigten. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Er ist bei uns, er kennt unsere Gedanken, er hört unsere Bitten. Er weiß, was wir brauchen. Wie vor 25 Jahren so auch heute und morgen, in Ewigkeit. Amen.