Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,9-13

Pfarrerin Ulrike Frey

13.05.2007 in der Evang. Markuskirche in Aalen

Liebe Gemeinde,

Beten – etwas das vielen von uns so vertraut ist, wie das Atmen. Viele von uns haben es als Kinder kennen gelernt, als die Mutter oder der Vater abends am Bett mit uns gebetet haben.

Für viele von uns ist Beten wirklich so selbstverständlich wie atmen. Wir treten mit Gott in Verbindung. Wir sagen, was uns freut, was uns schmerzt, was wir brauchen. Und wir erwarten, dass uns jemand hört. Wir bringen unsere Wirklichkeit in Verbindung mit Gottes Wirklichkeit. Und danach sind wir verändert. Und die Wirklichkeit ist verändert.
Vermutlich haben Sie sich auch schon des öfteren gefragt: Hört Gott mich wirklich? Ist da wirklich jemand, der mir zuhört? Interessiert Gott sich für mein alltägliches Leben? Ist Gott überhaupt eine Person, die hören kann?
Viele Menschen haben diese Fragen und auch ich selber frage das manchmal. Und auf der anderen Seite erlebe ich immer wieder: ich bete und bin danach verändert. Ich bete und bekomme das Gewünschte. Also bete ich weiter. Trete mit Gott in eine Verbindung. Weil ich spüre und erlebe, dass Beten mehr ist als ein Selbstgespräch. Und das kennen nicht nur die Christen. Kürzlich las ich das Buch „Bestellungen beim Universum“. Die Autorin Bärbel Mohr berichtet, dass sie regelmäßig beim Universum Bestellungen aufgibt und das Bestellte auch erhält. In Seminaren hilft sie Teilnehmern, das zu lernen.
Mich ermutigt das, dass selbst das „Universum“ uns Menschen günstig gestimmt ist und manche Wünsche erfüllt. Das ermutigt mich, erst recht von einem Gott, der sich uns als liebender Vater gezeigt hat, zu erwarten, dass er meine Gebete hört. Und mit der Anrede Gottes als Vater beginnt das bekannteste Gebet der Christenheit, das Vaterunser. Es ist heute Thema der Predigt. Ich werde es jetzt nicht lesen, denn hier sitzt keiner, der dieses Gebet nicht kennt.

Das Vaterunser. Ein Gebet, das wir alle kennen. Wir alle auswendig kennen. Das uns vertraut ist. Das ein Stück Kultur ist. Wir haben es schon als Kinder gelernt, in der Schule oder im Konfirmandenunterricht. Es wird in jedem Gottesdienst gebetet. Es wird auf der ganzen Welt gebetet – überall, wo Christen sich treffen, wird dieses Gebet gebetet.
Es gibt viele Möglichkeiten zu beten, mit eigenen Worten, mit Worten der Psalmen, mit Worten aus vorformulierten Gebeten. Wenn uns gar nichts mehr einfällt, fällt uns immer noch das Vaterunser ein. Jene Worte, mit denen Jesus selbst gebetet hat. Auf der einen Seite so vertraut. Auf der anderen Seite fast abgegriffen – Es lohnt sich, mal wieder genau hinzusehen. Die Worte zu entfalten und lebendig werden zu lassen, die uns so vertraut sind.
Schauen wir dieses Gebet mal an:

Es beginnt mit der Anrede Gottes: Unser Vater im Himmel
Wie ist Gott, wer ist Gott? Das übersteigt unsere Vorstellung. Trotzdem wollen wir mit unseren Worten, unseren Vorstellungen von ihm reden, um überhaupt von ihm zu reden. Und ein Bild, das die Bibel von Gott zeichnet, ist das eines Vaters. Wir können Mutter wohl dazufügen, denn Gottes Handeln wird manchmal auch mütterlich, umsorgend beschrieben.
Es gibt viele andere Bilder von Gott: König, Licht, Weg, Freund, Schöpfer. Hier verwendet Jesus „Vater“.
Ein Vater ist für ein Kind jemand, dem es vertraut. Der für das Kind sorgt. Der es schützt. Und auch herausfordert. Der dem Kind vieles beibringt, eigentlich alles, was er selber weiß.
Gott unser Vater: ein Gott der uns nahe ist. Ein Gott, der uns beschützt.
Und Gott ist nicht nur mein Vater. Er ist unser Vater. Ich bin verbunden mit anderen Menschen, wir haben einen gemeinsamen Vater. Wir leben in einer Zeit und Gesellschaft, in der viele Menschen auch Familien sehr vereinzelt leben, ohne die Verbundenheit und Unterstützung einer größeren Gemeinschaft. Gerade in diesem Zusammenhang ist mir Verbundenheit sehr kostbar. Im Vaterunser erleben wir Verbundenheit mit Menschen, die auch zu Gott als Vater beten.
Ich fasse mit meinen Worten zusammen, was der Gebetsanfang für mich bedeutet:
Unser Vater im Himmel, dir vertraue ich, du bist mir nahe, du schützt mich und du verbindest mich mit anderen Menschen

Geheiligt werde dein Name.
Heilig – ein etwas altertümliches Wort. Es kommt von heil = ganz, vollständig, also Gott ist jemand, der unser Leben vollständig macht. „Heilig“ ist uns etwas, das uns ganz wichtig ist. Wir sagen manchmal: Er passt gut auf sein Auto auf, das ist ihm heilig. Also heilig als etwas, auf das wir gut aufpassen, das wir bewahren wollen, das uns kostbar ist.
„Dein Name“: was ist Gottes Name? Im AT sagt Gott: Ich bin, der ich bin oder „Ich bin da“.
Dann könnte ich den Satz: „Geheiligt werde dein Name“ übersetzen mit:
Dass du da bist, macht mein Leben vollständig. Dass du da bist, ist mir ganz wichtig.

Dein Reich komme.
Jesus hat sich gewünscht, dass Gottes Reich kommt. Einerseits ist es ja schon angebrochen. Das ist der Inhalt der Verkündigung Jesus: das Reich Gottes ist angebrochen. Zeichen für das angebrochene Reich Gottes: Kranke werden gesund, Ausgestoßene erleben mit Jesus Gemeinschaft und Sünden werden vergeben.
Für uns klingt das heute ganz normal, dass Sünden vergeben werden. Aber damals war es das nicht. Um von Sünden wieder frei zu werden, musste man Opfer im Tempel bringen. Und jetzt sagt Jesus zu den Menschen: deine Sünden sind dir vergeben. Du musst nichts dafür tun. Sie sind einfach weg. Das war revolutionär. Er sagt praktisch: die Sünde spielt keine Rolle mehr, aber lebt jetzt so, dass es Gottes Welt entspricht. Lebt jetzt so, dass es allen gut geht.
Und wenn ich mich dieser Bitte anschieße, dann wünsche ich mir, dass noch mehr von Gottes Welt sichtbar wird, dass ich und andere so leben, wie Jesus. Im Vertrauen auf Gott. Und dass wir uns gegenseitig so annehmen, wie Jesus uns angenommen hat. Diese Bitte ist wie ein Bekenntnis: Ich möchte Teil von Gottes Welt sein. Ich will so leben, dass sie da ist. Ich will mich dafür einsetzen, dass die Liebe, die Annahme, die Versöhnung unter den Menschen mehr werden. Und wie kann das konkret aussehen, wenn Reich Gottes da ist? Ein persönliches Beispiel von mir: für mich ist Reich Gottes da, wenn ich mein Kind respektvoll behandle, obwohl ich es in meiner Wut schlagen oder bestrafen möchte. Für mich ist Reich Gottes da, wenn mein Mann und ich uns nach einem Streit gegenseitig vergeben und versöhnen. Für mich ist Reich Gottes auch da, wo ich Gemeinschaft erlebe: wenn ich mich z.B. allein fühle und eine Freundin mich anruft und fragt, wie es mir geht.
Ich wünsche mir, dass von deiner Welt noch mehr in unserer Welt sichtbar wird und ich will mich dafür einsetzen.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Wenn jemand so etwas betet, hat er ganz viel Vertrauen. Vertrauen, dass die andere Person, also Gott, seinen Willen nicht missbraucht. Glauben, dass es für ihn am besten ist, wenn Gottes Willen geschieht. Offensichtlich hatte Jesus dieses Vertrauen. Er hat sich ganz Gott anvertraut. Gott, der sein Vater war.
Es ist auch eine Bitte darum, dass nicht der Wille irgendeines „Schicksals“ geschieht, sondern dass der Gott, der sich als Schöpfer und Vater offenbart hat, seinen Willen geschehen lässt.
Was ist Gottes Wille? Dass wir Menschen heil werden – heil im Sinne von ganz. Dass wir das Leben so leben, wie Gott es sich gedacht hat. Dass wir liebevoll und rücksichtsvoll miteinander umgehen und jeder das bekommt, was er braucht. Aus dem Grund gibt es auch die 10 Gebote: sie halten uns dazu an, jedem einzelnen Schutz und Freiheit zu gewähren. Und damit wir nicht nur Schutz, sondern auch Liebe bekommen, sagt Jesus: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mit meinen Worten würde ich diese Bitte formulieren:
Ich wünsche mir das, was du willst, nämlich dass wir Menschen heil werden und in Frieden und in Verständnis füreinander leben.

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Wir bitten Gott, dass er uns gibt, was wir zum Leben brauchen.
Martin Luther schreibt im Kleinen Katechismus zur Bitte um das tägliche Brot: Brot heißt "alles, was zur Leibesnahrung und -notdurft gehört als Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und getreue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen".
Und wir bitten nicht auf Vorrat, sondern täglich, Tag für Tag.
Wir sind eingeladen, Gott zu sagen, was wir zum Leben brauchen. Wir fragen uns oft, warum sollen wir bitten, wenn Gott sowieso weiß, was wir brauchen? Ich weiß darauf keine abschließende Antwort. Doch ich merke, wenn ich um etwas bitte, weiß ich, was ich brauche. Und wenn ich es bekomme, dann nehme ich es auch wahr.
Nützt das Bitten überhaupt etwas? Ich habe diese Frage eingangs schon gestellt. Wenn ich eine Not habe, bin ich total froh, wenn ich weiß, wem ich meine Not sagen kann. Ich bin froh, das ich es Gott sagen kann, auch wenn er nicht alle Bitten sofort erhört.
Gib mir heute, das was ich zum Leben brauche und ich sage dir jetzt, was ich mir ganz besonders wünsche: ....

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Was ist Schuld? – habe ich mich als Kind oft gefragt. Ich habe einfach nicht verstanden, worum es da eigentlich geht. Warum ich etwas falsch gemacht haben sollte. Warum ich mich schlecht fühlen sollte.
Inzwischen verstehe ich, was damit gemeint ist: Schuld ist, wenn ich etwas tue, das meinen Werten nicht entspricht. Wenn ich etwas tue, das ich eigentlich nicht tun will. Und dann bin ich mit mir selber nicht mehr im Einklang. Ich fühle mich gespalten, ich fühle mich schuldig. Wir haben alle ein Bedürfnis nach Integrität. Wir wollen mit unseren Werten in Einklang sein.
Die Botschaft Jesu ist: Gott vergibt dir deine Schuld. Was heißt das konkret? Für mich heißt das: so wie ich bin, bin ich für Gott ok. Mit allem was ich getan habe. Auch mit dem, was ich nicht tun wollte. Ich bin angenommen. Und jetzt kann ich mich wieder mit dem verbinden, das mir wichtig ist. Ich brauche nicht mehr an das zu denken, das ich nicht tun wollte. Ich bin nicht schlecht und auch nicht mehr schuldig.
Und der Erfahrung der Vergebung des Angenommenseins schließt sich das Bekenntnis an: auch ich vergebe dem, der an mir schuldig wurde. Dem anderen vergeben, den anderen annehmen – das bedeutet auch, nicht über ihn zu richten.
Zusammenfassen würde ich das so: Ich weiß, dass du mich annimmst, wie ich bin und so möchte ich auch die Menschen annehmen, mit denen ich lebe.

Und führe uns nicht in Versuchung,...
Was ist damit gemeint? Versuchung ist, wenn ich etwas tue, das ich zwar vordergründig will, aber eigentlich nicht will, weil es nicht mit meinen Werten übereinstimmt. Wenn ich etwas tue, das mir oder anderen Menschen schadet. Deshalb ist diese Bitte eine Bitte an Gott mir dabei zu helfen, so zu leben, dass es mir und anderen Menschen gut geht.
Hilf mir so zu leben, dass es mir und anderen Menschen gut geht.

...sondern erlöse uns von dem Bösen.
Hier wird das Böse beschrieben als eine Macht, von der ich mich nicht selber befreien kann. Etwas, das Macht über mich, über mein Leben haben kann und zerstörend wirkt. Es gibt Umstände, die Leben zerstören. Mit dieser Bitte drücke ich mein Vertrauen aus, dass Gott stärker ist, als zerstörerische Umstände und dass er befreien kann. Dass er Wege aus dem Dunkel schenken kann.
Befreie mich von dem, das mein Leben zerstört und hilf mir, diese Freiheit zu bewahren.

Denn dein ist das Reich,...
Gottes Reich: da geht es uns allen gut. Da sind wir mit Gott und untereinander verbunden. Da werden alle Tränen abgewischt und alle bekommen genug. Da sind wir heil und vollständig, da fehlt uns nichts. Im Kontakt mit Gott haben wir Anteil an dieser Welt.
Bei dir ist alles, was wir für ein erfülltes Leben brauchen.

...und die Kraft,...
Gott hat sich uns in Jesus, besonders am Kreuz, zwar ohnmächtig gezeigt, um uns nahe zu sein. Doch bei ihm ist auch Kraft um sein Reich zu verwirklichen.
Bei dir ist Kraft, um deine Welt bei uns wirklich werden zu lassen.

...und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

In deiner Welt – da ist Herrlichkeit. Einfach das Allerschönste, das wir uns vorstellen können. Und das in Ewigkeit. Für Immer. Es ist nie vorbei und hört nie auf.

Vater unser
- eine freie Übertragung in moderne Sprache

Unser Vater im Himmel,
dir vertraue ich,
du bist mir nahe, du schützt mich
und du verbindest mich mit andern Menschen.
Dass du da bist, macht mein Leben vollständig.
Dass du da bist, ist mir ganz wichtig.
Ich wünsche mir, dass von deiner Welt noch mehr in unserer
Welt sichtbar wird und ich will mich dafür einsetzen.
Ich wünsche mir das, was du willst,
nämlich dass wir Menschen heil werden
und in Frieden und in Verständnis füreinander leben.
Gib mir heute das, was ich zum Leben brauche
und ich sage dir jetzt, was ich mir ganz besonders wünsche:
...
Ich weiß, dass du mich annimmst, wie ich bin
und so möchte ich auch die Menschen annehmen,
mit denen ich lebe.
Hilf mir so zu leben, dass es mir und anderen Menschen gut geht.
Befreie mich von dem, was mein Leben zerstört
und hilf mir, diese Freiheit zu bewahren.
Bei dir ist alles, was wir für ein erfülltes Leben brauchen.
Und bei dir ist auch Kraft,
um diese Welt bei uns wirklich werden zu lassen.
In deiner Welt – da ist Herrlichkeit.
Einfach das Allerschönste, das wir uns vorstellen können.
Und das in Ewigkeit.
Für Immer.
Es ist nie vorbei und hört nie auf.

Amen.