Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 6,9

Professor Dr. Okko Herlyn

27.01.2007 in der Pfarrkirche St. Ludger in Duisburg

Ökumenischer Gottesdienst zum Auschwitzgedenktag

Ökumenischer Gottesdienst zum Auschwitzgedenktag

„Geheiligt werde dein Name.“

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt Augenblicke im Leben, die brennen sich mit fotografischer Schärfe in unsere Erinnerung. Und manchmal nicht nur in unsere Erinnerung, sondern auch in unser Herz und Gewissen. Einen solchen Augenblick erlebte ich am 4. Mai 1999.

Wir waren mit einer Gruppe Studierender unserer Hochschule unterwegs auf einer Exkursion. Die Fahrt fand im Rahmen einer Lehrveranstaltung zum Thema „Euthanasie“ statt. Viele Seminarsitzungen lang hatten wir uns mit den einschlägigen Texten zur Sache befasst. Wir hatten den Wortlaut des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 und den sogenannten „Führererlass“ von 1939 gelesen, wonach - ich zitiere - „unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Wir hatten uns von einem ausgewiesenen Historiker über die sogenannte „Aktion T 4“ informieren lassen, jenen Verschleierungsbegriff, hinter dem sich der seit 1940 in großem Umfang durchgeführte Massenmord an behinderten und mehr und mehr auch anderweitig unliebsamen Menschen verbarg.

Wir hatten also, was auch immer man historisch zum Thema „Euthanasie“
zusammentragen kann, zur Kenntnis genommen, analysiert, eingehenden Diskussionen unterzogen und schließlich in prüfungsgerechte Förmchen verpackt. Nun stand nur noch die Exkursion an, die Fahrt zu einer der Tötungsanstalten, die Fahrt nach Hadamar, einem schmucken, unscheinbaren Städtchen in der hessischen Provinz.

4. Mai 1999. Ein lauer, angenehmer Frühlingstag. Unser Bus brummt guten Mutes von Bochum in Richtung Süden. Eine Studentin fragt vorsorglich, ob wir wohl gegen 19 Uhr wieder zurück seien. Sie sei mit ihrem Freund fürs Kino verabredet.

In Hadamar angekommen werden wir freundlich begrüßt und nach einer kurzen Einführung zur Führung gebeten, die im Preis inbegriffen ist. Wir sehen das, was noch zu sehen ist, und bekommen es kundig erläutert: den Hof für die ankommenden Deportationsbusse, den Schleusengang ins Innere, den Erfassungsraum, die Treppe zum Keller, den Entkleidungsraum, die Gaskammer, den Sezierraum, das Krematorium. Anschließend besteht die Möglichkeit zu einem Rundgang durch die Dauerausstellung mit Info-Verkaufsstand. Nebenan in der Cafeteria gibt es Kaffee, Cola und kleine Snacks.

Aus irgendeinem Grund trenne ich mich von der Gruppe und gehe die letzten Etappen der Führung zurück. Da eine Nachfolgegruppe noch nicht im Anzug ist, stehe ich wenige Minuten später noch einmal in der Gaskammer. Alleine. Ein Raum von der Größe einer mittleren Waschküche. Gefliester Boden, gekachelte Wände. In der Mitte ein Abfluss. Seitlich, unscheinbar, aber noch gut zu erkennen das verputzte Loch, durch das einst das Gasrohr führte. Neben der schweren Tür die deutlich sichtbaren Spuren einer ehemaligen Guckluke.

Ungeschützt stürzen die Eindrücke auf mich ein. Bürgerliche Reinlichkeit und massenhafter Erstickungsmord. Kacheln und Kohlenmonoxyd. Guckluke und Voyeurismus des Todes. Trivialität des Grauens. „Die Banalität des Bösen“. Mir stockt der Atem. Ich versuche vergeblich, ein stilles Gebet zu sprechen. Ein paar Worte wenigstens eines alten Klagepsalms. Nichts. Es gelingt nicht. Nach Minuten der Betäubung kehre ich leer und ohne Hoffnung zu den Studenten zurück.

4. Mai 1999. Es gibt Augenblicke im Leben, die brennen sich mit fotografischer Schärfe in unsere Erinnerung, in unser Herz und Gewissen. -

„Geheiligt werde dein Name.“ Wie Hohn will es uns erscheinen, nach Auschwitz, nach Hadamar an den Namen Gottes auch nur noch einen Gedanken zu verwenden. Muss nicht das elend triviale, mörderische Gasloch in der Waschküche von Hadamar, müssen nicht die unvorstellbaren Zahlen, die mit Auschwitz, Treblinka und Mauthausen verbunden sind, uns für immer den Mund verschließen und jeden Gedanken auch nur an irgendeinen Gott auf immer verbieten?

„Geheiligt werde dein Name.“ Es sind nicht unsere Worte, die wir da Sonntag für Sonntag vielleicht auch manchmal etwas gedankenlos sprechen. Es ist auch nicht irgendein Gott, irgendeine höhere Macht, irgendeine spirituelle Dimension, der gegenüber wir uns mit den Worten des Vaterunsers ins Benehmen setzen. Es ist der eine, heilige Gott selbst, der Schöpfer Himmels und der Erden, der Gott Israels, der uns diese Worte im Munde seines Sohnes Jesus Christus vorspricht. Wo es uns mit Recht die Sprache verschlägt, bleibt er, der eine, heilige Gott, nicht stumm.

„Geheiligt werde dein Name.“ Das ist kein grammatischer Optativ, keine mildbürgerliche Wunschformulierung nach einer Welt, die sich doch bitteschön ein wenig religiöser, ein wenig heiliger, ein wenig anständiger aufführen möchte. „Geheiligt werde dein Name“, das ist bei Lichte eine Bitte an Gott selbst, er möchte den Kampf aufnehmen - nicht gegen seine Welt, wohl aber gegen alles in der Welt, was seinen Namen entheiligt, seiner Ehre entgegensteht.

Wir hörten vorhin die Worte der Schrift: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Gott selber verbirgt sich im geringsten Bruder. Er verbirgt sich in den wehrlosen Businsassen auf der Deportation nach Hadamar. Er verbirgt sich in dem kleinen Mädchen mit Downsyndrom. Er verbirgt sich in dem jungen Mann mit den spastischen Zuckungen. Er verbirgt sich in der alten Frau mit Altersdepression. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern …“ - Gott verbirgt sich nicht nur, er identifiziert sich mit seinen armen Geschöpfen. Sie sind und sie bleiben sein Ebenbild. Deshalb werden wir ja auf seinen Namen getauft. Wer sich also an seinem Ebenbild vergreift, vergreift sich an Gott selbst. Tritt nicht nur menschliche Würde in den Dreck, sondern lästert den Namen Gottes, des Ewigen, des Heiligen.

„Geheiligt werde dein Name.“ Für Juden und Christen nimmt diese Bitte unüberhörbar Bezug auf die Zehn Gebote. „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen!“ Die Bibel weiß offenbar um die Abgründe menschlichen Wesens. Sie weiß, dass die Heiligung des Namens Gottes nicht einfach automatisch geschieht. Dass seit dem Sündenfall zumindest auch die Möglichkeit des Missbrauchs vorhanden ist. Daher das Gebot. Wo wir - aus psychologisch vielleicht sogar nachvollziehbaren Gründen - über der grauenhaften Lästerung seines Namens am Gasloch von Hadamar verstummen, gar in innere und äußere Lähmung verfallen, da nimmt uns jenes Gebot - betend und handelnd - in eine neue Verantwortung.

Betend und handelnd! Das heißt: Überall da, wo auch nur der Hauch eines Gedankens oder gar Stammtischgeredes vom sogenannten „lebensunwerten Leben“ zu vernehmen ist; überall da, wo menschliches Leben, ob an seinem Anfang oder Ende, auch nur von Ferne zum Kalkül finanzieller oder eugenischer Interessen gemacht wird; überall da, wo Menschen nur noch nach dem Maß ihrer Nützlichkeit oder wirtschaftlichen Produktivität bemessen, eingestellt oder rausgeschmissen werden; überall da, wo behinderte oder beeinträchtigte Menschen auch nur im Ansatz einer Abwertung oder Verächtlichmachung preisgegeben werden - überall da gilt es, dem Gebet „Geheiligt werde dein Name“ entsprechende Taten folgen zu lassen. Und sei es auch nur die manchmal viel Mut erfordernde Tat, in Gottes Namen schlicht den Mund aufzumachen.

Amen.