Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 7

Pfarrerin Doris Joachim-Storch

10.02.2004 Anstöße/Morgengruß in SWR 1+4

„Gebt, so wird euch gegeben!“

Nackt steht der einfache Sarg in der Mitte der Trauerhalle. Kein Blumenbukett liegt oben drauf. Das wäre Luxus. Es ist eine Sozialamtsbeerdigung - so nennt man das, wenn einer stirbt und kein Geld hat, und wenn auch niemand da ist, der für die Blumen zahlt.

Die Mitarbeiter der privaten Gärtnerei haben die 6 Buchsbäumchen und die Blumen, die bei der vorherigen Beerdigung um den Sarg herum standen, in einer Ecke dicht zusammen geschoben. Man sieht noch die feuchten Schleifspuren auf dem Boden. Dort warten die Blumen auf die nächste, und zwar zahlende, Trauerfeier. Dann wird jemand von der Gärtnerei kommen und alles hübsch wieder aufstellen.

Zu dritt stehen wir an dem blumenlosen Sarg. Die Leiterin des Altenheims, eine ehemalige Nachbarin und ich. Als ob der Tod der einsamen Frau nicht schon traurig genug wäre, muss da auch noch der Raum besonders trostlos aussehen. Warum machen sich die Gärtner die Mühe, den Blumenschmuck für eine Sozialamtsbeerdigung extra wegzuräumen?

Es geht wohl ums Prinzip. Wer nicht zahlt, darf die Blumen auch nicht angucken. Ich verstehe das ja irgendwie. Schließlich muss eine Gärtnerei auf ihre Kosten kommen. Und für Leistungen muss gezahlt werden. Das ist klar. Aber das mit den Sozialamtsbeerdigungen ist schon ziemlich kleinlich.

Viele sagen: Es ist kälter geworden in unserer Gesellschaft, unfreundlicher und härter. Großzügigkeit - das wollen sich viele nicht leisten und sagen, sie könnten es nicht. Im Moment schimpfen viele auf den Staat. Der kürzt die Sozialleistungen. Der verlangt, dass man bei Ärzten und Medikamenten zuzahlen muss. Für viele ist das sehr hart.

Aber es sind nicht nur „die da oben“, die für die soziale Kälte verantwortlich sind. Das Klima einer Gesellschaft bestimmen wir mit, sie und ich, wir einzelne Bürger: Gärtner, Computerfachleute oder Hausfrauen.

Barmherzig sollen wir sein, sagt Jesus. Und dann: Gebt, so wird euch gegeben. Und damit meint er: Es lohnt sich, großzügig zu sein. Wir kriegen was zurück, nämlich eine Gesellschaft, in der wir respektvoll und solidarisch miteinander umgehen. Wir kommen schon auf unsere Kosten, wenn wir uns ab und zu Barmherzigkeit leisten. Dabei geht es oft nur um kleine Gesten, zum Beispiel um Blumen, die man für umsonst angucken kann.