Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 8, 5-10,13

Dr. Marie Anne Subklew (ev), Theologin, Politikwissenschaftlerin

03.10.2014 im Berliner Dom

Tag der deutschen Einheit

Liebe Schwestern und Brüder.

Das Schweigen der Nacht schreit zum Himmel.

Unter den verschwitzten Laken findet er keinen Schlaf.

Die Gedanken hämmern die Fragen in seinem Kopf.

„Was will ich hier in diesem fremden Land?“

wo alles anders ist:

die Gerüche

und die Farben,

die Menschen

und ihre Religion.

Die Menschen mögen mich und meine Soldaten nicht.

So wie es meistens ist, wenn eine Armee ein anderes Land besetzt.“

Über sein stummes Fragen legt sich die Angst um einen todkranken Soldaten.

Er hat nur noch eine Hoffnung.

Deshalb steht er leise auf, und schleicht sich aus dem Haus. Die Waffe steckt er heute nicht ein.

Auf der Landstraße holt er tief Luft um sein Herz zu beruhigen. Er - der Offizier - hat Angst.

Auf dem Marktplatz des kleinen Fischerdorfes werden die Stände aufgebaut, Obst und Gemüse drapiert. Ein leichtes warmes Gemurmel liegt über dem Markt.

Als sie ihn sehen, verstummen die Menschen, das Schweigen wird bleiern.

Jetzt möchte er am liebsten umkehren, zurück in sein Haus rennen, weg von diesen Blicken und diesem Schweigen.

Aber er muss ihn finden, von dem man sagt, dass er heilen kann und der Jesus heißt.

Am Seeufer stehen Fischer, die über ihre Netze gebeugt, miteinander reden.

Die Männer sehen ihn an: mit Angst und Verachtung.

Seine Uniform verrät ihn überall. Er gehört zur Besatzungsmacht, er gehört zu denen die in ihr Land eingedrungen sind.

Und in ihm wir die Stimme immer lauter, die fragt: „Was suche ich hier?“

Ich glaube weder an den Gott der Juden, noch an irgendetwas anderes. Dazu habe ich zu viel gesehen. Ich vertraue nur noch meinem eigenen Wort.

Was ich sage, tun die Soldaten.

Aber jetzt bin ich - der römische Offizier - mit meinem Latein am Ende, jetzt wo es darum geht, ein Leben zu retten.“

In seinen dröhnenden Kopf und

in seinen schwitzenden Körper,

in das schrille Schweigen dringt plötzlich das Erkennen.

Einer der Männer schweigt anders.

Sein Schweigen ist freundlich.

Und sein Blick nachdenklich.

Dieser Blick ermöglicht Sprache.

Der Offizier sagt leise zu ihm:

„Du siehst es.

Ich bin ein Besatzer.

Ich weiß, dass ihr uns hasst.

Ich weiß auch, dass es sehr ungewöhnlich ist,

dass ich jetzt als Bittender vor dir stehe.

Aber ich vertraue auf die Macht des Wortes.

Wenn ich spreche, gehorchen mir meine Soldaten.

Aber jetzt helfen meine Worte nicht weiter.

Auch bei uns hat es sich herumgesprochen, dass dein Wort heilen kann. Deshalb bin ich hier.

Einer meiner Soldaten liegt gelähmt und mit furchtbaren Schmerzen in meinem Haus“

Jesus berührt den Offizier vorsichtig am Arm und sagt mit ruhiger Stimme: „Ich komme mit dir in dein Haus und helfe deinem Freund.“

Das Schweigen der Fischer wird zu Stein, geronnener Hass. Das kann keine Sprache mehr fassen, was gerade vor ihren Augen geschieht.

Jesus redet mit diesem Mann, und jetzt will er ihn sogar nach Hause begleiten. In ein Haus, was für Juden nicht zu betreten ist, weil es unrein ist.

Der Offizier hält die Blicke nicht mehr aus, er schließt die Augen und sagt:

„Ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst, doch sprich nur ein Wort, dann wird mein Freund wieder gesund.

Sprich nur ein Wort,

Jesus staunt über diese Antwort und sagt zu den Fischern:

So ein Vertrauen und solch einen Glauben, habe ich in unserem ganzen Land noch nie gefunden.

Und zum Offizier gewandt spricht er:

Du kannst nach Hause gehen. Deine Hoffnung und dein Glaube sind erfüllt worden.

Dein Freund wird gesund.

Sprich nur ein Wort,

Er glaubt an die Macht des guten Wortes, des Segens

Ist es doch in seiner Sprache das gleiche Wort.

Bene - dicere - Gutes sagen

Das ist Segen.

Gutes – sagen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Sprich nur ein Wort."

Welches Wort spricht Jesus?

Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur, wie er spricht.

Wie redet Jesus mit dem Offizier?

Jesus schaut.

Er sieht einen traurigen besorgten Menschen.

Nicht den Feind,

den Römer,

Den Soldaten,

Den Besatzer.

Er sieht einen Menschen.

Er sieht auch die Frau, die verachtete und spricht zu ihr und nennt sie nicht die Sünderin.

Er sieht den Mann, den unbeliebten Finanzbeamten, den keiner mag und alle nur den Zöllner nennen.

Jesus sieht,

er schaut genau hin,

er lauscht,

er hört zu

Er sagt nicht:

du bist ein Römer

du bist eine Sünderin

du bist ein Zöllner

Jesus wertet nicht.

Er weigert sich, Menschen und Leben durch Sprache einzuteilen.

Liebe Gemeinde,

Wie sprechen wir?

Zum Beispiel: Zeitungsschau im September 2014:

Die Süddeutsche titelt

„Ein Araber will Bürgermeister von Berlin werden"

Ein Araber?

Ein Muslim?

Bürgermeister von Berlin?

Der Araber lebt seit Kindesbeinen in Berlin, ist hier zur Schule gegangen und arbeitet hier.

Was transportiert diese Schlagzeile?

Die Zeit schreibt:

„Devrim Yilmaz hat es geschafft, was viele Studenten wollen. Er studiert in Harvard.

Wie kommt ein türkischstämmiges Arbeiterkind an die beste Uni der Welt?"

Man hört förmlich das ungläubige Staunen?

Türkischstämmig

Arbeiterkind

Der Satz ist gut gemeint und in Wirklichkeit ein Skandal.

Weil er sehr viel zeigt über unser Deutschland im Jahr 2014.

Und der Araber, der Bürgermeister werden will und Raed Saleh heißt und aus dem Westjordanland kommt, hat in der Schule gehört:

„Geh du mal auf die Hauptschule. Zu den Türken, zu deinen Leuten".

Und im Magazin „Der Spiegel“ sehe ich zwei Fotos:

Der Bundespräsident und die Kanzlerin.

Bildunterschrift: Ostdeutscher Gauck, ostdeutsche Merkel.

25 Jahre nach der friedlichen Revolution und 24 Jahre nach der deutschen Einheit.

Was sagt diese Unterschrift?

Ist es das Erstaunen darüber, das die beiden höchsten Repräsentanten unseres Volkes aus dem Osten kommen?

Ich habe noch keine Bildunterschrift gesehen, die heißt: westdeutscher Steinmeier oder westdeutsche von der Leyen.

Sprache, die festlegt und zuschreibt.

die Araber

die Muslime

die türkischstämmigen

die Arbeiterkinder

die ostdeutschen

Die Liste können Sie ergänzen.

Es ist die Sprache,

die die Menschen in Gruppen presst und sortiert.

Liebe Schwestern und Brüder,

und ich?

Ich kenne die Worte,

die mich verwirren

und verunsichern,

die mich ängstigen und

krank machen.

Und ich spreche leider auch die Worte,

die verwirren,

verunsichern

und krank machen.

Das ist dann wie die Pest.

Im Psalm 91, den Liedern der Bibel lese ich:

Gott rettet dich vor der verderblichen Pest

vor der Pest, die im Finstern schleicht.

In der hebräischen Sprache, der Sprache der Psalmen ist Pest und Sprache genau dasselbe Wort.

Dann klingt der Psalm so:

Gott rettet dich vor der verderblichen Sprache

vor dem Wort, was im Finstern schleicht.

Pest und Sprache, dasselbe Wort.

Sprich nur ein Wort – ein gutes Wort,

damit das Wort nicht zur Pest wird.

Und meine Sprache andere frei

und groß

und fröhlich

und mutig sein lässt.

Liebe Schwestern und Brüder

Sprache ist Leben.

Leben ist Sprache und manchmal Revolution.

Als wir unsere Sprache wieder gefunden hatten veränderte sich unser Leben

Und als sich unser Leben veränderte, sprachen wir eine andere Sprache.

Vor 25 Jahren riefen tausende Menschen, oft zaghaft manchmal mutig, meistens heiser auf den Straßen in Anklam und Stralsund, in Plauen und Suhl, in Dresden und Leipzig,

„Keine Gewalt"

„und wir sind das Volk"

Das waren unsere Worte, unsere Sprache.

Sie waren mächtig und stark

und machten uns mutig und frei.

Und dennoch ging es mir in jenen Herbsttagen und Nächten wie dem römischen Offizier.

Ich vertraute unseren Worten, darauf dass unsere Demonstrationen gewaltlos sein sollten.

aber ich wusste genauso, dass der Druck so groß war, dass unsere Worte verformt werden konnten.

Ich hatte Angst, wir hatten Angst.

Noch schützte uns der Raum der Kirche. Was aber wartete auf der Straße auf uns

wo die Wasserwerfer aufgefahren und Polizei und Staatssicherheit die Kirche umstellt hatten?

Was würde sein, wenn unsere Worte nicht mehr trugen?

Deshalb beteten wir: „Sprich nur ein Wort, du unser Gott.

Schenk uns Frieden - Dona nobis pacem"

Das ist die kürzeste Zusammenfassung der Friedensgebete überall in unserem Land.

Dona nobis pacem,

gesungen oft mit zitternder Stimme und ebensolchen Knien.

Sprich nur ein Wort,

damit unsere Worte tragen.

Dona nobis pacem auf den Lippen, in der Hand die Kerze und dann hinaus auf die kalten dunklen Straßen mit den Worten

keine Gewalt und

wir sind das Volk

Worte, aus dem Volk geboren und nicht nur gerufen,

sondern konsequent praktiziert:

Das ist ein ungeheurer Vorgang, ein Wunder biblischen Ausmaßes!

So empfinde ich es noch heute.

Wann ist uns Deutschen je eine Revolution gelungen - ohne Blutvergießen,

ohne Krieg

und Sieg

und Demütigung anderer Menschen und Völker?

Bevor dieser Ruf die Straßen zur Bühne für Tausende machte, haben Menschen ihre Sprache wieder gefunden.

Wir haben unsere Sprache wieder gefunden.

Einer der später ein rhetorisch brillanter Redner im Deutschen Bundestag wurde, sagt über seine Sprachsuche: „Ich konnte im Friedenskreis mein Redetalent entwickeln. In der DDR konntest du nie öffentlich reden, geschweige denn Reden halten. Das konnte man in der Kirche, und da konnte man die Überzeugungskraft seiner Argumente testen, und ich habe gelernt, politische Geduld zu entwickeln und vor allem andere Argumente aufzunehmen und zuzuhören"

Das wird immer eine Aufgabe unserer Kirche sein:

Menschen zu ermutigen,

ihre Sprache zu finden

und

frei und klar zu reden

auch stellvertretend, für die die keine Stimme haben.

Und wenn unsere Kirche Kirche ist und Sprache hat, dann muss sie Mund der Verstummten und Stumm gemachten sein.

Und auch das: Augen auf und Ohren auch.

Genau hinsehen, genau hinhören.

Das gilt für das Gespräch mit Menschen, ebenso wie das Lauschen auf Gottes Wort.

Dem römischen Offizier war der Gott der Juden fremd und dennoch glaubte er an die Kraft des Wortes Gottes.

Mir ist mein Gott auch oft fremd und dennoch glaube ich an die Kraft seines Wortes

Denn es gibt sie – Gott sei Dank - die andere Stimme.

Ich kenne sie. Wir kennen sie alle, ob in der Nähe der Kirche oder weit außerhalb.

Die Stimme ist leise

Nicht gewalttätig

ruhig und unüberwindlich:

Diese Stimme spricht zu dir und zu mir:

Was du nicht trägst, ertrage ich

An deine Stelle trete ich vor Gott

Ich trage die Rätsel des Chaos

Ich trage die Rätsel der Geschichte

Ich trage dich, der du dir selbst ein Rätsel bist

Du bist frei, unendlich wertvoll und einmalig

Du hast Würde

Der Morgen gehört dir.

Mein Ostermorgen.

Deshalb:

Mein Gott - Sprich nur ein Wort und hilf mir, dass ich es hören kann.

Sprich nur ein Wort

in meine arme Sprache

in unser zusammenwachsendes Land

in unsere friedlose Welt -

in unsere zerstrittenen Häuser

in meine unruhige Seele

Sprich du das Wort, was Frieden bringt

was heilt und tröstet

und verbindet

sprich du das Wort und wir werden geheilt

Amen