Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 8,5-17

Diakon Dr. theol. Emmerich Beneder (rk)

26.06.2004 im Bildungshaus St. Michael in Matrei am Brenner

Sprich nur ein Wort

Dieses Evangelium ist uns von Kindheit an vertraut. Aber sagt es uns auch heute noch etwas? Ich glaube, dass es an Aktualität nichts eingebüßt hat. Beim Lesen dieses Evangeliums ist mir die spontane Antwort Jesu an den Hauptmann „Ich will kommen und ihn gesund machen“, aufgefallen.

Wenn ich Jesus bitte, zu mir in die Wohnung zu kommen, weil diese oder jene Person der Familie krank ist, wird mir Jesus diese Bitte sicher nicht abschlagen. Ich kann mir vorstellen, dass meine Frau das Beste auftischen wird. Und ich hole einen Superwein vom Keller. Nach dem Essen würden wir sicher sehr intensive Gespräche mit Jesus über den Glauben und die Glaubensweitergabe führen. Ich bin überzeugt, diese Stunden mit Jesus würde meine Familie nie mehr vergessen. Aber ich denke mir, dass mir bei diesem Besuch Jesus auch eine peinliche Frage stellen könnte. Diese Frage würde vielleicht so lauten: „Bist du auch so gläubig wie der Hauptmann, der gemeint hat, es brauche gar nicht meinen Besuch, es genüge schon mein Wort?“ Diese Frage Jesu würde mich in Verlegenheit bringen. Ich würde ein rotes Gesicht bekommen. Was würdet ihr antworten? Wir haben uns alle diesem Wort verschrieben, wollen Dienerinnen und Verkünder dieses Wortes sein. Wir wissen doch, welchem Wort wir vertrauen.

Es ist euch bekannt, dass ich in Niederösterreich aufgewachsen bin. Ich kann mich noch sehr gut an die russische Besatzungszeit von 1945-1955 erinnern. Viele haben damals gesagt: „Die Russen werden nicht mehr aus unserem Land gehen“. Da erhob ein Franziskaner, P. Petrus Pavlicek, seine Stimme und sagte: „Mit Gottes Hilfe ist alles möglich“. Er schlug vor eine Gebetskette in ganz Österreich zu bilden. So entstand der Rosenkranz-Sühnekreuzzug, der bald eine Million Beter hatte. So ist das Unmögliche möglich geworden. 1955 haben die Russen Österreich für immer verlassen. Der legendäre Satz von P. Petrus ist mir heute noch im Ohr: „Wer wenig Vertrauen hat, erhält wenig; wer viel Vertrauen hat, erhält viel; wer grenzenloses Vertrauen hat, wird von Gott grenzenlos beschenkt“. Von allen Seiten umgibt uns der Herr und hält seine Hand über uns. Diese Erkenntnis ist uns zu wunderbar, zu hoch, um sie zu begreifen (vgl. Ps. 139).

Ein grenzenloses Vertrauen hatte auch der Hauptmann im Evangelium. Denn er sagt zu Jesus: „Sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“. Und der Diener wurde in derselben Stunde geheilt. Jesus war erstaunt über das Vertrauen, dass dieser Heide zu ihm hatte. Aber geärgert hat er sich, dass er nicht einmal beim auserwählten Volk Gottes einen solchen Glauben gefunden hat. Moses durfte nicht das gelobte Land betreten, weil er dem Wort Gottes nicht geglaubt hat. Dabei ist das Wort Gottes mächtig, bewirkt Heilung und Auferstehung. Die Schwiegermutter von Petrus konnte sofort aufstehen, Kranke wurden durch Jesu Wort geheilt und Menschen von Dämonen befreit.

Die Wirkkraft des Wortes Gottes wird heute nicht mehr erkannt. Sonst würden bei uns die Menschen in Massen die Bibel lesen oder die Predigt hören. Man sucht sich wo anders einen Nervenkitzel. Es scheint, dass das Wort Gottes nicht mehr gefragt ist, obwohl es Himmel und Erde erschaffen hat. Nach dem Propheten Jeremias haben viele Menschen die Quellen lebendigen Wassers verlassen und sich Zisternen gegraben. Ist das etwa auch bei uns der Fall? Wenn wir heute das Wort Gottes hören, dann verhärten wir doch nicht unser Herz. Bedenken wir, dass das Wort Gottes nicht nur den Leib, sondern auch die Seele heilt, Sünden vergibt, innere Harmonie und Freude bringt. Dieses Wort verurteilt niemand, sondern richtet auf. Dieses Wort kommt von Gott und bringt ein Stück Himmel auf Erden.

Ich möchte daher als Christ noch in meiner Sterbestunde den Satz aussprechen: „Herr, sprich nur ein Wort, dann ist meine Seele gesund, dann bin ich reif für eine Begegnung mit dir in der Ewigkeit. Denn dein Wort macht selig“.

Amen.