Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Matthäus 9,9-13

Pastor Klaus Bergmann

in der evangelisch-lutherischen St. Michaelsgemeinde (SELK), Wolfsburg-Westhagen - an Septuagesimae 2007

Zöllner und Sünder

[9] Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. [10] Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. [11] Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? [12] Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. [13] Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Liebe Gemeinde,
einst war er ein zuverlässiger Mitarbeiter und angesehener Manager. Die Leute aus der Chefetage konnten auf ihn setzen. Die Nachbarn vom Steimker Berg grüßten ihn, manche schauten zu ihm auf. Er war ein erfolgreicher Mann, ... war... Seit ein paar Monaten hat sich das für Klaus-Joachim Gebauer gründlich ge-ändert. „Die Leute kennen mich nicht mehr“ beklagt er sich in einem Zeitungsinterview. „Sie meiden mich, als hätte ich die Seuche.“
Grund dafür ist die sogenannte VW-Affäre. Jahrelang hat Gebauer auftragsgemäß Bordellbesuche organi-siert, brasilianische Prostituierte für die Kollegen bei VW um die Welt geflogen und sich um edlen Schmuck für die betrogenen Ehefrauen gekümmert. Alles sauber abgerechnet. VW hat ihn rausgeschmissen: Wegen Doppelbuchungen und dem Vorwurf, er habe seinen Arbeitgeber mit Tarnfirmen betrügen wollen und Schmiergeld genommen.
Gebauer bekommt, wie auch sein ehemaliger Vorgesetzter Peter Hartz, den geballten Zorn und die massive Ablehnung der Öffentlichkeit zu spüren. Unverhohlene Verachtung wird ihnen entgegengebracht. Menschen, die sie vorher hofierten, wollen jetzt unter keinen Umständen mehr etwas mit ihnen zu tun haben.
Der Zöllner Matthäus von damals war wie der Manager Gebauer von heute. Einer, der Bestandteil eines gut funktionierenden Systems war und dadurch jede Menge Dreck am Stecken hatte: Lukrative Geschäfte mit den Römern inklusive private Bereicherung zu Lasten des kleinen Mannes. Matthäus war einer, mit dem man nicht im Restaurant an einem Tisch sitzen mochte, den man schon gar nicht zu seinem Freundeskreis zählen konnte, einer, für den man schlichtweg nur Verachtung übrig hatte. Das galt für alle anständigen Leute. Nur nicht für Jesus. Der feiert ein Fest mit ihm.

Schnitt.
Vom schönen Wohnviertel Steimker Berg schwenken wir ans südliche Ende der Wolfsburger Fußgängerzone, da, wo die Punks abhängen. Leute mit bunten Haaren, dunklen Klamotten, Metall in Ohren und Nase, Bier in der Hand, kurz: einem gestylt kaputten Aussehen. Punks wollen provozieren, nicht nur durch ihr Outfit, sondern auch durch ihr Verhalten. Am helllichten Tage in den Stadtbrunnen urinieren, rumgrölen, Wände beschmieren und Streit vom Zaun brechen – Punks bezeichnen sich selber als Abschaum und Dreck der Gesellschaft. Sie geben sich so, dass man als Einkäufer am Südkopf lieber einen Bogen um sie macht. Nur Jesus nicht. Der trinkt mit den Ausgestoßenen ein Bier.

Schnitt.
Ein Sozialarbeiter erzählt: „Die Prostituierte kam in einem erbärmlichen Zustand zu mir. Sie hatte keine Wohnung, war krank und außerstande, ihr zweijähriges Töchterchen durchzubringen. Unter heftigem Weinen erzählte sie mir, sie hätte ihre Tochter (die gerade erst zwei Jahre alt war!) Männern mit abartigen sexuellen Praktiken angeboten. In einer Stunde verdiente sie durch die Prostitution der Tochter mehr, als sie selber in einer ganzen Nacht anschaffen konnte. Sie müsse das tun, erklärte sie, weil sie sonst kein Geld für Drogen hätte. Ich ertrug es kaum, diese schmutzige Geschichte anzuhören.“ (Philip Yancey, Gnade ist nicht nur ein Wort)
Für ihn ist das nicht auszuhalten. Für uns auch nicht. Aber Jesus erträgt es, besser: Er trägt sie, diese ka-putte, verzweifelte, hilflose, schuldige Frau.

Wie kann das sein?
Billigt Jesus mit diesem Verhalten nicht automatisch die verwerflichen, zerstörerischen und unzweifelhaft bösen Taten dieser Menschen?
Genau das ist der Vorwurf, den ihm die frommen Pharisäer machen: „Er ist ein Freund der Zöllner und Sün-der!“ sagen sie, also „ein Freund der Korrupten und Schmiergeldempfänger, ein Freund der Schrägen und Sachbeschädiger, ein Freund der Kaputten und Drogenabhängigen. Wie kann er nur mit ihnen zusammen am Tisch liegen, sich überhaupt mit ihnen einlassen? Ein Skandal!“
Ich verstehe die Aufregung dieser frommen Menschen sehr gut. Denn irgendwo muss ja der Punkt erreicht sein, wo man einen Strich ziehen muss, um als Christen, als Gemeinde und Kirche glaubwürdig zu sein. Da müssen wir dann sagen: „Bis hierher und nicht weiter. Da ist Schluss. Mit denen nicht!“
Und es stimmt ja auch. Für Jesus ist nicht einfach alles egal. In seiner Bergpredigt (berichtet bei Matthäus ein paar Kapitel vor dieser Geschichte) trennt er auf Grundlage der 10 Gebote ganz deutlich das Gute vom Schlechten. Er sagt ganz klar, was Gott von uns Menschen verlangt. So klar, dass keiner, auch keiner von uns hier, sein i.O. hinter die Gebote machen kann, nach dem Motto: „in Ordnung – das habe ich alles gehal-ten.“
Jesus kennt sehr genau den Unterschied zwischen Sünde, die von Gott trennt und Gerechtigkeit, die mit Gott im Einklang lebt. Doch: Warum lehnt er dann die offensichtlichen Sünder nicht ab? Warum verweigert er ihnen nicht seine Gegenwart – und damit auch die Gegenwart Gottes?
Weil es ihm um den Menschen geht!
Er unterscheidet zwischen Sünder und Sünde, zwischen Person und Tat.
Seien wir ehrlich: Das ist im Hinblick auf den VW-verfilzten Gebauer, den provozierenden Punk und erst recht gegenüber der drogenabhängigen Prostituierten eine echte Zumutung.
Aber im Hinblick auf uns selbst ist das eine echte Wohltat! Wie gut, dass Jesus zwischen mir und meinen Taten unterscheidet, dass Gott mir nicht aufgrund meiner Gedanken, Worte und Werke die Gemeinschaft aufkündigt, kurz: dass er mir gnädig ist!
„Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ zitiert Jesus das Alte Testament und sagt weiter: „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Jesus sieht die Person hinter der Tat. Gott sei Dank! Er liebt den Sünder und hasst die Sünde.
Er liebt die Gebauers und Hartzes, hasst aber das Geflecht von Unehrlichkeit und käuflicher Abhängigkeit.
Er liebt jeden einzelnen Punk und hasst es, wenn sie ihr Leben planlos vor die Hunde werfen.
Er liebt die verzweifelte Prostituierte und hasst, dass Männer Sex kaufen und dabei Frauen und sogar Kinder misshandeln.
Er liebt uns und hasst, die vielen Abhängigkeiten und Kompromisse, in die wir uns begeben.
Er liebt mich und hasst meine Unentschlossenheit, ihm in der Nachfolge ganz zu vertrauen.
Jesus sagt diesen Zöllnern, diesen Sündern, dir und mir: „Folge mir nach! Lebe in Gemeinschaft mit mir, lass Dich von meiner Liebe gestalten, von meiner Person prägen, von meiner Vergebung entlasten und von mei-ner Gnade durchdringen!“

Es ist nicht überliefert, wie seine Jünger darauf reagieren. Sie gehörten – wie wir auch – zu damaligen Mit-telschicht. Es waren Fischer und Arbeiter. Und dann kamen Leute, die nicht zu ihnen passten. Zöllner und Prostituierte.
Ich kann mir vorstellen: Die Jünger mussten erst einmal von Jesus lernen, diese Menschen mit hinein zu nehmen. Die Barmherzigkeit Gottes weitergeben – das mussten sie und das müssen wir einüben.

Ich frage dich, wie würden wir reagieren, wenn jetzt ein Penner mit seinem Hund in die Kirche käme? Würden wir ihn willkommen heißen oder ihn als Störung empfinden? Würdest du dich darüber freuen, dass er hierher kommt, um mit uns Gottes Dienst an seinen Menschen zu feiern? Würdest du gern neben ihm sitzen und dich nachher mit ihm unterhalten?
Unsere Antworten und unser Verhalten hängen davon ab, wie viel Gnade wir selbst empfangen haben. Wer viel Gnade in seinem eigenen Leben empfing, der wird anderen gnädig begegnen.
Wer aber meint, eigentlich doch ein ganz ordentlicher, rechtschaffender Mensch zu sein, der wenig oder keine Gnade nötig hat, dem mangelt es daran und er wird stolz auf seine eigene Leistung und zeigt dann mit dem Finger auf die Sünde der anderen, kritisiert ihr unordentliches Leben und hält sich von solchen Typen fern.*

Jesus geht auf diese Typen, diese Punks und Asozialen, diese Looser und Verlierer, diese Verstrickten und tief Gefallenen zu und lädt sie ein, in der Gemeinschaft mit ihm zu leben. In seiner Nachfolge sind wir dazu aufgefordert, das auch zu tun. In der letzten Woche haben wir hier in unserer Gemeinde den Diakoniesonntag zusammen mit Barbara Hauschild gefeiert. Er stand unter der Überschrift: „Gottes Liebe an die Menschen weitergeben“. Eine konkrete Sache haben wir uns vorgenommen. In einem Diakonieforum wollen wir uns gegenseitig auf Notlagen von Menschen aufmerksam machen. Wir wollen unseren Blick schärfen und überle-gen, was wir tun können. Das ist der erste Schritt auf einem Weg, auf dem wir noch viel von Jesus lernen müssen.
Aber wer weiß, vielleicht spotten ja eines Tages die Menschen in Wolfsburg über uns: „Diese Leute aus der St. Michaelsgemeinde sind Freunde der Punker und Asozialen, der Looser und Sünder.“
Und das wäre ein großes Lob!


Amen

* [dieser Absatz ist übernommen von einer Predigt von  P. Manfred Brüning vom 04.11.2001]


 


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