Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 9,9-13

Prädikantin Christiane Frees-Tillil (ev)

27.01.2013 in den Gemeinden Potsdam-Bornim und Sacrow

zum Sonntag Septuagesimae

Was macht einen Menschen gerecht?

© privat

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

die Bereitschaft, Fehler einzugestehen, nimmt in unserer Zeit immer mehr
ab. Besonders deutlich wurde das in den letzten Jahren an Menschen wie
dem Radprofi Jan Ullrich, der auch dann noch bestritt, unerlaubte
leistungssteigernde Mittel verwendet zu haben, als das längst bewiesen war.
Und Christian Wulff ist erst als Bundespräsident zurückgetreten, als es sich
gar nicht mehr vermeiden ließ.

Aber die Weigerung, ein Fehlverhalten einzugestehen und der gleichzeitige
Versuch, sich mit den Umständen herauszureden, begegnet immer häufiger
auch im Alltag. Ein „Es tut mir Leid“ bringt kaum noch jemand über die
Lippen. Das liegt sicher z.T. auch daran, dass ich ein Risiko eingehe,
wenn ich einen Fehler zugebe. Denn es kann passieren, dass andere diesen
Fehler dazu benutzen, mich fertigzumachen. Es kann auch sein, dass ich die
Konsequenzen meines Fehlverhaltens tragen muss. Auf der anderen Seite
kann ich aber auch die Erfahrung machen, dass der andere mir großzügig
verzeiht. Vielleicht hängt die Reaktion meines Gegenübers davon ab, wie er
oder sie mit eigenem Fehlverhalten umgeht. Denn wenn ich weiß, dass ich
selber auch schuldig werde an anderen, manchmal aus Versehen und in
anderen Situationen vielleicht, weil ich dem anderen nicht geben kann,
was er gerade von mir braucht, dann fällt es mir leichter, auch anderen
Fehler zu verzeihen. Der Predigttext für diesen Sonntag lädt uns ein,
die Frage nach der eigenen Gerechtigkeit zu bedenken. Ich lese aus dem
Evangelium nach Matthäus im 9. Kapitel (V9-13):

Liebe Geschwister, es ist eine spannende Frage, was die Gerechtigkeit eines
Menschen ausmacht. Ist es ein Leben, das den gesellschaftlichen
Konventionen entspricht und die Grenzen des Gesetztes berücksichtigt
oder ist es eher abhängig von ethisch unantastbarem Verhalten?

Die Schauspielerin Nadja Uhl sagte in einem Interview zu ihrem neuesten
Fernsehfilm, dass Menschen fehlerfreie, unantastbare Vorbilder suchten,
weil sie selber es nicht sind. Und in der Diskussion um Christian Wulff warf
ein Journalist die Frage auf, ob die deutsche Bevölkerung es ertrage,
einen Bundespräsidenten zu haben, der antastbar sei und zwar gerade
deshalb, weil er es gehandhabt hat wie viele andere auch, indem er sich
durch sein Amt Vorteile verschafft hat. Aber selbst wenn Wulff sich
innerhalb gesetzlicher Grenzen bewegt hat und deshalb kein Strafverfahren
gegen ihn eröffnet wird, ist sein Verhalten mindestens ethisch fragwürdig.
Es ist genauso fragwürdig wie die finanzielle Abfindung des
Geschäftsführers der Berlin-Brandenburger Flughafengesellschaft, die trotz
des hohen finanziellen Schadens gezahlt wird, weil sie vertraglich vereinbart
war. Was also macht einen Menschen gerecht? Entsprechend
gesellschaftlicher Konventionen und innerhalb des gesetzlichen Rahmens
bewegen sich sowohl Wulff als auch Schwarz. Darin bewegen sich auch
Manager von Banken mit fragwürdigen Geschäftspraktiken und Ärzte,
die von Pharmaherstellern dafür bezahlt werden, dass sie den Patienten ihre
Medikamente verordnen. Der gleiche Journalist warf ebenfalls die Frage
auf, ob Wulff der Bundespräsident sei, den die Deutschen verdienten,
weil sich viele andere auch persönliche Vorteile verschafften durch private
oder berufliche Beziehungen. Ist also die Empörung der Menschen lediglich
abhängig von der Höhe der Summe? Was macht einen Menschen gerecht?
Unser Verständnis von Gerechtigkeit ist geprägt vom griechischen und
hellenistischen Sprachgebrauch und meint Gerechtigkeit als Tugend und als
Verhalten innerhalb gesetzlicher und gesellschaftlicher Normen.
Nach biblischen Verständnis aber ist Gerechtigkeit eine
Verhältnisbestimmung. Gottes Gerechtigkeit ist ein Beziehungsgeschehen.
Und dieses Beziehungsgeschehen betrifft zuallererst Gott selbst in Seinem
Verhältnis als Vater, Sohn und Heiliger Geist zu sich selbst.

Denn der menschgewordene Gottessohn gibt dem Vater Recht, indem Er am
Kreuz stirbt. Der Vater gibt dem Sohn Recht, indem Er Ihn von den Toten
auferweckt. Und dieses einander Recht geben geschieht im Heiligen Geist,
dem Vater und Sohn so ihrerseits Recht geben. Und der Geist wiederum gibt
Vater und Sohn Recht, indem Er von ihnen Zeugnis ablegt. So ist Gott in
Übereinstimmung mit Sich Selbst. So ist Er gerecht. Denn das ist der Kern
der Gerechtigkeit Gottes, dass Gott mit Sich selbst übereinstimmt. Gottes
Gerechtigkeit heißt, dass Gott „in sich selbst“ richtig ist. Und Gott erweist
sich als der gnädige Gott, indem Er nicht nur für Sich selbst da sein will,
sondern indem Er sich ein Gegenüber schafft und diesem Geschöpf, also uns,
Ihnen und mir und jedem einzelnen unverbrüchlich die Treue hält.

Das ist der Kern der Rechtfertigungslehre. Jeder Mensch ist allein aus
Gottes Gnade ohne jede moralische Anstrengung eine vor Gott unwiderruflich
anerkannte Person. Dass Gott den Menschen allein aus Gnade gerecht
spricht, heißt aber keineswegs, dass Er Milde walten und Gnade vor Recht
ergehen ließe. Es bedeutet nicht, dass Gott gnädig alles Böse vergibt,
das Menschen einander antun. Denn damit würde Er das Leid der Menschen
noch potenzieren. Gott macht keine Kompromisse mit der Ungerechtigkeit
dieser Welt. Und die Hoffnung auf das Gericht am Ende der Zeiten ist auch
die Hoffnung darauf, dass Gott jedem und jeder zu seinem und ihrem Recht
verhelfen wird. Das tiefste Geheimnis der Gerechtigkeit Gottes ist, dass
Gott das ganze Leid dieser Welt, die Beziehungslosigkeit, die Selbst-
bezogenheit, die Ungerechtigkeit, die Schuld der Menschen in Christus an
das Kreuz getragen und in der Auferweckung Christi überwunden hat. In
Jesus hat Gott die ganze Not der Menschen, Trennungen und Einsamkeit und
Grenzen und Ängste am eigenen Leib erfahren. Und in der Auferweckung
Jesu von den Toten hat Gott hat die Endgültigkeit zerstörten Lebens
überwunden.

Martin Luther verdanken wir die Wiederentdeckung der Gerechtigkeit als
Gabe Gottes. Luther erkannte die Gerechtigkeit Gottes als Sein heilvolles
Handeln zugunsten der Menschen. „Simul iustus et peccator“ so bezeichnete
Luther den Zustand der Christen: Sowohl gerecht als auch sündig.
Gerecht sind wir, weil Gott uns allein aus Gnade ohne jede moralische
Anstrengung gerecht spricht. Sündig sind wir, weil wir seit dem Sündenfall
daran scheitern, aus diesem Geschenk der Gnade zu leben, manchmal aus
Versehen, manchmal, weil wir dem anderen nicht geben können, was er
gerade von uns braucht und manchmal, weil es uns geht wie Paulus: Das
Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will,
das tue ich. (Rö 7,19)

Liebe Brüder und Schwestern,
ich möchte Sie gerne ermutigen. Das Beharren auf der eigenen
Gerechtigkeit gegen alle Widerstände wie Christian Wulff es uns vorgelebt
hat, kostet Kraft und macht einsam.

Es braucht Mut, Schuld einzugestehen und es gelingt nur in der Gewissheit
der Ent-Schuldung. Das ist deutlich geworden am Rücktritt von Margot
Käßmann, die damals sagte, dass sie nicht tiefer fallen könne als in Gottes
Hand. Es entlastet, Schuld zuzugeben. Denn so gewinne ich ein reines
Gewissen. Und beides zu leben, das Gute zu tun, das mir gelingt und auch
zu meinem Versagen zu stehen, macht mich als Mensch wahrhaftig und
glaubhaft. Schuld zugeben zu können ermöglicht Versöhnung
und so auch die Wiederherstellung heiler Beziehungen. Und wenn der, an
dem ich schuldig geworden bin, sich unversöhnlich zeigt, komme ich
wenigstens ins Reine mit mir selbst. Denn gerecht bin ich, weil Gott mich
allein aus Gnade anerkennt, unabhängig von meinem Handeln. Dieses
Geschenk der Gnade Gottes macht mich frei, Gutes zu tun und zu meinem
Versagen zu stehen und ermöglicht mir auch, mit anderen barmherzig zu
sein. Dazu helfe uns allen der barmherzige Gott. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.