Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 9,9-13

Pfarrer Dr. Martin Jochheim

in Kressbronn

Wer bin ich? So könnte man fragen, wenn man diese Geschichte gehört hat. Wer bin ich? Der Zolleinnehmer Matthäus, einer der Pharisäer, die bei Jesus nachfragen, oder einer von Jesu Jüngern, die mit bei Tische sitzen? Wo ist mein Ort in dieser Geschichte - oder stehe ich außerhalb? Bin ich Betrachterin, zufälliger Zeuge, unbeteiligte Nachbarin?

An unserer Stellung, die wir uns in dieser Geschichte selbst zuschreiben, wird sich entscheiden, was uns Gott heute morgen sagen will. Sicherlich wird es für jede und jeden von uns etwas ganz Eigenes sein, etwas, das so nur mir gilt, nur mein Leben meint. Denn das ist das Faszinierende: mit jedem und jeder von uns geht Gott seinen und ihren unverwechselbar eigenen Weg.

Das war mit Matthäus nicht anders. Matthäus war 41 Jahre alt, unverheiratet, untersetzt mit etwas Speck um die Hüften, einer Stirnglatze und eine großen Warze links der Nase. Seit 25 Jahren schon war er bei der "Galiläa Pfand- und Zoll GmbH" angestellt. Es war keine schlechte Arbeit, körperlich nicht anstrengend. Ätzend waren alleine die immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen, wenn es galt, die Zollsteuer festzulegen. Aber immerhin: Er hatte sein Auskommen als Junggeselle, konnte sich gelegentlich auch ein Extra leisten und ging jeden Abend zum Stammtisch in den Goldenen Anker am Marktplatz von Kapernaum. Da gab es immer was zum Reden, und er musste den Abend nicht alleine verbringen. Seit einigen Monaten merkte er allerdings, dass dieser Lebensstil ihn nicht mehr richtig befriedigte. Simon, sein Bruder, hatte schon von einer midlife-crisis gesprochen. Aber das stimmte nur zum Teil. Okay, den Wunsch nach einer Frau hatte er sich abgeschminkt, mehr als die gelegentlichen Besuche bei Sarah, die im Bordell an der Stadtmauer arbeitete, waren für einen wie ihn wohl nicht drin. Aber es war noch etwas Anderes, Grundsätzlicheres, das ihn beschäftigte. Er spürte, dass sein Abschottmechanismus nicht mehr richtig funktionierte. Über lange Jahre hatte er darüber hinwegsehen können, dass dieses ganze Zollsystem in einen gigantischen Ausbeutungsmechanismus eingebettet war. Die Römer profitierten am meisten davon, aber auch sein eigener Arbeitgeber kassierte ganz schön ab. Gemessen an dem, was er monatlich an Zolleinnahmen ablieferte, war sein eigenes Gehalt ziemlich kümmerlich. Und dann die seit etlichen Monaten andauernde Wirtschaftskrise, die die Menschen noch ärmer machte. Die Arbeitslosigkeit war nach oben geschnellt. Den ganzen Tag sah man Tagelöhner am Marktplatz sitzen und warten, dass sie bei einem Weinbergbesitzer oder einem Landwirt zumindest für diesen einen Tag Arbeit bekämen. Meist vergeblich. Diese Leute gaben den idealen Nährboden für soziale Unruhen ab, das musste jedem klar sein. Abends im Goldenen Anker wurde denn auch heftig diskutiert. Über politischen Umsturz traute man sich nicht laut zu reden, auch wenn man selbst zum Aufstand bereit gewesen wäre - das war in der Öffentlichkeit zu gefährlich - , aber neue religiöse Führer wurden gehandelt, von Wanderpredigern war die Rede, die den Anbruch der Gottesherrschaft und einer neuen Gerechtigkeit verkündigten. Es war nicht genau klar, was sich damit verband, aber allein von den Worten ging für ihn eine große Faszination aus, merkte Matthäus. Irgendwie schien ihm, als ob hier eine Lösung für die in ihm aufgebrochenen Fragen verborgen sein könnte.

Heute Nachmittag war es dann passiert. Dieser neue Wanderprediger namens Jesus kam vorbei und sprach ihn an, und er wusste nicht, wie ihm geschah. Er hatte gar nicht richtig verstanden, was dieser Jesus zu ihm sagte, aber dieser hatte eine so faszinierende Ausstrahlung, dass er aufgestanden war und ihn nach Hause geführt hatte. Das hatte sich natürlich in Windeseile rumgesprochen und wenig später war die ganze Blase aus dem Goldenen Anker da. Neugierig, klar, wäre er selber auch gewesen, wann bekam man schließlich schon die Chance einen solchen Exoten aus der Nähe kennen zu lernen. Es war ein spannender Abend, an dem sie heftig miteinander diskutierten, und als er sich ins Bett legte, konnte er nicht einschlafen. Was dieser Jesus über Gott gesagt hatte, lies ihn nicht zur Ruhe kommen. Bisher hatte er mit Religion nichts am Hut, die Priester wollten einem doch nur den letzten Silbergroschen aus der Tasche ziehen, und diese abgefahrenen Pharisäer mit ihrer peniblen Gesetzestreue waren keinen Deut besser. Aber es waren vielleicht auch gar nicht so sehr die Worte dieses Jesus, es war wohl mehr diese Erfahrung, mit ihm und all den anderen zusammen zu Hause gegessen zu haben. Es musste Jahre her sein, dass er das letzte Mal getan hatte.

Sie waren zu dritt. Er, Natan, und die beiden Mitgenossen Zedekija und Malachia. Sie hatten sich alle drei schon vor Jahren für einen bewußten Glauben entschieden und waren überzeugte Pharisäer geworden. Dem laschen Volksjudentum, das die meisten praktizierten, konnten sie nichts abgewinnen: hier mal ein Täubchen als Opfer für die Sünden, dort mal ein kleines Almosen um das Gewissen zu beruhigen. Nein, das war nicht ihr Ding. Stattdessen: die tiefe Faszination, eine bewusste Beziehung mit Gott zu leben, seinen Anspruch, seine Gebote wirklich ernst zu nehmen, das erfüllte das Leben wirklich mit Sinn. Sie hatten von dem neuen Wanderprediger gehört, der jetzt durch Galiläa zog. Hörte sich gar nicht so schlecht an, fand Natan. Kein Eiferer, aber doch einer, der den Glauben wieder wirklich ernst nahm. Er sollte auch ein vorzüglicher Geschichtenerzähler sein, und unlängst war von irgendwelchen Heilungen die Rede gewesen. Heute Nachmittag hatten sie ihn kennengelernt. Er war hier in Kapernaum aufgetaucht und hatte am Ortsrand zu predigen begonnen. Natan war mit Zedekia und Malachia hinausgegangen und hatte zugehört. Und er musste neidlos zugestehen, dass dieser Jesus aus Nazareth rhetorisch wirklich was drauf hatte. Diese kurzen Geschichten und Bildworte, mit denen er die Zuhörer frappierte, blieben einem gut im Gedächtnis haften. Auf dem Rückweg in die Stadt hatte er am Tor doch tatsächlich den Zöllner, der da Dienst tat, angesprochen und zu ihm gesagt, er solle mit ihm mitgehen. Und der stand tatsächlich auf und ging mit ihm mit, und die ganze Bagage zog in das Haus des Matthäus, wie dieser Zöllner heißt, um dort zusammen zu essen. Es kamen auch noch mehr von seinen Arbeitskollegen und etliche von den Leuten, die abends immer im Goldenen Anker rumhängen. Zedekija hatte sich furchtbar aufgeregt, dass dieser Jesus mit einem solchen Verhalten seine ganze Predigt vom Nachmittag korrumpieren würde. Der Mensch wäre doch völlig unglaubwürdig, wenn er am Nachmittag religiöse Reden halten würde und am Abend dann mit solchen Randexistenzen wie Zöllnern und Frauen aus dem Rotlichtmilieu feierte. Ich selber habe das nicht so eng gesehen. Irgendwie hatte ich nicht den Eindruck, dass dieser Jesus sich mit diesen Leuten gemein macht. Für mich strahlte er eher etwas davon aus, dass er auch die für seine Sache gewinnen wollte, die man sonst nicht im Tempel und in den Synagogengottesdiensten zu sehen bekommt. Wir sind jedenfalls übereingekommen, dass wir morgen früh die Jünger dieses Rabbi befragen wollen, wie ihr Meister denn dieses Verhalten rechtfertigt. Übrigens: dass er auch Frauen als Schülerinnen zulässt, das finde ich dann doch übertrieben. Wenn man die jetzt auch noch bei den religiösen Themen mitdiskutieren lässt, dann gibt es ja gar nichts mehr, was wir Männer für uns alleine haben.

Ich muss zugeben der Meister frappiert mich immer wieder. Er hat ein feeling dafür, Leute da abzuholen, wo sie gerade stehen, das geradezu unglaublich ist. Heute nachmittag zum Beispiel, als er diesen Zöllner am Stadttor von Kapernaum angesprochen hat: ich hätte keinen Silbergroschen darauf verwettet, dass der auch nur den Kopf dreht, wenn ihn der Meister anspricht, und dann steht der doch tatsächlich auf und geht mit uns und bewirtet uns bei sich zuhause. Mir war bei der ganzen Aktion nicht wohl, muss ich zugeben. Es ist schon ziemlich provokant, sich mit Leuten wie diesem Matthäus einzulassen, und als dann auch noch seine Kumpane und die leichten Mädchen kamen und sich mit an den Tisch zum Essen setzten, hatte ich ein ernsthaftes Problem. Wenn Rebekka das mitbekommt, macht sie mir die Hölle heiß. Ich muss zugeben, ich konnte die Aktion auch nicht so richtig einordnen. Es hatte etwas von einem sit-in an sich, so eine halb politische Aktion, um etwas Staub aufzuwirbeln und das Establishment zu provozieren, schließlich handelte es sich ja durch die Bank um Leute, mit denen jeder ordentliche Jude nichts zu tun haben will. Ich war auch irritiert und in Sorge, dass durch eine solche Aktion das eigentliche Anliegen des Meisters verdeckt, ja sogar verfälscht würde. Schließlich geht es ihm ja nicht um gesellschaftliche Reformen, sondern um die Botschaft des nahen Gottes für alle Menschen. Jedenfalls habe ich ihn bisher so verstanden. Ich war deshalb auch nicht erstaunt, als am nächsten Morgen drei Pharisäer mich ansprachen, wie das denn zu begründen sei, dass der Meister mit den Zöllnern und Sündern äße. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass der Meister hinter mir stand. Und ehe ich etwas sagen konnte, hat er sich selbst in das Gespräch eingemischt. Und da ist mit klar geworden. Das war kein politisches happening für ihn. Es ging ihm auch nicht darum, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen oder zu provozieren. Er geht nur ganz konsequent seinen Weg, um seinem Auftrag gerecht zu werden: Nämlich überall, wo er jemanden erkennt, der auch nur einen winzigen Spalt Offenheit für die Botschaft von der Nähe Gottes hat, diesen Menschen anzurühren und innerlich zu treffen: sei dadurch, dass er ihn körperlich heilt, sei es dass er ihn dazu beruft, am Wachsen des Gottes Reiches mitzuarbeiten. Er sieht sich in der Rolle des Arztes, der bis ins Herz sehen kann und eine Diagnose der inneren Krankheit, des inneren Leidens und des inneren Schmerzes stellen kann und den Weg der Heilung weiß. Es ist der Weg, auf den er ruft. Da habe ich auch das Wort des Propheten Hoseas noch einmal neu verstanden. Der sagt ja im Namen Gottes: "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer."

Der Meister weist uns den Weg des erbarmenden Herzens. Es geht darum, dass wir uns von anderen Menschen wirklich berühren und treffen lassen in ihrer inneren und äußeren Not. Und Gott, gepriesen sei der Allmächtige, lässt sich von unserer Not genauso rühren und bewegen.

Das ist der Weg, den uns der Meister lehrt, eigentlich ein uralter Weg, den schon die Propheten in unserem Volk immer wieder gelehrt haben. Und doch ist etwas Neues dabei. Noch nie - denke ich - gab es einen, der mit solcher Vollmacht die Menschen in seinen Bann, oder muss man sagen in Gottes Bann - gezogen hat wie mein Meister. Dass selbst einer wie dieser Zöllner Matthäus sich ihm nicht entziehen kann. Manchmal denke, dass ich gerade miterlebe, wie sich etwas wirklich Großes ereignet, was diese Welt in ihrem Innersten verändern kann.