Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Meckern und Bellen – nie beißen!"

Friedhelm Froemer, Botschaftsrat a.D.


Tobias

Die Hippe-Predigt

Wir wohnen hier im Bergischen Land am Rande der Sektenschlucht Wuppertal und müssen da, wenn wir denn mal unsere geliebten Berge und Täler überhaupt verlassen ... dann werden wir verspottet.

Aber da wollen wir uns nicht in Selbstmitleid suhlen ...

Da sehe ich es schon an Euren Gesichtern. Einige verdrehen die Augen ... Jetzt kommt wieder die Predigt vom verlorenen Sohn, der suhlte sich mit den Schweinen im Trog ... bis der Hausherr und barmherzige Vater ihn wieder aufnahm. Oder Matthäus 7, Vers. 10.

Kommt aber nicht! Heute gibt es keine Schweinepredigt – schon gar nicht gegen die Unmoral, weil wir bei den Schweinen waren.

Wir bleiben aber in der Bibel, was ja auch nicht anders zu erwarten war. Aber es geht um Mann und Frau, Beziehungskiste!

Auch nicht Eva, der Apfel, die Schlange und Adam, der sich überreden ließ. Mitten aus dem Gemeindeleben, was?

„Es wird Euch wie Schuppen von den Augen fallen!“ Wer weiß, woher dieses Zitat kommt?

Und es geht um eine spektakuläre Krankenheilung! Da werden jetzt da hinten einige wach. Aber es gibt keine langatmige Krankengeschichte und dann kommt unser aller Herr Jesus und macht gesund.

Worum geht es dann? Prediger, mach’ es nicht so spannend!

Wie Schuppen fällt es Euch von den Augen!

Da ist einer der wenigen Konfirmanden! Aber den wollen wir nicht direkt ansprechen, sonst kommt der nächsten Sonntag auch nicht mehr. Der weiß es bestimmt!

Es geht um Tobit, Bruder Martin Luther nannte ihn Tobias. Heute wieder ein beliebter Taufname. Ich freue mich immer besonders, wenn ich einen kleinen Tobias taufen kann.

Klar, im Ersten Testament, wie wir Reformierten das sonst „Alte Testament“ nennen. Nichts ist „alt“ – manche von uns sehen nur alt aus. Die uralten Geschichten vom auserwählten Volk in der Wüste sind immer jung. Auch wenn es bei uns im Bergischen ja heißt: „Regnet es nicht, so tropft es wenigstens“ – und da sind so Predigten aus der Wüste ja beliebt, wenn es draußen vor der Kirche wieder seit Tagen regnet.

Bruder Martin Luther mochte das Buch Tobias ebenso wenig wie das Buch Ruth, aus dem wir ja bei Hochzeiten so gerne zitieren. Sage nur: „Wo Du bist, da will auch ich sein“ ...

Nun wollen wir nicht gleich wieder nach bergischer Art uns erheben und die Lutheraner kritisieren. Dass die sich konzentrieren und die langen Sagen und Geschichten aus dem Ersten Testament etwas aussortieren, ist ja durchaus richtig.

Die kleinen Tobiase, die wir neuerdings taufen, sollen besonders fest im wahren Glauben aufwachsen. Richtig so, Eltern und Paten. Und sie sollen nicht so leidgeprüft werden wie jener arme Djiob, Luther nannte ihn Hiob, auf den alle Leiden der Welt losgelassen wurden mit dann Happy End. Keiner nennt sein Kind Hiob, aber viele Tobias. Auch richtig!

Und der Tobias war viel auf Reisen. Das ist ja sehr modern. Deshalb haben unsere christlichen Mitbrüder und Schwestern von der katholischen Fraktion auch einen besonderen Schutzpatron der Reisenden, nämlich den Erzengel Rafael. Der führte Tobias an der Hand zu seinem künftigen Schwiegervater.

Anmerkung für die Touristen unter Euch: Erleidet ihr Schiffbruch oder sonst wie Unbill auf Euren Reisen, so hilft der Erzengel Rafael oder wenigstens das St. Raphael-Werk der Katholischen, sogar weltweit. Keine Hemmungen, dort zu fragen. Die fragen, wie heute bei der Bahnhofsmission, nicht als erstes nach der Konfession. Die Zeiten sind ja ökumenisch vorbei, Dank dem Herrn!

Tobias wurde blind, weil Spatzen ihm auf die Augen ... äh ... gemacht hatten. Bei Tobias heißt das vornehm: Tob. 2, Vers 10 so: „ließen die Sperlinge ihren warmen Kot in meine offenen Augen fallen.“ So sagt man das und nicht, wie ich eben beinahe ...

Dann kommt ein Spruch, den höre ich von Euch wortwörtlich oft: „Ich ging zu den Ärzten, doch sie konnten mir nicht helfen!“ Tobias 2, auch Vers 10.

Da ging unser Tobias heim zur Frau, die sollte ihn pflegen. Typisch Mann: Streift herum unter irgend einem Vorwand. Geht es ihm mal schlecht oder hat er Wehwehchen, schon ist der zu Hause. War immer schon so.

Ich lese jetzt mal aus der Schrift, weil so schön kann ich gar nicht erzählen – seht ihr und das war es, warum Bruder Martin Luther diese Erzählerei wenig mochte und das Buch Tobit deshalb an das Ende des Alten Testamentes sortierte. Wer also zu Hause eine alte Lutherbibel hat, sucht weiter hinten. Wer aber eine katholische Bibel erbte und verstaubt im Schrank stehen hat, dem sei Martin Luthers Spruch zugerufen – und da lobe ich den Bruder Martin, wie so oft: „Verstaubt die Bibel, so verstaubt auch Euer Gehirn!“

Also blättern in der Bibel und suchen. Wer suchet, der wird finden. Buch Tobias kommt vor Buch Judith. Das war eine Frau, glaubensstark und noch stärker im Handeln. Selber lesen! Heute ist Tobias dran und seine Ziege. So nannte er nicht seine Frau, das hätte Tobias sich nie getraut, die hätte ihm was erzählt, blind wie er gerade war.
Hanna hieß Tobias Frau, wie einige andere große Frauen in der Bibel. Könnten wir jetzt mal abfragen. Ausdrücklich heißt eine im Tempel „Prophetin“.

Zur Schrift zurück und wörtlich: Tobias holt weit aus, wie ich das in Predigten zum Leidwesen von manchen ja auch gerne tue: Wörtlich: „Meine Frau Hanna fertigte zu Hause Webarbeiten an, wie sie Frauen zu machen pflegen ...“ Stricken, Häkeln und Weben soll Gott wohlgefällig sein“ ... und lieferte sie dann, die Webarbeiten, bei den Bestellern ab. Einmal geschah es, dass sie ihr nicht nur den Lohn zahlten, sondern auch noch ein Ziegenböckchen dazu schenkten. Als sie heimkam, fing das Tier an zu meckern.“

Der Spruch ist ja unter Predigern intern sehr beliebt: „Als ich heimkam, fing sie an zu meckern!“ Aber nicht die Frau Hanna meckerte, es war das Ziegenböckchen.
Also Männer, kommt ihr spät heim und es wird gemeckert, nicht zurückmeckern, sondern erst einmal gucken, wer da meckert. Es könnte ja ein Ziegenböckchen sein und nicht die Frau.
Mit einem solchen bibelfesten Spruch wird die Stimmung in einem Ehestand gleich wieder besser. Ihr seht, wer bibelfest ist, der spart sich manchen verbissenen Ärger, vor allem mit seiner Frau!

Dann – ich verkürze einmal die ziemlich lange Geschichte – glaubte Tobias seiner Hanna nicht und unterstellte ihr, sie habe das Ziegenböckchen gestohlen und solle es zurückgeben.
Schlimm, wenn ein Mann seiner Frau nicht glaubt. Und da kriegt der Tobias richtig „eine verpasst“ und das zu Recht.
Sehen wir in die Schrift, weil mir das sonst keiner glauben würde: „Doch sie antwortete: Wo ist denn der Lohn für deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Jeder weiß, was sie dir eingebracht haben.“

Stark was? Jetzt hängt der Haussegen aber schief. War aber nicht. Unser Tobias, ohnehin leidgeprüft, legt sozusagen den Rückwärtsgang ein. Und das macht er richtig, statt mit seiner Hanna zu streiten?

Lesen wir in der Schrift, jetzt Kapitel 3, Vers 1: „Da wurde ich traurig und begann zu weinen.“

Jammerlappen? Find ich nicht! Besser als Streiten! Ein Wort gibt das andere und Hanna ist ja auch nicht auf den Mund gefallen.

Jetzt beten? Beten ist immer gut, aber in einer solchen Situation im Beisein von Hanna?

Sage jetzt nur keiner von Euch draußen: „Der Prediger hat gesagt, ihr sollt nicht ständig beten.“

Was der Tobias betete, ist richtig gut, auch wenn die spezielle Situation vielleicht nicht gerade danach.

Merkt Euch die Stelle Tobias 3, Vers 1 bis 3 und nachbeten. Machen wir gleich mal zusammen, damit nicht wieder einige meckern wie die Ziege: Immer die Psalmen von dem reformierten Prediger und dann noch singen mit den Noten von Ambrosius Lobwasser ...

Spaß unter Theologen: „Lob ich den Wein und nicht das Wasser und den Lobwasser.“ Freuet Euch: Heute singen wir keinen Psalm nach Lobwasser! Aber demnächst mal wieder!

Dafür beten wir nach dieser Predigt, die nicht mehr lange dauern wird. Erst muss ich noch auf die Hippezucht bei uns im Bergischen zurückkommen:

„Wahre Christen sind wir all’ – jeder hat ’ne Hipp im Stall!“ Sagten unsere Vorfahren und „Uns jagt keiner ins Bockshorn“ noch ein Spruch unserer Mütter und Väter – garantiert nicht aus der Bibel: „Ein Häuschen, eine Hippe und ’ne liebe Frau – in der Reihenfolge! Wer dat nit hätt, der geht unglücklich ins Bett!“ oder „Erkältet sich die Hipp, dann gibt es Regen!“
Komm ich in ein christliches Haus und mir ist feierlich zumute, weshalb ich altbiblisch grüße: „Friede sei in Deinem Haus!“ antwortet die schnippische Hausfrau: „Und Ruhe in deinem Hippestall.“

Früher hatten die armen Pfarrer Hippen und die reichen Kühe. Und im Ziegenstall war natürlich, weil da viele waren, mehr los als bei den paar Kühen!
Gut, dass die Prediger heute nicht mehr so arm sind wie früher, als die Pfarrersfrauen noch Weben und Handarbeiten mussten, um die Pfarrerfamilie mitzuernähren.
Aber nützlich, an die Armut unserer Großeltern und Vorfahren zu erinnern, die immerhin von ihrer kargen Scholle diese Kirche finanzierten, den Kindergarten und den Friedhof ...

Da habt ihr mich durchschaut, liebe Gemeinde: ich sehe es an vielen Gesichtern und tatsächlich: Jetzt kommt die Klingelbeutelpassage ... Nur da hinten, unser Kirchenmeister für Finanzen, lächelt ...

Wir haben bei uns keine bunten Bilder in den Kirchen wie die Lutheraner, Orthodoxen Brüder und Katholischen. Mir gefallen solche meist recht naiven Bilder – „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder!“ – Aber wir haben fast alle eine so reiche Fantasie, dass wir das nicht brauchen. Woran erkennen wir den Tobias? Neben ihm der Erzengel Raphael mit Wanderstab, da er für das Krankenheilen auch zuständig ist, durch Heilpflanzen in der anderen Hand. Daneben der Tobias, der hat in der Hand einen Fisch, weil er damit von Blindheit geheilt wurde ... Das mit der Heilung ist eine spannende Geschichte – demnächst von dieser Kanzel! Heute sind wir bei der Hippe, Hanna ...

Und sagt einer, nach der Predigt müsse man die Ziegen füttern. Find’ ich auch: Erst das Wort des Herrn und dann die guten Werke ...

Geht aber nicht! 5 Mal am Tag wollen die Hippen gefüttert werden oder auf die Weide. Das war bisher die beste Ausrede für eine, die zu spät in unsere Großstadtkirche kam und sich entschuldigte: „Musste erst noch die Hippen füttern!“

Kommen wir zum Schluss. Nach unserer Reformiertenart haben wir wieder richtig im Ersten Testament geschwelgt und sogar eine Passage aus der Kleintierzucht gefunden, die zu Unrecht kaum zitiert wird. Volkstümlich statt „Amen“: „Hopp, hopp, hopp. Keine Hippe läuft gerne den Berg ’eropp! Tatsächlich: Mühsam ist der Aufstieg, auch zum Glauben und für eine friedliche Ehe.
Über den herumstreunenden Tobit, seine Wehleidigkeit wollen wir kein weiteres Wort verlieren, während seine Frau Hanna fleißig arbeiten geht. Zum Dank als Geschenk das Ziegenböckchen bekommt. Da meckern Böckchen und Tobias gleichermaßen. Soll er doch. Aber tut er wirklich die Werke der Barmherzigkeit? Das zweifelt Hanna nicht an. Die Frau ist ehrlich. Aber alles hat seine Grenzen, denkt sie, wahrscheinlich wie manche Frau unserer Presbyter, die auch häufig unterwegs sind und die Pfarrersfrauen, denen niemand heutzutage noch ein Ziegenböckchen schenkt.

Ich hoffe nur, liebe Gemeinde, dass nicht nächste Woche im Pfarrhaus einer ein Ziegenböckchen abgibt zum Dank für diese Predigt! Damit kann ich wenig anfangen, außer vielleicht dem Kindergarten stiften. Aber die werden sich nach wenigen Tagen auch bedanken.

Machen wir den Abschluss dieser eher heiteren Predigt mal etwas feierlicher als sonst. Ich rufe nicht „Amen“ und ihr antwortet ebenso. Wir haben bei Tobias das Gebet zurückgestellt und das ist heute noch ebenso aktuell, wenn wir auch nicht mehr wie unsere Großeltern nach der Kirche erst mal die Ziegen füttern.

Und die Ausrede: „Musste erst die Hippen füttern!“ für die, die zu spät kommen, gilt auch nicht, jedenfalls besser als die Ausrede vom Konfirmand, der erzählte, er hätte noch vorher das Gebiss von Oma gesucht und gefunden. Bibelfest dem Prediger frech ins Angesicht: „Wer ein Gebiss sucht, der wird es finden!“

„2. Preis!“ sag ich nur. Hippe füttern ist besser in einer Großstadt.

Die Ausrede von Tobias mit den Werken der Barmherzigkeit – da gibt es deren sieben an der Zahl, die wollen wir uns mal vorknöpfen demnächst ...

Hanna zweifelt das nicht an, wahrscheinlich, weil das nur Streit gäbe. Alles hat seine Grenzen, auch Ehrenämter und Diakonie?

Aber alles hat seine Grenzen, denkt sie, wahrscheinlich wie manche Frau unserer Presbyter, die auch häufig unterwegs sind und die Pfarrersfrauen, denen niemand heutzutage noch ein Ziegenböckchen schenkt.

„Niemand übertrifft uns an Demut und Bescheidenheit!“ den Spruch sollen sich arrogante Jesuiten untereinander zuflüstern.

Also: Sich mal mit der Kleintierzucht und der Armut früher in unseren Gemeinden befasst zu haben, ist bitter nötig. Viele von uns verschließen die Augen. Hanna hat sicher nicht ohne Not Nebenarbeiten geleistet.

Da sind wir heute mal wieder richtig zufrieden mit uns! Haben einiges darüber gehört, wie schwierig es zwischen Mann und Frau, Tobias und Hanna, ist und was die besten Ausreden für Konfirmanden.

Und dann haben wir, was wir Reformierten doch so gerne tun: Wieder im Alten Testament gelesen und gefunden. Das macht uns kein Lutheraner nach! Der Rabbi hätte seine helle Freude, der würde sogar zum Widderhorn – Schofar – greifen und seltsame Töne pusten, wie einst Moses und Aaron in der Wüste Sinai.

Auch mal wert, beim Rabbi auszuleihen und hier zum Versöhnungsfest und Rosh ha-Schanna einzusetzen? Kann ich nicht – jeder hat seine Grenzen. Der Rabbi schickt bestimmt seinen Kantor ...

Fragen wir mal unseren Kantor, Herr über die Orgelpfeifen, ob er auf einer einzigen Pfeife mehrere Töne hervorzaubern kann? (Der winkt oben von der Orgeltribüne ab!)

Kann der auch nicht. Wir Christen können von unseren älteren Glaubensbrüdern, den Juden, noch einiges lernen, nicht nur Schofar blasen – auf einem Ziegenhorn. Den Schwestern und Brüdern des Ersten Bundes mit Gott: rufen mit denen gemeinsam: „Amen“ – so soll es sein!

Das tun wir auch, aber vorher machen wir den Abschluss dieser eher heiteren Predigt etwas feierlicher als sonst. Bevor ich „Amen“ rufe und ihr genauso antwortet, zurück zum Buch Tobias. Was betet der? Heute noch genauso aktuell, wie damals. Teile des Buches Tobit wurden in den Tonkrügen in Qumran in der Wüste ausgegraben ... So ehrwürdig ist dieses Gebet.

Weil Hanna die wahre Heldin unserer Geschichte ist und der Tobias ja sein Ziegenfett weg hat und zu traurig ist, hole ich jetzt für unsere Presbyterin vom Altar die große Gemeindebibel. Hoffen wir, oder wissen es sogar, dass unsere Presbyterin ebenso lebensklug und fleißig wie Hanna ist.

(Prediger holt feierlich die Gemeindebibel, hält diese der Presbyterin entgegen und diese liest jetzt: Tobias 3, Vers 2, Satz für Satz vor und die Gemeinde spricht nach:

Herr, Du bist gerecht.
Alle Deine Wege und Taten zeugen von Deiner Barmherzigkeit und Wahrheit.
Wahr und gerecht ist Dein Gericht.
In Ewigkeit.
Denk an mich und blick auf mich herab!

Prediger nimmt die Gemeindebibel zurück, hebt sie (Art in Synagogen hoch) und ruft: So soll es geschehen! „Amen!“