Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Micha 5,1-4a

Pfarrer Michael Greßler (ev.-luth.)

25.12.2010 in allen sieben Gemeinden des Kirchspiels Camburg-Leislau

Weihnachten 2010

Von der Geburt des Herrn und den Weihnachtstigern

- Kanzelgruß -

 

Text:

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes läßt er sie plagen bis auf die Zeit, daß die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder am Weihnachtsfest!

Im Leipziger Zoo gibt es seit einigen Jahren ein wunderschönes neues Tigergehege. Mit Felsen, Bäumen, Teichen, Höhlen – die Tiger leben fast wie in freier Natur. Fast. Denn natürlich müssen sie hinter Glas bleiben, sonst sind sie zu gefährlich. Sie müssen im Zaum gehalten werden, damit sie die Menschen nicht packen.

Tiger und Mensch begegnen sich im Abstand von nur wenigen Zentimetern. Das ist sehr faszinierend, wenn man an der Panzerglasscheibe steht, und dahinter streicht die große Katze entlang. Fast wie in freier Natur eben. Aber eben nur fast. So gut es den Tieren dort geht – im Vergleich vor allem mit den grausamen Haltungsmethoden vergangener Zeiten – die Tiere sind doch nur noch Schatten ihrer selbst. So ein Tiger muß frei sein, wunderschön, stark, stolz. Dann ist er aber auch gefährlich.

Darum haben wir Menschen die Tiger auch fast ausgerottet. Jetzt müssen wir dafür sorgen, daß wenigstens ihre Art erhalten bleibt, hegen und pflegen sie in zoologischen Gärten. Und dort sind sie auch ungefährlich: Gefangen und bezähmt, sicher weggesperrt hinter Eisengittern und sehr dicken Panzerglasscheiben.

Liebe weihnachtliche Festgemeinde! Manchmal kommt mir unser Weihnachtsfest vor, wie ein Tiger im Zoo. Weggesperrt, wohlverwahrt und wohlbehütet hinter allerlei Brauchtum. Ein Wohlfühlfest, gemütlich und heimelig. Gezähmt. Weihnachten ist wunderschön, aber Weihnachten tut auch nichts. Ein gezähmtes, zahnloses, harmloses Fest.

Aus dem kleinen, frierenden, neugeborenen Kind in aller Armut haben wir das lächelnde Jesulein auf Hochglanzpostkarten gemacht. Selbst unser Weihnachtstransparent hier in der Kirche ist eigentlich viel zu schön. So war das nicht.

Die mächtigen Engel auf dem Feld von Bethlehem haben wir zu niedlichen Püppchen degradiert – dabei waren sie mächtige Lichtgestalten, die selbst die Hirten das Fürchten lehrten; und immerhin waren die Hirten gestandene, harte Kerle, die es schon einmal mit Wölfen aufnahmen.

Von der »großen Freude, die allem Volke widerfahren wird« ist in manchem Haushalt nur noch die Gemütlichkeit im Wohnzimmer geblieben und das wohlige Sättigungsgefühl nach dem Gänsebraten.

Nichts gegen all die schönen Weihnachtbräuche. Auch bei Familie Greßler gibt es zu Weihnachten Gänsebraten. Aber wir dürfen Weihnachten nicht zähmen! Und ich möchte, daß die Weihnachtsbotschaft wieder frei, stark und groß wird. Weihnachten soll uns wieder packen können. Es soll uns ergreifen – nicht bloß mit romantischer Stimmung, sondern so tief, daß es unser Leben verändert. Denn dazu ist Christus geboren: Nicht, damit wir es gemütlich haben, sondern damit wir uns ändern. Nicht, damit es romantisch ist, sondern damit die Welt besser wird!

Darum ist Gott ein Kind geworden. Und noch dazu ein armes. Darum ward seine Geburt in Bethlehem verheißen – und Bethlehem war, als Jesus geboren wurde, ein elendes Nest von vielleicht zwei-, dreihundert Einwohnern; und als der Prophet Micha diese Worte siebenhundert Jahre zuvor niederschrieb war Bethlehem-Ephrata ein noch viel elenderes Nest, über das jeder Israelit die Nase rümpfte: Von dort sollte etwas großes kommen?

Als Jesus dann geboren ist und die Weisen vom Morgenland kommen, da suchen sie natürlich erst einmal am falschen Ort: Im Palast des Herodes in Jerusalem. Aber da gab es keinen neuen König. Da gab es nur einen alten, der an seiner Macht klebte, wie heute auch noch mancher Diktator, Kirchenfürst oder Parteivorsitzende.

Herodes ist entsetzt. Und hier merken wir, wie die Weihnachtsbotschaft zu ersten Mal zupackt. Hier bewegt sie etwas. Hier verändert sie die Welt. Denn mit dem Kind im Stall von Bethlehem hat Gott einen großen Angriff gestartet. Einen Angriff auf die Maßstäbe, die in unserer Welt gelten.

Ein kleines Kind im armen Stall, geboren in dem armen Städtchen Bethlehem von einer einfachen, kleinen, jungen Frau: Das sind die Maßstäbe, die vor Gott gelten.

Was sich aber aufbläst und wichtig macht, was prahlt und prunkt, das ist vor Gott gar nichts wert. Gott liebt das Kleine, und er macht Geschichte mit kleinen Leuten und an kleinen Orten. Natürlich auch mit den Großen. Aber wir sollen uns niemals einreden lassen, das kleine sei nichts wert.

Die Weihnachtsbotschaft zeigt uns, wie groß das Kleine ist. Und sie packt uns genau da, wo wir wie gebannt auf die Großen starren: Auf Stars und Sternchen, auf Banker und Politiker. Weihnachten packt uns da, wo wir von »denen da oben« reden, und von ihnen entweder alles Heil erwarten oder ihnen alles Mißlingen in die Schuhe schieben. Nein, es geht nicht um »die da oben«, sondern es geht an Weihnachten um uns kleine Leute an kleinen Orten. Bethlehem – Camburg; Maria, Josef, die Hirten – und wir: Alles einerlei, alles dasselbe. Bei Gott ist keiner unwichtig. bei ihm ist auch das Kleine groß.

»Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes«. Doch es ist eine besondere Macht, die an Weihnachten in die Welt gekommen ist. »Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN …«. Weiden! Nicht herrschen! Gott ist unser Herr – natürlich, sonst säßen wir heute nicht hier –, aber er regiert uns nicht mit eiserner Faust wie die Mächtigen auf Erden. Sondern er weidet uns als seine Herde: Fürsorglich, sanft, ja zärtlich – »Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …«. Die Herrschaft Jesu ist keine Gewaltherrschaft, sondern eine sanfte Macht. Denn seine Kraft ist die Liebe.

Darum stellt die Weihnachtsbotschaft jede menschliche Macht in Frage. »Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN …«. Eben nicht aus eigener Kraft, sondern in der Kraft der HERRN; in der Kraft Gottes, und diese Kraft heißt Liebe. Die Weihnachtsbotschaft packt da zu, wo Menschen sich allein auf ihre Kräfte verlassen: Auf ihren Einfluß auf ihre Beziehungen, auf ihr Geld, auf ihre Cleverness. Das sind nicht die größten Mächte, auch, wenn sie so tun, und auch, wenn wir das manchmal selbst glauben. Weihnachten zeigt uns wieder neu, daß die Liebe größer ist als jede andere Macht der Welt.

»Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.« Die dritte Botschaft des Weihnachtsfestes ist auf den ersten Blick selbstverständlich. »Und er wird der Friede sein.« Das hört man mit halbem Ohr und vergißt es ganz schnell wieder. Doch das ist nur auf den ersten Blick selbstverständlich. »Er wird der Friede sein« – auf den zweiten Blick liegt hier die größte Provokation, gerade für unsere heutige Zeit. »Und er wird der Friede sein.« Das heißt doch: Ohne Gott geht es nicht. Und da packt die Weihnachtsbotschaft wirklich zu. Mit aller Kraft und Leidenschaft. Gerade in unserer modernen Zeit, wo man uns immer wieder weis machen will, daß es eben doch ohne Gott geht.

Nein! Es geht um ihn – und ohne ihn geht nichts! Es geht um Jesus Christus, den Sohn Gottes. Weihnachten lenkt unseren Blick, unser Herz, unseren Glauben auf den Einen. »Er wird der Friede sein«, und ohne ihn gibt es keinen Frieden. Manche übersetzen diese Bibelstelle gerne ein wenig anders. Sie sagen nicht: »Und er wird der Friede sein«, sondern »… und es wird Friede sein«. Das aber würde die Weihnachtsbotschaft ins Gegenteil verkehren. Das würde unser Weihnachtsfest zähmen wie den Tiger im Käfig. Dann bliebe vom Christentum nichts als Menschenfreundlichkeit und von Weihnachten nichts als gemütliche Stimmung: Es geht um die persönliche Beziehung. Es geht um den Glauben. Es geht um Ihn, um den Einen, der Herr ist und sein Volk weidet. Mit ihm wird Friede auf Erden – wie es die Engel auf dem Feld von Bethlehem auch sangen: Zuerst »Ehre sei Gott in der Höhe« und dann wird auch »Friede auf Erden«. »Er wird der Friede sein« – das ist eine Botschaft von ungeheurer Sprengkraft: Hier wird behauptet: Frieden gibt es nur mit Gott.

Holen wir Weihnachten heraus aus dem Käfig. Lassen wir die Botschaft nicht hinter Glas verstauben. Lassen wir uns packen von der leidenschaftlichen Liebe Gottes. Dann feiern wir Weihnachten recht – mit all seinem Brauchtum. Das darf von Herzen gerne sein. Aber wir sollen wissen, warum.

Ja, macht einander Weihnachtsgeschenke und freut euch daran – aber nur, weil wir wissen, wie reich Gott uns beschenkt hat.

Ja, macht es euch gemütlich und schön, feiert mit der Familie – aber nur, weil wir wissen, daß Gott zuerst den Mantel seiner Liebe um uns alle gelegt hat.

Ja, schaut auf das kleine Kind in der Krippe – aber schaut auch über die Krippe hinaus. Dieses Kind wird sein Leben für uns lassen!

Ja, sucht den Frieden. Aber sucht ihn nicht irgendwo. Frieden gibt es nur mit ihm. Es wird nicht Friede, weil wir ihn machen könnten, sondern Er wird der Friede sein, weil er ihn schenkt.

Und denkt nur nicht, wir sind viel zu kleine Leute. Vom kleinen Bethlehem aus, mit einem kleinen Kind, wurde die Welt verwandelt, weil Gott dort ankam. Er kommt auch zu uns. Seine Liebe ergreift uns. Bewegt von seiner Liebe können auch wir viel bewegen.                               Amen.

 

– Kanzelsegen –

 

Predigtlied:     41,1-4+7; // (Jauchzet, ihr) // 44,1-3;