Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Micha 6, 8

Pfarrerin Carolina Baltes (ev)

18.05.2014 in Essen

zur Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

wird Howard trotz seiner Heirat mit Bernadette nie aus der Wohnung seiner Mutter ausziehen? - Und Leonard und Penny, werden sie ewig in der Beta-Test-Phase ihrer Beziehung feststecken oder heiraten? Wann wird Sheldon Cooper endlich einmal, wenn er einen Fehler macht, das auch eingestehen und wirklich ehrlich um Entschuldigung bitten?

Die kleine Clique aus der Serie The Big Bang Theory mit Sheldon Cooper als der heimlichen Hauptfigur kreist immer wieder um dieselben Themen. Für diejenigen hier, die Sheldon Cooper nicht kennen, eine kurze Erläuterung. Sheldon lebt mit Leonard zusammen in einem Appartement in Pasadena. Er selbst ist theoretischer Physiker, sein Mitbewohner Experimentalphysiker. Zum allerengsten Freundeskreis gehören noch der Raumfahrtingenieur Howard, der Astrophysiker Raj, sowie die Kellnerin Penny, die gegenüber wohnt.

Alle bis auf die Kellnerin Penny sind sozusagen schwerstbegabt, aber Sheldon sticht selbst unter ihnen durch seine besondere Genialität hervor, - er hatte bereits mit 14 fertigstudiert und mit 24 seinen 2 Doktorhüte gesammelt. Was ihn allerdings noch mehr auszeichnet ist sein kompletter Mangel an sozialer Kompetenz:

Er ist eitel und leicht kränkbar; er verhält sich taktlos und empathiefrei; er ist nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht und meint, dass das auf die anderen auch zutrifft. Er steckt voller Ängste, die einige zwanghafte Verhaltensmuster hervorgebracht haben, immer wieder Quelle unfreiwilliger Komik. z.B. das Verfahren, wie er im Kino einen Sitzplatz für sich aussucht. Außerdem gibt es eine 70seitige Mitbewohnervereinbarung mit Leonard und eine Beziehungsrahmenvereinbarung mit seiner Freundin Amy, - nichts soll seine Routinen durcheinanderbringen. Denn jede Abweichung von der gewohnten Ordnung führt zu innerem Chaos, das sich schließlich im Außen niederschlägt. Entsprechend viel hat man als Zuschauer dieser Serie „The Big Bang Theory“ zu lachen.

Wie würde Sheldon Cooper es wohl ergehen, wenn er keine Freunde hätte? - Er würde vermutlich nie aus dem Haus gehen, und um nicht zu Verhungern, würde er den Kühlschrank so umbauen, dass dieser selbständig erkennt, welche Lebensmittel fehlen und sie aus dem Internet bestellen. – Allerdings würde dieser tolle Kühlschrank sicher nicht ohne die Hilfe von Howard, dem Ingenieur, richtig funktionieren. Sheldon würde also doch verhungern. - Oder er würde doch täglich weiter zu seiner Arbeit gehen ins CalTech (California Institute of Technology); dort könnte er in der Mensa essen. Aber es würde sich niemand an seinen Tisch setzen. Denn er textet ja sowieso alle nur mit seinen hochfliegenden Gedanken zu und zeigt an niemandem erkennbar echtes Interesse. - Und es gäbe auch ganz sicher keine Amy in seinem Leben, denn es waren seine Freunde, die beide über ein Internetdating-Portal miteinander bekannt gemacht haben.

Was Sheldon braucht, um zu funktionieren und sich einigermaßen wohl zu fühlen, sind Menschen, die ihn einfach mögen. Einfach so mögen. Die ihn kennen, die Geduld mit ihm haben, die ihm öfter mal den Spiegel vorhalten, die ihm sagen, was geht und was gar nicht geht, und die ihm Vorbild sind, - obwohl er all das auf keine Fall zugeben würde. – Mit einem Wort: Sheldon braucht seine Freunde, um nicht zu einem völlig asozialen und von inneren Zwängen kontrollierten einsamen Kauz zu werden.

Tja, ein ziemliche Nervensäge, dieser Sheldon, ist er nicht geradezu abstoßend? Nur komisch, dass wir so gerne dabei zugucken, wie seine Freunde das Zusammenleben mit ihm meistern, und wie er dabei immer mehr soziale Kompetenz entwickelt. Immerhin gelingt es ihm immer öfter, zum bemerken, wo eine Frage rein rhetorisch gestellt ist und gar keine Antwort erwünscht ist. Irgendwas mögen wir an diesem Sheldon anscheinend doch. Ich frage deshalb mal etwas zugespitzt in leichter Abwandlung von Otto Waalkes: Ist es nicht auch jener Sheldon in uns allen, der immer montagabends auf Pro 7 schaltet? - Jener Sheldon in uns allen? Nee, werden die meisten hier sagen. So wie der, sind wir nun wirklich nicht. Richtig, seid Ihr auch wirklich nicht. Aber ein Stückchen von Sheldon steckt in jedem von uns, finde ich: Die Angst zu versagen in der Schule, im Beruf. Der große Drang, nicht zu kurz zu kommen, der dazu führt, dass wir klagen: „Alle denken immer nur an sich, nur ich denke an mich.“ Irgendwelche Sturheiten und Schrulligkeiten, warum es genau diese Sneaker-Marke oder Auto-Marke sein muss. Ich denke schon, dass ein Stückchen von Sheldon in uns Menschen überhaupt steckt.

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst. Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan. Haben wir vorhin aus Psalm 8 gehört.

Wir Menschen sind tatsächlich brillant und besonders, auch wenn nicht jeder von uns einen IQ von 187 hat. Aber wie begegnen wir unseren Mitmenschen und den Tieren und anderen Geschöpfe Gottes auf dieser Erde? Taktlos und empathiefrei sind da sicher keine falschen Beschreibungen, wenn wir auf die Umweltzerstörung und die Ausbeutung und Ausrottung von Tieren schauen. Ja, Bedachtsein nur auf den eigenen Vorteil, im Hier und Jetzt ein gutes Leben zu haben, egal, wie es den anderen geht, ganz zu schweigen von denen, die nach uns leben werden, diese Haltung bestimmt zu weiten Teilen unsere Gesellschaft und Politik. Wir gehen nicht wirklich fair und verantwortungsvoll miteinander und der ganzen Welt um. Eigentlich sägen wir den Ast ab, auf dem wir alle sitzen. Und wenn die Menschheit einfach so weitermacht, dann wird so einiges zusammenbrechen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, Ihr seid auf dem Weg des Erwachsenwerdens; Eure Eltern, wir Älteren können Euch nicht mehr lange und nicht mehr viele Vorschriften machen. Wie Ihr Euer Leben gestaltet, woran Ihr Eure Entscheidungen ausrichtet, welche Ziele Ihr anstrebt, das liegt letztendlich bei nur bei Euch, auch wenn es noch ein bisschen dauert, bis Ihr die Schule hinter Euch habt, den Führerschein machen und wählen dürft. - Ihr müsst selber Gesichtspunkte entwickeln, nach denen Ihr Eure Entscheidungen fällt. Werdet Ihr einfach würfeln, um zu entscheiden, ob ihr Hochzeitsplaner oder Astrophysiker werden wollt, oder werdet Ihr Schere-Stein-Papier-Echse-Spock, spielen, wenn es drum geht, ob Ihr heiraten und eine Familie gründen wollt, oder welchen Lebensstil Ihr wählt? Und woher nehmt Ihr den Mut und die Kraft, Euer Leben so zu gestalten, dass es gut und erfüllt sein wird? Denn dazu gehört nämlich mehr, als nur das zu tun, was andere von einem erwarten, oder wo man gerade Bock drauf hat.

Unsere Gesellschaft so, wie sie ist, wir – die Erwachsenen, sind in vieler Hinsicht keine guten Vorbilder für Euch. Es tobt sich da einfach zu viel Sheldon in uns aus. Viele Regeln unserer Gesellschaft sind letztlich lieblos und zerstörerisch. Denkt an Zachy von KonTour. Seine Regeln waren: Nur wer was hat, ist wer. Nur wer was leistet, ist wer. Nur wer dazugehört, ist wer. Wenn wir so leben, machen wir uns selbst kaputt, und den Rest der Welt dazu. Wir Menschen brauchen Freunde, die uns sagen, wo es lang geht, was gut und richtig ist, wo wir uns benehmen wie Elefanten im Porzellanladen, oder eben wie Sheldon.

Leonard, Raj, Howard und Penny haben erstaunlich viel Geduld mit Sheldon, sie sind ihm wirklich gute Freunde, sie halten ihm immer wieder liebevoll den Spiegel vor. Manchmal schlagen sie ihn sogar mit seinen eigenen Waffen und bringen ihn mit Spocks letzten Worten von seinem Egoismus ab: „Die Bedürfnisse vieler sind wichtiger als die Bedürfnisse weniger oder eines einzelnen.“ Widerwillig und zähneknirschend lenkt Sheldon dann ein.

Und mit uns - mit uns hat Gott erstaunlich viel Geduld. Wie ein guter Freund, ja mehr als ein guter Freund. All das, was uns fehlt, um mit voller sozialer Kompetenz hier auf der Erde zu leben, in Harmonie verbunden mit allen anderen Menschen und Lebewesen, das bringt er uns bei. Er ist uns nahe, er ist für uns da, er nimmt uns ganz an, er mag uns wie der beste Freund, die beste Freundin, ja noch mehr als diese. - Und er redet mit uns: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und in steter Verbindung mit deinem Gott leben. (Micha 6, 8) So fasst es der Prophet Micha zusammen.

Es geht um Liebe, um nicht mehr aber auch nicht um weniger. „Verbindung mit deinem Gott“ – das ist nichts anderes als aus seiner Freundschaft heraus leben, aus seiner Liebe, denn Gott ist Liebe, „Gottes Wort halten“ sagt das Gleiche, denn Liebe, Freundschaft ist der Inhalt von Gottes Wort, Gottes Wille. - Wie Liebe geht, was Liebe ist und kann, das hat uns Jesus vorgemacht. Zu Zachy hatte er gesagt: „Heute muss ich in diesem Hause Gast sein.“ Und zu den Leuten, die sich darüber abfällige Bemerkungen machten: „Auch dieser ist ein Sohn Abrahams, auch dieser gehört dazu, einfach so.“ - Und diese Liebe, die Jesus da zeigt, ist nun etwas ganz anderes als eine abstrakte Regel, etwas anderes als Spocks letzte Worte, so heroisch diese auch klingen mögen. Denn Spocks Regel erweist sich dann als unmenschlich und grausam, wenn zum Beispiel eine Mehrheit das Bedürfnis hat, eine Minderheit oder auch nur einen einzelnen zu töten. So etwas ist in der Geschichte der Menschheit auch oft genug vorgekommen. Deshalb braucht es die Liebe, die nicht bloß eine Regel ist, nicht ein Gebot, eine Vorschrift. Sondern sie ist eine innere Haltung, eine Einstellung des Herzens und auch eine Kraft. Aus dieser Kraft können auch immer wieder neue Regeln entstehen, die bestehen bleiben dürfen, solange sie Liebe ausbreiten. Wo sie sich jedoch ins Gegenteil verkehren, da wird die Liebe sie verändern oder sprengen.

Wenn echte Liebe uns bestimmt, dann hat das Folgen für den Lebensstil und für die großen Lebens-Entscheidungen. Dann gibt es einen inneren Antrieb zu Verantwortung für andere, zu Verbundenheit, zu Mitgefühl. Dann gibt es eine Sehnsucht nach Frieden, und nach Gerechtigkeit, nach einem guten Leben für alle hier, und nicht nur für mich, Dr. Dr. Sheldon Cooper. Dann gibt es Mut zu Taten, die diese Welt zu einem besseren Ort machen, so wie Gott sie gemeint hat. - Deshalb: Wenn Ihr Euch von der Liebe leiten lasst, wenn Ihr Jesu Freundschaft annehmt, dann werdet Ihr gute Entscheidungen in Eurem Leben treffen, gut für Euch und gut für die Welt, und Ihr werdet das nicht widerwillig und zähneknirschend tun, wie Sheldon, sondern mit Elan und Freude.

„Und wie bekomme ich nun Gottes Liebe für mein Leben?“ Werdet Ihr vielleicht fragen. - Ganz einfach, sie ist schon da, sonst wärst Du gar nicht auf der Welt. Du brauchst nur ebenfalls Ja zu sagen. Gott hat schon längst Ja gesagt zu Dir. Wirf einfach Deine Mitbewohnervereinbarung in den Papierkorb, und lass Jesus bei Dir einziehen - in Dein Herz. Amen