Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Micha 6,6-8

Pfarrer Johannes Fischer

04.11.2007 in der Prot. Kirche Kirchheim

Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem hohen Gott. Soll ich mich ihm mit Brandopfer nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Liebe Gemeinde,
Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem großen Gott?
Welche Frage! Wer eingeladen wird, der bringt etwas mit, der kommt nicht mit leeren Händen. So kennen wir es in unserem Alltag.

Da feiert der Onkel seinen runden Geburtstag. Klar, dass man ein entsprechendes, passendes, wenn möglich auch originelles Geschenk mitbringe.

Da lädt der Chef zum Galaabend ein und ich stehe nachdenklich vor dem Kleiderschrank und überlege, was ich den zu dieser Gelegenheit nur anziehen könnte. Womit soll ich mich kleiden?

Da werde ich gebeten bei einem Hochzeitsempfang ein paar passende Worte sprechen und überlege mir sehr genau, was und womit ich meine Rede beginne und wie ich sie würze.

Große Dinge, große Ereignisse werfen Ihre Schatten voraus und sie werfen eben auch Fragen auf. Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun? Was ist angemessen? Was ist richtig?

Für Euch Konfirmanden brennt dann vor der Konfirmation die große Frage: Was ziehe ich an? Wie verhalte ich mich, wo sitze und stehe ich? Das muss dann alles genau geplant und besprochen werden.

Nur wer ein gedankenloser Tollpatsch ist, der kümmert sich um gar nichts, kommt unvorbereitet angetrottet, macht sich keine Gedanken, um das, was ihn da Großartiges erwartet.

Großartig ist es, was uns erwartet, so hören wir heute. Der große Gott ist es, dem wir uns nahen, der uns nahe kommt, der uns begegnet.

In der Bibel ist das Gespür noch wach, welche große Ehre und Bedeutung es hat, dem hohen Gott zu begegnen.

Von Gottesfurcht ist da die Rede. Nicht Angst ist damit gemeint, wie sie manchem gemacht wird mit einem drohenden Gott, sondern Ehrfurcht, wir würden heute Respekt sagen, ein Begriff, der auch bei Jugendlichen wieder in Mode gekommen ist: Respekt vor Gott.

Dem hohen Gott zu begegnen ist etwas Besonderes.

Da zieht es Moses die Schuhe aus, als er den brennenden Dornbusch sieht und Gott zu ihm spricht.

Vom Festmahl erzählt Jesus im Gleichnis vom Reich Gottes, zu dem alle eingeladen sind, die sich einladen lassen, von der Hochzeit, bei der die Frauen mit ihren Lampen auf den Bräutigam warten.

„Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir, O aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?“ dichtet Paul Gerhardt zum Advent „Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin, und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn. Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.“ (EG 11,1+2)

Da stehen sie dann Spalier, als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht und breiten die Kleider vor ihm aus, wedeln mit Palmblättern und rufen laut, feuern ihn gerade zu an. So etwas erleben wir heutzutage noch im Fußballstadion, wenn nach dem Treffer die Trikots ausgezogen werden und die Menge auf den Rängen jubelnd die Fahnen und Schals schwenken.
 
Hoher Besuch also heute morgen, Großer Bahnhof, Außergewöhnliche Begegnung mit Gott steht bevor. und wirft ihre Fragen auf.
Gewaltig, ja geradezu gefährlich ist es, sich Gott zu nähern.

Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem großen Gott?
Beim Propheten Micha werden nun die einzelnen Gedanken und Überlegungen deutlich:

Soll ich mich ihm mit Brandopfer nahen und mit einjährigen Kälbern? Feuerwerk und Schlachtfest also. Etwas für die Augen, für die Nase und für den Mund. Ein Spektakel muss es schon sein, wenn man vor Gott kommt.

Und das alles nicht zu knapp. Sparen gilt nicht. Die Masse macht’s! Geklotzt wird, nicht gekleckert. Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl?

Oder gar etwas ganz persönliches, zutiefst privates und kostbarstes? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?

Ein Menschenopfer, um Gott milde zu stimmen, das ist wohl der Gipfel, ja schon geradezu das ins Absurde hineingedachte.

Wer solche Gedanken hegt, muss ja zutiefst verzweifelt sein und Gottes das Schlimmste zutrauen, schlimmer noch als bei Abraham, der seinen Sohn opfern soll, aber Gott dann doch rettend eingreift. Kann Gott so etwas Absurdes wie ein Menschenopfer wollen, und sei die Schuld noch so groß?

So mag sich der junge Mönch Martin Luther gefühlt haben, der mit Gott gerungen hat, der aufgerieben wurde von der Anfechtung und dem Zweifel über seine eigene Unzulänglichkeit und Schuld:
Egal was ich tue und mitbringe. Es reicht nicht. Mein Beten und Fasten, mein Ringen um Gottes Gerechtigkeit, all mein Tun. Meine Schuld liegt mir so auf den Schultern vor diesem gerechten Gott.
Und die Frage brannte ihm im Herzen: Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem hohen Gott?

Die Antwort die ihm eines Tages wie ein Blitz aufging und ihn befreite von dieser quälenden drücken Last, hat die Weltgeschichte seit 500 Jahren verändert. Am Reformationstag haben wir sie in dieser Woche  wieder im Herzen bewegt und bedacht, wenn wir das Reformationsfest gefeiert haben.

Es war diese gewaltige Erkenntnis, diese reformatorische Entdeckung, dass die Antwort allein bei Gott selbst liegt. Er allein kann gerecht machen, kann sich beugen und klein machen, dass die Übertretung und Schuld getilgt ist. Er tut dies in Christus allein ohne unser Zutun. Mit leeren Händen sind wir vor ihm. Er ist der liebende Vater, der gerecht macht, uns sich recht macht.

Das Menschenopfer, wie es Micha nennt, will Gott nicht von uns - nicht von uns Menschen, das können wir nicht. Das kann nur er selbst für uns tun.

Da klingt das Geheimnis des Opfertodes Christi an. Christus selbst ein Opfer menschlicher Gewalt, beugt sich Gottes Willen wie kein anderer. An unserer statt trägt er die Schuld.
 
Auch dürft ihr nicht erschrecken / vor eurer Sünden Schuld, / nein Jesus will sie decken / mit seiner Lieb und Huld / Er kommt, er kommt den Sündern / zu Trost und wahrem Heil, / schafft, dass bei Gottes Kindern / verbleib ihr Erb und Teil (EG 11,8) so lenkt Paul Gerhardt in seinem Adventslied, den Blick auf das Opfer des Menschensohnes – so nennt Jesus sich selbst in den Evaneglien - an unserer statt.

Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem großen Gott?
Die Frage des Propheten Micha findet ihre Antwort in Gott selbst, der sich in dem Menschensohn Jesus gibt und uns begegnet. Er ist der Fürsprecher, der Mittler, der Gesandte Gottes, Gottes Sohn - und viele andere Titel nennt das Neue Testament von ihm.

Durch Jesus hören wir das Prophetenwort mit neuen Ohren: Es ist dir gesagt, Menschensohn, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Und das ganze Neue Testament erzählt davon, dass allein Jesus erfüllt hat, was der HERR fordert, nämlich Gottes Wort halten – das hat er getan wie kein anderer, Liebe üben – das hat er gelebt wie kein anderer – und demütig sein vor Gott – das hat er vollbracht wie kein anderer.

Das ist mir Mensch gesagt als Antwort auf meine Geschenkfragen und Kleiderfragen und Rechtfertigungsformulierungen gegenüber dem Festsaal Gottes und gegenüber den Fragen, die mir die Welt stellt.

Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem großen Gott?
Liebe Gemeinde, als Sie heute Morgen hierher gekommen sind, da haben Sie sich auf den Weg gemacht mit dieser Frage.
Vielleicht nur äußerlich als ein kleines Fragezeichen vor dem Kleiderschrank auf der Suche nach dem passenden Anzug oder Kleid, vielleicht am Frühstückstisch bei der Entscheidung, ob mit vollem oder leerem Magen oder mit geputzten Zähnen
vielleicht auch innerlich bei der Frage nach den Sorgen und Nöten, die sie begleitet haben, die womöglich so groß wurden, so sehr dass sie den Rücken gebeugt haben.

Als Sie dann das Predigtwort von Micha gehört haben, da ist das Fragezeichen groß und gewaltig geworden, brennend und lebensbedrohend, schrecklich und unausweichlich.

Aber wenn Sie nun die Augen nach vorne richten auf den Altar, dem Opfertisch, da sehen wir noch viel größer und gewaltiger die Antwort, Das antwortende Ausrufezeichen, das Himmel und Erde verbindet, und Menschen untereinander verbindet, das Kreuz in dem der hohe Gott uns begegnet uns nahe kommt Er, der allein gut ist und alles gut macht.

Wir gehen wieder in unseren Alltag hinein, in den Sonntag hinaus. Gott bleibt uns nahe in Christus. Der hohe Gott hat sich uns zugebeugt und uns aufgerichtet. Es ist uns gesagt, was gut ist und uns gut macht.

Wir halten Gottes Wort, denn Gottes Wort hält uns und trägt und tröstet uns. Er spricht sein gnädiges, vergebendes Wort zu uns, das in Jesus Mensch geworden ist, damit wir es leben und andern zusagen.

Wir üben Liebe, denn wir sind von ihm selbst geliebt. Wie könnten wir dann anders leben, als von dieser Liebe verwandelt und verzaubert und ausgefüllt, das andere es sehen und erleben können.

Wir sind demütig vor Gott, denn Gott selbst richtet uns auf und er allein füllt unsere Hände und Herzen, was wir selbst nicht schaffen. Wie könnten wir da anders leben als dankbar und gewiss, dass er uns alles schenkt.

Was Gott fordert, was er erwartet, dass hat er selbst zuerst in unsere leeren Hände gelegt, damit wir es aufnehmen und  halten, üben und weitergeben können. Er ist uns dabei nahe.

Amen.