Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Missbrauch in der Kirche

Probst Dr. Albert Damblon (kath.)

20.03.2010 in der Pfarrkirche in Mönchengladbach-Hehn

Gestern Abend fand die alljährliche Schützenwallfahrt nach Hehn statt. Sie stand unter dem Motto „Gute Nacht Freunde“. In dem Lied verabschiedet sich Reinhard Mey wohlwollend von seinen Freundinnen und Freunden. Mit einem guten Wunsch auf den Lippen geht er.
Im Moment klingt das Motto aber nicht nach einem guten Wunsch, sondern eher nach einem Stoßseufzer. Im Moment hört sich der Titel an wie „Na dann gute Nacht Kirche“. Ja, im Moment ist in unserer Kirche der „Teufel los“. Da gibt es nichts zu vertuschen und nichts zu verheimlichen. Priester und Ordensleute haben ihre Vertrauensstellung ausgenutzt, um Kinder und Jugendliche zur eigenen sexuellen Befriedigung zu missbrauchen. Solches geschah nicht nur in Bayern und in Berlin, die ersten Fälle in unserem Bistum Aachen sind bekannt. Na dann gute Nacht Kirche.

In dieser Situation hilft wahrscheinlich kein Hirtenbrief des Papstes mehr. Die Austrittszahlen nehmen dramatisch zu. Die Angriffe auf Papst und Bischöfe werden schärfer, und in den Gemeinden sind die Menschen verunsichert. Was ist das für eine Kirche, die auf der einen Seite so hohe moralische Ansprüche hat, aber auf der anderen Seite Missbrauchsfälle anscheinend durchgehen lässt?
In dieser Kirche wird einem wiederverheiratet Geschiedenen die Kommunion verwehrt, evangelische Christinnen und Christen werden wie selbstverständlich nicht zugelassen. Gleichzeitig aber, so scheint es, wird bei einem Missbrauchsfall „ein Auge zugedrückt“. Eltern, ob gläubig oder ungläubig, schicken ihre Kinder auf eine kirchliche Schule, weil sie eine vernünftige Werteerziehung erwarten. Ihre Überzeugung bricht zusammen wie ein Kartenhaus. Na dann gute Nacht Kirche.

Der Wind weht der Kirche tatsächlich von vorn ins Gesicht. Es ist ein Sturm. Inzwischen versuchen wohlmeinende Seelen zu verstehen, zu entschuldigen und zu verharmlosen. In der Odenwaldschule, ja sogar im Eliteinternat Salem sei auch missbraucht worden. Missbräuche, so heißt es, kommen in jeder Familie vor. 90% aller Missbrauchsfälle passieren tatsächlich in der Familie. Auf diese Weise wollen sie die kirchlichen Täter aus der Schusslinie herausholen. Dann aber erst recht „gute Nacht Kirche“.

Denn die Opfer werden wieder einmal übersehen. Manchmal meine ich, die Opfer seien überhaupt vergessen. Die Täter und ihre Geschichten sind für die Medien interessanter. Es reicht doch nicht, ab und zu ein Opfer plakativ in einer Talkshow erzählen zu lassen. Auch dann merken Zuschauerinnen und Zuschauer, wie mühsam selbst wortgewandte Menschen die Vorgänge schildern. Sie stottern, sie stocken.
 
Ich frage mich: Was geht in einem Menschen vor, der vor 20, 30 oder 40Jahren Opfer geworden ist? Wie leidet er oft ein Leben lang, weil Priester, Ordensleute, Lehrer und Familienväter ihre Finger nicht bei sich behalten konnten? Welche Therapien musste er mitmachen, vielleicht letztlich ohne Erfolg. Und was wird er noch unbewusst seinen Kindern weitergeben?
Für mich sind es die entscheidenden Fragen. Letztlich ist es in dieser Situation uninteressant, was Papst und deutsche Bischöfe dazu sagen. Sie haben sowieso nur eine einzige Chance. Sie müssen um der Opfer willen jetzt genau das Richtige sagen und genau das Richtige tun. Richtig heißt aber ehrlich, offen und schuldbewusst bekennen, sonst tatsächlich „gute Nacht Kirche“.

Ich hätte heute lieber über anderes gepredigt. Aber die Opfer bedrängen mich. Sie lassen mich innerlich nicht in Ruhe.
Vielleicht kann unser gemeinsamer Gottesdienst einen geistlich - geistigen Akzent anbieten. Die heilige Messe ist nach alter kirchlicher Lehre ein Opfer. Sie erinnert an ein Lebensopfer. Deshalb spricht traditionelle Theologie vom Messopfer. Alle, die das Messopfer mitfeiern, können nicht am Zentrum der Feier vorbeigehen. In der Mitte steht das Opfer tödlicher Gewalt: Jesus Christus.
Er wurde von gewalttätigen Menschen ans Kreuz genagelt, weil sie seine Güte und Liebe nicht aushalten konnten. Und sein Lebensopfer sollte Mensch und Gott miteinander versöhnen. Weil er geopfert wurde, bietet er seine Freundschaft an. Gute Nacht Freunde, das sagt Jesus, das Opfer. Die Opfer können sicher auf seine Freundschaft setzen, selbst die Täter dürfen darauf bauen, wenn sie, wie es im Evangelium heißt, nicht mehr sündigen. „Gute Nacht Freunde“

Mit der Freundschaft zu Jesus müsste aber eines klar sein:
Ein Opfer menschlicher Gewalt reicht.
Es dürfen keine weiteren Opfer geben! Erst recht nicht in der Kirche! Sonst tatsächlich „gute Nacht Kirche“.