Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Nikodemus

Pfarrerin Dr. Rajah Isabelle Scheepers (ev)

20.06.2014 in der Matthäus-Gemeinde in Berlin-Steglitz

Vorstellungsgottesdienst für eine Pfarrstelle

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns euch allen. (2. Korintherbrief, 13,13)

Liebe Gemeinde,

als ich ein Kind war, fing ich an, vom Reich Gottes zu träumen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Schwester und ich mit unserer Großmutter, die katholisch erzogen worden war, vor dem Bett gekniet haben, abends vor dem Einschlafen und das Vater Unser gebetet haben.

Wenn wir den Satz, „dein Reich komme“ gesprochen haben, habe ich vor meinem inneren Auge eine Stadt aus dem Himmel kommen sehen. Ein Stadt, in dem Friede und Gerechtigkeit herrschen und Gott alles in allem sein wird. Das Reich Gottes, in dem alles gut ist. Bis heute habe ich dieses Bild vor Augen und träume vom Reich Gottes.

Über das Reich Gottes und den Glauben unterhielten vor langer Zeit sich nachts zwei gelehrte Männer. Es waren Jesus und Nikodemus. Sie haben den Text in der Lesung gehört und finden ihn auf Ihrem Gottesdienst-Blatt.

Mir liegen drei Punkte dieser Geschichte heute Abend am Herzen: die merkwürdig schillernde, ambivalente Person des Nikodemus, die Rede von der neuen Geburt – verstanden als neues Leben aus dem Glauben und Taufe – und schließlich der Heilige Geist.

1. Zunächst: Wer war dieser Nikodemus?

Dunkel lag die Stadt Jerusalem da. Hier und da hörte man noch leise Stimmen, Geflüster oder leises Lachen, doch die meisten Menschen waren bereits zu Bett gegangen. Nur der Mond und die Sterne beschienen die schlafende Stadt.

In dieser Nacht suchte Nikodemus Jesus auf. Er hatte soviel über diesen Menschen gehört, über die Wunder, die er tat, über die Dinge, die er den Menschen sagte, über die Hoffnungen, die er in den Menschen weckte.

Nikodemus war ein Pharisäer, d.h. einer von jenen Männern, für die das jüdische Gesetz sehr wichtig war und die sich darum bemühten, es im Alltag zu leben. Zudem war er Mitglied des Hohen Rates, des Gremiums, in dem zur Zeit Jesu 71 Männer versammelt waren. Die führenden Schriftgelehrten, angesehene Älteste und Priester kamen hier zusammen, um über religiöse Dinge zu beraten und sie zu entscheiden. Einer von ihnen war Nikodemus.

Und nun hatte er sich nachts aufgemacht, denn er wollte diesen Menschen gerne mit eigenen Augen sehen und mit ihm sprechen.

Die nächtliche Situation des Gesprächs zwischen Jesus und Nikodemus wurde früher oft so verstanden, dass Nikodemus nur im Geheimen, ohne Wissen der anderen Pharisäer und aus Furcht vor deren Reaktionen zu Jesus zu kommen wagt. Manche Ausleger hatten aus der Szene eine grundsätzlich feindliche jüdische Haltung gegenüber Jesus abgeleitet.

Ich denke jedoch, dass Nikodemus gewartet hatte, bis es Nacht wurde, da er dieses Gespräch nicht inmitten von lauter Menschen und Durcheinander führen wollte, sondern in der Stille der Nacht. Zudem war es damals üblich, tief gehende Gespräche über die Auslegung der Heiligen Schrift wurden abends oder nachts geführt, nicht in der Hektik des Alltages, sondern in der Stille der Nacht. So verstanden ist der nächtliche Besuch des Nikodemus bei Jesus vor allem ein geistliches Gespräch, wie es jüdische Gelehrte üblicherweise über die Heilige Schrift führten.

So heißt es: Nikodemus trat auf Jesus zu und verneigte sich vor ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.

Nikodemus spricht nicht nur für sich, sondern für Viele. Voller Ehrerbietung und Respekt spricht er zu Jesus. Er bezeichnet Jesus nicht nur als Lehrer, sondern sogar als „von Gott gekommenen“.

Mit den „Zeichen“ meint Nikodemus die Wunder, die Jesus getan hatte, Menschen heilen, Menschen satt machen. Menschen Hoffnung geben.

Aufgrund dieser Wunder glaubt Nikodemus, dass „Gott mit ihm“, mit Jesus, ist. Hier scheint der alte Hoffnungsname, Immanuel, Gott ist mit ihm, durch, den schon die Propheten des Alten Testaments geweissagt haben.

Nikodemus geht also voller Glauben und Hoffnung auf Jesus zu, hier am Anfang des Johannesevangeliums. Und später im Johannesevangelium (Joh 7,50-52) ist es Nikodemus, der gegenüber den jüdischen Autoritäten für Jesus eintritt. Ein drittes Mal wird er bei der Grablegung Jesu erwähnt, als er eine beträchtliche Menge von Myrrhe und Aloe zur Salbung von Jesu Leichnams bringt (Joh 19,39). Das nächtliche Gespräch mit Jesus, so scheint es, hat ihn tief berührt.

Soviel zu Nikodemus, nun zu dem 2. Punkt, der mir wichtig ist:

IIa Die Wiedergeburt oder die neue Geburt

Inzwischen glauben auch in Deutschland einige Menschen an die sogenannte Wiedergeburt, und zwar oftmals in einem buddhistischen Sinne. Sie glauben, dass es nach diesem Leben noch ein oder viele weitere Leben auf dieser Welt geben wird. Manche glauben auch, dass sie schon einmal gelebt haben, beispielsweise als historische Gestalten.

Auch Jesus spricht zu Nikodemus von einer Wiedergeburt oder Neuen Geburt, allerdings in einem ganz anderen Sinne. Nämlich als etwas, was sich zum einen hier in dieser Welt vollziehen kann, zum anderen, was sich am Ende aller Zeiten ereignen wird. Schon jetzt ist es da, die neue Geburt, – und doch noch nicht.

So heißt es: Jesus antwortete und sprach zu ihm: Amen, amen, ich sage dir, wenn nicht irgend jemand geboren wird von neuem, kann er nicht die Königsherrschaft Gottes sehen.

Es sagt zu ihm Nikodemus: Wie kann ein Mensch geboren werden, der ein Greis ist? Es ist nicht möglich, in den Mutterleib wiederum hineinzugehen und geboren zu werden?

Nikodemus versteht die Aussage Jesu wörtlich - natürlich kann niemand, der bereits geboren wurde, noch einmal geboren werden. Es ist keine biologische Aussage, die Jesus getroffen hat, sondern eine geistliche.

Denn Jesus spricht von einer anderen Geburt: „von oben“ oder „von neuem“ heißt es im griechischen Text. Nur die, die diese Geburt erlebt haben, können das Reich Gottes sehen.

Jesus erkennt das Missverständnis, das bei Nikodemus vorliegt, und versucht noch einmal, diesmal deutlich, ihm zu erklären, was er meint:

Jesus antwortete: Amen, Amen, ich sage dir: Wenn nicht jemand geboren wird aus Wasser und Geist, ist es nicht möglich, in das Reich Gottes hineinzugehen.

Das aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.

Jesus stellt zwei Seinsweisen nebeneinander, die sich auch ergänzen können. Zum einen sind wir alle Kinder unserer Eltern. Jeder von uns, wie alt oder jung er auch sei, ist ein Geborener. Wir haben uns nicht ausgesucht, wann oder ob oder von wem wir geboren wurden. Andere haben dies für uns entschieden. Durch den Akt der Geburt kamen wir in diese Welt.

Die jüdische Philosophin Hanna Arendt hat den Satz aus der Weihnachtsbotschaft „Ein Kind ist uns geboren“ zum Ausgangspunkt ihrer philosophischen Erörterungen gemacht. Jede Geburt ist eine Neugeburt, jedes Kind ein Anfang, der selbst etwas Neues anfangen kann. So begründete Arendt eine Philosophie der Natalität, eine Philosophie des Geborenwordenseins.

Neben diese leibliche Geburt, die wir alle miteinander teilen, stellt Jesus nun die geistige oder geistliche Geburt. Geboren werden aus Wasser und Geist.

IIb Taufe

„Aus Geist und Wasser“ geboren, so heißt es in unserem Text. Wohlgemerkt – möglicherweise hatte Johannes selbst nur vom Geist geschrieben, also dass man aus Geist neu geboren werden müsse. Denn der Geist stellt ein zentrales Element der johanneischen Theologie dar. Das Wort „Wasser“, was dann die Deutung auf die Taufe hin ermöglichte, haben vielleicht Menschen nach ihm in sein Evangelium eingefügt, eine. So haben es jedenfalls manch neutestamentliche Wissenschaftler gedeutet. Doch da es in neutestamtlicher Zeit noch keine Pflicht gab, Einfügungen in Texte durch Fußnoten zu markieren, können wir das nicht wissen.

So halten wir uns an den vorliegenden Text, in dem es heißt, man müsse „aus Wasser und Geist“ neu geboren werden. Die ersten Christen haben das auf die Taufe bezogen. Sie haben in der Taufe eine neue Geburt gesehen, das Geschenk einer neuen Existenz.

Den Anfang dieser neuen Existenz markiert die Taufe, obwohl Jesus dazu zu Nikodemus gar nicht spricht. Die Taufe ist der Anfang der zweiten Geburt.

In diesem Glauben taufen wir bis zum heutigen Tage Menschen und nehmen sie damit in die Kirche auf. Durch den Akt der Taufe werden Menschen zu Schwestern und Brüdern – Sie und ich, Geschwister sind wir, geboren aus Wasser und Geist, als Kinder unseres Vaters im Himmel.

Bei Jesu Taufe erschien der Heilige Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel. Jesus steht auf bildlichen Darstellungen seiner Taufe inmitten des Wassers im Jordan und empfängt von Johannes dem Täufer die Taufe. In dem Augenblick spricht eine Stimme aus dem Himmel: Siehe, das ist mein geliebter Sohn.“

So geschieht es in jeder Taufe – Gott nimmt uns als Seine Kinder an und wir werden begabt mit dem Heiligen Geist.

Und noch etwas können Sie auf manch bildlichen Darstellungen von Jesu Taufe sehen: Auch Jesus war ein von einer Mutter Geborener – wie Sie an dem Vorhandensein seines Bauchnabels erkennen können. Er war genauso Beides wie wir es sind: ein von einer Mutter Geborener und ein aus dem Geist geborener.

Damit komme ich zu meinem 3. und letzten Punkt: dem Heiligen Geist.

3. Der Heilige Geist

Vor wenigen Tagen haben wir in unseren Gemeinden Pfingsten gefeiert, das Fest des Heiligen Geistes. Die Geburtsstunde unserer Kirche, den Moment, in dem aus verzagten und traurigen Jüngern begeisterte Menschen wurden, die hinaus in alle Welt gingen und von Jesus erzählten. Nachdem der Heilige Geist über sie gekommen war und wie Flammen auf ihren Köpfen saß, so heißt es in der Apostelgeschichte – kleine Flammen auf den Köpfen der vom Geist be-geisterten Jünger.

Diesen Heiligen Geist meint auch Jesus, wenn er zum Ende unserer Bibelstelle sagt:

Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.

So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Jesus setzt, wenn er zu den Menschen spricht, bei ihrem Alltagserleben an. Er nimmt das auf, was die Menschen erleben, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen, und übersetzt diesen Alltag in sprechende Bilder.

Zunächst das Bild von der leiblichen Geburt, das Jesus umwandelt in das Bild von der Geburt aus dem Geist. Danach die Rede vom Sausen und der Unberechenbarkeit des Windes, das er umwandelt in das Wirken des Heiligen Geistes.

Keiner weiß, woher der Geist kommt und wohin er fährt. Wir wissen auch nicht, wie er wirkt.

Das sind die Geheimnisse Gottes, die wir Menschen nicht ergründen können. Wie es geschieht, wir wissen es nicht – aber wir können glauben, dass es geschieht.

Jesus hat es Nikodemus erzählt, damals in diesem Gespräch in tiefer Nacht, Johannes hat es aufgeschrieben und nun können wir es lesen und hören.

Können hören davon, dass es mehr gibt als das, was wir ausmessen und berechnen, was wir in Experimenten nachstellen können. Wir können nun hoffen, dass wir leiblich Geborene sind – und zugleich aus dem Geist geborene. Können spüren, dass es den Heiligen Geist gibt und dieser wirkt, wie und wo er will.

Wir feiern am Sonntag nach Pfingsten den Sonntag Trinitatis, weil es gut ist, dass es den Heiligen Geist gibt. Weil es schön ist, dass Gott drei-faltig ist und uns auf ganz verschiedene Arten begegnet. Der Heilige Geist ist es, der uns eine Ahnung vom Reich Gottes schenkt, den Geschmack der Unendlichkeit in Gott.

Als ich anfing, vom Reich Gottes zu träumen, als Kind des tags und des nachts, da war ich, übrigens, noch nicht getauft. Das kam erst später im Zuge meiner Konfirmation.

Auch heute träume ich oft vom Reich Gottes – jedes Mal, wenn ich die Zeitung aufschlage, wünsche ich mir, es wäre schon da, jetzt, heute, ganz und gar. Nicht nur ein bisschen oder stückweise, sondern ganz. Dann wünsche ich mir, dass das, was ich lese, alles nicht wahr ist. Dass der Konflikt in der Ukraine nicht immer weiter eskaliert, dass niemand wie ein Sklave behandelt wird, damit schöne Fußballstadien entstehen, und dass endlich nie wieder ein Mensch, der aus seiner Heimat flieht, ertrinken muss.

In solchen Momenten versuche ich, mich in Geduld und Vertrauen in Gott zu üben. Mich festzuhalten an all den Momenten, in denen ich das Reich Gottes schon gespürt habe, wie ein kleines Senfkorn. Z.B. als ich mit den Kindern in der Kita Brötchen aus Sauerteig gebacken habe und wir über das Gleichnis gesprochen haben, wonach das Reich Gottes wie Sauerteig ist, der nach und nach die ganze Welt umwandelt. Oder als ich meine Konfirmanden zuhause besucht habe und sich plötzlich tiefgründige theologische Zwiegespräche ergeben haben. Oder auch wenn ich mit trauernden, verzweifelten Menschen am Ende eines Seelsorgesprächs das Vater Unser gebetet habe. Dann war es plötzlich da, das Reich Gottes – zumindest spürte ich eine Ahnung davon, wie es einmal sein würde.

4. Ich komme zum Schluss

Ich glaube, dass der Heilige Geist, der uns begeistert und mit Leidenschaft erfüllt, der uns immer wieder als Geschwister aufeinander zugehen lässt, der uns immer wieder der Kirche auch alles Gute zutrauen lässt, dass dieser Heilige Geist in der Kirche und in uns Getauften wirkt und lebendig ist.

Ich glaube, dass Gott uns einen Neuanfang in der Taufe schenkt, indem wir aus der Taufe als seine geliebten Kinder herauskommen.

Und ich glaube, dass der Heilige Geist weht, wo er will. In der Kirche und auch außerhalb der Kirche, bei Getauften und bei Nicht-Getauften. Gottes Macht und Liebe ist viel größer als wir erahnen können.

Nikodemus suchte Antworten – und fand neue, überraschende Ansichten, die seine Vorstellungen sprengten und infrage stellten. Er suchte Jesus auf, damit dieser seine Gewissheiten bestätigen sollte. Doch Nikodemus fand viel mehr.

Er fand den Glauben.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.