Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Numeri 13,25–28;14,1-3

Pfr. i.R. Hartmut Bandorski

in Winterberg

Predigt anlässlich einer Abiturfeier

Liebe Abiturientengemeinde!

13 Jahre Schule sind geschafft. Der Abgang ist vom Oberstudiendirektor genehmigt, wie wir lesen können. Mancher von Ihnen wird sicher in den letzten Monaten gedacht haben: Wenn es doch endlich soweit wäre. Besonders vor den Klausuren, als sie wie ein hoher, unüberwindbarer Berg vor Ihnen standen. 13 Jahre Schule, nun sind sie geschafft. Das Ziel ist erreicht. Das Lernen hat sich gelohnt. Heute morgen wird das Ihnen schwarz auf weiß mitgeteilt. Man sollte annehmen, daß es nur noch glückliche Minen gibt. Daß Sie sich nun aus diesem behüteten und vorgegebenen Weg, den so ein Gymnasium hat, fröhlich aufmachen auf den Weg des Lebens. Sie sind jung, das Leben liegt wie ein bunter Teppich vor Ihnen. Sie haben, so könnte man sagen, die erste Hürde auf dem Weg in ein erfolgreiches Leben geschafft. Die Türen gesprengt, die den Weg in das von Ihnen gewählte Leben versperrten. Sie haben Denken gelernt. Komplizierte Sachverhalte durchdenken gelernt. Sie haben Naturgesetze der Chemie und der Physik im Ansatz verstehen gelernt. Das Abitur bescheinigt Ihnen, daß Sie einen Bildungsstand erreicht haben, der die Fähigkeit von Denken und Durchdenken beinhaltet. Sie dürfen mit Recht stolz, ich meine nicht hochmütig, sein. Stolz, daß Sie nicht aufgegeben haben, sondern daß Sie die bestehenden Schwierigkeiten überwunden haben. Daß Sie sich durchgebissen haben und schließlich zum Ziel gekommen sind. Und wenn Sie nun diese 13 Jahre vom Ende her betrachten, so werden Sie vielleicht sagen: Es war im Grunde doch alles halb so schwer.

Ich habe lange nach einem Bibeltext gesucht, der zu diesem heutigen Gottesdienst paßt. Ja, mich hat die Frage, was vom Wort Gottes Ihnen heute gesagt werden kann, viele Tage beschäftigt. Ich hatte Texte favorisiert und sie dann wieder verworfen. Das Gedicht von Bertholt Brecht am Anfang dieses Gottesdienstes hat mich ständig hinterfragt. Hat die Bibeltexte, von denen ich meinte, daß sie vielleicht der Situation entsprechen würden, oft wieder beiseite legen lassen:

„Wohin gehe ich? warum fahre ich in diesem Auto auf ein Ziel hin, von dem ich nicht weiß, ob es mich zum Ziel bringen wird?“

Auf der Wanderung aus der Sklaverei in das Land, in dem Milch und Honig fließen soll, kommt das Volk Israel eines Tages an die Grenze ihrer Wanderung. Die Strapazen der Wanderung liegen hinter ihnen. Die Zeiten, da es wenig Wasser und wenig zum Essen gab, dafür aber viel Sand und Trostlosigkeit gab, liegen nun hinter ihnen. Die Zeit, in der mancher von ihnen einen schweren inneren Kampf zu kämpfen hatte: Soll ich weiter mitgehen oder nicht? Lohnt es sich überhaupt noch weiterzugehen? habe ich noch genügend Kraft, um weitergehen zu können? ja, will ich überhaupt auf diesem Weg weitergehen? ist es nicht besser, auszusteigen - den Weg abzubrechen? daß ferne Ziel nicht mehr, verfolgen? ist in Vergessenheit geraten. Die ewig alte und immer wieder neue Frage: Stehen die Strapazen in einem rechten Verhältnis zum Ergebnis? ist beendet. Sie stehen vor den Toren Kanaans. Sie können schon von weitem das gelobte, verheißene, in vielen Nächten herbeigesehnte, mit vielen Tränen begossene Land der Wanderung sehen. Und mit Sicherheit werden alle Strapazen der Wanderung mit einem Male vergessen sein. Das Ziel ihrer Träume liegt vor ihnen.

Wie haben sie sich in ihren Träumen ihr Ziel nicht vorgestellt. An den Feuern abends vor ihren Zelten haben sie darüber gesprochen. Haben es sich ausgemalt in den schönsten Bildern. Und nun, nun ist das Ziel erreicht. Träume werden wahr. Das Ziel vor Augen, ist alles andere vergessen. Um zu erkunden, wie es in Wirklichkeit in diesem Land aussieht, schicken sie Botschafter ins Land. Vierzig Tage haben diese Botschafter das Land durchreist. Sie haben sich die Städte und die Menschen angesehen. Wie in einem Paradies muß ihnen das, was sie dort sahen, vorgekommen sein. Überall in Hülle und Fülle. Sie sahen Früchte, deren Namen sie nicht kannten. Früchte, die groß und herrlich anzusehen waren. Sie durchstreiften das Land ihrer Träume und Verheißungen und kehrten reich mit Früchten des Landes beladen zurück. Stolz zeigten sie bei ihrer Rückkehr alles vor, was sie gesehen hatten. Aber ihre Berichte stehen in einem seltsamen Gegensatz zu dem, was sie vorzeigen. Starke Männer bewohnen dieses Land. Große und dicke Mauern umgeben die Städte. Uneinnehmbar scheinen sie zu sein. Das Land der Träume erweist sich als eine Nummer zu groß. Der Bericht der Botschafter muß derart niederschmetternd ausgefallen sein, daß mit einem Male das schon mit Händen greifbare Ziel unerreichbar weit gerückt ist. Resignation breitet sich aus. Mose und Aaron bekommen die gesamte Enttäuschung entgegengeschleudert. Sie, die sie sie im Namen Gottes bis hierher geführt haben, müssen nun die Frustration des Volkes über sich ergehen lassen. Fast am Ziel angelangt, heißt es nun unverrichteter Dinge wieder umzukehren. Vergessen ist mit einem Male alles, was bisher gewesen war. Zurück nach Ägypten, lautet die Parole.

2. Irgendwo an dieser Stelle habe ich mich bei der Vorbereitung dieser Predigt gefragt: Was soll so ein Gottesdienst bei der Abschiedfeier von Abiturienten? Ja, entspricht er überhaupt dem Wunsch der Abiturienten? Und falls ja, was wollen sie eigentlich hören? Reicht es nicht aus, was gleich Herr Oberstudiendirektor Sickmann sagen wird? Fragen über Fragen, auf die ich keine Antwort weiß oder deren Antwort ich nur erahnen kann. Da ich selber Kinder habe, die an der Schwelle des Lebens stehen, an der Sie heute stehen, bin ich mitten drin in dem Lebensabschnitt, der Ihr Leben heute kennzeichnet. Ich höre das und kenne das auch von anderen jungen Menschen, die in Ihrer Situation stehen, was es heißt, heute jung zu sein. Ist Ihr Leben nicht vergleichbar mit dem des Volkes Israel? Sie haben, wie das Volk Israel, eine Schallmauer Ihres Lebens erreicht. Was Sie sich erhofft, erträumt und ersehnt haben, geht heute in Erfüllung. Ihre Feiern zeigen, daß Sie glücklich sind diese Grenze, für Israel Kanaan und für Sie das Abitur, erreicht zu haben. Und nun heißt es nur noch den letzten Schritt zu tun. Den Weg vollenden, an dessen Ende Milch und Honig zu finden ist. Das fette Land ergreifen, das zum Greifen nahe ist. Aber da kommen die Botschaften von vorbesetzten Hörsälen. Da ist die Barriere, die ZVS oder Numerus clausus heißt. Da kommen die wenig mutmachenden Parolen von arbeitslosen Akademikern. Vom falschen Studium. Wie manches Herz zieht sich da in sich ängstlich zurück. Glücklich am Ziel, breitet sich Angst aus, die Ziellinie zu überschreiten. In manchem Herz wächst vielleicht die Erkenntnis, daß das bisher so gesicherte und abgesicherte Leben eigentlich ganz angenehm war. Aber diese Zeit ist nun endgültig beendet. Nun heißt es eine Entscheidung zu fällen. Nun heißt es, nach vorne zu gehen. Sich der Frage zu Stellen: Wohin soll mein Weg gehen? Was ist das Ziel, auf das ich unterwegs bin? Ja, auf welchem Weg will ich zum Ziel kommen? Und Sie spüren ziemlich genau, daß die Zeit für viele und große Umwege sehr begrenzt ist.

Um sich all dieser Fragen stellen zu können, stellt sich die Frage nach dem Fundament, auf dem Ihr Leben steht; denn dieses ist Ihnen mittlerweile bewußt geworden, daß Sie einen Grund brauchen auf dem und von dem Sie Ihr Leben bauen. Wohin Sie sich zurückziehen können und auf dem Sie die Erschütterungen des Lebens durchstehen können.

Wer die Geschichte des Volkes Gottes auf diesem Fragenhintergrund liest, der wird eine erstaunliche Beobachtung machen. Immer dann, wenn sie sich auf sich selbst zurückgezogen haben, befanden sie sich auf einem wackligen Fundament.

Die Probleme wurden riesengroß. Die Angst unüberwindbar. Zurück die Sklaverei nach Ägypten war dann die Devise. So auch in unserem Predigttext, das Ziel zum Greifen nahe, blasen sie zum Rückzug. Wird alles zu mächtig und zu schwer.

3. Ich gehöre noch zu der Generation, die Bomben und Not, Flucht und Scheitern der Flucht erlebt haben. Manche Jahre meiner Kindheit sind so tief von diesen Erlebnissen geprägt, daß sie mich bis zum heutigen Tag immer noch einholen. In dieser Zeit standen die Menschen immer an solchen Grenzsituationen. Viele Menschen sind mir aus dieser Zeit in Erinnerung. Menschen, die voller Verzweiflung in den Tod gegangen sind. Menschen, die nur noch fluchen konnten. Aber mitten in dieser Vorstufe der Hölle gab es Menschen, die in der Lage waren, nicht nur sich selber und ihr Leid zu ertragen, sondern die auch noch das Leid und die Not der anderen, mittragen konnten. Mitten in dieser Hölle gab es Menschen, die teilen, trösten, helfen und beten konnten. In der Regel waren es Menschen, die auch in dieser Zeit ihren Gott nicht verloren hatten. Gewiß, ihre Not war nicht geringer als die der anderen. Ihr Leid mindestens genauso groß wie das der anderen um sie herum. Und doch waren sie irgendwie anders. Sie waren Menschen, die um die Bewahrung durch ihren Gott wußten.

In meiner Gemeinde erlebte ich einen älteren Herrn, in dessen Nähe man sich wohl fühlte. Er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus. Am Sonntag saß er immer lange vor Beginn des Gottesdienstes auf seinem Platz in der Kirche. Als ich ihn einmal fragte, warum er so früh zur Kirche kommt, sagte er mir: „In dieser Zeit habe ich Ruhe zum Beten.“

Verehrte Abiturienten, es ist für Sie von großer Wichtigkeit, sich für einen Lebensweg zu entscheiden, auf dem Sie Ihr Leben verwirklichen können. Einen Schritt davor gilt es sich allerdings zu entscheiden, wie das Fundament dieses Weges aussieht, auf dem Sie stehen. Woher Sie die Kraft nehmen werden, angesichts der vielen Grenzsituationen nicht zurückzulaufen in die Sklaverei, sondern mutig den Schritt nach vorne zu wagen in der Gewißheit, daß Gott mit Ihnen geht.

Auf sich alleine gestellt, bekam das Volk Israel an der Grenze zum verheißenen Land Angst, die Grenze zu überschreiten. Sie hatten Gott und sein Versprechen nicht ernst genommen. Sie addierten ihre Kraft und ihr Können und kamen zu dem Ergebnis: Es reicht nicht aus! Alles umsonst! Nichts wie dorthin zurück, wo wir Sklaven waren und Sklaven sein werden.

Auf die Frage: Wohin gehe ich? Wohin führt mich mein Leben? möchte ich ihnen antworten: Wohin Sie Ihr Leben auch führt, Gott ist mit Ihnen. Und ich möchte Ihnen Mut machen, auch Gott etwas zuzutrauen. Im Vertrauen auf ihm Grenzen zu überschreiten, die Ihnen alleine unüberwindbar erscheinen.

Amen.


 


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