Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Nun danket all und bringet Ehr“ (eg 322)

Uwe Sundermann

in Schieder - Sonntag Misericordias Domini 2007

Liebe Gemeinde,

350 Jahre sind sie alt, die Lieder Paul Gerhardts. Man möchte meinen, aufgrund dieses Alters seien sie veraltet. Aber das ist weit gefehlt. Trotz ihrer 350 Jahre stehen diese Lieder auch heute noch hoch im Kurs. Fast in jedem Gottesdienst, fast bei jedem Treffen des Frauenkreises wird mindestens eines von ihnen gesungen.

Die Texte sind inhaltsreich und ausdrucksstark. In ihnen spiegeln sich Grunderfahrungen des menschlichen Lebens. Die eingängigen Melodien reißen uns beim Singen förmlich mit. Deshalb könnte man sagen: Das Singen der Paul-Gerhardt-Lieder steckt an. Selbst nach über drei Jahrhunderten spüren wir in ihnen die Kraft und die Lebendigkeit des Glaubens.
Das möchte ich an dem eben gesungenen Lied mit einigen Gedanken deutlich machen:

I. Lebenshilfe geben.

1647 erscheint das Lied „Nun danket all und bringet Ehr“ zum ersten Mal in einem Gesangbuch. Paul Gerhardt ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt. Damit hat er die Mitte seines Lebens bereits überschritten.

Beruflich befindet er sich in folgender Situation: An der Universität der Luther-Stadt Wittenberg hat er längst sein Theologiestudium absolviert. Aber eine Pfarrstelle hat er bisher noch nicht angetreten.

Dies mag unterschiedliche Gründe haben: Zum einen gibt es damals offenbar wenig freie Pfarrstellen. Zum anderen will Paul Gerhardt unbedingt in Berlin und Umgebung eine Pfarrstelle bekommen, denn dort wohnt sein engster Freundeskreis. Und möglicherweise traut er sich die Leitung eines Pfarramtes nicht zu. In seinem Charakter ist er nun gewissenhafter und pflichtbewusster Mensch.

Viele Jahre lang verdient er seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer. In solch einer Stellung finden wir ihn bereits 1635 in Wittenberg, von 1642 an in Berlin bei seinem zukünftigen Schwiegervater Andreas Barthold. Darüber hinaus übernimmt er als Prediger Vertretungsdienste an der dortigen Nikolaikirche.

1647 ist er noch gar nicht als Liederdichter bekannt. Bisher ist von ihm ja nur ein Hochzeitsgedicht erschienen, geschrieben für die Hochzeit von Sabina Barthold, seiner zukünftigen Schwägerin. Doch den Kontakt zu einem Kreis von Dichtern und Schriftstellern pflegt er schon seit seinem Studium.

Wahrscheinlich schreibt er seine ersten Lieder auch nicht unbedingt für die Veröffentlichung, sondern für sich selbst. Das Dichten ist für ihn ein Weg, um seine vielfältigen Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Freud und Leid, Schönes und Schweres - alles spiegelt sich in diesen Liedern wider. Durch das Schreiben der Lieder erfährt er selbst immer wieder Hoffnung und Trost.

Im Jahr 1647 gibt der engagierte Kantor der Nikolaikirche, Johann Crüger, ein neues Gesangbuch für seine Gemeinde heraus. Es trägt den Titel „Praxis Pietatis Melica“, d.h. Andachtslieder für den christlichen Glauben. In dieses Gesangbuch übernimmt er 18 Lieder von Paul Gerhardt.

Neben „Nun danket all und bringet Ehr“ (EG 322) gehören dazu beispielsweise das Passionslied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ (EG 83), das Osterlied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112), das Morgenlied „Wach auf, mein Herz, und singe“ (EG 446) und das Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 361).

Offenbar hat der Kantor Johann Crüger diese Lieder vorher gekannt. Offenbar hat er um die dichterische Gabe seines Freundes Paul Gerhardt gewusst. Und möglicherweise hat er in der gottesdienstlichen Praxis auch das ein oder andere Lied schon ausprobiert, um zu sehen, wie es bei der Gemeinde ankommt. Und als er nun an der Herausgabe seines neuen Gesangbuches arbeitet, bittet er Paul Gerhardt: „Stell mir doch deine Lieder zu Verfügung! Sie kommen bei der Gemeinde an. Und sie geben nicht nur dir selbst, sondern all denen, die sie singen, Hilfe zum Glauben und Hilfe zum Leben.“

II. Den Blick auf das Gute lenken.

Berlin 1647. Wenn man darüber nachdenkt, dann fragt man sich: Was gibt es da eigentlich zu danken? Wie kommt Paul Gerhardt dazu, zu schreiben und zu singen: „Nun danket all und bringet Ehr...“ (322, 1)? Klagelieder und Trauergesänge sind damals doch viel angebrachter.

Damals geht doch der Dreißigjährige Krieg in sein letztes Jahr. 29 Jahre lang ist Europa überzogen worden mit einer Welle von Gewalt, Schrecken und Tod. Immer wieder ziehen plündernde Soldatenhorden durch das Land. Konfessionelle Streitigkeiten und Kriege entzweien die Regierenden und die Bevölkerung. Die Kindersterblichkeit steigt auf eine unglaubliche Höhe. Und vielerorts zieht die Pest von einem Haus zum andern und von einer Stadt zur andern.

In vielfachen Situationen stehen die Menschen vor den existentiellen Grenzen. Immer wieder sehen sie sich konfrontiert mit Gewalt, Krankheit und Tod. Angesichts verwüsteter Felder, Hochwasser oder Trockenheit stehen sie ohnmächtig da. Und wo etwas auf den Feldern gedeiht, fehlen die Menschen, die es ernten. Viele Situationen gibt es, „wo kein Mensch nicht helfen kann“ (322, 3). - Man fragt sich, wie Paul Gerhardt da danken und loben kann.

Nun, ganz bewusst lenkt er seinen Blick von aller Not und allem Leid auf das Gute. Ganz bewusst richtet er seine Aufmerksamkeit auf das Positive, das wir im Leben haben. Nicht die Not, nicht das Klagen, nicht die Trauer, sondern das Gute soll uns im Leben bestimmen. Das Positive soll unsere Gedanken und unsere Herzen erfüllen.

Dieser Blickrichtung im Leben liegt eine bewusste Entscheidung zugrunde. Ganz bewusst sagt sich Paul Gerhardt: „Ich will mich nicht von dem Negativen bestimmen lassen. Davon wird meine Seele ja nur noch mehr heruntergezogen. Stattdessen will ich auf das Gute schauen. Das kann mir Kraft und Hoffnung geben. Darum soll mich das Gute leiten!“

Auf diesem Hintergrund müssen wir uns selbst fragen: Worauf schauen wir eigentlich im Leben? Sind wir mit unserer Aufmerksamkeit bei dem Negativen im Leben, bei den Problemen, bei den Schlechtigkeiten, die sich die Menschen gegenseitig antun? Dann wird sich unser Leben auch in diese Richtung bewegen. - Oder schauen wir auf das Gute? Halten wir die gut gelaufenen Dinge in der Erinnerung fest? Dann gehen wir viel zuversichtlicher der Zukunft entgegen!

Diesen Zusammenhang hat Paul Gerhardt erkannt. Und aus diesem Grund ruft er uns über all die Jahrhunderte hinweg zu: „Nun danket all und bringet Ehr...
dem, dessen Lob der Engel Heer
im Himmel stets vermeld‘t!
Ermuntert euch und singt mit Schall
Gott, unserm höchsten Gut!“ (322, 1+2)

Es ist so: Wer denkt, der dankt. Wer aufmerksam und bewusst durchs Leben geht, der hält das Gute fest und hält sich am Guten fest. Das Singen und Danken ist ein Ausdruck einer aufmerksamen Lebensweise.

III. Für Gottes Gaben danken.

Bis ins tägliche Leben hinein zeigt sich Gott uns als derjenige, „der seine Wunder überall und große Dinge tut“ (322, 2). Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was das denn konkret heißt. Vielleicht brauchen wir nur etwas Zeit dafür. Vielleicht müssen wir uns am heutigen Tag einen Freiraum dafür schaffen. Und ich bin überzeugt: Wenn wir das tun, wird uns auch so manches in unserem Leben dazu einfallen.

Auch Paul Gerhardt hat sich in seinem Lied Gedanken darüber gemacht. In der 3. und 4. Strophe beschreibt er im Einzelnen, was Gott uns Gutes tut. Auf diese Weise wird sein Dank, sein Gotteslob konkret. Es bleibt nicht allgemein beim Reden von den „Wundern“ und „großen Dingen“ stehen, sondern geht weiter zu persönlichen Erfahrungen.

Paul Gerhardt hat erlebt, wie Gott für unser Leben sorgt. Gott gibt uns Tag für Tag, was wir zum Leben brauchen. Er schenkt uns Gesundheit und erhält uns die Kraft, die wir für unsere Arbeit brauchen. Gott ist der, „der uns von Mutterleibe an frisch und gesund erhält“ (322, 3).

Ferner steht Gott uns bei mit seiner Hilfe. In so manchen Situationen kommen wir mit unserer Kraft an eine Grenze. Dann aber erfahren wir, wie Gott uns trägt mit seiner Kraft. Gott ist der, der, „wo kein Mensch nicht helfen kann, sich selbst zum Helfer stellt“ (322, 3).

Und wenn wir, gefangen in unserer Sorge, Gott vergessen und unseren eigenen Weg gehen, dann schenkt er uns Vergebung und einen neuen Anfang. Gott ist der, „der, ob wir ihn gleich hoch betrübt, doch bleibet guten Muts, die Straf erlässt, die Schuld vergibt“ (322, 4).

So gesehen, ist Gott der Ursprung alles Guten. Die nötigen Dinge zum Leben, Essen und Trinken, Familie und Freunde, Gesundheit, Arbeit und so vieles andere - das alles ist nicht selbstverständlich, sondern Gottes Geschenk und Gabe. Er „tut uns alles Guts“ (322, 4).

In diesen beiden Strophen scheint es, als habe Paul Gerhardt nur Gott den Schöpfer im Blick, als denke er nur an den ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses. Doch dieser Eindruck täuscht.

Zwar wird der Name Jesus im ganzen Lied nirgends erwähnt, aber trotzdem steht Jesus gewissermaßen zwischen den Zeilen. Zum einen ist die Vergebung ohne Jesus gar nicht denkbar (322, 4). Denn Vergebung haben wir doch nur dadurch, dass Jesus unsere Schuld auf sich genommen und für uns am Kreuz gestorben ist. Zum andern weist der Begriff „Helfer“ (322, 3) auf Jesus hin. Denn der Name Jesus - Jeschua - bedeutet übersetzt genau dies: „Helfer“.

Und schließlich setzt Paul Gerhardt an dieser Stelle auch den Heiligen Geist voraus. Denn allein durch den Heiligen Geist erkenne ich: Gott sorgt nicht nur für uns Menschen allgemein, sondern auch für mich persönlich. Er ist auch mein Helfer und schenkt mir Vergebung und Frieden. Für diese Gaben kann und will ich persönlich Gott danken!

IV. Das Wichtige in den Blick nehmen.

Die furchtbare Zeit des Dreißigjährigen Krieges greift tief in das Leben ein. Sie bewirkt eine gewaltige Verunsicherung. Den Menschen wird der Boden unter den Füßen weggezogen.

Man bemüht sich, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Man arbeitet und schafft. Man versucht, etwas an die Seite zu legen. Doch was wird, wenn am nächsten Tag eine plündernde Soldatenhorde kommt und alles zunichte macht?

Man ist auf seine Stellung in der Gesellschaft bedacht. Man schaut nach oben empor und auf die unten herab. Doch alles Vergleichen und Sich-miteinander-messen ist Schnee von gestern, wenn die Pest Einzug hält. Die Krankheit nimmt keine Rücksicht auf die soziale Stellung. Unterschiedslos geht sie von Haus zu Haus.

Was hat man also vom Leben noch im Griff? Alles, aber auch wirklich alles kommt auf den Prüfstand. Was trägt in guten wie in schweren Zeiten? Was gibt Halt und Trost im Leben und im Sterben? - Angesichts der schrecklichen Erlebnisse rücken sich die Verhältnisse und die Werte im Leben wieder zurecht.

Keiner regt sich mehr über Kleinigkeiten auf. So vieles wird belanglos. Vieles, über das man sich vorher viele Gedanken gemacht hat. Ob die Fenster geputzt sind oder das Unkraut gejätet ist; das interessiert keinen mehr. Es scheint mit einem Mal nicht mehr wichtig. Es tritt in der Wahrnehmung zurück. Es bekommt nur noch den Platz, der ihm wirklich gebührt.

Im Gegenzug tritt das wirklich Wichtige in den Vordergrund. Die Gebete kreisen wieder um die zentralen menschlichen Werte. Man besinnt sich wieder auf die notwendigen Grundlagen des Lebens. Dies dokumentiert sich in unserem Lied in den Strophen 5 bis 7. Folgende zentrale Werte sind Paul Gerhardt dabei ein Herzensanliegen:
Gott „gebe uns ein fröhlich Herz“. Denn nach den Erfahrungen des Krieges liegen Kummer und Trauer wie eine schwere Last auf den Herzen der Menschen. Die Schreckensbilder haben sich derart in der Seele festgesetzt, dass sie die Menschen Tag und Nacht verfolgen. Deshalb gebe Gott Unbeschwertheit und Unbekümmertheit „und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin“ (322, 5).

Gott möge endlich Frieden schenken! „Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land“; dies ist wohl die größte Sehnsucht der Menschen in Europa, ein Jahr vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Dann wird das tägliche Leben auch wieder seinen geregelten Gang gehen, man kann die Arbeitsabläufe auch wieder planen. Und endlich wird man auch wieder die Früchte seiner Arbeit ernten können. Deshalb gebe Gott „Glück zu unserm Tun und Heil zu allem Stand“ (322, 6).

Zu einem Neuanfang nach dem Krieg aber braucht man die Kraft des Glaubens. Der Glaube allein kann uns Menschen aufrichten und uns neue Hoffnung geben. Darum lasse Gott „seine Lieb und Güt um, bei und mit uns gehn“ (322, 7). Der Glaube allein kann uns Menschen die notwendige Portion Gottvertrauen geben - eben das Vertrauen, dass es Gott gut mit uns meint.

V. Über den Tod hinaus sehen.

In den beiden letzten Strophen spricht Paul Gerhardt das Thema „Sterben und ewiges Leben“ an. Ganz natürlich geht er mit diesem Thema um. Er redet davon ohne Scheu und ohne Vorbehalt.

Das ist für uns heute eine neue Erfahrung. Denn wir erleben es vielfach anders. In unserer Gesellschaft heute wird das Sterben an den Rand gedrängt. Einerseits setzt man sich mit diesem Thema gewöhnlich nicht auseinander, andererseits sterben viele Menschen abseits und allein. Man begegnet hier und da der Macht des Todes, aber man will nicht darüber nachdenken.

In der Zeit Paul Gerhardts war der Tod eine alltägliche Erfahrung. Im Vergleich zu heute verfügte man ja nur über bescheidene medizinische Mittel. Die Kindersterblichkeit war hoch, und die Lebenserwartung war längst nicht da, wo sie heute steht.

Hinzu kamen natürlich die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges. Da gehörte der Tod zur Tagesordnung. Entweder waren es die plündernden und mordenden Soldatenhorden oder es war die schleichende Pest, der „schwarze Tod“, der unterschiedslos Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen dahinraffte.

Folglich gehörte das Sterben zum Leben dazu. Aus diesem Grund kann Paul Gerhardt so offen und frei über den Tod sprechen.

Allerdings kommt noch ein zweiter Grund hinzu: Paul Gerhardt weiß um das, was nach dem Tod kommt. Er weiß: Der Tod ist nicht das Ende unseres Lebens, sondern lediglich der Durchgang in das ewige Leben. Er weiß: Jesus ist auferstanden, und darum werden auch wir auferstehen. Wer auf Jesus vertraut, wird ein neues, ewiges Leben empfangen.

Und von dieser Gewissheit aus kann er mit einer bewundernswerten Natürlichkeit und mit einer inneren Gelassenheit über das Sterben sprechen: „Solange dieses Leben währt, sei Gott stets unser Heil, und wenn wir scheiden von der Erd, verbleib er unser Teil.“ (322, 8) Und dieser Gedanke, unterlegt mit der beschwingten, fröhlichen Melodie, wirkt doppelt gelassen. Doppelt zuversichtlich sieht Paul Gerhardt dem ewigen Leben entgegen.

Im Glauben an Jesus und im Vertrauen auf seine Auferstehung empfangen wir nämlich „Halt und Trost im Leben und im Sterben“ (HK 1). Dann wissen wir: Wir sind und bleiben in seinen Händen geborgen, auch über den Tod hinaus. Um diesen Gedanken geht es in der 8. Strophe.

Entsprechend können wir dann im Frieden sterben, denn innerlich trägt uns ja die Hoffnung auf das ewige Leben: Gott „drücke, wenn das Herze bricht, uns unsre Augen zu und zeig uns drauf sein Angesicht dort in der ewgen Ruh!“ (322, 9) Dort haben wir das Beste ja noch vor uns.

Versuchen doch auch wir einmal, natürlich über das Sterben zu sprechen. Das tat ich beispielsweise auf der Fahrt durch die Namibwüste. Die Strecke führte vier Stunden lang durch eine Landschaft aus lauter Stein und Geröll, Fels und Sand. Es gab keinen Baum, keinen Strauch, keinen Schatten. Und das bei über 35°C und nur vier Autos in den vier Stunden. Gegen Ende dieser Strecke sagte ich zu den Mitfahrenden: „Es ist doch gut, dass wir die beiden Reifenpannen gestern gehabt haben und nicht heute!“ Daraufhin haben einige protestiert, ich solle still sein und so etwas nicht sagen. Sie konnten diesen Gedanken nicht ertragen. - Das erlebt man, wenn man natürlich über die Grenzen des Lebens spricht.

VI. Vom Dank her beten.

Wenn wir beten und Gott unsere Anliegen sagen, steht an erster Stelle meistens die Bitte. Denn wir sagen zuerst, was ganz oben auf unserer Seele liegt. Und das sind nun einmal die Sorgen, die Fragen und die Gedanken an die Menschen neben uns. Wenn wir beim Beten einfach drauf los reden, dann stehen also die Bitten an erster Stelle.

Bei diesem Lied ist das anders. Da steht am Anfang der Dank, nämlich in den Strophen 1 bis 4. Und erst darauf folgen die Bitten in den Strophen 5 bis 9. Aber nun redet Paul Gerhardt in diesem Lied ja auch nicht einfach drauf los, sondern schreibt es in einem längeren Prozess. Ganz bewusst gibt er seinem Lied diese Gestalt: zuerst der Dank, dann die Bitten.

Das geschieht mit Absicht. Paul Gerhardt will uns damit nämlich etwas zeigen. Er will uns damit etwas auf den Weg geben:

Wenn wir Gott danken, dann halten wir uns vor Augen, was er schon alles getan hat. Wir sehen, wie groß der Schöpfer ist, der die Welt geschaffen hat. Wir danken dafür, dass er unser Leben erhält. Und wir denken an so manche Situation, wo er uns geholfen hat - oft unsichtbar und unbemerkt durch einen anderen Menschen.

Wenn wir uns all dies am Anfang unseres Gebetes bewusst machen, dann wird unser Blick geweitet. Durch den Dank wächst unser Vertrauen: Gott wird uns auch weiterhin beistehen. Er weiß ja, was uns auf dem Herzen liegt. „Er hilft, wie er geholfen.“ (EG 329, 3)

Wenn wir zuerst Gott danken und danach ihn bitten, dann tun wir das mit einem größeren Vertrauen. Dann haben wir uns nämlich zuerst bewusst gemacht: Gott kann auch tun, worum wir bitten. Er begleitet und versorgt ja alle Lebewesen. Und er hat uns doch schon in vielen Situationen geholfen. Wenn wir zuerst danken und danach bitten, sind unsere Gebete fröhlicher, gelassener und zuversichtlicher.

Diesen Gedanken habe ich für mich persönlich auch längst eingebaut in das Vaterunser. Ich bete nämlich das Vaterunser vom Schluss her. Wenn ich die einzelnen Bitten spreche, dann habe ich bereits den Schluss vor Augen: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Dieser Lobpreis gibt mir die Zuversicht zu bitten: „Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! Unser tägliches Brot gib uns heute...!“

Und wenn ich hier im Gottesdienst ein Gebet spreche, dann stelle ich immer einen Gedanken oder ein Bibelwort an den Anfang. Das heißt, ich besinne mich bewusst darauf, wer Gott ist und was er tut. So habe ich im Gebet am Ostersonntag bewusst das Licht und die Hoffnung des Auferstandenen an den Anfang gestellt. Aus dem Dank holen wir nämlich die Kraft und die Zuversicht für unsere Bitte.

Genau dies tut Paul Gerhardt, indem er dieses Lied so aufbaut: Zuerst dankt und lobt er Gott. Ja, er ruft uns auf, dass auch wir Gott danken und loben. Und dann nimmt er uns mit in seine Bitten hinein. - Dieser Gedanke mag uns leiten und uns ermutigen bei unserem Gebet!

Schluss

350 Jahre sind sie alt, die Lieder Paul Gerhardts. Aber sie stehen auch heute noch hoch im Kurs. Und das mit gutem Grund. Sie helfen uns zum Glauben und zum Leben. Denn in seinen Lieder will Paul Gerhardt uns

1. Lebenshilfe geben,
2. den Blick auf das Gute lenken,
3. für Gottes Gaben danken,
4. das Wichtige in den Blick nehmen,
5. über den Tod hinaus sehen,
und 6. vom Dank her beten.

Amen.