Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Offenbarung 11,14-19

Superintendent Sebastian Neuß (ev)

26.04.2015 in der Friedenskirche in Jena

Gottesdienst im Themenjahr der Reformationsdekade 2015 „Bild und Bibel“.

Chorfenster in der Friedenskirche Jena © privat

Chorfenster in der Friedenskirche Jena © privat

Chorfenster „Engelsturz“ in der Friedenskirche Jena

von Fritz Körner (1888 Leipzig -1955 Jena)

 

 

Offenbarung 11,14-19

Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus ge­worden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen saßen, fielen nieder auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, dass du an dich genommen hast deine große Macht und herrschest!

Und die Völker sind zornig geworden; und es ist gekommen dein Zorn und die Zeit, die Toten zu richten und den Lohn zu geben deinen Knechten, den Propheten und den Heili­gen und denen, die deinen Namen fürchten, den Kleinen und den Großen, und zu ver­nichten, die die Erde vernichten.

Und der Tempel Gottes im Himmel wurde aufgetan, und die Lade seines Bundes wurde in seinem Tempel sichtbar; und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und Erd­beben und ein großer Hagel.

 

Liebe Gemeinde,

als der Jenaer Glaskünstler Fritz Körner 1947 die Fenster der Friedenskir­che entwarf, hat er dieser Stadt eine Botschaft vorlegen wollen. Er be­diente sich dazu der Posaunen aus der Offenbarung des Johannes. Diese Posaunen schallen in den Gesichten des Johannes vom Himmel. Ihre Po­saunentöne sind in seinen Visionen verbunden mit ungeheuren Bildern: Da verbrennt ein großer Teil der Erde. Da stürzen Berge ins Meer. Sterne fallen wie Fackeln vom Himmel. Die Unterwelt öffnet ihren Schlund. Der Seher Johannes sieht Unfassbares. Es sind Dinge, die in Worten nur an­nähernd zu sagen sind. Johannes schildert eine Welt mit großen Plagen, die über die Welt hereinbrechen.

Der siebente und letzte Posaunenruf richtet den Blick visionär auf die Vollendung. Die Szene wird beherrscht durch mächtige Stimmen vom Himmel. Ihrer Wucht entspricht die Anbetung der 24 Ältesten, deren Thronsessel den Thron Gottes umgeben. Sie feiern ihn als den, der ihr Richter und Erlöser ist, ihr Anfang und ihr Ende.

Seine Gottesherrschaft bricht nun endlich an und greift Platz für immer. Dem Vernich­tungswillen der gottlosen Welt ist das vernichtende Gericht Gottes gefolgt. Es erstreckt sich über die ganze Welt, auf ihre ganze Geschichte. - Dem Gericht aber entspricht die Erlösung. Gott setzt die ins Recht, die in einer gottlosen Welt den Stachel des Wissens um Gott erhielten, seine Propheten und alle, die sich von Gott und seinem Willen nicht lösten, Ohnmächtige und Mächtige. Diejenigen, die den Untergang betreiben, werden eben das erlangen, was sie praktizierten, den Untergang.

Unmittelbar an diese Szene schließt in der Offenbarung des Johannes die Szene an, in der ein Drache, der „Diabolos“, der „Satan“, wie es heißt, gegen den Himmel einen Krieg beginnt. Und Gott lässt seine himmlischen Heerscharen unter Führung des Engels Micha­el gegen den Drachen antreten. Die Kraft des „Lammes“, also die Kraft des Gekreuzigten und Auferstandenen, führt ihnen die Waffen und besiegt die „alte Schlange“ [12,9], ein anderes Wort des Sehers Johannes für den Drachen und Satan.

Michael gelingt es, den Drachen auf die Erde zu stürzen. Doch dieser führt dort weiter Krieg gegen die, „die die Gebote Gottes befolgen und das Zeugnis Jesu bewahren“.

Was hat Fritz Körner bewogen, auf diesen biblischen Hintergrund zuzugehen. Oder bes­ser: Von ihm auszugehen?

Fritz Körners 1942 geborener Sohn Friedrich erzählte mir im Gespräch vor einigen Tagen, was seinen Vater in jenen Jahren bewegte.

In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der bekanntesten Glaskünster Deutschlands mit Aufträgen und Werken in vielen Städten Deutschlands, wurde Fritz Körner unter den Nationalsozialisten nach und nach aus seiner öffentlichen Existenz als Künstler heraus gedrängt. Grund dafür war seine Frau Grete, Entwerferin, Malerin, Jüdin und nach den Rassegesetzen der Nazis aus dem deutschen Volkskörper zu entfernen.

Fritz Körner lag es fern, sich von seiner Frau loszusagen, was ihm eine großen Karriere verschafft hätte. Der Sohn hat mich nachdrücklich auf den Trauspruch hingewiesen, den sich die beiden zur Hochzeit 1932 zusprechen ließen: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Als sehr passend und zutreffend habe sich dieses Wort erwiesen, dieses Wort, das ebenfalls aus der Offenbarung des Johannes [2,10] stammt.

Grete Körner, geb. Heilbrunn, war vom Judentum zum Christentum konvertiert, hatte sich taufen lassen. Das wird ihnen beiden nichts nützen.

In Jena erleben die Körners die Ausgrenzung, Entrechtung, die Häme und Verachtung der Behörden und auch mancher Nachbarn. Da hängt in fast jeder Wohnung das Bild des Führers. Jena ist durchtränkt mit dem Gift der „alten Schlange“, um es im Bild der Johannesapokalypse zu sagen. Aber das Paar hat Freunde, die zu ihm halten.

Am 30. Januar 1945 wird Grete Körner, obwohl nach einem misslungenen Suizidversuch transportunfähig, auf einer Trage zum Westbahnhof verbracht und von dort in das Ghet­to Theresienstadt deportiert. Bis zum Führergeburtstag 1945 soll Deutschland „judenfrei“ sein. Der Ehemann und Vater muss Zwangsarbeit verrichten. Sie zerrüttet dem die schwere körperliche Arbeit nicht Gewohnten die Gesundheit nachhaltig. Der vierjährige Sohn lebt von seinen Eltern getrennt in einer befreundeten Pflegefamilie auf dem Lande.

Als das Ghetto Theresienstadt am 7. Mai 1945, vor 70 Jahren, befreit wird, kann Grete Körner nach Hause. Sie hat überlebt. Aber sie kommt zurück in eine Stadt, wo darüber viele verstört sind. Man verzeiht ihr nicht, dass sie zurückgekommen ist. Der SS-Stabsarzt in der Etage über ihnen hat sich Möbel von ihnen angeeignet. Andere intrigieren gegen sie. Sohn Friedrich wird von den Eltern ermahnt, ehemalige Nazifamilien zu meiden, die sie ihre Abneigung weiter spüren lassen. Als Grete Körner beim Krämer einkauft, schlägt ihr wegen ihrer Sonderessenmarken die Missbilligung der übrigen Kundschaft entgegen.

In jenen Jahren werden in Jena Mahnmale für die Naziopfer geschändet, ist man eifrig dabei, sein eigenes Versagen zu entschuldigen. Und nicht wenige sagen, es war doch nicht alles schlecht. Das Satansgift des Antisemitismus wirkt schleichend weiter, wird sich wenig später offen im Zuge der Prager Schauprozesse um Rudolf Slansky zeigen. Vie­le der letzten, überlebenden Juden werden Mitte der 50er Jahre aus der DDR emi­grieren, auch aus Jena und Erfurt.

Während einer Kur in Donaueschingen, im Westdeutschland des Jahres 1954, erlebt Fritz Körner, wie sich Ritterkreuzträger zu Traditionsabenden versammeln und alte Kampflie­der singen. Dort kann man auch nicht wirklich leben.

Grete und Fritz Körner bleiben in Jena.

Zwölf Jahre Naziherrschaft haben die Stadt Jena innerlich und äußerlich zerstört. Unaus­sprechliches Leid wurde anderen zugefügt, Leid und Not fielen auf die Stadt und ihre Be­wohner zurück.

In Fritz Körners Chorfenstern kommen die Mächte des Himmels in einem gewaltigen far­bigen Wirbel über die Stadt und ihre Menschen. Nicht um sie zu zerstören wie die Bom­ben am 19. März 1945 mit höllischem Feuersturm und erstickendem Qualm, sondern mit erneuernder, Hoffnung verkündender Wucht und Kraft. Sie reißen aus der Verzweiflung. Den Engeln, die der Stadt unter ihnen und deren Bürgern mit Posaunenklängen den Sieg über das Grauen und die Unmenschlichkeit verkünden, wird kein noch so mächtiger Feind es wagen, sich entgegen zu stellen. Deutlich auszumachen sind die Dächer und Häuser der Heimatstadt Fritz Körners. Für sie hat er bereits 1929 Fenster für die Süd­schule und danach weitere Gebäude geschaffen, Burschenschaftshaus, Lesehalle, viele Privathäuser. Die Lutherrose im Lutherhaus. In Golmsdorf das Chorfenster mit dem Guten Hirten.

Mit den Fenstern „Engelsturz“ in der Friedenskirche setzt Fritz Körner der erlebten Wirk­lichkeit eine geglaubte und persönlich tief verinnerlichte Wirklichkeit entgegen, eine Wirklichkeit, von der er annahm, dass sie die Kraft in sich trägt, einer allgemeinen Besin­nung und Rückkehr zu dienen. Die alten Macht-Worte der Hetze und Indoktrination sind verhallt. Neue Worte sind noch nicht gefunden: Worte der Einsicht, der Buße, der Ver­söhnung. Sie liegen fern oder kleben am Gaumen. Wo nicht aufgearbeitet wird, wo nicht angemessen erinnert wird, wiederholt sich die Geschichte in neuen Formen. Unter den neuen Regenten werden erneut starke und laute Reden gehalten. Wieder fordern sie Abgrenzung, stellen Feindbilder auf, machen Angst, reden vom Sieg über den Gegner außen und den Gegner im Inneren.

Die Posaunen der Engel sind die lauten Siegesfanfaren einer Macht, die nicht auf den Sieg über andere Menschen aus ist. Diese Macht schnürt nicht ein, sondern weitet den Atem. Diese Macht droht nicht mit Repressalien, sondern tritt mit der Macht der Liebe unter den Streit der Mächtigen. Fritz Körner hat gewusst, dass die Menschen seiner Mit­welt laute, vernehmliche, unüberhörbare Rufe, Posaunenschall, brauchten, die sie herausreißen konnten aus ihrer Angst und ihrer Anpassung.

„Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim. 1,7), war dem glaubenden Fritz Körner, erzählt sein Sohn, ein Leitmotiv, dem er sich zeitlebens verbunden fühlte und dem er versuchte nachzuleben.

Es liegt nah anzunehmen, dass die Fenster der Friedenskirche das Werk ist, das den Künstler und Menschen Fritz Körner am meisten bewegt, ja aufgewühlt hat.

Aus den Unterlagen von damals geht hervor, dass Körner bis zuletzt intensiv um den Ausdruck der Fensterbilder gerungen hat. Erst ihre endgültige Fertigstellung im Septem­ber 1947 hat ihn davon abhalten können, noch an den Entwürfen zu arbeiten, insbeson­dere an denen der Engel, die er kopfüber nach unten stürzen lassen wollte.

Die heftig bewegten mosaikförmigen Teile der Blickfelder befördern die „Expressivität des Werkes“, die Körner, so heißt es im Katalog zur Ausstellung 2009 im Stadtmuseum und in der Stadtkirche Jena, „mit der Sonne malte“. „Dieses Werk, in dem sich Tradition und Moderne ... als eine Form zukunftsträchtiger monumentaler Figurenmalerei verei­nen, ist Fritz Körners originärer Beitrag zur sakralen Glaskunst des 20. Jahrhunderts.“

Fritz Körner gelang dieser große Wurf in einer verhältnismäßig kurzen Zeit. Das deckte sich mit dem Bedürfnis vieler, inmitten des Chaos nach dem vernichtenden Krieg ein deutliches und emotional bewegendes Zeichen der Hoffnung, der Selbstfindung und für manche – nicht zuletzt bei eben noch Deutschen Christen – auch der Buße zu setzen. Jahre später, bei der Gestaltung neuer Chorfenster für die Stadtkirche herrschten andere Bedingungen:

Der Gemeindekirchenrat der Stadtkirche bis hin zum Landesbischof machten eindeutige künstlerische Vorgaben. Es ist Fritz Körner zu verdanken, dass er trotzdem auch den Fi­guren in der Stadtkirche innere Wärme zu verleihen vermochte. So kann man die feier­lich-strenge stille Michaelsfenstergruppe in der Stadtkirche und die expressiven Figuren der Friedenskirche in unterschiedlicher Funktion sehen: Dort in der Stadtkirche die Hin­führung zur Verinnerlichung, zur Versenkung, zur Kontemplation – hier in der Friedens­kirche zur Aktion, zum Vertrauen in die Taten des befreienden und erlösenden Gottes, der den Betrachter zum eigenen Tun fordert und es ermöglicht.

Am 17. September 1947 konnte der Bauausschuss der Gemeinde an der Friedenskirche, vormals Garnisonskirche, bekannt geben, dass die Chorfenster für die Friedenskirche in der Glasmalereifirma Ferdinand Müller in Quedlinburg zur Abnahme bereit ständen. Zwei Tage später begannen die Vorarbeiten für den Einbau an der Kirche. –

Ich komme noch einmal auf den biblischen Ursprungsimpuls zurück. Fritz Körner hat sich von der Bildersprache der Johannesoffenbarung inspirieren lassen. Aber er hat sie nicht so aufgenommen wie z. B. Albrecht Dürer 1498 mit seinen vier apokalyptischen Reitern oder wie andere Kunstwerke, die das Motiv des sog. Engelsturzes berückend und bestür­zend ausgestaltet haben.

Schon dass er nicht sieben, sondern nur sechs Engel darstellte, zeigt, dass es dem Künst­ler nicht um eine authentische Bibelillustration ging.

Die Posaunen verkünden nicht die Apokalypse. Ihren brausenden Fanfarenstößen ist eine andere Vision zugeordnet: Die Stadt, die unter ihnen liegt, ist – damals noch eine Vision – wieder aufgebaut. Die Apokalypse, die von Menschenhand gemachte, ist geheilt.

Diese Posaunenklänge gelten der Stadt auch in Zukunft. Sie wecken ihre Bürger aus dem Schlaf der Sicherheit, aus dem Schweigen in der Menge, sie rütteln an Mauern der Gleichgültigkeit wie die Posaunen an der Stadtmauer von Jerichow, sie erinnern an das eine Wort Gottes, das alle menschlichen Macht-Worte aufdeckt, wo sie lebensfeindlich sind, und ordnet ihnen das Wort der Liebe über. Die Posaunenrufe leiten keine Apoka­lypse ein, sondern die Heilung aller Wunden von Hass und Gewalt.

Vielleicht hat Fritz Körner sich vorgestellt, dass der eine Engel, der mit der Schrift in der Hand, der, der nicht nach unten in die Stadt hinein posaunt, dass der mit dem Finger ge­rade auf die eine Stelle in der Schrift zeigen könnte aus dem 22. Kapitel der Offenbarung:

„Und es wird nichts Verfluchtes mehr sein. Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte und Mägde werden ihm dienen und sein Angesicht sehen, und sein Name wird an ihren Stirnen sein.

Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit“ [22,3-5].

Amen.


 


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