Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Offenbarung 21

Gerhard Beck (ev)

21.11.2010 in der Osterkirche, Nürnberg-Worzeldorf

Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus
G: Amen

Liebe Gemeinde,
"ich sehe was, was du nicht siehst..." Dieses Kinderspiel haben Sie sicher auch schon einmal gespielt und dann nach etwas gesucht, das rot, blau oder grün ist.

Vor knapp zweitausend Jahren sagte einer: "Ich sehe was, was du nicht siehst" und steht mit dieser Vision ziemlich allein da. Er sieht keine roten, blauen oder grünen Sachen, sondern eine neue Welt. Seine Vision, die schreibt er auf und schickt sie an sieben Gemeinden in Kleinasien. Gemeinden, die ihren Glauben als Christen nicht ausleben können und vom Kaiser verfolgt werden. Und mitten in die Verfolgung, in die Unterdrückung hören diese Gemeinden: "Ich sehe was und das ist eine friedliche Welt, eine Welt ohne Unterdrückung und Verfolgung. Eine Welt in der unser Gott ganz nahe bei den Menschen ist."


Er, der diese Welt sieht, nennt sich Johannes und beschreibt seine Visionen im 21. Kapitel der Offenbarung wie folgt:

Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr.
Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.
Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen: »Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, der immer bei ihnen ist, wird ihr Gott sein.
Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.«
Daraufhin sagte der, der auf dem Thron saß: »Seht, ich mache alles neu.« Und er befahl mir: »Schreibe die Worte auf, die du eben gehört hast! Denn sie sind wahr und zuverlässig.«
Dann sagte er zu mir: »Nun ist alles erfüllt. Ich bin das A und das O, der Ursprung und das Ziel aller Dinge. Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt.
Das alles wird das Erbe dessen sein, der siegreich aus dem Kampf hervorgeht, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

"Ich sehe was, was du nicht siehst", sagt Johannes: "Ich sehe, dass diese Welt, in der Menschen unterdrückt und verfolgt werden, nicht mehr sein wird. Ich sehe, dass diese Welt, in der unsere Lieben sterben und wir um sie trauern, nicht mehr sein wird. Ich sehe, dass der Tod nicht mehr sein wird, dass Leid, Schmerz, Geschrei, Jammern nicht mehr sein werden. Ich sehe, dass es keinen Grund mehr geben wird zu weinen und Gott dir alle Tränen, die du geweint hast, abwischen wird. Ich sehe, dass Gott bei den Men¬schen sein wird, mitten unter Ihnen. Ich sehe, dass wir ganz nah bei Gott sein werden. Ich sehe, dass Gottes Nähe ein Freudenfest sein wird, schön wie eine Hochzeit. Ich sehe was, was du nicht siehst -  ich sehe eine neue Welt!"

"Ich sehe was, was du nicht siehst" sagt Johannes und da muss ich sagen: "Ja, da hast du recht! Ich kann nicht sehen, was du da siehst. Deine Bilder, die du beschrieben hast, die konnte ich vor meinem inneren Auge sehen. Aber die Welt, die sich sehe, ist ganz anders: Wenn ich in die Welt schaue, in der ich lebe, dann sehe ich Leid, Schmerz und Trauer. Ich sehe eine Mutter, die mit 35 an Krebs erkrankt, die gegen den Tod kämpft und deren kleine Kinder vor Angst nur weinen können, weil sie nicht verstehen, wieso ihre Mutter ohne Haare kraftlos im Bett liegt.

Ich sehe einen Vater, der sein Leben lang gearbeitet hat, sich auf den Ruhestand mit seiner Frau freute und diesen dann nicht mehr erleben kann.

Ich sehe einen Großvater, der sich sein eigenes Häuschen aufgebaut hat und sich jetzt schwer tut, selbst zu gehen.

Ich sehe einen Sohn, der mit der Pflege seiner Mutter an seine eigenen Grenzen kommt, weil er sie nicht ins Altersheim geben will.

Ich sehe eine Trauernde, die einsam in ihrem Zimmer um ihren Liebsten weint. Deren Schmerz einfach nicht vergehen will.

Ich sehe nicht, was du da siehst, Johannes. Die Welt, die ich sehe ist nicht neu, sondern alt. Sie war schon immer voll Tod und Trauer, voll Leid und Schmerz und wahrscheinlich wird sie es auch immer bleiben. Ich sehe deine neue Welt nicht,  Johannes!"

"Ich sehe was, was du nicht siehst", so sagt Johannes. Und Johannes sagt es, obwohl seine Welt nicht anders ist als unsere. Er selbst wurde doch auf Grund seines Glaubens verbannt. Die Gemeinden, an die er schreibt, werden verfolgt. Er kennt die Angst, den Schmerz und die Trauer. Und trotzdem sagt er: "Ich sehe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde sind vergangen. Ich sehe, dass es keinen Tod mehr geben wird, kein Leid und keine Schmerzen. Was früher war ist vorbei. Und Gott verspricht es dir. Gott selbst garantiert dafür. Denn Gott sagt: 'Ich habe euch begleitet vom Beginn der Menschheit an. Ich kenne dich seitdem du lebst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. Ich werde deine Tränen abtrocknen. Denn ich bin das A und O, der Anfang und das Ende, der Ursprung und das Ziel aller Dinge.'" Das, so sagt Johannes, hat Gott uns selbst versprochen. "Und ich sehe", sagt er, "ich sehe es wird so sein. Vielleicht siehst du es noch nicht, aber es wird so kommen."

Es wird, es wird. Vielleicht wird es einmal so sein, denke ich mir. Vielleicht werde ich einmal diese wunderbare Welt spüren. Diese Welt in der kein Schmerz ist, keine Trauer, kein Leid. Diese Welt, in der Gott meine Tränen abtrocknet. Vielleicht werde ich sie einmal spüren. Wenn die Welt aufhört zu existieren, wie ich sie kenne. Oder, was wahrscheinlich früher der Fall ist: Wenn ich tot bin. Dann, wenn ich gestorben bin, werde ich vielleicht diese wunderbare neue Welt einmal spüren. Ich hoffe es. Aus gan¬zem Herzen hoffe ich darauf. Und ich traue Gott zu, dass er diese wunderbare Welt schaffen kann. Und dennoch sehne ich mich danach, Gottes neue Welt schon jetzt zu spüren. Wo ist sie in unserer alten Welt, wo ist sie, wenn wir um unsere Liebsten trauern, wenn wir Angst um Freunde haben, wenn wir vor Schmerz zu zerbrechen drohen? Müssen wir erst sterben, um etwas von Gottes neuer Welt zu spüren? Müssen wir erst sterben, um das zu sehen was du, Johannes, siehst?

"Ich sehe was, was du nicht siehst". Will uns Johannes damit nur vertrösten? Damit wir diese Welt so hinnehmen wie sie ist und geduldig auf das Leben nach dem Tod warten?

Ich glaube nicht, denn Johannes weiß, wie schrecklich unsere Welt ist. Er weiß, wie groß unsere Sehnsucht nach Veränderung, nach der neuen Welt ist. Ich glaube für Johannes haben wir als Christen schon jetzt Anteil an der neuen Welt.

Denn in Jesus Christus wurde Gottes Nähe für die Menschen spürbar. Mitten in dieser alten Welt voller Trauer und Schmerz wurde Gottes Nähe spürbar. Jesus ging auf die Menschen zu, die ihn brauchten. Lahme, Kranke, Trauernde. Jesus geht auf die zu, die Angst haben. Er weicht dem Beamten aus Kapernaum nicht aus, dessen Sohn tödlich erkrankt ist. Er dreht sich nicht weg, obwohl der vor ihm steht und voller Angst schreit: Herr, komm ehe mein Kind stirbt!

Jesus hält die Trauer aus, als Lazarus stirbt. Mitten in das Trauerhaus kommt er, kurz nach dem Tod. Und hält aus als die Schwester zu ihm sagt: Wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Jesus ist da, mitten in der Angst, den Tränen und der Trauer. Und Jesus kann etwas tun, das uns nicht möglich ist: Er heilt. Der todkranke Sohn wird wieder gesund und Lazarus lebt wieder. Tränen werden getrocknet, der Tod wird besiegt. An Ostern, als Jesus selbst stirbt und wieder aufersteht, wird das deutlich.

Und damit ändert sich diese Welt: Der Tod ist nicht mehr endgültig. Die neue Welt ist mitten in unsere alte Welt eingebrochen. Die Botschaft davon, dass durch Ostern der Tod besiegt wurde, lässt unsere Welt ganz anders aussehen.

Plötzlich sehe ich Vorzeichen der neuen Welt. Ich sehe, wie sich Christen in Leid und Schmerz helfen. Ich sehe wie Freunde gemeinsam Angst aushalten, mit Trauernden weinen, sich Geschichten von früher erzählen. Ich sehe, wie Trauernde von ihrer Familie ermutigt werden: Ich vermisse ihn auch. Aber komm, lass uns gemeinsam etwas machen. Ich sehe wie das Leben neu beginnen kann. Mitten in der Trauer, mitten im Tod, wie die neue Welt schon jetzt hereinbricht.

All das, was ich sehe, erinnert mich daran, dass Johannes gesagt hat "Ich sehe, wie Tränen abgetrocknet werden. Ich sehe wie Tod, Leid, Schmerz und Angstgeschrei zur Vergangenheit gehören. Ich sehe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Wohnung Gottes mitten unter uns Menschen."

Und ich merke: Ich beginne diese Vision auch zu sehen. Mitten unter uns, mitten in dieser noch alten Welt, mitten unter Tränen und Leid. Mitten in dieser Welt spüre ich eine neue, eine wunderbare Welt. Eine Welt, in der Gott selbst unsere Tränen abtrocknet, eine Welt ohne Tod, ohne Leid. Denn diese Welt ist nicht mehr die gleiche, denn der Tod ist seit Ostern nicht mehr das Ende.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre euren Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen


 


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